Warum Spiegel Online ab heute nicht mehr meine Startseite ist

Spiegel Online-Chef Florian Harms will nicht immer nur schlechte Nachrichten verbreiten – aber was macht das besser?
Spiegel Online-Chef Florian Harms will nicht immer nur schlechte Nachrichten verbreiten – aber was macht das besser?

Jedes Mal, wenn ich meinen Laptop starte, erscheint nach dem Ladevorgang eine vertraute Website: Spiegel Online. So war es über eineinhalb Jahrzehnte – bis ich heute einen Blogeintrag von Chefredakteur Florian Harms las und entschied, "SpOn" als Startseite zu löschen: Ich will als Leser nicht wie ein Idiot behandelt werden.

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Eine Startseite aufzugeben, mag manchem lapidar erscheinen. Bei mir ist es nicht so. Allein schon, weil 15 Jahre im Internet eine ziemlich lange Zeit sind. Spiegel Online war schon die Startseite auf meinem Browser, als Terroristen Jets in die Zwillingstürme des World Trade Centers lenkten. Die Homepage war das Zugangstor in meine Online-Nachrichtenwelt, sie war fast immer die erste, wenn auch bei weitem nicht die einzige Quelle, die ich ansteuerte. Oft scrollte ich die Seite für einen raschen Überblick durch, manchmal ließ ich mich von Klick zu Klick treiben und wurde selten enttäuscht. In der frühen Zeit der großen deutschen News-Portale war Spiegel Online eine Klasse für sich.

Beim Spiegel haben sie schneller und massiver Ernst gemacht mit dem Journalismus im Web, was wir Redakteure wie Millionen andere Nutzer dadurch honorierten, dass die Homepage für uns beim Surfen quasi gesetzt war. An Spiegel Online kam lange keiner vorbei, was nicht nur am Spiegel-nahen Qualitätsjournalismus lag, sondern auch daran, dass Mathias Müller von Blumencron als lange Zeit prägender Chefredakteur das Angebot um bunte Meldungen und Entertainment-Elemente erweiterte, die es in der oft spaßfreien und zynischen Welt des gedruckten Spiegel so nicht gab. Blumencron wagte es sogar, eine Ressortleiterin der Bild-Zeitung abzuwerben und ihr das Panorama-Ressort anzuvertrauen. Das sorgte für Kritik auch aus dem eigenen Haus, aber der Erfolg gab ihm recht. Das Ergebnis war eine einzigartige und geniale Themenmischung, die die Konkurrenz vor große Probleme stellte.

Einer meiner MEEDIA-Kollegen schrieb damals, Spiegel Online sei der Internetauftritt, den man sich bei Springer für Bild wünsche. Bild.de war in dieser Zeit noch viel kleiner und brauchte trotz der riesigen Reichweite des Blattes lange, um Spiegel Online zu überholen. In der Folge wurde SpOn immer professioneller und rüstete selbst in Krisenzeiten auf. Als von Blumencron das Portal Anfang 2008 in Richtung Spiegel-Chefredaktion verließ und Nachfolger berief, war die Web-Mannschaft zwischen 150 und 200 Mitarbeiter stark (die Zahlen schwanken je nach Einberechnung von festen Freien) – eine allen deutschen Wettbewerbern überlegene Truppe von teils hervorragenden Journalisten, die thematisch eine Rundum-Berichterstattung lieferten.

Die exzellenten Schreiber gibt es heute noch, das Problem liegt woanders: an der Spitze des Portals. Seit Januar 2015 fungiert Florian Harms als Chefredakteur. Er hat einiges verändert, verbessert hat er nichts. Im Gegenteil: Als Dauernutzer empfinde ich die Homepage von Spiegel Online zunehmend als konfus und ohne Linie. Sie ist langweiliger geworden, und es kostet mich Mühe, die Texte der Autoren zu finden, die ich schätze und die – natürlich – nichts von ihrer Klasse eingebüßt haben. Am meisten aber stört mich die Haltung, die Harms propagiert und zu seiner Leitlinie gemacht hat. Seine wirren Einlassungen, in denen er sich an sein Publikum wendet, triefen von einer als Pädagogik getarnten Arroganz, von der er sich ermächtigt zu fühlen scheint, als Redakteur zu entscheiden, was er mit den Nachrichtenkonsumenten zu teilen bereit ist.

Etwas plastischer formuliert: Florian Harms scheint Leser für Volltrottel zu halten, deren Kontakt mit der Realität stets riskant ist, weil man ja nie vor unerwarteten Reaktionen sicher sein kann. So, als wären „die da draußen“ lauter Wesen, die erzogen und vor Dummheiten bewahrt werden müssen. Nach dem Germanwings-Absturz hat er den Spiegel Online-Lesern News und Bilder vorenthalten, die in den Medien zu Recht omnipräsent waren. Dass auch der Presserat die breite Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe sanktionierte, lässt Harms bis heute unbeeindruckt. Artikel über bestimmte Themen (z.B. Selbstmorde) werden seit seiner Amtsübernahme mit „Beipackzetteln“ versehen, in denen Leser aufgefordert werden, Hilfe zu suchen etc. Dies ist von einer schrecklichen politischen Korrektheit, auf die andere Qualitäts-Portale aus guten Gründen verzichten.

Am heutigen Freitag nun hat Florian Harms im Spiegel-Redaktionsblog einen Beitrag veröffentlicht, der viel weiter geht als die erwähnten Marotten. Offensichtlich sieht der Chefredakteur nun seine Mission darin, die Realität seinem Journalismus anzupassen und nicht umgekehrt. Unter der bemerkenswert filigran formulierten Headline „Artikel, die weitergehen“ wendet er sich an die „lieben Leserinnen und Leser“ und schreibt:

Vielleicht haben Sie es bemerkt: In den vergangenen 24 Stunden haben wir auf Spiegel Online mehr Artikel als sonst veröffentlicht, die zum Weiterdenken anregen, die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet.

Wir verstehen: Die Welt wird garantiert besser, wenn wir auch Katastrophen, Mord und Totschlag etwas Positives abgewinnen können. Vielleicht wird sie auch besser, weil wir uns besser fühlen, nachdem wir Spiegel Online besucht haben. Denk mal drüber nach, scheint mir der Chefredakteur ins Ohr zu säuseln. Wenn ich weiterlese, verstehe ich nur Bahnhof, aber bin ganz sicher, dass er es nur gut mit mir meint:

Natürlich gehört es schon lang zum Profil von Spiegel Online, konstruktiv über das Weltgeschehen zu berichten und dieses auch überraschend abzubilden. Gleichwohl diskutieren wir in der Redaktion derzeit darüber, diesen Ansatz zu verstärken und öfter entsprechende Artikel zu veröffentlichen. Es ist uns wichtig, dass Sie sich anhand vielfältiger Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven Ihr eigenes Bild von der Welt machen können.

Er hat ja recht: Es ist mir durchaus wichtig, dass ich mir mein eigenes Bild von der Welt mache, ehrlich gesagt, wäre ich sehr überrascht, wenn ausgerechnet ein Spiegel-Journalist mir etwas anderes empfehlen würde. Stutzig macht mich nur, was daran neu sein soll und welche andere Perspektive er meint. Harms muss Gedanken lesen können und listet deshalb Beispiele auf. Ich überfliege die Schlagzeilen und nehme mit: „Besatzung war gestern“, „Der Mann, der hilft“, „richtig gut“, „hat geklappt“ etc. Ein tolles Rezept in diesen Zeiten: Danke, Doktor Harms, mir geht’s schon besser. Ich erinnere mich an einen Politikreporter aus meiner Zeit bei der Hamburger Morgenpost, der forderte, wir sollten doch bitte nicht kritisch darüber schreiben, dass die Parteien die Stadt mit Tausenden von Wahlplakaten zugestellt hatten, denn das würde nur die Politikverdrossenheit fördern. Ich bin sicher, er wäre heute ein Fan von Florian Harms.

Für mich gilt das nicht. Ich finde es komischerweise wichtig, dass die Realität im Mittelpunkt dessen bleibt, was wir Journalisten tun, und nicht vermeintlich gutmenschelnde pädagogische Konzepte. Und seltsam, mir erscheint das auch für unseren Berufsstand moralischer und seriöser. Nicht ohne Grund hat Spiegel-Gründer Rudolf Augstein nachfolgenden Generationen einen schlichten Leitsatz mit auf den Berufsweg gegeben. Er lautet: „Sagen, was ist.“ Das Motto hängt an der Wand im Foyer der Spiegel-Zentrale. Jeden Tag geht der Chefredakteur von Spiegel Online daran vorbei, verstanden hat er ihn wohl nicht.

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Alle Kommentare

  1. Morgens zum Kaffee einen ganz flüchtigen Blick auf die „Schlagzeilen“ und wenn`s der Zufall will Abends noch einen kurzen Blick.Muss aber nicht sein.Spiegel-online ist zu einer Allerweltsnachrichtenseite verkommen.Habe lange aufgehört DEN Unterschied zu Springers – Krawall Seiten zu finden.
    Und überhaupt,Presse & Co., wo sind sie geblieben, die Schreibtischtäter?

  2. Zitat: „Florian Harms scheint Leser für Volltrottel zu halten, deren Kontakt mit der Realität stets riskant ist, weil man ja nie vor unerwarteten Reaktionen sicher sein kann. So, als wären “die da draußen” lauter Wesen, die erzogen und vor Dummheiten bewahrt werden müssen.“
    Dieser sehr gute Satz trifft inzwischen mehr oder weniger auf alle Mainstreamprodukte im Printbereich – aber auch auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – zu. Deswegen ist es auch zu begrüßen, dass sich die Leser in immer größerer Zahl diesen Erziehungsversuchen entziehen und auf den Kauf von Printprodukten verzichten. Die Landlust ist mehr oder weniger das einzige Magazin, das ich noch lesen kann, ohne dass mir das Grauen kommt. Ich freue mich schon jetzt auf die nächsten IVW-Zahlen im Oktober. Mögen noch mehr Menschen ihr Geld für sinnvollere Sachen verwenden, als dieses für ihre eigene Manipulation und Verdummung einzusetzen.

  3. Vielleicht den eigenen Text erst gegenlesen, bevor man einem Kollegen vorwirft, seinen Job schlecht zu machen? Oder will man den Leser nicht mit einer Rechtschreibung bevormunden?

    1. Habe nicht das Gefühl, dass Herr Altrogge mich mit einer Rechtschreibung oder auch zwei oder mehr Rechtschreibungen bevormunden möchte. Kann auch nicht erkennen, dass der Autor Spiegel online vorwirft, mit der Rechtschreibung Probleme zu haben. Vielleicht den falschen Text kommentiert?

  4. Das war nicht schlecht formuliert, Herr Altrogge, irgendwann geht einem dieser semipädagogische, aber eigentlich manipulative Gestus auf die Nerven. (Was haben wir vor kurzem gelesen? Amerikanische Jus-Studenten wollen nicht mehr über Vergewaltigung unterrichtet werden, weil sie sich „dabei unwohl fühlen“). Das Positive soll also verstärkt werden. SPon eine Wohlfühloase? Auweia.

    1. Es geht ja nicht darum, die Berichterstattung über Negatives zu unterlassen, sondern kreativen Lösungen und Ideen, mit dem Negativen umzugehen, eine Stimme zu geben!

  5. Ich lese den gedruckten Spiegel seit 5 Jahren nicht mehr. Vielleicht sollte ich wieder damit anfangen. Die hier auf diesem Artikel beschriebenen Sachverhalte zeigen jedenfalls eines: beim Spiegel traut man sich eine Haltung zu. Und das fehlt in vielen Medien heutzutage. Ob man den Leser von dem Nachnamen des Co-Piloten verschonen sollte, ist zum Beispiel eine Geschmacksfrage. Klar ist allerdings, dass der Nachname keinerlei Informationsgehalt trägt. Der Leser ist keinen Deut dümmer, wenn er den Namen nicht lesen muss, da er zur Geschichte nicht das geringste Beiträgt. Der Presserat mag es sanktioniert haben, ich unterstütze die Haltung des Spiegels dennoch 😉

  6. Ach Gottchen, Herr Altrogge. Jetzt haben Sie sich aber mal richtig aufgeregt, oder?

    Dass Medien einen eher negativ-destruktiven Bias haben, dürfte bekannt sein. Vor allem bei Online-Medien hat sich diese Spirale immer weiter gedreht, auf der Suche nach noch mehr Aufreger-Potenzial.

    Jetzt beschließt der Chef des wichtigsten Online-News-Angebots Deutschlands da mal den Kurs etwas zu korrigieren und mehr Ausgewogenheit reinzubringen und schon sehen Sie nichts Geringeres als die Wahrheit bedroht und sich bevormundet.

    Die sind aber gar nicht bedroht. Es ist nur so, dass sich endlich mal ein Medienschaffender die wichtige Frage stellt, wie Journalismus die Gesellschaft prägt. Und welche Verantwortung damit verbunden ist.

    Lesetipp dazu: https://www.konradlischka.info/2015/04/blog/gute-nachrichten-sind-kein-strom/

    Aber das haken Sie wahrscheinlich auch unter der Totschlag-Floskel „Gutmenschentum“ ab.

    1. Sorry, aber auch finde diese künstlich anmutende Aufregung absurd und es beschleicht mich das Gefühl: Da MUSS einer einfach nur dagegen halten!

      Will sagen, wenn der SPIEGEL erkannt hat, dass wir in einer Zeit von Defätismus und Hoffnungslosigkeit, von Ohnmachtsgefühlen gegenüber dem Grauen und dem Horror des Alltäglichen leben, dass immer mehr Menschen lieber gar nichts mehr in IHRE persönliche Realität aufnehmen, als sich damit kritisch auseinanderzusetzen, dann ist doch die Frage berechtigt, ob der Grundsatz „only BAD news is good news“ vielleicht überzogen worden ist — und sei es auch aus so banalen Profitgründen wie der Klickzahlen-Steigerung.

      Darin kann eine „Bevormundung“ hineininterpretieren, aber man kann auch darin den berechtigten Wunsch zur Motivation der LeserInnen sehen, selbst aktiver zu werden, das Gefühl zu bestärken, dass wir alle etwas bewegen können, wenn wir uns nur aus dem bequemen Beobachtersessel erheben und Verantwortung für die Welt übernehmen. Aufbruch statt Resignation.

  7. Alles was hier über spiegel-online steht, stimmt – nur ist dies nicht neu, sondern war immer so. Kollege Altrogge hat es nur nicht bemerkt. Und das erklärt manche Einseitigkeit seiner Texte in meedia.

  8. Sind Sie Masochist ? Oder wie konnten Sie es 15Jahre mit Spiegel Online als
    Startseite aushalten ? Seit Jahren kommt diese Seite m.E. mit einem profanen und frugalen Journalismus daher auf den ich gerne verzichten kann ! Beispiel:
    Vorbericht über einen zu erwartenden großen Sturm in Norddeutschland 2015.
    Ratschlag von Spiegel-Online (sinnngemäß): Wenn Sie bei Sturm die Autotüre öffnen kann das gefährlich sein ! Hätte ich jetzt nicht gedacht ! Da ist mir viel zu wenig Politik und viel zu viel Trivialberichterstattung.

  9. Ich sehe das völlig anders als der Kollege Altrogge. Mir scheint, er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, wenn er seinem alten SPON nachweint. Die klassische Regel „only bad news are good news” hat sich offensichtlich überlebt. Warum schlechte Nachrichten „die Realität” sein sollen und „Constructive Journalism” nicht, bleibt sein Geheimnis. Florian Harms wünsche ich viel Erfolg.

    1. „Constructive Journalism” hört sich irgendwie so an als würde dieser Frau Merkel und Co. ganz besonders gut gefallen.

      Deutsche Medien müssen im Gegenteil einfach zurück zum klassischen Journalismus und sich aus Prinzip gegen die Mächtigen positionieren und die harten, unangenehmen Fragen stellen.

      Deutsche Medien müssen runter vom Trip, zusammen mit Politikern/der Regierung Probleme lösen zu wollen.

    2. Danke!
      Es geht mir schlecht, wenn ich das Negative lese, trotzdem will ich es wissen.
      Es geht mir besser, wenn ich über kreative Lösungsansätze lese, die Hoffnung und Mut machen.
      Wenn es mir gut geht, kann ich in meinem kleinen Umfeld die Welt ein bisschen besser machen.
      Wenn es mir schlecht geht, ziehe ich möglicherweise andere mit runter.
      Ich möchte konstruktiv und Teil der Lösung sein, wie klein der auch immer sein mag. Konstruktive Artikel helfen mir dabei.

  10. … und wie werden sie jetzt mit den neusten Artikeln aus unser linken homosexuellen Multikultidiktatur versorgt ?

  11. Interessant, ich habe auch für mich festgestellt, SPON wird immer schlechter.

    SPON ist klar weiter nach links-dumm-bunt abgedriftet und ist nicht mehr in der Lage Artikel zu gewissen Themen ohne „Spin“ zu bringen, auch die Kommentarfunktion wird jetzt Themenbezogen abgestellt.

    „Faktenchecks“, früher mal einigermassen objektiv, sind heute die absolute Katastrophe

  12. Lieber Herr Harms,

    Sie müssen den Mann auch verstehen – die NSA weiß zu viel über ihn.

    Gruß
    Ihr Verfassungsschutz

  13. wurde ja schon bei anderen artikeln von herrn altrogge über spon darauf hingewiesen:

    „Ist es Zufall dass eine Gudrun Altrogge bei Spiegel TV arbeitet und der Autor dieses Artikels Georg Altrogge heißt? Nur so, aus Interesse.“

    immer brav auf seiten der alten spiegel-kamarilla, gell herr altrogge?

  14. Der Pädagoge scheint doch Altrogge zu sein. Es fällt jedenfalls auf, das Harms die Leser fragt, während Harms möchte, dass die Redaktion die nicht so einfach per se existierende „Realität im Mittelpunkt“ belässt. Also ein klares Bekanntnis zu didaktischer Vorauswahl.
    Nehmen wir die Diskussion nicht als komisch, sondern als erhellend. Im „Mittelpunkt“ steht ja gar nicht die Frage des Realitätsgehalts – die zweifelt ja auch Altrogge nicht bei den von Harms aufgeführten Beispielen an, sondern: Was Leser empfinden sollen, dürfen oder wünschen, wenn sie bei SpOn etwas lesen.
    Die Frage ist spannend, weil sie mit den Überlebenstaktiken des professionellen Journalismus verbunden ist. Immer öfter scheinen sich die Journalisten nur eine Zukunft für ihre Arbeit vorstellen zu können, wenn sie den Lesewert ihrer Artikel als Gefühlswert auffassen: Je höher der Ausschlag bei den Gefühlswerten, desto höher die Leseraten per Social Network Distribution.
    Stimmt das überhaupt??? Lässt sich professioneller Journalismus nur noch mit den Buzzfeed-Taktiken finanzieren?
    Meiner Meinung nach (ich bin Zeitungs-Junkie seit früher Jugend, nicht Journalist) ist das eine Debatte über Gehhilfen statt über selbständiges Laufen. Headlines aufregender? Google-Optimierung? Facebook-Optimierung? Bilder doller? Kürzere Sätze? Mehr Drama? Neugier reizen? Ideale Artikellänge? Mehr positive Emotionen? Mehr Bezug zum Leben der Leute? Etc etc etc. Das ist alles nicht falsch, hilft aber nicht viel, wenn man mit Journalismus Geld verdienen will. Geld geben die Menschen für Informationen nur noch für Relevanz aus. Sobald man mit den anderen Entertainment-Sparten konkurriert, ist man im Wettbewerb a) mit Kostenlos-Modellen, b) mit einem faktisch unendlich umfangreichen und vielfältigen Überangebot (auch User-generated-Content), c) mit Sparten, die unterhalten können, ohne dabei noch aktuelle „Weltkenntnis“ einbauen zu müssen.
    Die Beschäftigung mit den Psychografien der Leser ist ein Ansatz der Unterhaltungsindustrien und der Illustrierten. Kann man machen, wenn man glaubt, Reichweite an die Werbung zu verkaufen wäre die beste Überlebenschance, bringt aber für die Re-Etablierung der Kaufbereitschaft nicht viel.
    Von den Artikeln, die Harms aufführte, war einer für mich sehr interessant. Ich war dankbar, darauf zu stoßen. Grund: Relevanz. Ich hätte den Artkel möglicherweise auch gekauft (preisabhängig). Doch jetzt kommt der Witz …
    … die Zeitungen und Zeitschriften haben (mit sehr wenigen, nicht gut gemachten Ausnahmen) kein einziges Tool entwickelt, das ihnen helfen würde, die Relevanz, die sie für Leser haben, als Kaufangebot darzustellen und zu distribuieren. Stattdessen all diese unökonomischen Debatten um Gehhilfen zur Erhöhung der Gefühlswerte von Artikeln und journalistischen „Marken“.
    Konrad Lischka hat gerade gestern in seinem Blog auf ein Beispiel hingewiesen, wofür Leser im Netz Geld hinlegen. Es gibt viele, viele andere. Sie haben alle mit Relevanz zu tun, also mit Lesernutzen (es gibt einen ganzen Fächer von unterschiedlichstem Zeitungsnutzen, Emotionen gehören auch dazu, bei der Rheinzeitung sind im Einzelverkauf Artikel über den Regionalsport stark gefragt … der reichste Mann der Welt beginnt und endet seinen Tag mit Zeitungen und dazwischen verbringt er 80% seiner Zeit ebenfalls mit Lesen).

  15. „Gutmenschelnde pädagogische Rezepte“ findet man bei fast allen Medien. Besonders beim Tagesspiegel zur Flüchlingsfrage: Alles kein Problem; wir können uns die Butter „zentimeterdick“ aufs Brot schmieren und deshalb an die Zuwanderer abgeben. Rentner mit weniger als 1000 € kennt man beim Tagesspiegel nicht. Und „besorgte Bürger“ wird immer in Anführungszeichen gesetzt. Wer besorgt über den Flüchtlingszustrom ist, kann für den Tagesspiegel nur ein Nazi oder Rassist sein. Die Redakteure sind lauter Gutmenschen, die wahrscheinlich abgeschirmt im Grunewald wohnen.

  16. Lieber Herr Altrogge, ihr Stück ist zwar recht nett geschrieben, inhaltlich kann ich Ihnen aber ganz und gar nicht folgen. Ihre Vorwürfe gegen Florian Harms und SPON sind weit hergeholt, werden skandalisiert, dann noch einige merkwürdige persönliche Anmachen („Harms scheint Leser für Volltrottel zu halten“) und das war es. Ob Spon nun nicht mehr Ihre Starseite ist. So what!! Ich kenne den Spiegel-Apparat von Innen, war mehr als 10 Jahre bei Aufbau dabei (manager magazin Online), habe mit Blumencron gearbeitet, kenne Florian Harms und bin weiterhin voll vom Job und der Qualität der Onliner überzeugt. Das Produkt schreibt schwarze Zahlen (offenbar im Gegensatz zu Meedia), es ist Ruhe im Verlag eingekehrt und die Kollegen sind selbstbewusst genug, eine solch uninspirierte Attacke gähnend zu ignorieren. Berste Grüße nö

  17. Herr Altrogge, ich verstehe Ihren Ärger ja, wenn ich mich auch wundere, das Sie es scheinbar klaglos ertragen haben, ihre Arbeitstage fünfzehn Jahre lang mit SPON zu beginnen, das konnte nicht gut gehen. So viel Treue verdient keine Redaktion, da muss es unweigerlich zu enttäuschter Liebe kommen. Viele von uns lieben Rituale, manche sehr. Aber wären im Bedarfsfall Atemübungen – im eigenen, wie im öffentlichen Interesse – nicht sinnvoller, als die Erwartung, den richtigen News- oder Themenmix von stets der einen Quelle zu erhalten? Und wären ein paar simple Fragen, bevor man in die Tasten haut, nicht auch hilfreich zur Qualitätssicherung: Ist es wirklich im öffentlichen Interesse? Oder in meinem? Oder dem des Chefs? Und: Bin ich in der Lage, mich im gegebenen Rahmen auf die Höhe des Themas zu hieven? Jeder Tag bietet neue Chancen, vorschnelle, irrelevante, unfaire, hässliche, peinliche Beiträge nicht zu schreiben (auch ich denke an den Germanwings-Absturz).

  18. Passend dazu hat Spon auch gleich mal die Kommentarfunktion für verschiedene Themen gekippt. Was z. B. die Flüchtlingsdebatte angeht, gibt’s bei Spon bei nahezu allen Artikeln eben nur nich die eine: die von Spon.

    Leser mundtot machen – dolles Ding.

  19. Lieber Herr Altrogge,
    wenn es Ihnen um einen Journalismus geht, der ein korrektes Weltbild vermittelt (Zitat: „Ich finde es komischerweise wichtig, dass die Realität im Mittelpunkt dessen bleibt, was wir Journalisten tun, […]“), dann sollten Sie sich Ihre Einstellung zu den neuen Spiegel-Ideen noch einmal überlegen. Am besten nach dem Absolvieren dieses kleinen Tests:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hans-roslings-ignoranz-test-kennen-sie-die-lage-der-welt-a-990473.html
    Und nein, der Spiegel macht damit genau das Gegenteil von „seine Leser für dumm verkaufen“.

  20. Spiegel Online manipuliert.
    Bei mir wurde der Account gelöscht als ich durch zwei Links den Nachweis der Manipulation nachweisen konnte. Habe das 2 mal reproduzieren können.

    Also Spiegel Online Informiert nicht sondern verfolgt ganz klar eigene politische Ziele.

    Verkommenen Journalismus.

  21. Spiegel Online ist
    -verzerrend
    -manipulierend
    -zensierend
    -gesteuert
    -polemisch
    -verdummend
    -parteiisch
    – weltpolitisches Geschehen massiv ausfilternd
    -inzwischen auf BILD-zeitungsniveau

    Genauso wie Deutschlands Gesellschaft, Demokratie, Sozial-,Infra-,Bildungs-, Industrie- und Finanzstruktur seit nun ca. 20 Jahren den Weg in die Kloake beschreiten, ist die Medienlandschaft keine Ausnahme.
    Ich kann nur anraten viele aussereuropäische Nachrichtenportale und unabhaengige Nachrichtenblogs über eine Metaanalyse nach Kernwahrheiten zu durchforsten.
    SPON ist nur noch zum Wuergen.

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