Die missglückte Medien-Gleichschaltung bei Volker Pispers

Doof: Vor lauter Brüsten von Miley Cyrus findet man ja das Facebook-Firmenschild gar nicht!
Doof: Vor lauter Brüsten von Miley Cyrus findet man ja das Facebook-Firmenschild gar nicht!

Ein Deutschlandfunker verfährt sich auf dem Weg zu Facebook in Hamburg. Volker Pispers kriegt das mit der Medien-Gleichschaltung in Deutschland nicht hundertprozentig fehlerfrei auf die Reihe. Chip Online versucht es im heißen Sommer mit “anzüglichen Nacktbildern” und Til Schweiger ist auf Talkshow-Tour. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Es muss wunderbar ruhig und beschaulich sein, beim Deutschlandfunk zu arbeiten. Da kann man sich als Hamburg-Korrespondent auch mal aufs Fahrrad setzen und auf die Suche nach dem Facebook-Büro in der Hansestadt machen, weil es diese Penner vom weltgrößten Social-Dingsbums nicht geschafft haben NACH ZWEI, DREI, VIER TAGEN ein beanstandetes Foto einer Kollegin, das für einen dieser schlimmen Fake-Hetz-Beiträge über die man jetzt so viel liest, benutzt wurde, zu entfernen. Der gute Mann hat es offenbar nicht geschafft, den Pressekontakt von Facebook Deutschland (Tina Kulow) im Internet herauszufinden und auch beim Auffinden der Adresse (Caffamacherreihe 7, 20355 Hamburg) hat er sich eher schwer getan. Für diese gebremste Schlauheit gab’s dann ausgiebig Spott im Netz und Thomas Knüwer hat sogar eine ganz lange Anleitung verfasst, wie man Facebook in Hamburg findet. Ein solcher Fauxpas muss also nicht mehr vorkommen.

Volker Pispers ist deutscher Kabarettist, ehemaliger Gymnasialleher und Vollbartträger. In jüngster Zeit stolpere ich bei Facebook immer öfter auf Videos mit seinen Auftritten, wobei sich Pispers stets wortgewaltig über die da oben (Regierung, Banken, Medien) auslässt. Bemerkenswert fand ich vor allem dieses Video, das schon ein paar Tage älter ist und sich mit den Medien in Deutschland befasst.

Volker Pispers: Wem gehören eigentlich die deutschen Medien?Medienmeute verzweifelt: Verhasste Wahrheitsbewegung drangsaliert Eigentümer deutscher Medienkonzerne über Auftritte im Staatsfernsehen! Im April 2015 nutzte Volker Pispers erneut einen Auftritt im öffentlich-rechtlichen Gebührenfernsehen und stellte die Eigentümer der hiesigen Massenmedien öffentlich an den Pranger. Die neuerlichen Äußerungen des politischen Kabarettisten, der früher als Gymnasiallehrer tätig war, dürften im erlauchten Kreis deutscher Machteliten, für großen Unmut und Ärger gesorgt haben. Denn Pispers erklärt wie das perfide Spiel zwischen Politik und Medien funktioniert und nennt Ross und Reiter gnadenlos beim Namen. Die ungeschminkte Wahrheit unzensiert, scharfsinnig. und brillant vorgetragen! Chapeau Volker!Liebe Blogger und Internetnutzer. Bitte teilt diesen Beitrag größtmöglich im Internet, in Foren und Blogs und natürlich auf VKontakte, Facebook und Twitter. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir uns von der deutschen Lügenpresse nicht beirren lassen und eine angemessene Gegenöffentlichkeit herstellen.

Posted by Anonymous on Freitag, 5. Juni 2015

Pispers erzählt, dass die ganze Medienmacht hierzulande in den Händen einiger weniger reichen Familien liegt (Springer, Mohn, Burda, Schaub, Funke), die mehr oder weniger in ihren Villen hocken und mit Daumen hoch und Daumen runter Schicksal spielen. Pispers vertritt im Video die These, dass Ex-Bundespräsident Wulff von Friede Springer “weggemacht” wurde, weil er dieses “Der Islam gehört zu Deutschland”-Sätzchen gesagt und einen Vortrag über die Zinspolitik gehalten habe. Eine These, zu deren glühendsten Anhängern nicht zuletzt Wulff selbst zählt. Zu Springer, so Pispers weiter, gehörten auch noch “jede Menge Fernsehzeitschriften”. Das sagte er im April 2015, obwohl Springer diese Fernsehzeitschriften da schon längst an Funke verkauft hatte. So simpel geht es zu in der Pispers-Welt, in der sowieso “alles gleichgeschaltet” ist: “Heute kann der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Nikolaus Blome, Chefredakteur beim Spiegel werden. Das wäre früher undenkbar gewesen.”

Bloß, dass Blome nie Chefredakteur der Bild-Zeitung war und auch nie Chefredakteur des Spiegel. Und Blomes Gang zum Spiegel hat dort massive Verwerfungen ausgelöst, an deren Ende sowohl Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner aus dem Amt gedrängt und als deren Folge auch Blome mittlerweile wieder beim Spiegel weg ist. Doch nicht alles so gleichgeschaltet, wie Herr Pispers das für seinen Vortrag gerne über einen reichlich groben Kamm schert. Naja. Kann er ja machen, wenn es seiner Zielgruppe gefällt. Das wirklich seltsame ist aber, dass dieses klassenkämpferische Links-Kabarett des Volker Pispers in den Sozialen Medien von vielen Leuten goutiert und geteilt wird, die eher verschwörungstheoretisch unterwegs sind. Wenn altlinke Studienräte und potenzielle Kopp-Leser über dieselben Witze lachen, kann einem schon ein wenig mulmig werden.

Bevor es hier zu ernst wird, schnell rüberschalten zu dem Computer- und IT-Fachmedium Chip Online. Die verbreiteten in dieser hitzigen Woche über Twitter Top-Fach-Content, der sich gewaschen hat:

Hui! Die neun “anzüglichsten Instagram-Nacktbilder” der Miley Cyrus. Die Computerfachpresse geht, so scheint es, mit der Zeit. Jetzt denken Sie aber bitte bloß nicht, ich würde mich über dieses billige Sex-Clickbaiting künstlich aufregen. Was mich wirklich aufgeregt hat, war, dass man nach dem Klick statt der versprochenen “neun anzüglichsten Instagram-Nacktbilder” der Künstlerin Miley Cyrus bloß ein schrabbeliges Mini-Video serviert bekam, das mit dieser schlimmen Software zusammengetackert wurde, die sie so gerne bei Focus Online und der Huffington Post benutzten. (Es handelt sich hierbei ganz offenbar auch um ein HuffPost-”Video”.) Statt also einfach die “neun anzüglichsten Instagram-Nacktbilder” zu sehen, muss man sich eine Video anschauen, das die anzüglichen Instagram-Nacktbilder gierig abzoomt und dazu gibt es noch einen daherseiernden Off-Kommentar. All dies geschieht selbstverständlich aus dem einen, banalen Grund, dass Bewegtbild-Werbung verkauft werden soll. Vor dem ganz und gar überflüssigen Miley-Cyrus-Pseudovideo gibt es darum noch eine nervige Werbung zu sehen. So etwas ist für alle, wirklich alle Beteiligten schlecht: für Miley Cyrus, für die Werbekunden, für die Leser, für die Medienmarke Chip sowieso und auch für den armen Tropf, der diese entwürdigen Videos betexten muss. Zum Thema, wie Chip seine Ruf als Medienmarke ruiniert, stand neulich übrigens hier bei Lousy Pennies ein lesenswerter Artikel.

Kommen wir endlich zu guten Nachrichten! Die gibt es ab sofort bei Spiegel Online. Ja, richtig gelesen. Die SpOn-Leute haben sich was Neues ausgedacht: Sie wollen künftig nicht mehr nur ausschließlich schlechte Nachrichten bringen. Und, jetzt wird es richtig revolutionär, sie wollen sogar Beiträge veröffentlichen, die zum “weiterdenken” anregen. Ganz was Neues, offenbar. Das hat heute jedenfalls Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms heute mitgeteilt. Müssen wir im Umkehrschluss nun annehmen, dass bisher bei Spiegel Online also nur schnellebige, katastrophengeile Sachen veröffentlicht wurden, die man schnell wieder vergessen kann?

Sooo schlimm fand ich das Angebot bisher ehrlich gesagt gar nicht. Aber wenn der Chefredakteur meint …

So ein Mist! Haben Sie den Medien-Rant von Til Schweiger diese Woche im letzten “Donnerstalk” im ZDF auch verpasst? Macht nix. Am nächsten Dienstag schaut “Talkshow Til” bei seiner kleinen Sommer-Tour im Ersten vorbei. Thema wie gehabt.

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Alle Kommentare

  1. Ich liebe die Vereinfachung der Thematik in Sachen satirisches Kabarett, die hier zu lesen ist. Pispers und Nuhr, zwei Fremde in der Unterhaltungsbranche.
    Der eine baut sein Programm auf Fakten auf, der andere macht Nuhr Faxen.
    Wenn Dieter Nuhr’s Meinung als deutsche Allgemeinbildung zählt, dann ist Sarkasmus und Zynismus die neue Umgangssprache.
    Es ist gut das es einen Georg Schramm, Volker Pispers, Urban Priol usw. gibt!

  2. Wikipedia:
    Er ist stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung und verantwortlich für das Politik- und Wirtschaftsressort. Zuvor war er von 2013 bis 2015 als Leiter des Hauptstadtbüros Mitglied der Chefredaktion des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Von 2011 bis 2013 war er schon einmal stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung.

  3. Der Verkauf der Vernsehzeitschriften von Springer an Funke ist vernachlässigbar, weil sich ja dadurch nichts ändert…. Die Geschichte von Blome ist schon hinlänglich klargestellt. Als ob es den Unterschied macht, ob er jetzt stellvertretend war oder Chefredakteur. Herr Winterbauer stellt es so dar, als ob es völlig unwahr wäre, damit tut er genau das, was er Pispers vorwirft.
    Ich denke es ist wichtig zu wissen, wem welche Zeitungen gehören und wer Hartz IV entwickelt hat. In etwa so wichtig wie zu wissen, welcher Lobbyist welchen Bundestagsabgeordneten besucht und wie oft. Pispers kann man mögen oder nicht, aber wenige verstehen es einen Gesamtzusammenhang herzustellen und wirklich erhellendes darzulegen: z.B. was girieren ist, weshalb das Konto Girokonto heißt, das hab ich mich noch gar nicht gefragt.

  4. Danke für die klaren Worte zu Pispers, den ich seit einiger Zeit kaum mehr anschauen kann. War er mir früher tatsächlich ein kabarettistisches Licht im Dunkeln, so scheint auch er inzwischen auf diesen schrägen Pfad geraten zu sein, auf dem vor allem Putinfreunde, Verschwörungsspinner und die erwähnten Kopp-Leser unterwegs sind. Also eher unzurechnungsfähiges Volk. Auf demselben Weg ist auch Die Anstalt, ehedem ehrenwerte Einrichtung im ZDF, unterwegs. Die Frankfurter Rundschau nannte die Sendung sehr treffend einmal den Ken-Jebsen-Stammtisch. Und wer Ken Jebsen nicht kennt, hat wirklich nichts verpasst. Noch mal danke für den Beitrag, gerne mehr.

  5. Bis 20. Mai 2015 war er als Leiter des Hauptstadtbüros Mitglied der Chefredaktion des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Zuvor war er von 2011 bis 2013 stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung.

  6. Springer hat seine Fernsehzeitschriften verkauft. Alle? Nein! Zwei in der Schweiz und zwei in Ungarn sind bei Springer verblieben. Alles innerhalb vom zwei Minuten leicht zu googeln. Sich eingangs über die miese Recherchequalität beim Deutschlandfunk madig machen um dann selbst so ein Armutszeugnis abzuliefern. Autor Winterbauer, setzen, Versetzung gefährdet.

  7. Aber natürlich Herr Winterbauer. Wir glauben an Hubert Burda und seine Freunde und seine angestellten Satrapen. Denn nur sie bringen das Heil. Amen.

  8. Der Kanal bzw die FB-Seite, auf der das Pispers-Video hochgeladen und verlinkt ist, gehört zu eben diesem verschwörungstheoretischen Mileu, das man weit rechts selbst von KOPP einordnen kann und hat nicht das Geringste mit Anonymous zu tun. Ich empfinde es als keine besonders gute Lösung, zwar auf die merkwürdige Kooperation zwischen „altlinken Studienräten und Kopp-Lesern“ hinzuweisen, aber dann eben den Agitatoren der Kopp-Leser Klicks zu generieren und die eigenen Leser ohne Hinweis nach dort weiterzuleiten. Ich finde, das würde zu eurer journalistischen Sorgfalt gehören, das klarer zu kennzeichnen oder gar nicht erst auf „Anonymous.Kollektiv“ zu verlinken, sondern das Video selbst hochzuladen.

  9. Okay, Meedia scheint mittlerweile bedeutungsvoll genug geworden zu sein um infiltriert zu werden. Hier ertönt Hetze gegen denjenigen, der Ungerechtigkeiten benennt, nicht gegen diejenigen, die sie begehen. Schade…
    Übrigens: Blome war Leiter der Chefredaktion beim Spiegel und stellvertredender Chefredaktuer bei BILD. Dass Pispers es in seinem Programm vereinfachte ist natürlich eher als „bösartige Desinformation“ und nicht als Vereinfachung des Erzählrhytmus aufzufassen. Wie sähe es mit dem Streitfall der Satiresendung DIE ANSTALT und der Wochenpostille DIE ZEIT aus? Hätte sich Herr Winterbauer auchin dem Fall auf die Seite DIE ZEITs geschlagen, weil Uthoff und Von Wagner bei deren satirischen Ausführungen manchmal nicht genau waren? Wie auch immer: Dieses, nach Meinung des Autors, schlimme Vergehen der Ungenauigkeit zeigt für ihn eine offensichtlich missglückte Darstellung gleichgeschalteter Medien seitens Pispers (dabei sind es längst eine Vielzahl nennenswerter Persönlichkeiten die, die Einseitigkeit unserer Medien kritisieren wie Scholl-Latour, Krone-Schmalz und Uwe Krüger). Interessant hierbei, dass Stefan Winterbauer auf die in der Tat vorhandenen Verflechtungen besagter Familien in Medienunternehmen gar nicht erst eingehen mag. Diese verschweigt er lieber, als würden diese Verstrickungen nicht existieren… Merkwürdig. Und zum Abschlulss noch die Ausführung zur Verschwörungsthematik, die ich vom Autor angeschoben schon fast bösartig finde. Ein gutgläubiger und frommer Journalist weiß selbstverständlich, dass die letzte offizielle Verschwörung gegen Caesar vom finsteren Senat durchgeführt wurde und danach auf ewig vom Spektrum politischer Machenschaften verschwunden ist, oder war diese Äußerung nun schon zu verschwörungstheorethisch?
    Es bleibt einem Konsumenten und Bürger nur noch übrig, sich zunehmend von solchen Medien fern zu halten, dem Schutz eigener Gedanken wegen.

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