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Ethik-Debatte: Warum es richtig ist, das Foto des toten Flüchtlingsjungen am Strand zu zeigen

Digital-Chefredakteure von Blumencron (FAZ), Jessen (Stern), Reichelt (Bild), Plöchinger (SZ) und Harms (Spiegel): unterschiedlicher Umgang mit Schock-Fotos beim Flüchtlingsdrama
Digital-Chefredakteure von Blumencron (FAZ), Jessen (Stern), Reichelt (Bild), Plöchinger (SZ) und Harms (Spiegel): unterschiedlicher Umgang mit Schock-Fotos beim Flüchtlingsdrama

Zeigen oder nicht? Die erschütternden Fotos von toten Flüchtlingen stellen Medienmacher vor eine Gewissensfrage, die diese – für sich und andere – höchst unterschiedlich beantworten. Die Veröffentlichung der Bilder ist schon Fall für den Presserat. Versuch einer Annäherung an ein heikles Thema.

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Das traurigste Foto der Welt: #Kiyiya wird zum Symbolbild der Flüchtlingskrise hatte MEEDIA am Donnerstagmorgen getitelt und das im Wortsinn furchtbar ergreifende Foto gezeigt. Es war dabei redaktioneller Konsens, dass dieses Bild in erschütternder Weise die tragische Seite des Flüchtlingsdramas versinnbildlicht. Niemand, der es gesehen hat, ist davon unberührt geblieben. Es trifft uns, die wir das Foto ansehen, und mehr als wir es uns gewünscht hätten. Seine emotionale Wucht entspringt nicht in erster Linie der Vorstellung, dass dort ein schutzloser Junge liegt, der es nicht geschafft hat und dessen Leben zu Ende ist, bevor es richtig begonnen hat. Das ist zweifellos wahr und deprimierend genug. Aber viel mehr packt es uns, weil uns die Katastrophen, die sich seit Monaten und Jahren im Mittelmeer ereignen, plötzlich ganz nahe sind. Für eine schreckliche Sekunde ist es unser Kind.

So sehr dieses eine Foto den Betrachter emotionalisiert, so sehr polarisiert es Medienmacher. Darf man dieses oder ähnliche Bilder zeigen, lautet die Frage, und die Antworten fallen unterschiedlich aus. Es zeichnen sich diametral entgegengesetzte Positionen ab, Verfechter der Veröffentlichung und solche, die es strikt ablehnen, derartige Schock-Fotos zu publizieren, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im News-Journalismus droht eine Lagerbildung, bei der sich jeder auf die besondere Verantwortung des Redakteursjobs beruft. Die dpa hatte das Bild am Mittwoch im Gegensatz zu praktisch allen anderen Nachrichtenagenturen überhaupt nicht verbreitet und holte dies einen Tag später nach, nicht ohne zuvor das Foto sinnlos zu verpixeln. Ein grotesker Akt der Absicherung, um bloß nichts falsch zu machen, nachdem man seine Bedenken tragende Entscheidung schon revidieren musste, weil Zeitungskunden das Foto einforderten.

Bereits vor einer Woche hatte die Veröffentlichung eines Fotos, das zusammengepferchte Leichen von Flüchtlingen in einem bei Wien gefundenen Kühllaster zeigt, für Diskussionen in der Branche gesorgt. MEEDIA hatte die Publikation durch das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung als „pervers“ bezeichnet – und damit falsch gelegen. Die Vokabel war impulsiv gewählt und dem Thema nicht angemessen. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, die damit zusammenhängende Problematik zu thematisieren und nicht vorschnell Partei zu ergreifen. Als verantwortlicher Redakteur entschuldige ich mich dafür, dass wir in diesem Fall unseren Job schlecht gemacht haben. Bild veröffentlichte das Foto einen Tag später, auch Spiegel TV zeigte es bei seiner Magazin-Sendung zur Flüchtlingskrise.

MEEDIA hat an den darauf folgenden Tagen Führungskräfte von Zeitungen und News-Portalen sowie Medienethiker befragt. Das Ergebnis zeigt, wie heterogen die Standpunkte sind. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie Redaktionen in solchen Fällen mit Bildmaterial umgehen sollen, und es hängt auch davon ab, für welche Zielgruppe man berichtet. Andreas Rüttenauer, Chefredakteur der taz, hatte das Foto der Leichen aus dem Lkw nicht gezeigt. Aber er sagte auch: „Die Entscheidung, durch das Zeigen der Toten an die Gefühle der LeserInnen zu appellieren, ist durchaus nachvollziebar. Ein grundsätzliches moralisches Urteil darüber abzugeben, ist äußerst schwierig. Auch wir haben bereits Bilder von toten Flüchtlingen gezeigt, die in Plastiksäcke verpackt in einer Kühlkammer aufeinandergestapelt worden waren. Natürlich haben wir über die Würde der Toten diskutiert. Die war ihnen indes längst genommen – und genau das wollte wir abbilden.” Ähnlich äußerte sich Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel.

In Österreich, wo die Debatte nach der Publikation der Exklusiv-Fotos durch die Kronen Zeitung geradezu erbittert geführt wurde, äußerten Kritiker in der Folge Zweifel an ihrer frühen Festlegung. Michael Fleischhacker, Chefredakteur von NZZ.at, hat seine in einem lesenswerten Beitrag zusammengefasst. Der Statthalter des Qualitätsmediums Neue Zürcher Zeitung hatte die Berichterstattung des Boulevardblatts zunächst als „Skandal“ gegeißelt. Seine Reflektion betitelte er mit einer Suggestivfrage an sich selbst: „Und wenn die ‚Krone‘ recht hätte?“ Fleischhacker schreibt: „Im Gespräch über den Bilderstreit sagte mir ein befreundeter Künstler (…), dass er die gängige Praxis der medialen Bild-Vermeidung, wenn es um die Grausamkeit von Krieg, Vertreibung und Unterdrückung geht, für eine Katastrophe hält. Ich glaube, er hat recht.“ Und er berichtet von einer paradoxen Beobachtung: „Wenn ich sehe, dass in den sozialen Medien – verteilt auch von Twitteranten, die die Empörung über die Krone teilen – Bilder von toten Kindern kursieren, die vor der libyschen Küste im flachen Wasser treiben, denke ich: Ich kann den Anblick schwer ertragen, aber es ist gut, dass die Konsequenzen unserer politischen Entscheidungen sichtbar werden.“ Fleischhacker kommt zu dem Schluss, „dass den brutalen Bildern der brutalen Realität eine wichtige Funktion zukommt, die durch die fragwürdigen Motive einzelner Veröffentlicher nicht geschmälert wird.“ Und weiter: „Es ist nicht unsere Aufgabe als Medium, die Politik bei ihrem Versuch zu unterstützen, die Folgen ihrer Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen schönzureden und wegzudrücken.“

Bei dem Foto des toten Jungen, der am türkischen Strand liegt, läuft erneut die Diskussion zur Frage „Zeigen oder nicht?“ unter den gleichen Vorzeichen. Es ist keine Debatte der verschiedenen Mediengattungen, eher im Gegenteil: Der Riss geht quer durch die Republik. Das Handelsblatt zeigt das Foto auf seiner Website, die Süddeutsche nicht. Stern.de tut es, Spiegel Online nicht. SZ-Digitalchefredakteur Stefan Plöchinger begründet seine Ablehnung so: „Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? Reichen nicht Worte wie zu Beginn dieses Artikels, um begreifbar zu machen, was vor jenem Strand passiert ist, was an vielen Orten gerade vielen Menschen passiert?“ Stern.de-Macher Philipp Jessen verfügte dagegen gar, dass das Foto des toten Kindes den ganzen Tag lang Aufmacher auf der Homepage sein müsse. Seine Begründung: „Der Junge ist tot. Die Welt dreht sich weiter. Nicht bei uns. Jedenfalls nicht heute. Der Junge am Strand wird den ganzen Tag bei uns zu sehen sein. Ganz oben. 24 Stunden. Passiere, was wolle. Denn sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden.“

Gemeinsam ist den kontroversen Haltungen die Entschiedenheit, mit der sie vorgetragen werden. Aber längst nicht alle Journalisten sind sicher, wie sie sich in der Frage verhalten sollen. Selbst das sonst so klar positionierte Bildblog signalisiert Ratlosigkeit: „Wir bekommen seit gestern viele Mails dazu, viele Leser sind ‚zutiefst schockiert‘ darüber, dass Bild und andere Medien das Foto zeigen“, heißt es in einem namentlich nicht gekennzeichneten Beitrag, „doch ähnlich wie bei dem vor Kurzem veröffentlichten Foto der Flüchtlinge, die in einem Lkw in Österreich erstickt sind, sind wir uns nicht sicher, was wir davon halten sollen. Ist es in Ordnung, das Foto zu veröffentlichen? Oder sollte man es lieber verpixeln? Oder ganz darauf verzichten?“ Fazit: „Wir wissen es nicht. Fühlen uns aber deutlich wohler dabei, wenn wir es hier bei uns unkenntlich machen.“ Und wie: Was vom Foto des toten Jungen übrigbleibt, erinnert an ein TV-Testbild nach Sendeschluss.

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Auch wenn es schwer fällt, sollten wir aufhören, die Debatte mit Vorwürfen aufzuladen und zugleich akzeptieren, dass es hier nicht nur schwarz oder weiß gibt. Nicht jeder, der schockierende Bilder veröffentlicht, tut dies automatisch aus niedrigen Beweggründen oder zur Steigerung seiner Auflage oder Klickzahlen. Nicht jeder, der darauf verzichtet, hat automatisch seinen Job nicht kapiert. Aber Letztere sollten sich fragen, ob sie auch darauf verzichtet hätten, Robert Capas Foto vom sterbenden Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu zeigen oder die Bilder der vor dem Napalm der US-Amerikaner fliehenden Kinder in Vietnam. Oder die Bilder von traumatisierten Menschen nach dem Einsturz des World Trade Centers. Oder die Leichenberge in den KZs. Vom Bild des toten Uwe Barschel in der Hotelbadewanne ganz zu schweigen. Anders gesagt: Dokumente, die aus der Zeitgeschichte kaum wegzudenken sind. Wir alle erinnern uns an solche Bilder, sie haben sich eingebrannt in unser Gedächtnis.

In funktionierenden Redaktionen war es immer schon so, dass in jedem Einzelfall diskutiert wird, ob und welche Fotos gezeigt werden. Es ist ein Abwägungsprozess, bei dem Für und Wider gegeneinander gestellt werden, mit oft knappem Ausgang für eine der Alternativen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Medium das Foto von den Leichen im Lkw-Laderaum eben nicht veröffentlicht, das des toten Jungen am Strand dagegen schon – so lange die Entscheidungen gewissenhaft getroffen und dem Leser gegebenenfalls auch vermittelt werden. Würde ich heute vor der Wahl stehen, würde ich so verfahren und die Leichen im Lkw nicht zeigen, das Bild des toten Jungen aber groß und an prominenter Stelle. Warum? Weil ich die ineinander verkeilten Leichen auf engstem Raum instinktiv als ein Bild einstufe, das ich selbst nicht sehen wollte, wenn ich nicht müsste, ähnlich wie früher die Fotos aus den Tatort-Spurenmappen der Gerichtsmediziner. Bei dem kleinen Jungen ist es anders: Das Kind, das aussieht, als ob es schläft, hat eine ungeheure Symbolkraft, der ich mich nicht entziehen kann und die mich zum Nachdenken zwingt. Aber ich verstehe, dass mancher das anders sieht. Blattmache und Portalausrichtung sind in solchen Momenten etwas sehr Individuelles.

Bei den meisten Portalen war die Tragödie um den ertrunkenen Flüchtlingsjungen der meist gelesene Artikel, so auch bei Spiegel Online, wo die Headline lautete: „Ein Bild, eine Botschaft“. Da ist es allerdings ziemlich merkwürdig, dass genau das Bild, um das es geht, von der Redaktion ausgespart und statt dessen die Szene mit Worten beschrieben wird. Zugleich räumt die Redaktion ein, dass die Bilder des toten Flüchtlingsjungen „um die Welt gehen“. Ist das für einen verantwortungsvollen Nachrichtenjournalismus alternativlos, wie Chefredakteur Florian Harms offenbar glaubt? Oder eher doch ein großer Fehler, weil die suggestive Kraft des Bildes und damit eine elementare Chance, den Leser im Innersten zu erreichen, unterschlagen wird? Wie wird der gedruckte Spiegel mit dem Foto umgehen? Er wird es aller Erfahrung nach zeigen, im Heft oder – nicht einmal ausgeschlossen – auf dem Titel. Es gäbe dafür gute Gründe.

Spiegel Online verweigert sich in dieser Sache. Fragen bleiben: Ist der mit Absicht schönfärbende „constructive journalism“, von dem der SpON-Chefredakteur beseelt zu sein scheint, im Kern nicht eine unangebrachte Bevormundung der Leser und eine Zensur der Wirklichkeit? Soll dies Rolle und Selbstverständnis des modernen Journalismus sein? Handelt es sich nicht viel mehr um einen unverantwortlichen Weichspülgang im Nachrichten-Apparat? Steht uns Redakteuren ein derartiger Eingriff in die Darstellung des realen Geschehens überhaupt zu?

Die Wahrheit ist: Im aufrichtigen Journalismus gibt es keine Moden. Die Aufgabe besteht darin, ein unverstelltes Bild der Welt zu vermitteln, aufzuklären und auch aufzurütteln. Das wichtigste Korrektiv sind die Leser und darüber hinaus auch die Gesetze. Bei manchen Medien hat man den Eindruck, dass sie strenger urteilen, als es Leser oder Richter tun würden. Und was macht das anders oder besser? Das Bild des toten Jungen am Strand ist in der Welt, und das ist gut so, gerade weil die Geschichte hinter dem Foto so grauenhaft und ein Massenschicksal ist. Das Internet hat die Medienwelt auch hier verändert: Journalistische Gatekeeper wirken wie Don Quijotes, die gegen etwas ankämpfen, was doch im Handumdrehen Allgemeingut wird. Am Ende hat die Moral-Debatte vielleicht dennoch etwas Gutes, indem sie uns Journalisten dazu bringt, die Grenzen unseres Handelns zu erkennen. Gut gemeint ist nicht gleich zu setzen mit gut gemacht, und gut gemacht macht die Welt da draußen viel zu oft leider auch nicht besser.

 

Update, 04.09., 19.50 Uhr: Der Spiegel berichtet im aktuellen Heft 37/2015 unter der Headline „Erbarmungslos. Das tödliche Geschäft der Schlepper-Mafia“ über das Flüchtlingsdrama. Auf Seite 20 der Titelgeschichte zeigt die Redaktion – im Gegensatz zu Spiegel Online – das Bild der Leiche des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan als Seitenoptik und unverpixelt. In der Hausmitteilung der Chefredaktion heißt es dazu: „Ob man das Foto des toten Jungen abbilden darf, wurde in der Redaktion lange diskutiert. Der Spiegel hat sich entschieden, das Bild zu zeigen. Mitunter, beim Foto des nackten, fliehenden Mädchens aus Vietnam etwa oder bei dem des Paares, das sich in den Trümmern einer Textilfabrik im Tode umarmt hält, hat nur die Wahrheit die Macht, unerträgliche Verhältnisse zu verändern.“

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Alle Kommentare

  1. Wäre dieses Bild nicht veröffentlicht worden, so hätte es eine Meldung gegeben, deren Wortlaut in etwa so geht: „Bei einem Bootsunglück im Mittelmeer sind vermutlich (hier die richtige Zahl der Toten einsetzen) Menschen ertrunken, darunter mehrere Kinder. Zwei von ihnen wurden am Strand nahe Bodrum angeschwemmt …“ Wie oft haben wir Journalisten, habt ihr Politiker und ihr anderen Menschen in der Sommerpause solche Meldungen gelesen und sind/seid danach zur Tagesordnung übergegangen? Oder noch schlimmer: War die oben einzusetzende Zahl vielleicht so klein, dass es „nicht einmal mehr eine Meldung“ gewesen wäre, nach all den Unglücken, über die in den vergangenen Wochen berichtet wurde? Erst jetzt, da es diese Bilder des Jungen gibt, die um die Welt gehen und den Horror visualisieren, weinen auch hier in Deutschland die Menschen um den kleinen Jungen, können sich vorstellen, welches Leid hinter den Überlebenden liegt, werden in den Medien Diskussionen angestoßen. Es ist wahrscheinlich in den meisten Fällen abwegig, denjenigen, die das Bild veröffentlicht haben, Quotengeilheit zu unterstellen, denn der klassische Nachrichtenjournalist, ob Foto- oder Textjournalist, hat diesen Beruf ergriffen, weil er berichten will, was er erlebt und wovon er glaubt, dass es andere auch sehen oder lesen sollten. Er muss sich dazu nicht im Blut suhlen. Aber er darf auch nichts beschönigen. Hier gilt tatsächlich dasselbe wie bei den Fotos der Leichen von Buchenwald oder des lebenden Mädchens aus dem Vietnamkrieg. (Ob das heute noch unverpixelt gezeigt würde, da habe ich auch meine Zweifel. Und ich würde vielleicht selbst für das Verpixeln plädieren, weil ich mir vorstellte, dass die Frau zwanzig Jahre später immer wieder von wildfremden Menschen gemustert würde, die sie entwürdigt gesehen haben. So war es ja auch.)
    Ich gebe zu: Als meine Kinder klein waren und der Bosnien-Krieg tobte, habe ich sie nicht immer die Tagesschau sehen lassen, sondern manchmal lieber die Werbung, weil da heile Welt war. Aber als Erwachsener will ich und sollen auch meine Kinder von dem Elend in der Welt unterrichtet werden, damit wir uns immer wieder bewusst werden, welche Verantwortung wir in dieser Welt haben. Sonst sagen wir womöglich später einmal: „Dafür kann ich nichts. Das habe ich nicht gewusst.“ Das haben wir doch alle zu oft gehört.

  2. Häh? Warum sollte man dieses sicherlich ergreifende, aber doch faktisch nun wirklich harmlose Foto nicht zeigen?
    Was Stefan Frank schreibt halte ich für komplett hirnrissig.
    Dieses Bild mit den IS Enthauptungen zu vergleichen (die nicht wirklich in den Medien gezeigt wurden und wohl wirklich grausam waren) ist doch echt befremdend.
    Mir persönlich ist das Foto sogar zu harmlos und zeigt noch nicht einmal im Ansatz die grausame Realität – die sogar unbedingt gezeigt werden muss!
    Was für eine krude und absurde Diskussion.
    Es ist in gar keinem Fall „die Aufgabe der Medien, mich und meine Familie vor derartig seelischen Belastungen zu schützen“ – NEIN! Es ist eher die Aufgabe der Medien Menschen mit dieser Sichtweise aus ihrer Tiefschlafphase zu wecken! Wie sollten diese sonst auch nur halbwegs kompetent einen Wahlzettel ausfüllen können?
    Wettrüsten der Bilder? War doch schon immer so und wird auch immer so sein.
    Wer selbst ein so (aus ästhetischer Sicht) harmloses Foto nicht ertragen kann hat irgendwie ein Problem mit dieser Welt bzw. der Realität insgesamt.
    Wir leben hier doch in keinem Kuschel-Zoo sondern auf dem Planet Erde und ich bestehe sogar darauf, dass mir die Realität in den Medien auch gezeigt wird.
    Ich bezweifle zu 100%, dass man so etwas nachvollziehen kann, ohne es zu sehen. Noch nicht einmal wenn man es als krasses Foto sieht, kann dieses mit der Realität auch nur im Ansatz mithalten.
    Wem das auf den Magen schlägt, soll halt nicht hinschauen,- aber bitte auch nicht behaupten zu wissen, was in unserer Welt so passiert.

  3. Meine abonnierte Tageszeitung hat das Bild aus Respekt nicht gedruckt, was ich bisher in allen Fällen hochanständig finde, denn es geht ja um Auflagenzahlen. Trotzdem war es in anderen Medien nicht zu übersehen.
    Beim Anblick dieser Tragödie war neben der Trauer auch ein übergeordneter Aspekt in meinen Gedanken. Ich, wie wahrscheinlich viele andere, mussten genau dieses berührende Bild vom toten Kind am Strand sehen, damit die Welt und ich aufwachen. Nicht diskutieren, sondern handeln – nicht auf Regierungen, Politiker, Sozialeinrichtungen, Gesetze, eigenes Schicksal verweisen, sondern konkret von Menschenseele zu Menschenseele in Menschenwürde helfen.
    DANKE AN ALLE, DIE DAS NUN WELTWEIT TUN!
    Dafür hat es leider dieses Bild gebraucht. Ich möchte mich hierfür bei den Angehörigen, die es nun stets vor Augen haben entschuldigen.

    CHRISANA

  4. Im Artikel wird es zwar erwähnt, sollte aber deutlicher herausgestellt werden:

    Es ist einfach lächerlich, heute noch ernsthaft zu meinen, Journalisten könnten als „Gatekeeper“ (wie z.B. die Zensur-Jünglinge bei „Zeit-Online“ mit Antifa-Hackebeilchen) eine vielfach fraktionierte Öffentlichkeit vor irgendeiner Wirklichkeit „schützen“. Es ist schlicht dumm zu ignorieren, dass jeder alles dann eben woanders in den Weiten des Internet erfährt. Die heilsgewisse Überheblichkeit vieler Journalisten verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer realen Bedeutung als „Meinungsmacher“.

    Da sollte man sich nicht wundern, wenn das Vertrauen in Journalisten und Medien auf immer neue Tiefstwerte sinkt. Wer jederzeit fürchten muss, von Gesinnungsmedien im Interesse von deren politischen „Paten“ durch Verschweigen belogen und irregeführt zu werden, scheidet als zahlender Kunde über kurz oder lang aus. So regelt der Markt auch das „Ethik“-Geschwurbel der „Lügenpresse“ und ihrer Säulenheiligen.

    „Schutz“ bedeutet Entmündigung; „alternativlose“ Politik auch. Jedes totalitäre Regime braucht das. Deutschland ist da sehr erfahren. EU-weite Umfragen zeigen: Zwei Drittel der Bevölkerung sehen Rechtsstaat und Demokratie stark eingeschränkt, fast ein Drittel sieht Deutschland auf dem Weg in die nächste Diktatur

    Der „Schutz vor der Wahrheit“ ist längst Alltag, nicht nur bei dem gerade diskutierten Bild. Das gleichgeschaltete Staatsfernsehen ist „führend“. Da versucht das ZDF (vergeblich), einen Film über einen mutmaßlichen schwarzen Vergewaltiger zu unterdrücken, der WDR läßt sein Programm von aufschreienden Gläubigen der abstrusen scheinwissenschaftlichen „Gender“-Sekte fernsteuern und viele Zeitungs-Redakteure finden, dass Verschweigen (etwa von Herkunft, Ethnie, Rasse, etc. bei Verdächtigen) der bessere Journalismus ist. Wenn es Nachrichten (dazu gehören auch Bilder) gibt, die Journalisten zwar kennen, aber bewusst verschweigen, ist die Medien-Industrie ein Versager-, Verlierer- und Ganoven-Kartell.

    Den selbsternannten Volkspädagogen und Moral-Koryphäen von SZ-Prantl bis SPON-Augstein könnte man eine legale Einwanderungs-Alternative nach China oder Nord-Korea anbieten …

  5. Ein Kind ist gestorben, das ist grausam. Keiner kennt die genauen Umstände. Es gibt ein Foto des toten Körpers des Kindes. Dieses Foto wird nun instrumentalisiert, um Meinungen zu bilden und Menschen zu manipulieren. Es ist reine Propaganda, unter dem Deckmäntelchen des Journalismus und auf der Flagge steht „wir müssen die Wahrheit zeigen“. Die Wahrheit ist, jeden Tag sterben Kinder auf vielerlei grauenvolle Art und Weise: beim Ernten unseres Kaffee, beim Nähen unserer T-Sirts. Keiner zeigt diese Fotos.

    Der IS hat mit dem öffentlichen Enthaupten von Menschen den extremst-möglichen Krieg der Bilder begonnen. Wir springen nun – enthemmt von einem halben Jahr Grauen – auf diesen Zug auf und benutzen ein totes Kind zur Meinungsmache. Es ist eine enthemmte, perfide Entmenschlichung der Würde. Die Medien spielen mit dem größtmöglich denkbaren Mitleid, mit dem für ein totes Kind, als wäre es ein Foto von Knut dem Eisbären. Das ist grauenvoll.

    Die nächste Grenze ist gefallen, die des Anstandes und des Schutzes der Seelen unserer Kinder und unser selbst. Uns allen wurde das Foto eines toten Kindes aufgedrängt, auf allen Kanälen. Sind wir bald so abgestumpft, dass uns Tote nicht mehr schrecken? Oder zerbrechen wir am Leid in aller Welt und unserer Machtlosigkeit – die uns täglich um die Ohren gehauen wird und an der wir nichts ändern können? Finden die Nazis nun bald ein ähnliches „Symbolbild“ für die mörderischen Asylanten? Wie geht das Wettrüsten jetzt weiter?

    Im Sinne der vielen vielen einfachen Menschen, wie ich es bin. Ich muss nicht jedes Leid in 4c sehen, um es nachvollziehen zu können. Und es ist auch die Aufgabe der Medien, mich und meine Familie vor derartig seelischen Belastungen zu schützen. Sie tun grad das Gegenteil, um Druck zu erzeugen. Nur dieser Druck bewirkt rein gar nichts. Dieses Foto ist wie ein Faustschlag ins die Gesichter derer, die diesen Faustschlag nicht verdient haben.

    1. Zu Stefan Frank:

      „Ich muss nicht jedes Leid in 4c sehen, um es nachvollziehen zu können.“ –
      Da sind Sie in der glücklichen Lage, dass Sie sich das Leid Anderer vorstellen können. Viele können das nicht. Allen voran Politiker, die außer lethargischer und beschämender Hilflosigkeit keine Lösungen finden (wollen).

      „Und es ist auch die Aufgabe der Medien, mich und meine Familie vor derartig seelischen Belastungen zu schützen.“ –
      Wir leben nicht in Disney-Land und auch nicht in Nord-Vietnam.

      „Nur dieser Druck bewirkt rein gar nichts.“ –
      Das oben erwähnte Bild aus dem Vietnamkrieg hatte einen maßgeblichen Anteil am Stimmungsumschwung der amerikanischen Bevölkerung zu diesem Krieg. Ebenso hatten und haben Bilder von Konzentrationslagern, Kinderarbeit, Tschernobyl und ungezählten weiteren Katastrophen einen Einfluss auf das Handeln der Verantwortlichen. Meist nur einen kleinen, leider. Aber gibt es eine Alternative?

  6. Der einzige Sinn von Journalismus in Abgrenzung zu Werbung und Propaganda ist gerade, dass allein die Wahrheit die Grenze ist. Es ist schon problematisch genug, innerhalb des als wahr Recherchierten oder Offenbaren eine Auswahl nach Relevanz („All the news that’s fit to print“) treffen zu müssen, weil dies mit dem immerhin anzustrebenden Ideal kollidiert, die Kundschaft nicht durch Weglassen zu bevormunden. Eine „Medienethik“, die Journalisten und/oder Verlage unter Strafandrohung (der läppische Papiertiger „Presserat“ kümmert nur noch Naive) zwingen könnte, Wahres zu verschweigen, gibt es nicht – oder darf es nicht geben.

    In Deutschland haben sich Journalisten stets als Erfüllungsgehilfen des jeweiligen politischen Regimes verstanden und sich dem als „Übersetzer“ und „Erklärer“ des Herrschaftshandelns angepriesen. Die Reichsschrifttumskammer der National-Sozialisten oder das „Rote Kloster“ der SED hatten kaum je Probleme mit ihrer Klientel. Mit diesem Berufsverständnis hatten und haben die meisten Journalisten kein Problem, nach dem Scheitern eines Regimes (zuletzt 1989 der Sozialismus) sich unverzüglich zum „Dienstantritt“ beim nächsten zu melden. Der Gedanke, Journalisten sollten sich keine Sache zueigen machen, auch keine gute, ist dem meisten fremd geblieben; der Versuch der Amerikaner, nach 1945 den „Opinion overload“ der Gesinnungspresse abzubauen, ist gescheitert.

    Im aktuellen Fall des tatsächlich verstörenden Bildes des ertrunkenen Jungen geht es wohl meist nicht um Ethik, sondern um die Frage, was der jeweiligen politischen „Konfession“ nützt oder schadet. Das ist bei Groko-Merkel traditionell schwer auszumachen. Für die zahlende Kundschaft gilt: Niemand hat das Recht auf eine (Medien-) Welt, in der alles weggelassen wird, was Einzelne (ver-) stören könnte. Und: Jedermann kann frei entscheiden, eine Zeitung zu kaufen – oder halt nicht.

    Ganz allgemein: Die Wahrheit (siehe oben) ist jedermann zuzumuten. Immer.

  7. War es richtig, dass Lee Miller 1945 die Leichenberge der Tötungslager Dachau und Buchenwald fotografierte und zeigte? Ja, es war richtig. Es war wichtig. Es konfrontierte die Deutschen mit ihrer grauenvollen Schuld. War es gut, dass Nick Ut das von Napalm verletzte, nackte, weinende Mädchen in Vietnam zeigte? Ja, es war richtig Es war wichtig. Es zeigte der Welt, dass die USA in Vietnam keinen gerechten Krieg führten. Ist es zu vertreten, das Bild eines dreijährigen, tot an die türkische Küste gespülten kurdischen Flüchtlingsjungen zu zeigen? Ja, es ist richtig, Es ist wichtig. Es ist nicht weniger als das Symbolbild der größten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg!
    Der Schmerz beim Anblick dieses Bildes ist zu verstehen. Es ist ein ungeheuer trauriges Bild. Es wird vor allem Eltern das Herz zerreißen. Es aber nicht zu zeigen, verstünde ich nicht. Es ist nicht spekulativ, es ist nicht gemein, es ist nicht ordinär, es bedient nicht die schnellen Reflexe des Voyeurismus. Es ist ein stilles Bild, es ist ein andächtiges Bild, es diffamiert nicht das Opfer, sondern die Flüchtlingspolitik der EU.
    Und es nicht zu zeigen, käme mir vor, als wolle man mit einem Bild auch die Realität dahinter verdrängen. Ja, dieses Bild stört und verstört. Es konfrontiert uns mit etwas, das wir lieber nicht sehen würden. Und zwar nicht bei Dumpfbacken und Rechtsradikalen und Faschisten wird es die Rezeption dieser Welt verändern, bei allen anderen aber wird es für Emotionen sorgen. Hoffentlich. Für Empathie. Für die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden. Mehr als bei der Lektüre von Zahlenkolonnen, und seien die auch noch so groß.
    Ich verstehe die Enthaltsamkeit mancher deutscher Medienmacher auch aus einem anderen Grunde nicht. Es ist ja gut, dass wir sensibel sind, sensibler als die britische Krawallpresse zum Beispiel, wenn es um die Opfer des Absturzes eines Flugzeugs geht, um die Opfer von Unglück und Verbrechen, hier aber geht es um das stille, totenstille, fast andächtige Foto eines kleinen Körpers, Symbol eines weltbedeutenden Dramas, jenseits jeden Exzesses.
    Wer dies nicht sehen kann und will, muss auch eine Menge anderes ausblenden. Hätten wir die Opfer von Bhopal und Agent Orange nicht zeigen sollen, das blutende Mädchen, von Assads Bomben getroffen, in einem Behelfshospital in Aleppo? Nicht die toten Kinder am Strand des Gaza-Streifens nach einem israelischen Angriff? Nicht das hungernde Kind nach der Dürre in Guatemala? Nicht die Müllkinder von Manila? Nicht die zwangsverheirateten Mädchen in Nepal und Äthiopien? Nicht die Kleinen in den Koltanminen des Kongo und auf den rauchenden Halden unseres Elektromülls in Ghana? Nicht die verstümmelten Kinder nach Bombenangriffen der USA im Irak? Nicht die Jesiden-Mädchen mit dem Stück Brot in der Hand auf der Flucht vor dem IS? Nicht die dehydrierten KInder bei den Gewaltmärschen in die Diaspora? Nicht das Weinen des Mädchens, das mitansehen musste, wie sein Vater in Syrien erschossen wurde? Nicht die Stacheldrähte, unter denen sie hindurchkriechen müssen, nicht die Erschöpfung auf dem Bahnhof von Budapest, nicht dieses ganze Verlorensein auf dem Weg ins Ungewisse?
    Dieses Akademisch-Aseptische mancher cleanen Medienmacher im wohltemperierten Raum, was sich als Respekt vor den Toten ausgibt, um im Wegsehen und Verheimlichen zu münden, verstehe ich nicht. Meinen ganzen Respekt hat dieser kleine tote kurdische Junge jedenfalls. Ich finde ihn in seiner Würde nicht gekränkt, wenn ich ihn sehe. Im Gegenteil. Er wird zu meinem Bild von der Welt gehören, zu meinem Weltbild, ich werde ihn ehren. Nein, könnten Bilder den Krieg und das Leid verhindern , gäbe es weder Krieg noch Leid. Bilder sind nicht allzu mächtig. Aber etwas können sie vielleicht doch: Manchmal können sie Schutzmauern um das Beschützenswerte bilden, manchmal können sie sensibilisieren. Manchmal können sie uns aufwecken. Manchmal können sie uns am Vergessen hindern. Können uns nachdenklich machen. Und im besten Falle: aktiv.
    Peter-Matthias Gaede

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