Persönlichkeits-Coach über #merkelstreichelt: „Kanzlerin hat auf ihre Art höchst menschlich reagiert“

Experte Christián Gálvez, Bundeskanzlerin mit Rostocker Schülern: „Sie verliert die Symmetrie und bricht förmlich ein“
Experte Christián Gálvez, Bundeskanzlerin mit Rostocker Schülern: "Sie verliert die Symmetrie und bricht förmlich ein"

Fernsehen "Ein PR-Auftritt wie ein Formel 1-Unfall", urteilt das Autorenblog Carta, der Hashtag #merkelstreichelt" war bei Twitter Thema Nummer eins, fast alle Medien griffen auf, was sich beim "Bürgerdialog" der Bundeskanzlerin mit Rostocker Schülern ereignet hatte. Doch während die Politikerin für ihren Umgang mit einem weinenden Flüchtlingsmädchen fast einhellig Kritik und Häme erntete, nimmt sie Christián Gálvez, Autor und Coach für Persönlichkeit und Wirkung, im MEEDIA-Interview in Schutz. Sie habe, so Gálvez, "auf ihre spezielle Art höchst menschlich reagiert".

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Es war Teil einer Imagekampagne für die Bundeskanzlerin. Doch als das Thema Asylbewerber und Abschiebung aufkam, passierte beim Gespräch zwischen Angela Merkel und Rostocker Schülern vor laufenden TV-Kameras etwas Unerwartetes. Worum ging es aus Ihrer Sicht?
Cristián Gálvez: Was die Fernsehaufnahmen zeigen, ist ein wirklich beeindruckendes Lehrstück über den menschlichen Umgang mit Grenzerfahrung, Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Grundsätzlich muss man festhalten, dass es sich um eine extrem herausfordernde Situation selbst für geübte Redner handelt: Frau Merkel wurde mit starken Emotionen konfrontiert, und dazu ging es um ein Flüchtlingskind und damit um eine besonders schutzbedürftige Person.

Wie bewerten Sie das Verhalten der Bundeskanzlerin?
Ich finde, Angela Merkel hat auf ihre Art höchst menschlich reagiert. Sie hat den Kontext des Kindes im Kopf sehr schnell erfasst, allerdings fehlte es ihr an Einfühlungsvermögen, wie sie sich gegenüber dem weinenden Mädchen verhalten soll. Wir dürfen nicht vergessen: Merkels natürlicher Verhaltensstil ist aufgaben- und sachorientiert und damit stark kognitiv geprägt. Hier ist plötzlich eine menschenorientierte Sichtweise gefragt, nicht Kopf sondern Bauch.

Auf den Betrachter wirkt es, als laufe es danach nicht mehr rund.
Das ist in der Tat sehr spannend. Hier beginnt eine zweite Phase, in der sich Angela Merkel zunächst von dem Mädchen abwendet, um kurz darauf wieder in Kontakt zu treten. Dabei ist ihre Körperachse zwar der jungen Frau zugewandt, dennoch kann Merkel den Augenkontakt nicht wahren. Sie blickt bei ihren Aussagen auf den Boden und tritt offensichtlich in einen inneren Dialog. Sie spürt, dass es für sie nicht rund läuft.

Was hier nicht wirklich funktioniert…
Sichtbar wird das vor allem durch das Verlassen der Symmetrie. Angela Merkel ist sehr stark darauf bedacht, die Symmetrie zu wahren. Denken Sie nur an die typische Merkel-Raute. Ihr Gesagtes scheint sie in Frage zu stellen, es juckt sie im wahrsten Sinne des Wortes. Die Hand geht zum Kopf und sie kratzt sich. Die sonst so kontrollierte Bundeskanzlerin verliert die Symmetrie und bricht förmlich ei

Verliert sie die Kontrolle?
Angela Merkel hat eine extrem starke Wahrnehmungskompetenz, die aus der kognitiven Beobachtung heraus entsteht. Sie versteht, erfasst und analysiert. Sie ist nicht der Typ Mensch, der sich in eine Situation hineinfühlt. Die Situation zeigt deutlich, dass sie schnell wahrnimmt, dass das Mädchen in einen anderen Zustand verfällt. Das berührt sie. Sehr sogar. Für einen kurzen Moment entgleisen ihre Gesichtszüge, die Situation überrascht und berührt sie auf tiefer Ebene. Als sie auf die junge Frau zugeht, fängt sie an zu lachen. Ein solches Lachen entsteht durch einen massiven Verlust an Sicherheit. Es ist eine Übersprungshandlung. Ein deutliches Zeichen für Unsicherheit. In diesem Moment befindet sie sich außerhalb ihrer Komfortzone, denn es geht nicht mehr um die Aufgabe oder Sache, sondern nur noch um echte Zuwendung. Für sie eine enorme Stresssituation, die kurz darauf zu einer falschen Wortwahl führt.

In diesem Augenblick meldet sich der Moderator zu Wort und korrigiert aus dem Hintergrund die Kanzlerin, die dem Mädchen sagte, sie habe das „doch ganz prima gemacht“.
Der Kommentar des Moderators war mindestens genauso unangemessen. Denn in diesem Moment brauchte das Mädchen vor allem Halt und Zuwendung. Das hätte auch der Moderator erkennen müssen. Merkel reagierte aggressiv. Auch diese Spontan-Reaktion kommt aus dem limbischen System und hat nichts Überlegtes. Der Einwand des Moderators ist journalistisch gesehen durchaus berechtigt – hätte aber unbedingt zu einem anderen Zeitpunkt erfolgen müssen.

Finden Sie die Reaktion von Angela Merkel tatsächlich angemessen?
Merkels Reaktion zeigt, dass sie auf der Emotionsebene getroffen wurde. Es hat sie berührt. Die Stresssituation hat dazu geführt, dass ihr ansonsten antrainiertes Verhaltensrepertoire nicht ausgespielt werden konnte. Wie wichtig ihr der Moment wirklich war, zeigt sich in der letzten Phase. Merkel legt dem Mädchen ungewöhnlich lange die Hand auf die Schulter und bleibt dadurch in Kontakt. Ein solche körperliche Bindung ist für Merkel sehr untypisch. Ihr scheint es wichtig zu sein. Tatsächlich verändert sich auch die Physiognomie des Mädchens.

Dennoch wirkte das Ganze doch sehr unbeholfen und hölzern .
Noch mal: Angela Merkel hat für eine solche Situation kein eingeübtes Verhaltensritual, das sie abrufen kann. Das gibt ihr gewohntes Repertoire nicht her, es ist ganz klar nicht ihr natürlicher Verhaltensstil. Dennoch sehe ich eine Kanzlerin, die von der Situation berührt ist und genau deshalb aus der sonst so kontrollierten und vertrauten Rolle fällt.

Bei Twitter sprang der Hashtag #merkelstreichelt innerhalb weniger Stunden an Spitze der meist geposteten Tweets, und auch bei Facebook braute sich rasch ein Shitstorm zusammen.
Der Shitstorm ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich denke, dass viele derer, die hier Kritik üben, in einer vergleichbaren Situation selbst emotional überfordert wären. Echte Gefühle lösen sofort echte Gefühle aus. Forscher sprechen von den sogenannten Spiegelneuronen. Menschen sind Schwingungswesen, auch eine Angela Merkel. Auf dem politischen Parkett gehören solche echten Gefühle in der Regel nicht ins Tagesgeschäft. Die Situation ist für jeden Menschen schwierig zu meistern.

Wie gelingt es überhaupt, eine solche Herausforderung zu meistern?
Das erfordert Wahrnehmungskompetenz und ein sehr gutes Ressourcenmanagement der handelnden Person. Letztlich geht es darum, sehr schnell eine Helikopterperspektive einzunehmen, um aus einer emotionsfreien Perspektive einen Blick dafür zu bekommen, was das Gegenüber jetzt am meisten braucht. Das ist sehr schwierig und war in der betreffenden Situation von den hier Beteiligten nicht zu erwarten.

Was wäre aus Ihrer Sicht die richtige Reaktion gewesen?
Angela Merkel hätte auf der Beziehungsebene ihre eigene Unsicherheit ansprechen können und sich damit als Mensch gezeigt. Auf der Sachebene hat sie eine klare Position. Beziehungs- und Sachebene traten hier in Konflikt. Menschen mögen Menschen, die einen inneren Konflikt haben und diesen offen ansprechen. Wir hätten uns in sie hineinfühlen können.

Beim zermürbenden Euro-Poker um einen möglichen Grexit musste Angela Merkel die Rolle des konsequent emotionslosen Verhandlungsführers ausüben. Glauben Sie, dass auch dies einen Einfluss auf ihr Verhalten beim Schüler-Gespräch hatte?
Ich denke, ja. Sie musste sich wochenlang zwingen, immer auf der Sachebene zu bleiben, Emotionen auszublenden und aufgaben- und sachorientiert zu handeln. Dieser Modus kommt ihrem Basis-Verhaltensstil sehr nahe. Das ist ihre Stärke – der analysierende Blick von außen, nicht das Mitfühlen. In dem Moment, wo sie überraschend mit den echten Emotionen eines Flüchtlingsmädchens konfrontiert wurde, waren plötzlich ganz andere Qualitäten und Verhaltensweisen gefragt. Und da war sie – ernsthaft berührt und wirkte gleichzeitig so hilflos und überfordert. Es wäre aber ganz sicher ein Fehler, dies als Kaltherzigkeit auszulegen. Angela Merkel hat höchst menschlich reagiert – aber eben auch auf ihre sehr spezielle Weise.

 

Der Kölner Christián Gálvez, 46, ist Autor, Redner und Coach für Persönlichkeit und Wirkung. Er studierte Betriebswirtschaftslehre sowie Wirtschafts- und Sozialpsychologie. Mehr unter www.galvez.de.

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Alle Kommentare

  1. Sorry was für ne abgehobene und verharmlosende Sichtweise.. Ja einen KZ Aufseher der mal doch ne Träne verdrückt bevor er die Leute in die Gaskammer führt könnte man auch als menschlich bezeichnen. Trotzdem bleibt so jemand ein kaltherziger und unmenschlicher unreflektierter Mistkerl der sich mit seinem Handeln nicht ausreichend auseinandersetzt!

      1. Volle Zustimmung! Wegstecken, die Nazikeule!
        Natürlich rührt einen die Situation des Mädchens, dennoch hätte Angela Merkel nicht anders reagieren können und dürfen. Was wäre gewesen, wenn sie dem Mädchen einen positiven Bescheid in Aussicht gestellt hätte? Auch und gerade ein Verfassungsorgan kann Recht nicht einfach außer Kraft setzen, so bitter das in dieser Situation ist.

      2. Schämen Sie sich, einen solchen Vergleich zu ziehen. Es zeigt eine Geisteshaltung, die nur aus ist, andere zu schädigen. Sie sollten den Balken von Ihren Augen nehmen, vielleicht sehen Sie dann klarer.

  2. moin, moin,

    das KZ-Aufseher-Beispiel ist in der Tat völlig daneben. geradezu tragisch und empörend entgleist.

    Aber in der Sache: Die Reaktion von Frau Merkel beweist einfach, dass sie nicht in der Lage ist, die Folgen der Politik, die sie zu verantworten hat, einzuschätzen und zu beurteilen.

    Wenn sie es schlicht und einfach nicht kann, weil ihr die entsprechenden empathischen Befähigungen fehlen, ist sie für Führungsaufgaben jedweder Art nicht geeignet.

    Kann sie es aber, weil sie sehr wohl in der Lage ist, sich in andere hineinzuversetzen, und reagiert dann so wie getan, dann muss man im schlimmsten Fall davon ausgehen, dass sie sich gar nicht in die Position anderer hinein versetzen will. Und dann ist sie erst recht nicht geeignet für Führungsaufgaben.
    Jan-Bernd Meyer, München

  3. Ich finde es in zweifacher Hinsicht eine Zumutung.

    1. Geht es in der Kritik, die im Netz kursiert nicht darum, ob die Kanzlerin professionell auf die Situation eingegangen ist, oder nicht, sondern darum, dass Sie die Situation falsch auffasst und damit implementiert, dass sie das Kernproblem, nämlich die Angst vor Abschiebung nicht erkennt.
    2. Nimmt hier ein Christián Gálvez eine Frau in Schutz, die in dieser Situation wie der Carnivor im Zoo reagiert. „Ui, das ist aber ein süßes Ferkel, das möchte ich streicheln und dann ab an die Currywurst-Bude Streichel-Zoo macht hungrig!“

    Der Artikel ist so gesehen mindestens nichts sagend, wenn nicht sogar schon wieder meinungsbildend, aber in die falsche Richtung!

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