Warum Spiegel Online ab heute nicht mehr meine Startseite ist

Spiegel Online-Chef Florian Harms will nicht immer nur schlechte Nachrichten verbreiten – aber was macht das besser?
Spiegel Online-Chef Florian Harms will nicht immer nur schlechte Nachrichten verbreiten – aber was macht das besser?

Jedes Mal, wenn ich meinen Laptop starte, erscheint nach dem Ladevorgang eine vertraute Website: Spiegel Online. So war es über eineinhalb Jahrzehnte – bis ich heute einen Blogeintrag von Chefredakteur Florian Harms las und entschied, "SpOn" als Startseite zu löschen: Ich will als Leser nicht wie ein Idiot behandelt werden.

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Eine Startseite aufzugeben, mag manchem lapidar erscheinen. Bei mir ist es nicht so. Allein schon, weil 15 Jahre im Internet eine ziemlich lange Zeit sind. Spiegel Online war schon die Startseite auf meinem Browser, als Terroristen Jets in die Zwillingstürme des World Trade Centers lenkten. Die Homepage war das Zugangstor in meine Online-Nachrichtenwelt, sie war fast immer die erste, wenn auch bei weitem nicht die einzige Quelle, die ich ansteuerte. Oft scrollte ich die Seite für einen raschen Überblick durch, manchmal ließ ich mich von Klick zu Klick treiben und wurde selten enttäuscht. In der frühen Zeit der großen deutschen News-Portale war Spiegel Online eine Klasse für sich.

Beim Spiegel haben sie schneller und massiver Ernst gemacht mit dem Journalismus im Web, was wir Redakteure wie Millionen andere Nutzer dadurch honorierten, dass die Homepage für uns beim Surfen quasi gesetzt war. An Spiegel Online kam lange keiner vorbei, was nicht nur am Spiegel-nahen Qualitätsjournalismus lag, sondern auch daran, dass Mathias Müller von Blumencron als lange Zeit prägender Chefredakteur das Angebot um bunte Meldungen und Entertainment-Elemente erweiterte, die es in der oft spaßfreien und zynischen Welt des gedruckten Spiegel so nicht gab. Blumencron wagte es sogar, eine Ressortleiterin der Bild-Zeitung abzuwerben und ihr das Panorama-Ressort anzuvertrauen. Das sorgte für Kritik auch aus dem eigenen Haus, aber der Erfolg gab ihm recht. Das Ergebnis war eine einzigartige und geniale Themenmischung, die die Konkurrenz vor große Probleme stellte.

Einer meiner MEEDIA-Kollegen schrieb damals, Spiegel Online sei der Internetauftritt, den man sich bei Springer für Bild wünsche. Bild.de war in dieser Zeit noch viel kleiner und brauchte trotz der riesigen Reichweite des Blattes lange, um Spiegel Online zu überholen. In der Folge wurde SpOn immer professioneller und rüstete selbst in Krisenzeiten auf. Als von Blumencron das Portal Anfang 2008 in Richtung Spiegel-Chefredaktion verließ und Nachfolger berief, war die Web-Mannschaft zwischen 150 und 200 Mitarbeiter stark (die Zahlen schwanken je nach Einberechnung von festen Freien) – eine allen deutschen Wettbewerbern überlegene Truppe von teils hervorragenden Journalisten, die thematisch eine Rundum-Berichterstattung lieferten.

Die exzellenten Schreiber gibt es heute noch, das Problem liegt woanders: an der Spitze des Portals. Seit Januar 2015 fungiert Florian Harms als Chefredakteur. Er hat einiges verändert, verbessert hat er nichts. Im Gegenteil: Als Dauernutzer empfinde ich die Homepage von Spiegel Online zunehmend als konfus und ohne Linie. Sie ist langweiliger geworden, und es kostet mich Mühe, die Texte der Autoren zu finden, die ich schätze und die – natürlich – nichts von ihrer Klasse eingebüßt haben. Am meisten aber stört mich die Haltung, die Harms propagiert und zu seiner Leitlinie gemacht hat. Seine wirren Einlassungen, in denen er sich an sein Publikum wendet, triefen von einer als Pädagogik getarnten Arroganz, von der er sich ermächtigt zu fühlen scheint, als Redakteur zu entscheiden, was er mit den Nachrichtenkonsumenten zu teilen bereit ist.

Etwas plastischer formuliert: Florian Harms scheint Leser für Volltrottel zu halten, deren Kontakt mit der Realität stets riskant ist, weil man ja nie vor unerwarteten Reaktionen sicher sein kann. So, als wären „die da draußen“ lauter Wesen, die erzogen und vor Dummheiten bewahrt werden müssen. Nach dem Germanwings-Absturz hat er den Spiegel Online-Lesern News und Bilder vorenthalten, die in den Medien zu Recht omnipräsent waren. Dass auch der Presserat die breite Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe sanktionierte, lässt Harms bis heute unbeeindruckt. Artikel über bestimmte Themen (z.B. Selbstmorde) werden seit seiner Amtsübernahme mit „Beipackzetteln“ versehen, in denen Leser aufgefordert werden, Hilfe zu suchen etc. Dies ist von einer schrecklichen politischen Korrektheit, auf die andere Qualitäts-Portale aus guten Gründen verzichten.

Am heutigen Freitag nun hat Florian Harms im Spiegel-Redaktionsblog einen Beitrag veröffentlicht, der viel weiter geht als die erwähnten Marotten. Offensichtlich sieht der Chefredakteur nun seine Mission darin, die Realität seinem Journalismus anzupassen und nicht umgekehrt. Unter der bemerkenswert filigran formulierten Headline „Artikel, die weitergehen“ wendet er sich an die „lieben Leserinnen und Leser“ und schreibt:

Vielleicht haben Sie es bemerkt: In den vergangenen 24 Stunden haben wir auf Spiegel Online mehr Artikel als sonst veröffentlicht, die zum Weiterdenken anregen, die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet.

Wir verstehen: Die Welt wird garantiert besser, wenn wir auch Katastrophen, Mord und Totschlag etwas Positives abgewinnen können. Vielleicht wird sie auch besser, weil wir uns besser fühlen, nachdem wir Spiegel Online besucht haben. Denk mal drüber nach, scheint mir der Chefredakteur ins Ohr zu säuseln. Wenn ich weiterlese, verstehe ich nur Bahnhof, aber bin ganz sicher, dass er es nur gut mit mir meint:

Natürlich gehört es schon lang zum Profil von Spiegel Online, konstruktiv über das Weltgeschehen zu berichten und dieses auch überraschend abzubilden. Gleichwohl diskutieren wir in der Redaktion derzeit darüber, diesen Ansatz zu verstärken und öfter entsprechende Artikel zu veröffentlichen. Es ist uns wichtig, dass Sie sich anhand vielfältiger Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven Ihr eigenes Bild von der Welt machen können.

Er hat ja recht: Es ist mir durchaus wichtig, dass ich mir mein eigenes Bild von der Welt mache, ehrlich gesagt, wäre ich sehr überrascht, wenn ausgerechnet ein Spiegel-Journalist mir etwas anderes empfehlen würde. Stutzig macht mich nur, was daran neu sein soll und welche andere Perspektive er meint. Harms muss Gedanken lesen können und listet deshalb Beispiele auf. Ich überfliege die Schlagzeilen und nehme mit: „Besatzung war gestern“, „Der Mann, der hilft“, „richtig gut“, „hat geklappt“ etc. Ein tolles Rezept in diesen Zeiten: Danke, Doktor Harms, mir geht’s schon besser. Ich erinnere mich an einen Politikreporter aus meiner Zeit bei der Hamburger Morgenpost, der forderte, wir sollten doch bitte nicht kritisch darüber schreiben, dass die Parteien die Stadt mit Tausenden von Wahlplakaten zugestellt hatten, denn das würde nur die Politikverdrossenheit fördern. Ich bin sicher, er wäre heute ein Fan von Florian Harms.

Für mich gilt das nicht. Ich finde es komischerweise wichtig, dass die Realität im Mittelpunkt dessen bleibt, was wir Journalisten tun, und nicht vermeintlich gutmenschelnde pädagogische Konzepte. Und seltsam, mir erscheint das auch für unseren Berufsstand moralischer und seriöser. Nicht ohne Grund hat Spiegel-Gründer Rudolf Augstein nachfolgenden Generationen einen schlichten Leitsatz mit auf den Berufsweg gegeben. Er lautet: „Sagen, was ist.“ Das Motto hängt an der Wand im Foyer der Spiegel-Zentrale. Jeden Tag geht der Chefredakteur von Spiegel Online daran vorbei, verstanden hat er ihn wohl nicht.

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Alle Kommentare

  1. Passend dazu hat Spon auch gleich mal die Kommentarfunktion für verschiedene Themen gekippt. Was z. B. die Flüchtlingsdebatte angeht, gibt’s bei Spon bei nahezu allen Artikeln eben nur nich die eine: die von Spon.

    Leser mundtot machen – dolles Ding.

  2. Lieber Herr Altrogge,
    wenn es Ihnen um einen Journalismus geht, der ein korrektes Weltbild vermittelt (Zitat: „Ich finde es komischerweise wichtig, dass die Realität im Mittelpunkt dessen bleibt, was wir Journalisten tun, […]“), dann sollten Sie sich Ihre Einstellung zu den neuen Spiegel-Ideen noch einmal überlegen. Am besten nach dem Absolvieren dieses kleinen Tests:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hans-roslings-ignoranz-test-kennen-sie-die-lage-der-welt-a-990473.html
    Und nein, der Spiegel macht damit genau das Gegenteil von „seine Leser für dumm verkaufen“.

  3. Spiegel Online manipuliert.
    Bei mir wurde der Account gelöscht als ich durch zwei Links den Nachweis der Manipulation nachweisen konnte. Habe das 2 mal reproduzieren können.

    Also Spiegel Online Informiert nicht sondern verfolgt ganz klar eigene politische Ziele.

    Verkommenen Journalismus.

  4. Spiegel Online ist
    -verzerrend
    -manipulierend
    -zensierend
    -gesteuert
    -polemisch
    -verdummend
    -parteiisch
    – weltpolitisches Geschehen massiv ausfilternd
    -inzwischen auf BILD-zeitungsniveau

    Genauso wie Deutschlands Gesellschaft, Demokratie, Sozial-,Infra-,Bildungs-, Industrie- und Finanzstruktur seit nun ca. 20 Jahren den Weg in die Kloake beschreiten, ist die Medienlandschaft keine Ausnahme.
    Ich kann nur anraten viele aussereuropäische Nachrichtenportale und unabhaengige Nachrichtenblogs über eine Metaanalyse nach Kernwahrheiten zu durchforsten.
    SPON ist nur noch zum Wuergen.

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