Verleger-Hoffnung Blendle im Praxistest: Rettung oder Gefahr für Printmedien?

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Blendle-Gründer Marten Blankensteijn und Alexander Klöpping (v.l.): das Ende der Magazin- und Zeitungswelt, wie wir sie kennen?

Publishing Mit Blendle sollen die Verlage online Geld verdienen. Am 14. September startet das Portal in Deutschland. Der MEEDIA-Praxistest in der Betaphase zeigt Stärken, aber auch Schwächen auf: Das Angebot könnte nicht nur Rettung, sondern womöglich auch eine Gefahr für Zeitungen und Magazine bedeuten.

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Magazine und Zeitungen sind wie Pauschalreisen, sie werden von Experten zusammengestellt, die sich einbilden zu wissen, was der Verbraucher will. Aber selbst bei der am besten organisierten Pauschalreise ins absolute Lieblingsland werden immer Aktivitäten dabei sein, die der Urlauber bei einer Individualreise ausgelassen hätte. Das soll sich ändern: Was der Lonely Planet und Reiseblogs für den Tourismus sind, will Blendle für den Printmarkt werden.

Was ist Blendle?

Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit ist Ende letzter Woche die Beta-Version von Blendle online gegangen. Jeder, der einen Zugangscode erhalten hat (man kann sich auf der Website dafür eintragen), konnte direkt loslegen und bekam auch noch 2,50 Euro Guthaben geschenkt. Der offizielle Start von Blendle wurde nun am Freitag angekündigt.

Blendle ist ein weiterer digitaler Kiosk, mit dem Print-Produkte online gekauft werden können. In den Niederlanden hat Blendle das durchaus mit Erfolg gemacht und baut seit Anfang Juni das deutsche Angebot auf (MEEDIA berichtete). An den Start geht Blendle mit durchaus prominenten Investoren im Rücken. Unter anderem dabei sind Axel Springer und die New York Times.

Spezialisiert hat sich Blendle auf den Verkauf einzelner Artikel, die im Browser oder in der App gelesen werden können. Über diverse Empfehlungs-Mechanismen werden dem Nutzer einzelne Stücke dargeboten, alternativ kann man auch die ganze Ausgabe durchblättern und erwerben – die Optik ist dabei stark an die gedruckten Originale angelegt.

Wer ist dabei und wer nicht?

Den Blendle-Machern ist es gelungen, einige namhafte Titel zu gewinnen. Die Liste der beteiligten Verlage ist lang: Axel Springer, Gruner + Jahr, Zeit-Verlag, Spiegel-Gruppe, Ringier und weitere. Deswegen überrascht auch, dass (Stand 27.8.) gerade mal 25 nationale Titel sowie drei englischsprachige Titel verfügbar sind, die teilnehmenden Verlage schöpfen das eigene Portfolio nicht annähernd aus.

Am besten ist noch der Zeitungsmarkt mit 13 Titeln (u.a. FAZ, SZ, Zeit und Welt und BamS) abgedeckt. Von den überregionalen Titeln fehlen nur Bild, Handelsblatt, taz und FR. Bei den regionalen Titeln gibt es deutlich größere Lücken, u.a. ist die Mediengruppe Funke nicht dabei. Für die Regionalblätter dürfte sich ein Engagement bei Blendle aber zunächst auch weniger lohnen, weil die „Early Adopter“ von Angeboten wie Blendle wohl eher einen bundesweiten als einen regionalen Fokus haben.

Richtig ärgerlich wird die Auswahl bei den Magazinen. Zwar sind mit Spiegel, Stern, Brigitte, Gala, Kicker und 11 Freunde durchaus einige namhafte Magazine vertreten, aber: Die zwölf Magazine, die man derzeit zur Auswahl hat, sind viel zu wenig.

Kein Titel von Burda (Focus, Superillu, Bunte – angekündigt ist Chip), vom Condé Nast Verlag (GQ, Vogue, Wired) oder der Bauer Media Group (Cosmopolitan, Neue Post, Tina) hat zum Beta-Start den Weg in das Angebot gefunden. Was auch nicht unbedingt überrascht, da sich Dienstleister wie Blendle in der hiesigen Verlagswelt nie mit allen Verlagen einigen können – oder vielmehr die Verlage nicht mit ihnen. Merkwürdig ist dagegen, wie viele Titel der teilnehmenden Verlage fehlen.

Das führt dazu, dass es keinen reinen Kultur-Titel im Blendle-Angebot gibt, obwohl es beispielsweise mit Blau, Musikexpress, Rolling Stone (Axel Springer) oder Monopol (Ringier) durchaus Magazine gäbe, deren Verlage mitmachen. Auch dass mit Bilanz nur ein Wirtschaftsmagazin und mit der Computer Bild nur ein Technik-Magazin im virtuellen Regal liegen, schmälert das Angebot deutlich. Wo ist Business Punk (Gruner + Jahr) oder das Manager Magazin (Spiegel-Gruppe)?

Neben all diesen Lücken verwundert aber auch, dass keine hochwertigen Magazine aus kleineren Verlagen dabei sind, von Indie-Magazinen ganz zu schweigen. Dabei würden Titel mit langen Lesestücken wie zum Beispiel das Philosophie-Magazin oder die Reportagen sehr gut in das Angebot von Blendle passen, da sie nicht an jeder Verkaufsstelle erhätlich sind und durch einen hohen Copypreis vom spontanen Kauf abschrecken.

Was kostet Blendle?

Da die Verlage selbst bestimmen können, wie viel sie pro Artikel verlangen, variieren die Preise sehr stark. Allen gemein ist nur: Wer Artikel im Wert der Ausgabe kauft, bekommt die gesamte Ausgabe obendrauf. Beim Spiegel (Gesamtpreis: 3,99 Euro) variieren die Preise zwischen einem Cent für kleine Meldungen über 75 Cent für ein zweiseitiges Interview bis hin zu 1,99 Euro für die Titelgeschichte. Die Süddeutsche Zeitung nimmt für das Streiflicht (die Glosse auf der Titelseite) 49 Cent, 79 Cent muss man für die Seite 3 bezahlen. Mit 2,99 Euro ist die „Blendle-Ausgabe“ der SZ sogar teurer als das gedruckte Produkt am Kiosk.

Was fast bei allen Titeln auffällt: Es gibt fast überall Textblöcke, die eigentlich nicht verkauft werden sollten, so kann man bei der B.Z. zum Beispiel das Fernsehprogramm kaufen. Aber auch Agentur-Meldungen oder Bildunterschriften stehen zum Verkauf. Manche Medien haben das so gelöst, dass sie für solche Texte nur einen Cent nehmen. Wenn man aber wie bei der FAZ für jeden Artikel 45 Cent bezahlt, kann das Guthaben schnell ausgegeben sein. Das scheint eher ein technisches Problem zu sein, zumal Blendle auch die Möglichkeit anbietet, Texte zurückzugeben.

Mit dem Einheitspreis für Artikel und dem relativ niedrigen Ausgabenpreis von 1,71 Euro umgeht die FAZ den Aufwand, jedem Stück Text einen Preis zu geben. Denn allein die Textlänge deutet längst nicht immer daraufhin, wie hochwertig bzw. einzigartig der Text ist. Das Agentur-Stück, das man überall im Internet umsonst lesen kann, ist oft viel länger als die Kolumne, die exklusiv im Print läuft. Und so ist Blendle für die Verlage auch ein guter Test, um herauszufinden, was die Leser für die eigenen Texte ausgeben.

Was funktioniert gut bei Blendle?

Technisch gibt es wenig an Blendle auszusetzen. Die Texte lassen sich sowohl in der App (getestet mit Android) als auch in diversen Webbrowsern sehr gut lesen – so gut, wie das an Displays eben geht. Das Bezahlen – derzeit per Überweisung, Kreditkarte oder PayPal möglich – klappt problemlos und auch die Rückgabe der Artikel hat einwandfrei funktioniert. Denn auch das ist eine Besonderheit von Blendle: Wem ein Artikel nicht gefällt, kann sein Geld zurückbekommen. In den Niederlanden hat Blendle laut eigener Aussage damit gute Erfahrungen gemacht.

Erstaunlich vielfältig sind die Möglichkeiten, die Blendle bietet, um auf Artikel zu stoßen. Man kann sich Artikel nach Kategorie (Politik, Medien, Tech etc.) oder Textsorte (Interviews, Kolumnen) vorschlagen lassen. Es gibt ein Alarm-System, das ein auf Texte zu bestimmten Themen hinweist. Und das Blendle-Team sucht selber Stücke aus (so genannte „Staff Picks“) und empfiehlt sie.

Außerdem funktioniert Blendle wie ein soziales Netzwerk. Man kann selber Texte liken und kommentieren sowie anderen Usern folgen und sehen, welche Texte sie empfehlen. Für dieses Feature konnte Blendle zum Start etliche Journalisten und Menschen aus der Branche gewinnen, die mit ihren persönlichen Empfehlungen und Einschätzungen der Texte tatsächlich einen kleinen Mehrwert liefern und die in den einzelnen Ressorts und Kategorien auch nochmal gesondert auftauchen. Mit dabei sind u.a. Tilo Jung, Dorin Popa, Ole Reißmann, Daniel Bröckerhoff. So oder so: Der Lesestoff geht nicht aus.

Wenn sich Blendle durchsetzen sollte, könnte es tatsächlich ein Soziales Medium für Print-Artikel werden. Print-Macher hätten plötzlich ein Instrument, das vorher exklusiv den Online-Kollegen vorenthalten war: Welche Texten werden am meisten gelesen, funktioniert die neue Kolumne, wo wird am meisten kommentiert?

Was ist noch verbesserungswürdig?

Blendle hat technisch da seine Grenzen, wo Grafiken und Fotos die Informationen übermitteln. Will man zum Beispiel die Spielerbenotungen im Montags-Kicker lesen, so muss man weiter an den echten Kiosk gehen, denn diese werden zwar in der Magazin-Übersicht angezeigt, kaufen kann man sie aber nicht. Blendle zeigt zwar Grafiken an, macht es aber nur, wenn diese innerhalb eines Artikels verwendet werden. Und selbst dann hapert es oft an der Zuordnung, denn Blendle ordnet die Texte einspaltig und von links nach rechts (Web-Darstellung) bzw. von oben nach unten (App-Darstellung) an.

Wird aber eine Print-Seite mit Fotos oder Grafiken, die vorher in mehreren Spalten nebeneinander standen, für Blendle aufbereitet, geht die Ordnung oft komplett verloren. Texte mit vielen Grafiken sind deswegen stets schwierig zu konsumieren. Ärgerlich sind zudem viele kleine Fehler, die wohl beim Export der Texte passieren. Mal fehlt ein Absatz, mal sind die Fettungen verloren gegangen. Gerade wenn man Geld für den Text bezahlt, sollte das besser funktionieren.

Ein weiteres Problem ist die Aktualität: Nur selten sind die Titel auch dann verfügbar, wenn sie am Kiosk liegen. Tageszeitungen tauchen oft erst mittags auf, manche Magazine noch später am Tag. Wer also dringend an einen Text lesen muss, weil z.B. gerade die Meldung dazu über die Agenturen läuft, kann sich nicht auf Blendle verlassen. Auch für Archiv-Arbeit ist Blendle nur bedingt geeignet: Die Ausgaben der Medien reichen aktuell nur bis in den Juni zurück.

Zerstört Blendle den Print-Journalismus?

Das größte Dilemma von Blendle ist aber die Richtung, in die es den Print-Journalismus drängt. Blendle ist darauf ausgelegt, dass einzelne Artikel gekauft werden und nicht ganze Ausgaben. Das ist ja auch logisch, denn damit verdient Blendle mehr Geld. Durch diese Entwicklung verschwimmen aber zunehmend die Grenzen zwischen den einzelnen Medien. Wenn man Blendle ein paar Tage benutzt, achtet man immer seltener darauf, aus welchem Medien der Artikel stammt, den man gerade gelesen hat.

Diese Entwicklung zu Ende gedacht, bedeutet das für die einzelnen Titel nichts Gutes: Wenn egal ist, ob ein Text in der SZ, der FAZ oder der BamS erschienen ist. Oder egal ist, ob neben der großartigen Kolumne auch noch andere gute Texte veröffentlicht wurden. Und wenn egal ist, was auf dem Cover steht oder was die Titelzeile ist. Dann bedeutet es schlichtweg das Ende der Magazine und Zeitungen, wie wir sie kennen.

Und so weiß man auch nicht, ob Blendle Erfolg zu wünschen ist oder nicht. Denn es gibt zwar für alles seine Zeiten – und das allmähliche Ende der Pauschalreise beweinen höchstens die großen Reiseanbieter – aber: Es wäre bitter, wenn ausgerechnet der Erfolg von Print-Texten das Ende von Print-Titeln besiegeln würde.

Titel-Übersicht (Preis für die Gesamtausgabe)

Überregionale Tages- und Wochenzeitungen

SZ (2,99 Euro)

FAZ (1,71 Euro) & FAS (3,19 Euro)

Welt (1,99 Euro) & WamS (2,99 Euro)

BamS (1,80 Euro)

Zeit (3,99 Euro)

Regionale Tageszeitungen

Tagesspiegel (0,99 Euro)

B.Z. (0,99 Euro)

Rheinische Post (1,50 Euro)

Thüringer Allgemeine (1,99 Euro)

Thüringische Landeszeitung (1,99 Euro)

Ostthüringer Zeitung (1,99 Euro)

Magazine

Spiegel (3,99 Euro)

Stern (2,98 Euro)

Gala (1,99 Euro)

Brigitte (2,99 Euro)

Neon (2,99 Euro)

Kicker (1,99 Euro)

11 Freunde (4,49 Euro)

Sport Bild (1,99 Euro)

Auto Bild (1,99 Euro)

Computer Bild (1,99 Euro)

Cicero (6,99 Euro)

Bilanz (bisher nur Einzelartikel zu kaufen)

International

Wallstreet Journal (3,20 Euro)

Washington Post (0,99 Euro)

Economist (6,50 Euro)

Sowie diverse Zeitungen und Magazine aus den Niederlanden

Angekündigte Zeitungen

Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Mannheimer Morgen, Kölner Stadt-Anzeiger, Kölner Express, Kölnische Rundsschau, Hamburger Morgenpost, Leipziger Volkszeitung, Hannoversche Allgemeine, Märkische Allgemeine, Gmünder Tagespost, Schwäbische Post

Angekündigte Magazine

Motorrad, auto motor sport, Flugrevue, Chip

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