Wirsing-Chips und Toiletten-Parfum: Gelungener „DHDL“-Auftakt mit Beigeschmack

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Die erste Sendung der neuen Staffel der Vox-Gründershow "Die Höhle der Löwen" kommt einer Dauerwerbesendung gleich. Es wird für die Startups geworben, für die Investoren, sogar der Moderator der Sendung macht Werbung. Unterhaltsam war’s trotzdem.

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Löwen sind gar keine Höhlentiere. Die Redewendung von der „Höhle des Löwen“ basiert auf einer griechischen Fabel von Äsop. Darin kann der alte Löwe nicht mehr jagen und erdenkt sich eine List. Er gibt vor, krank zu sein und ruft alle Tiere zu sich in eine Höhle, um sie dort nach und nach zu verspeisen. Nur der Fuchs bleibt vor seiner Höhle stehen, weil er zwar Spuren sieht, die in die Höhle hineinführen, aber keine, die hinausführen. Am Ende ist er der einzige, der sich nicht in die Höhle des Löwen gewagt hat.

In Vox’ „Höhle“ geht es weit weniger bestialisch zu. Damit aber auch der Letzte vor dem Fernseher versteht, dass die Investoren in der Sendung die „gefährlichen Löwen“ sind, werden im Laufe der Sendung sehr viele schlechte Wortspiele bemüht: Die „Löwen“ sind bissig. Die „Löwen“ liegen auf der Lauer. Die „Löwen“ schlagen im richtigen Moment zu. Bei 20 habe ich aufgehört mitzuzählen.

Abseits der Vorliebe für schlechte Wortspiele war die Sendung dann aber oft sehr unterhaltsam. Das lag vor allem an den sehr abwechslungsreichen Unternehmen, die zu den Pitches antraten. Je nach vorgestelltem Produkt veränderte sich dann auch der Charakter der Sendung. Koch-Show und Teleshopping, „Sendung mit der Maus“ und „Schlag den Raab“: Es waren sehr viele unterschiedliche Fernsehstile dabei. Und auch die Investoren – es sind immer noch die gleichen fünf wie in Staffel eins – trugen ihren Teil zum gelungen Auftakt bei. Mal machten sie gemeinsame Sache, mal buhlten sie miteinander um das beste Angebot, mal fielen sie alle über die Gründer her. Tatsächlich ein wenig wie ein echtes Löwenrudel.

Zwei Deals werden abgeschlossen

Beim ersten Pitch der Sendung stellen zwei Hamburger ihre noch junge Firma vor: Sie produziert Gemüse-Chips aus Wirsing. „Nicht das sexieste Gemüse“, wie sie selber zugeben. Und – Sie ahnen es wahrscheinlich schon – es kommt natürlich die Frage auf, ob „Löwen“ denn Wirsing überhaupt fressen würden. Der Event-Unternehmer Jochen Schweizer meint zwar, dass „wir sonst nur rohes Fleisch essen“, schlägt dann aber trotzdem zu und schließt einen Deal mit den Hamburgern ab.

Einen solchen gibt es beim zweiten Pitch nicht, dafür aber sehr viel harsche Kritik. Die vorgestellte Idee eines persönlichen Assistenten per App sei „Blödsinn“, schimpft Venture Capitalist Frank Thelen. Jochen Schweizer legt sogar noch einen drauf und fragt die Gründer: „Sehen Sie das Feuer da neben mir? Ob ich die 200.000, die Sie haben wollen, ins Feuer werfe oder ich es Ihnen gebe, es wird verbrennen.“

Diese Reaktion ist insofern interessant, weil Assistenten-Apps und Butler-Dienste nach dem Einstieg von Joko Winterscheid bei GoButler einen gewissen Hype-Faktor haben.

Bei Pitch Nummer drei stellt ein bayerischer Handwerker einen Plastik-Tragegriff für bereits geöffnete Säcke vor (zum Beispiel ein Zement-Sack), der den Inhalt schützen und das Tragen der Säcke erleichtern soll. Er bekommt zwar ein Angebot, wird aber mit Teleshopping-Unternehmerin Judith Willams nicht einig. Dafür darf sich der Zuschauer über Lencke Steiner amüsieren. Die Unternehmerin und FDP-Politikerin testet, ob der Griff „auch für Blondinen geeignet ist“ und scheitert natürlich. Um nicht vollkommen ins Klischee abzurutschen, betont sie noch: „Zu Hause bin sonst ich Bob der Baumeister.“

Der vorletzte Pitch der Sendung ist das Wortspiel-Armageddon der Sendung: Ein Parfum wird vorgestellt, das unangenehme Gerüchen auf der Toilette verhindern soll. Und so wird im Laufe der Vorstellung: das „großes Geschäft gewittert“, es droht „der Griff ins Klo“ und am Ende ist es eh „wurscht“. Die Vorstellung des Parfums ist dabei gar nicht uninteressant und überzeugt auch einige der Investoren. Zum Deal kommt es aber nicht, so richtig identifizieren kann sich keiner mit dem Produkt.

Zum Abschluss kommt es dann doch nochmal ein Deal zustande. Ein äußerst sympathischer 22-jähriger Österreicher baut Skateboards aus hochwertigen Materialen in der Garage seiner Eltern und will sein Business professionalisieren. Sein Pitch ist so überzeugend, dass er sich zwischen Frank Thelen und Jochen Schweizer entscheiden darf bzw. muss. Nach einer kleinen Skate-Einlage vom passionierten Hobby-Skater Thelen fällt die Wahl recht schnell auf ihn.

Werbung, Werbung, Werbung

Aber selbst der sympathische letzte Gründer kann nicht über den einzigen großen Kritik-Punkt der Sendung hinwegtäuschen: alles ist Werbung. Natürlich ist es zunächst logisch, dass eine Sendung, in der Investoren von Produkten überzeugt werden müssen, einen werblichen Charakter hat. Dass aber deswegen auf alle guten Sitten verzichtet wird, muss dann doch nicht sein. Denn was bei den vorgestellten Unternehmen natürlich passt, wirkt bei der Vorstellung der Investoren dann schon fast wie Schleichwerbung. Gerade der Clip von Jochen Schweizer wirkt so, als er direkt von der PR-Abteilung seines Unternehmens produziert worden.

Trauriger Höhepunkt sind die Auftritte von Moderator Ermias Habtu in den Werbe-Clips eines Internetproviders, die noch vor den eigentlichen Werbeblöcken laufen und direkt für die Sendung produziert wurden. Trennung von Redaktion und Werbung sieht anders aus.

Wenn man aber davon absieht, deutet alles auf eine interessante zweite Staffel hin. Das Investoren-Team ist eingespielt und hat seine in der ersten Staffel noch teilweise vorhandene Kamera-Scheu abgelegt. An interessanten oder verrückten Startups mangelt es nicht, auch wenn man sicherlich nicht immer eine so große Bandbreite wie gestern erwarten darf. Spannend wird außerdem noch zu beobachten sein, ob in dieser Staffel mehr Deals abgeschlossen werden als in der letzten – war das doch einer der großen Kritikpunkte aus der Branche.

Und eines übrigens noch: Die eingangs zitierte Fabel wurde über die Jahrhunderte sehr unterschiedlich moralisch gedeutet und tauchte immer wieder an anderer Stelle auf. Mir erscheint hier ganz passend, wie Platon sie in seinem fiktiven Gespräch zwischen Sokrates und Alkibiades verwendet. Sokrates erklärt darin dem späteren Feldherren Alkibiades Spartas System. In ganz Griechenland zusammen gäbe es nicht so viel Gold wie Einzelne in Sparta besäßen. Und wie in Äsops Höhle des Löwen hätte die Spur des Goldes auch immer nur nach Sparta hineingeführt, nie aber wieder heraus.

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