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Nach interner Kritik an Verjüngungs-Offensive: WDR-Programmchef Schönenborn mahnt Geduld an

WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn: Mitarbeiter mucken wegen millionenteurer Programmoffensive auf
WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn: Mitarbeiter mucken wegen millionenteurer Programmoffensive auf

Noch diese Woche läuft im WDR Fernsehen die rund fünf Millionen Euro teure "Programmoffensive". Mit dem Experiment will der Sender neue Formate finden, um im jungen Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Intern werden unterdessen Mitarbeiter-Stimmen laut, die Sorge um einen Quotenrückgang äußern. Programmdirektor Jörg Schönenborn bittet derweil in einer Mail, die MEEDIA vorliegt, um Geduld.

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Monatelang arbeitete der WDR an Formatideen, um sich in der aktuell laufenden Programmoffensive für junge Zuschauer interessanter zu machen. Mit teils durchwachsenden Ergebnissen, zumindest im Hinblick auf die Zuschauerzahl. Die beiden neuen Formate “Meuchelbeck” und “Das Lachen der anderen”, vor einer Woche im jungen Publikum noch mit guten 1,8% gestartet, fielen in dieser Woche mit jeweils 0,8% unter das WDR-Normalniveau. Für ordentliche Marktanteile sorgte eher WDR-typisches Fernsehen (mehr zur den Quoten der Programmoffensive finden Sie hier, hier und hier). Bisherige Erkenntnis: Experimentierfreude ist eine Sache, die Aufmerksamkeit der Jungen zu gewinnen, eine andere.

Einige im Sender hatten offenbar erwartet, dass Programmdirektor Jörg Schönenborn bei seiner Programmoffensive nur mit dem Finger schnippen muss, um neue Zuschauer zu gewinnen. Intern wird bereits vor Abschluss des Projekts Kritik geübt, die einige Mitarbeiter sogar in die Sozialen Medien tragen. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe für freie Mitarbeiter veröffentlichten Nutzer deshalb interne Schreiben. Darin wird u.a. eine „entsetzende Quotenentwicklung“ kritisiert, mit der der WDR „ganz schnell“ zum „Spartensender“ werde.

Plötzlich geht es um die Quote, was in einer gewissen Art und Weise ein kurioses Argument ist. So sind es doch in der Regel zuerst die Mitarbeiter, die dafür plädieren, die Quotenmessungen mal Quotenmessungen sein zu lassen, gehe es doch darum, einen Programmauftrag zu erfüllen. Doch heißt es, alles sei „nicht mehr lustig, da (…) garantiert irgendwann die KEF mit der Frage kommt: Warum Gebühren für ein Produkt, das kaum noch jemand sieht?“ Darüber hinaus prangern Mitarbeiter an, dass „massiv am Programm“ gespart und „Billigsendungen als Programminnovation“ angepriesen würden. Dabei sei das Programm „die einzige Daseinsberechtigung“.

Die Munition ist scharf. MEEDIA liegt auch die Einlassung der Gegenseite vor. Zur Halbzeit wandte sich Programmdirektor Jörg Schönenborn per E-Mail an die WDR-Belegschaft, die MEEDIA am Stück zitiert:

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

unsere große Programmoffensive „Macht den Westen an“ hat Halbzeit. Ich habe in der vergangenen Woche mit so viel Begeisterung ferngesehen wie schon lange nicht mehr. Und ich weiß aus vielen Gesprächen, dass ich damit nicht alleine stehe. Ganz sicher werden viele der Ideen und auch das ein oder andere Format für die weitere Erneuerung unseres Programms eine wichtige Rolle spielen.

Zwei Bitten möchte ich äußern:

Zum einen: Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn die Quote am nächsten Morgen nicht ihrem eigenen Eindruck entspricht. Wir haben vieles produziert, was unser Publikum so nicht kennt und möglicherweise so nicht erwartet. Unser Ziel war ja, neue Zuschauerinnen und Zuschauer für das Programm zu gewinnen, und das gelingt nicht über Nacht. Deshalb sollte unser Urteil über die Sendungen nicht in erster Linie von Zahlen bestimmt sein.
Zum anderen: Ein wichtiges Stück Arbeit liegt noch vor uns, nämlich die Auswertung der zahlreichen Formate und veränderten Regelsendungen. Die Programmoffensive hat sich erst dann gelohnt, wenn wir sorgfältig abgewogen haben, wo die Stärken und Schwächen lagen. Das ist eine Aufgabe aller Mitarbeiter/innen. Anknüpfend an die Diskussion beim WDR-Dialog lade ich ausdrücklich auch die Freien ein, sich an dieser Debatte zu beteiligen.

Gerade, wenn Sie als Reporter/innen unterwegs sind, bekommen Sie ja sicher auch viel Rückmeldung, die wichtig für uns ist. Bitte nutzen Sie also die nächsten Wochen, um in den Redaktionen und Studios breit zu diskutieren und geben Sie dann Rückmeldungen an Ihre Chefinnen und Chefs.

Ich freue mich auf die nun vor uns liegende zweite Woche und danke Ihnen für Ihr vielfältiges Engagement!
Herzliche Grüße
Jörg Schönenborn

Die E-Mail liest sich wie eine Verteidigungsschrift aus der Chefetag. Doch auf Nachfrage von MEEDIA erklärt Schönenborn, dass ihm die Kritik nicht bekannt war. „Es war mir ganz einfach ein Bedürfnis, meine Begeisterung zu vermitteln“, so der Programmchef. „Da steckt unglaubliches Engagement hinter von all denen, die ich angeschrieben habe.“ Er betont nochmals, dass junges Publikum nur angesprochen werden könne, „wenn wir unser Programm überprüfen und verändern“. Aufgerufen seien auch die Mitarbeiter.
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Zur Quotenkritik erklärt Schönenborn:

„Für die Programmoffensive gilt: Ihr Erfolg lässt sich nicht in Quoten messen. Unser Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu erhalten bei Menschen, die das WDR Fernsehen bisher kaum oder gar nicht wahrnehmen. Dazu gehört, dass wir mit Ungewohntem überraschen und neugierig machen. In diesem Sinne bedeutet Veränderung auch, bestehende Erwartungen zu brechen – was zwangsläufig Enttäuschung an der einen und Begeisterung an anderer Stelle auslöst. Dies zeigen im Übrigen auch die Zuschauerreaktionen, die wir im Rahmen der Programmoffensive erhalten: Sehr viel Begeisterung, weil man solche Programme von uns nicht erwartet hat. Und zugleich immer wieder auch Enttäuschung, weil wir das Gewohnte im Moment nicht zeigen.“

Der WDR stehe vor dem Dilemma, seinen Marktanteil zwar über die vergangenen Jahre ausgebaut, zugleich aber immer weniger Menschen in Nordrhein-Westfalen erreicht zu haben. „Weniger haben immer länger bei uns eingeschaltet. Aber noch mal: Nach meinem Verständnis ist es unser öffentlich-rechtlicher Auftrag, Programm für alle anzubieten, auch für die Zeitarmen, die wenig zum Marktanteil beitragen. Nur so haben wir auf Dauer eine Daseinsberechtigung.“

Was die Daseinsberechtigung angeht, sind sich beide Seiten schon mal einig. Offenbar wird „Programm“ nur – wie so oft – unterschiedlich interpretiert.

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Alle Kommentare

  1. Ganz ganz schlimm, diese Einschleimung bei der Jugend, auf Kosten der treuen Mittelschicht.
    Ich werde den vorhandenen Sendeplatz (Nummer 3 auf der Senderliste) mit einem Sender verbinden, der Informationen, Reportagen und Unterhaltung für ALLE sendet und nicht die angestammten Zuschauer verkrault.

    1. Seit dem Wahlkampf in Aus ist mir wieder die Bedeutung des Scheibenwischers in Erinnerung gekommen. Dies insbesondere beim Lesen der Programmzeitschrift für den heutigen Sonntag.
      Ich und meine Familie sind begeisterte Anhänger von „Zimmer frei“. Aber nachdem die Hundertste Rateshow Vorrang vor dieser Kult-Sendung hat, muß ich wohl auch mein Auswahlverhalten ändern, aber nicht auf Ratespielchen umsteigen.
      Wer machr denn eigentl. bei Ihnen die Programme? Leute, die bis 24.00 vor der Glotze sitzen können? Dann aber ohne uns.

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