Anzeige

Neuer Weser-Kurier-Chefredakteur Döbler: „Es macht einen Höllenspaß“

Moritz Döbler, Chef des Weser Kurier
Moritz Döbler, Chef des Weser Kurier

Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass Moritz Döbler seinen Posten als Geschäftsführender Redakteur des Tagesspiegels aufgab und die Chefredaktion des Weser-Kuriers (WK) in Bremen übernahm. Seitdem hat er das Blatt Schritt für Schritt reformiert, und er hat noch einiges vor. Eine erste Bilanz nach sechs Monaten: viel Licht, aber auch ein bisschen Schatten - darunter der schnelle Abgang einer angesehenen Ressortleiterin.

Anzeige
Anzeige

von Eckhard Stengel

Er hat frischen Wind ins Bremer Pressehaus gebracht, ohne wie ein Tornado alles durcheinanderzuwirbeln. Behutsam bricht Döbler mit mancher Tradition und probiert hier und da Neues aus. Der Weser-Kurier (verkaufte Auflage im 2. Quartal 2015 samt den mittlerweile völlig identischen Bremer Nachrichten: 152.073 Exemplare, davon 10.218 E-Paper) konzentriert sich jetzt stärker auf das, was ihn am meisten von anderen Medien unterscheidet: seine Kompetenz im Lokalen und Regionalen. „Ich wünsche mir jeden Tag eine Geschichte, über die Bremen spricht“, hatte der 49-Jährige schon vor seinem Amtsantritt erzählt. Deshalb wird die Titelseite neuerdings mit Themen aus dem Raum Bremen aufgemacht – was manchmal etwas krampfhaft wirkt: Die Schlagzeile „Bremer Museen zählen mehr Besucher“ wurde vermutlich nicht zum Stadtgespräch.

Trotz der Fokussierung auf die Region kommt die überregionale Berichterstattung nicht zu kurz. Im Gegenteil: Döbler landete den Coup, einen Liefervertrag mit der DuMont-Hauptstadtredaktion abzuschließen, jenem Berliner Korrespondentenbüro, das 2010 zunächst nur für Blätter des DuMont-Schauberg-Verlags wie den Kölner Stadt-Anzeiger oder die Berliner Zeitung gegründet worden war. Damit verfügt der WK seit 1. Juni über 16 Berliner Korrespondenten statt zuletzt nur noch einen einzigen. Der wiederum wurde nicht entlassen, sondern durfte in die Bremer Politikredaktion zurückkehren. Der Vorteil für den Verlag: Er spart sich die Miete für ein eigenes Korrespondentenbüro. Der Vorteil für die Leserschaft: Sie profitiert von einer hochwertigen umfassenden Berichterstattung, wie ein Einzelkämpfer sie gar nicht leisten kann. In Berlin schaut jetzt allerdings niemand mehr mit dem speziellen Bremer Blick auf die Bundespolitik. Döbler meint jedoch: „Wenn wir ein Thema auf Bremen drehen wollen, können wir das von hier aus eigentlich sogar besser. Und bei für Bremen wichtigen Terminen oder Themen in Berlin können wir jemanden von DuMont oder aus Bremen hinschicken.“

Die vielleicht auffälligste Neuerung sind die opulent bebilderten Doppelseiten, mal zu Griechenland, mal zu weichen lokalen Themen. Der Chefredakteur ist besonders stolz auf diese Panoramaseiten und sieht darin den Ausdruck eines „hochwertigen Printprodukts“. „Das ist eine Anmutung, die gerade jüngeren Menschen mit anderen Sehgewohnheiten Spaß macht“, glaubt er. Aber auch hier schießen Döbler und sein neuer Lokalressortchef Arno Schupp manchmal übers Ziel hinaus: Welcher Leser weiß es zu goutieren, wenn ihm zwei komplette Seiten nur zum Start der neuen Matjessaison serviert werden, samt einem 60 Zentimeter breiten Heringsfoto? In diesem Punkt räumt Döbler immerhin ein: „Der Hering war ein bisschen zu groß. Lebensgroß hätte gereicht.“

„Wir wollen Abwechselung und unterschiedliche Perspektiven bieten“

„Was für eine Platzverschwendung!“, denken sich da manche Leser und wünschen sich, dass der WK auch bei politischen Anlässen immer so engagiert wäre wie bei der Aufbereitung bunterer Themen. Doch da passieren gelegentlich Pannen: Wichtige Ereignisse wie etwa die Verurteilung eines Prügel-Polizisten werden verschlafen, andere erst mit einem oder zwei Tagen Verspätung aufgegriffen und dann womöglich noch auf einer der hinteren Lokalseiten abgefeiert. Dabei hatte Döbler kurz nach seinem Amtsantritt doch angekündigt: „Ich will relevante Inhalte vermitteln.“ Das gelingt der Redaktion noch nicht immer. Im Gespräch mit MEEDIA sagt er: „Entscheidend ist die Mischung zwischen leichter und schwerer Kost. Wir wollen Abwechselung und unterschiedliche Perspektiven bieten.“

Besonders ausführlich und vielseitig berichtete der WK über den jüngsten Bürgerschaftswahlkampf. Respekt! Aber auch hier lief nicht alles optimal. Manche Geschichten wirkten wie versuchte Wahlbeeinflussung zu Lasten der rot-grünen Koalition. In Wirklichkeit handelte die Redaktion dabei wohl nur gedankenlos – etwa, als sie am Vortag der Wahl zwei Dutzend Bremerinnen und Bremer mit ihrem „Wunsch für die Bürgerschaftswahl“ zitierte und dabei eine völlig einseitige Zufallsauswahl traf: Rund 40 Prozent der Befragten waren Geschäftsleute.

An anderen Stellen hat man dagegen das Gefühl: Da macht sich einer richtig Gedanken. Zum Beispiel hat sich die Redaktion unter Döblers Leitung ein „Leitbild“ verpasst. Die dazu gehörenden „Leitsätze“ präsentiert er nach und nach auch der Leserschaft. Der erste lautet: „Wir sind Bremen und umzu. Der Weser-Kurier gibt bei allen relevanten Themen in Bremen und der Region den Takt vor. Wir sind hier verwurzelt und halten die Balance zwischen Heimatverbundenheit und kritischer Distanz. Wir sind Teil der Zivilgesellschaft und begleiten bürgerschaftliches Engagement.“

Erfrischend neu ist auch die Bereitschaft der Redaktion, Fehler einzugestehen
Anzeige

Zum Leitbild gehört auch der Anspruch, Impulse zu geben und Debatten anzustoßen – nicht nur mit Kommentaren und täglichen Gastbeiträgen, sondern auch mit Diskussionsveranstaltungen, zum Beispiel über Lärmbelästigungen in einem Kneipenviertel.

Erfrischend neu ist auch die Bereitschaft der Redaktion, Fehler einzugestehen. Kaum ein anderer Chefredakteur hätte die Größe, sich für einen Reisebericht zu entschuldigen, in dem ein Hotelanbieter hervorgehoben wurde.

Vereinzelt macht Döbler auch Reformen seiner Vorgänger rückgängig. So ist der Leitartikel von Seite 2 zurück auf die Titelseite gewandert. Und die vor wenigen Jahren eingeführten Vorspänne sind wieder verschwunden. Eine weitere Reform-Reform fehlt allerdings noch: In der Amtszeit von Chefredakteur Lars Haider schaffte der WK die meisten Agenturkürzel ab. Seitdem schmückt sich das Blatt mit Namen von dpa-Korrespondenten, als wären es eigene Autoren – ein Verstoß gegen das Prinzip der Quellenklarheit und -wahrheit. Döbler ist sich „noch nicht sicher“, ob er das korrigieren will.

Am Ende seines ersten Amtshalbjahres hat der neue Chef aber auch schon einen Rückschlag erlitten. Er hatte der Süddeutschen Zeitung die angesehene Wirtschaftskorrespondentin für Norddeutschland, Kristina Läsker, abgeworben. Seit 1. Mai leitete sie das WK-Wirtschaftsressort. Doch Ende Juli ist sie ihm von der Fahne gegangen. „Wir trennen uns im gegenseitigen Einvernehmen“, lautet die offizielle Sprachregelung. Über die genauen Gründe kann nur spekuliert werden. Möchte die 44-Jährige vielleicht wieder stärker als Autorin statt als Organisatorin arbeiten? Weder Döbler noch Läsker wollen sich dazu äußern. Aber bei beiden ist zu spüren, dass sie sich trotz der schnellen Trennung weiterhin sehr schätzen.

Döbler gilt als umgänglich, teamfähig und kommunikativ

Überhaupt scheint das Klima unter dem neuen Chef menschlich sehr angenehm zu sein. Er gilt als umgänglich, teamfähig und kommunikativ. Manche halten ihn allerdings für einen Workaholic, der entsprechenden Einsatz auch von seinen Leuten fordere. Döbler bestreitet das: „Workaholic klingt so nach Tretmühle.“ Er aber sei aus purer Leidenschaft im Einsatz, denn: „Es macht einen Höllenspaß.“ Seine eigene Arbeitszeit, versichert er, mache er nicht zum Maßstab für seine „richtig tolle Redaktion“.

Er selbst ist „absolut zufrieden“ mit seinem ersten Halbjahr an der Weser. „Wir kommen gut voran und sind schon weiter, als ich erwartet hatte.“ Der Anstieg des Einzelverkaufs vom ersten zum zweiten Quartal 2015 um 9,22 Prozent und der im Branchenvergleich ungewöhnlich geringe Abo-Rückgang um 0,18 Prozent (einschließlich E-Paper) zeigen nach seiner Ansicht, „dass wir das Leserbedürfnis besser treffen als früher“.

Aber Döbler hat auch noch einiges vor. Bisher gestaltet jedes Ressort seine eigenen Seiten für die Printausgabe, und die Onlineredaktion bereitet die Inhalte fürs Internet auf. „Ab November“, kündigt Döbler an, „werden wir ressort- und medienübergreifend produzieren.“ Und zwar so, dass die einzelnen Ressorts des Bremer Pressehauses und drei der acht Außenredaktionen aus dem Umland nur noch die Texte liefern, die dann zentral für Print und Online aufbereitet werden. „Wir trennen stärker zwischen Reportern und Editoren“, sagt Döbler. Jeder der rund hundert festangestellten Redakteure der Bremer Tageszeitungen AG (BTAG) wird sich also entscheiden müssen, ob er künftig lieber schreiben oder lieber produzieren möchte. „Das wird ein ziemlich tief greifender Umbau der Redaktionsstruktur“, ahnt Döbler. „Ich wünsche mir, dass wir die Redaktion neu mischen.“ Sinn der Übung sei es nicht, Arbeitsplätze abzubauen, sondern Synergien zu schaffen, „damit mehr Leute schreiben können“. Vor allem das Lokale, Wirtschaft und Kultur sollen davon profitieren.

Fünf der acht Außenredaktionen im Bremer Umland bleiben allerdings wie bisher unter dem Dach der schlechter entlohnenden BTAG-Tochter „Pressedienst Nord“. Sie liefern weiterhin ihre kompletten Lokalteile an die Zentrale. Eigentlich wollte der Verlag die vor Jahren ausgegliederten Außenredaktionen schon 2014 ins Mutterhaus zurückholen. Doch der Aufsichtsrat konnte sich zu dieser Outsourcing-Korrektur bisher nicht durchringen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*