Aua Ai Weiwei: Öffentlicher Interview-Zoff mit der Zeit

Ai Weiwei wirft der Zeit vor,  ein Interview mit ihm massiv gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen zu haben
Ai Weiwei wirft der Zeit vor, ein Interview mit ihm massiv gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen zu haben

Am vergangenen Donnerstag druckte die Zeit ein Interview mit dem chinesischen Protestkünstler Ai Weiwei, der sich daraufhin bei Instagram empörte: Das Gespräch sei massiv gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Wochenzeitung streitet dies vehement ab und veröffentlichte auf ihrer Webseite sowohl die englische als auch die chinesische Version des Interviews.

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„Wenn ihr mir solche Fragen stellen wollt, akzeptiere ich euer Interview nicht. Ihr könnt gehen, und ich trinke Tee, denn ihr habt ja offenbar nichts Wichtiges, über das ihr reden wollt.“ Mit dieser harschen Antwort endet das Interview mit Ai Weiwei, das die Zeit am vergangenen Donnerstag veröffentlichte. Auslöser für diese Reaktion war die Feststellung der fragenden Journalistinnen: „Es gibt Leute, die sagen, das sei nicht der alte Ai Weiwei.“

Tatsächlich erntete Ai Weiwei Kritik für seinen neuen Kurs: Während seines Deutschlandbesuchs äußerte sich der Regimekritiker in einigen Interviews nahezu versöhnlich über die chinesische Regierung und sorgte damit bei vielen Menschen für Unverständnis. Der Künstler selber versteht dies nicht und erklärt im Zeit-Interview, diese Leute hätten doch keine Ahnung vom früheren Ai Weiwei und erst recht keine Ahnung vom heutigen. „Die Haltung dieser Leute ist zu komisch. Streben sie nicht etwa selbst den Wandel an? Habe ich etwa keine persönliche Freiheit?“, fragt er.

Ai Weiwei: „Die Zeit beschädigt journalistische Prinzipien“

Doch der Streit, den Ai Weiwei seit einigen Tagen mit der Zeit führt, ist ein anderer: Wie der Künstler auf seinem Instagram-Profil beklagte, hätten ihm die Redakteurinnen Angela Köckritz und Zhang Miao zwar ein chinesisches Transkript des Gesprächs zukommen lassen, doch die deutsche Übersetzung in der Printausgabe der Zeit würde sich davon unterscheiden und den Inhalt verfälschen: „Das beschädigt journalistische Prinzipien“, wetterte er.

Die Zeit verteidigt ihre Arbeit und bestreitet, das Interview verändert zu haben. „Es gibt keine Unterschiede zwischen der deutschen, der englischen und der chinesischen Version“, sagte Angela Köckritz auf dpa-Anfrage. Außerdem veröffentlichte die Zeitung daraufhin sowohl die chinesische als auch die englische Fassung des Textes.

„Keine Entstellung, keine aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze“

Wie der Tagesspiegel berichtet, sei Angela Köckritz inzwischen ebenfalls „ungehalten“ und habe betont, es gebe „keine Entstellungen, keine aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze. Ai Weiwei und seine Presse-Assistentin seien darüber informiert worden, dass das Interview gekürzt werde. Dagegen habe es keine Einwände gegeben, auch sei nicht um Vorlage der Druckfassung gebeten worden. Die Redaktion schickte der Assistentin außerdem schon am Mittwoch vor Erscheinen der Zeit ein PDF der Seite zu, auch darauf gab es keine Reaktion.“ Außerdem sei sie gerne bereit, die Fassung, wie sie Ai Weiwei vorgelegt wurde, mit seinen Autorisierungswünschen zu veröffentlichen – darüber würden diese Woche Anwälte verhandeln.

In dem Beitrag stellt sich der Tagesspiegel deutlich hinter die Kollegen der Zeit, schließlich sei es zum einen üblich, dass autorisierte Interviews noch einmal gekürzt werden und zum anderen fragwürdig, dass Ai Weiwei die von ihm freigegeben Langfassung nicht selber veröffentliche.

Dies löste wiederum Kritik aus. Der Journalist und ehemaliger Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg Franz Sommerfeld warf dem Tagesspiegel in einem Posting vor, der Zeit helfen zu wollen, damit aber das Gegenteil zu bewirken – da er seinen Lesern vorenthalte, dass „Zeit und Tagesspiegel nicht nur verlegerisch verbunden sind, sondern dass einer der Herausgeber des Tagesspiegel auch stellvertretender Chefredakteur der Zeit ist.“ Die Arbeitsweise der Zeit und das Kürzen des Interviews um ein Viertel bezeichnet er als dreist und findet, das Vertrauen in den seriösen Journalismus einer freien Gesellschaft sei enttäuscht worden. „Das muss für jemanden, der aus einer Diktatur kommt, besonders bitter sein. Aber es ist die Realität, wenn auch eine traurige“, so Sommerfeld.

Unseriöser JournalismusDer „Tagesspiegel“ versucht, der „Zeit“ im Streit mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei zur…

Posted by Franz Sommerfeld on Sonntag, 16. August 2015

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Alle Kommentare

  1. Die Einlassung von Herrn Sommerfeld darauf, dass und vor allem wie der Tagesspiegel der Zeit zur Seite springt, ist sehr wichtig. Aus 25 Jahren Erfahrung auch mit dem Autorisieren von Interviews finde ich es alles andere als üblich, dass autorisierte Interviews noch einmal gekürzt werden.

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