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„Zum Weinen auf Toilette“: SZ berichtet auch über deutsche Missstände bei Amazon

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Als der Hessische Rundfunk in bester Wallraff-Manier über die Arbeitsbedingungen bei Amazon berichtete, kümmerte das den US-Konzern nur bedingt. Jetzt kommt die New York Times zu ähnliches Schlüssen und der weltgrößte Versandhändler steht vor einem massiven Imageproblem – auch weil die Situation in Deutschland – laut SZ-Recherchen – nicht viel besser sei.

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Es gibt ein klassisches Muster, wie multinationale Web-Konzerne mit Kritik aus einzelnen Ländern umgehen. Fast immer wird der Fall als regionale Angelegenheit oder lokaler Auswuchs dargestellt, der eigentlich kein Problem für das globale Unternehmen und seine übergeordneten Regeln darstellt.

Ein solches Verhalten beobachten wir immer wieder bei Facebook, wenn es um Datenschutz oder die Community-Guidlines geht. Als sich der Hessische Rundfunk vor anderthalb Jahren die Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum von Amazon genauer ansah („Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon„), reagierte die US-Company ganz ähnlich.

Trotzdem wurde ein gewisser Image-Schaden angerichtet, der hierzulande noch immer nachwirkt. Grundsätzlich hatte sich die Situation jedoch wieder beruhigt, trotz Ver.di-Streiks lief das Weihnachtsgeschäft für den Web-Versender bombastisch. Bis nun vor zwei Tagen die New York Times mit einem langen Stück kam, dass zu ähnlichen Schlüssen, wie der HR kommt.

Die Amerikaner beschäftigen sich jedoch weniger mit der Situation der Lagerarbeiter, sondern der Verwaltungsangestellten und mittleren Management-Ebene. Die New York Times-Reporter sprachen nach eigenen Angaben mit mehr als 100 früheren und aktuellen Amazon-Mitarbeitern und berichteten unter anderem von Fällen, in denen Menschen nach Familientragödien oder Gesundheitsproblemen ohne Mitgefühl behandelt worden seien. So sei eine Mitarbeiterin am nächsten Tag nach einer Fehlgeburt auf eine Dienstreise geschickt worden, und krebskranke Beschäftigte hätten schlechte Arbeitsbewertungen erhalten. Auch insgesamt sei das Betriebsklima schroff: „Ich habe fast jeden, mit dem ich arbeitete, am Schreibtisch weinen gesehen“, sagte ein frühere Mitarbeiter aus dem Buch-Marketing der Zeitung.

Die Süddeutsche Zeitung nahm den Bericht der New Yorker Kollegen noch einmal zum Anlass in Deutschland nachzuhorchen. Offenbar decken sich die Recherchen. So heißt es in der SZ:

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Eine frühere Amazon-Mitarbeiterin sagte der Süddeutschen Zeitung, es sei üblich, dass Chefs ihre Untergebenen anschrien. Zum Weinen gehe man auf Toilette, an Geschluchze aus der Nachbarkabine gewöhne man sich schnell. Auch gebe es eine Art Wettbewerb, wer abends als letzter nach Hause geht und auf Rundmails am Wochenende am schnellsten antwortet.

Bereits am gestrigen Montag hatte Amazon-Gründer Jeff Bezos den NYT-Bericht zurückgewiesen. „Der Artikel beschreibt nicht das Amazon, das ich kenne“, betonte Bezos in einer E-Mail an die Mitarbeiter. So stelle das Stück einzelne Geschichten über „schockierend gefühllose Management-Praktiken“ in den Vordergrund, schrieb Bezos. „Ich bin überzeugt, dass jeder, der bei einem Unternehmen arbeitet, wie es in der New York Times beschrieben wurde, verrückt wäre, zu bleiben. Ich weiß, dass ich so ein Unternehmen verlassen würde.“ Zugleich rief Bezos die Mitarbeiter auf, wenn ihnen herzloses Vorgehen von Managern bekannt ist, dies an die Personalabteilung oder direkt an ihn zu melden. „Selbst wenn es seltene oder Einzelfälle sind, unsere Toleranz für einen solchen Mangel an Mitgefühl muss gleich Null sein.“

Wie es bei solchen Enthüllungen üblich ist, gibt es bereits auch erste Stimmen, die einen Boykott des Web-Versenders fordern. Prominentester Kritiker ist zur Zeit wohl der Guardian-Autor Stuart Heritage. Er meint: „Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter nicht respektiert, hat das Geld seiner Kunden nicht verdient.“

Mit Material von dpa

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Alle Kommentare

  1. Warum in drei Teufels Namen arbeitet man denn in einer solchen Scheixx-Bude? Habe nicht mitgezählt, aber in 35 bisherigen Arbeitsjahren habe ich bestimmt schon 15 bis 20 mal den Arbeitsplatz gewechselt. Das Leben ist ganz einfach zu kurz für miese Jobs. Wenn es nicht mehr geht: Und Tschüß!

    Wer denn meint, dass er sich anstatt einer soliden praktischen Ausbildung allein nur ein Studium, womöglich noch in einer der substanzlosen Schwafelwissenschaften, dazu Eigenheim, Kredite ohne Ende und zig Kinder ans Bein binden muss oder sich auf andere Art und Weise für eine Zukunft als abhängiger Sklave anderer Leute oder Firmen prädestiniert – bitte schön! Eigene Dummheit.

  2. “Der Artikel beschreibt nicht das Amazon, das ich KENNE“.

    Da wird er wohl Recht haben, der große Vorstandsvorsitzende. Nur: Woran mag’s liegen?

    Vielleicht kommt er ja nun mal mit dem Kopf heraus aus der großen Globalweltveränderungswolke. Und widmet sich ein paar Minuten täglich seinen ganz realen Mitarbeitern.

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