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Ein dicker Landesverrat-Versprecher und das beste Walser-Interview, das nie gedruckt wurde

DIe berüchtigte Dreier-Bande: Yanis, Guido, Martin
DIe berüchtigte Dreier-Bande: Yanis, Guido, Martin

Ein Versprecher eines Deutschlandfunk-Korrespondenten ließ den aktuellen Landesverrat-Aufreger kurzzeitig in anderem Licht erscheinen. Die taz vergibt Haltungsnoten für die neuste Mediendisziplin: das Yanis-Varoufakis-Interviewporträt. Martin Walser ärgerte die Basler Zeitung und die machte das Beste daraus.

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Der Generalbundesanwalt ermittelt bekanntlich gegen die Betreiber des Blogs Netzpolitik.org wegen angeblichen Landesverrats bzw. er lässt die Ermittlungen gerade ruhen wie ein Stück hochwertiges Steakfleisch. Die Sache mit dem #Landesverrat stürzte Medienkreise am Donnerstagabend und Freitag in helle Aufregung. Außerhalb der Medien-Filterbubble erntet man, wenn man dieses Thema anspricht, dagegen meist ratlose Blicke und ein Achselzucken. Wird denn überhaupt gegen diese Schlingel von Netzpolitik.org ermittelt oder nur gegen deren Quellen? Das hat Rolf Clement, Korrespondent für Sicherheitsfragen, jedenfalls heute früh im Deutschlandfunk so erzählt. Clements Einlassungen waren so etwas wie eine berichterstatterische Geisterfahrt. Der Deutschlandfunk erklärte den Patzer später auf Twitter damit, der Herr Clement habe die Frage wohl akustisch nicht richtig verstanden oder sich versprochen. Und außerdem berichte man ja schon seit gestern Nachmittag praktisch pausenlos über diese Sache.

Man meint fast, aus den Tweets des Deutschlandfunks eine gewisse Gereiztheit herauslesen zu können. Ganz schön empfindlich, diese Qualitätsmedien. Und jetzt traut denen Kai Diekmann nicht mehr. Da haben sie den Salat, beim DLF:

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Nächstes Ziel der verehrten Herren Verfassungsschützer und der Generalbundesanwaltschaft könnte dann die allseits beliebte Titanic sein, die aus Solidaritätsgründen auch ein paar brisante Dokumente veröffentlicht hat.

Was ist das eigentlich für ein Mode- und Stil-Experte, der eine Art Smoking-Jacke zu einem Pulli trägt und dem bei einer TV-Sendung schon mal eine Calvin-Klein-Unterhose mit rosa Dehnbund aus der Jeans ragt? Guido Maria Kretschmer heißt der Mann, hat diese Woche bei der Bild-Zeitung Blatt-Kritik gemacht und ein paar seiner berühmten Styling-Hinweise dagelassen.

Mir fehlt für die Einlassungen des Herrn Kretschmer offenbar jedes modische Verständnis.

Ein Lob der taz! Die tageszeitung aus Berlin hat mir freundlicherweise die Arbeit abgenommen, eine Übersicht über die Yanis-Varoufakis-Interview-Porträts der vergangenen Tage zu erstellen. Die taz hat das sehr übersichtlich gemacht und verteilt Haltungsnoten in den Kategorien “Form”, “Infogehalt”, “Selbstinszenierung der Reporter”, “Klischeegehalt” und “Bester Satz”. Der stern kommt dabei mit seinem von Arno Luik geführten Interview am Besten weg. Kein Wunder, der Herr Luik war ja für sein Stück bei Varoufakis für mehrere Tage eingezogen. Der Spiegel mit seinem doch sehr selbst-bespiegelnden Gespenster-Jagd wird am schlechtesten bewertet. Das große. mehrseitige Yanis-Varoufakis-Interviewporträt sollte beim Henri-Nannen-Preis nächstes Jahr eine eigene Kategorie bekommen!

Während es offenbar recht einfach war, Yanis Varoufakis zu einem Interview zu bewegen, sieht das bei Martin Walser schon ganz anders aus Bzw.: Das mit dem Interview, das geht schon noch. Nur mit dem Veröffentlichen ist das dann eine ganz andere Sache. Die Basler Zeitung hat den gut behüteten Groß-Schriftsteller und Profi-Augenbrauenträger zum Sommergespräch getroffen und man ging sich dabei offenbar bei einem Glas Weizenbier gehörig gegenseitig auf den Senkel. Eigentlich ideale Bedingungen für ein unlangweiliges Gespräch. Walser schien retrospektiv nicht amüsiert und sein Verlag versagte die Erlaubnis zur Veröffentlichung. Ja, die miesepetrigen Leute bei Rowohlt drohten sogar mit Utimatum und juristischen Bemühungen, sollten die Basler nicht zusichern, das Interview auf gar keinen Fall zu veröffentlichen. Die Schweizer Reporter und ihre Zeitung wägten ab, kamen zum Schluss, dass die Sache einer anwaltlichen Auseinandersetzung nicht würdig sei und hatten dann eine viel bessere Idee. Sie haben statt des Interviews einen sehr subjektiven und sehr lesenwerten Text über das Treffen mit Walser geschrieben und ganz ohne Erlaubnis veröffentlicht. Der Titel “Erfahrungen beim Verfassen eines Interviews” ist eine Anspielung auf Walser berühmte Paulskirchen-Rede “Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede” anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn. Für den Artikel in der Basler Zeitung gilt eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Ob Walser jetzt den deutschen Verfassungsschutz einschaltet, war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Wochenrückblick noch nicht bekannt.

Wünsche ein meinungsfreies Wochenende!

 

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