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Kontrollfrau Merkel und die Tränen: vom Luxus der Berührbarkeit

Nicht ihr Sonntag: Bundeskanzlerin Merkels CDU wurde abgestraft
Nicht ihr Sonntag: Bundeskanzlerin Merkels CDU wurde abgestraft

Im Gespräch mit Youtuber LeFloid hatte die Bundeskanzlerin die Kontrolle. Im Rostocker Bürgerdialog sah dies anders aus: Reem, ein junges Mädchen aus dem Libanon, half Angela Merkel in eine Begegnung mit längst vergessener Menschlichkeit. Ein Moment von Wahrheit, gebaut von einem leisen, klugen, traurigen Mädchen. Die Kanzlerin sollte ihr dankbar sein.

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Angela Merkel ist Politikerin. Bundeskanzlerin. Und evangelische Christin. Als Physikerin Repräsentantin eines jahrzehntelang professionalisierten Feldes, dessen Kultur und Routinen von Zahlen, Daten, Fakten und mit ihnen von der Distanz rationaler Fähigkeiten dominiert wird. Erfolgreiche Physiker müssen denken lernen. Fühlen kommt später. Vielleicht.

Ihre mit ‚Sehr gut‘ bewertete Diplomarbeit schrieb Merkel 1978 zum Thema:

„Der Einfluss der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien.“

Als Angela Merkel zum Bürgerdialog nach Mecklenburg-Vorpommern fuhr, rechnete sie wahrscheinlich kaum damit, zentralen Termini ihrer Diplomarbeit in einer neuen Art und Weise begegnen zu müssen: Den „Einfluss räumlicher Korrelation“ repräsentierte ein junges Mädchen namens Reem: Reem, schon aufgrund ihres Alters und eines noch nicht entschiedenen Asylantrages im Gegensatz zu Angela weder Bundeskanzlerin noch Physikerin, sprach statt räumlicher Korrelation von Zuhause.

Wie sie es tat, führte aus einem Bündel unterschiedlicher Gründe nicht nur zu emotional „bipolaren Elementarreaktionen“. Es berührte das Phänomen der „Reaktionsgeschwindigkeit“ von Behörden im Umgang mit Asylanträgen und landete bei intensiver Verdichtung: der emotionalen Verdichtung der Situation, einer intensiven, spontan-dichten Reaktion der Medien.

Nicht viele Themen von Diplomarbeiten werden für Autoren Jahre später auf anderen Ebenen mit alternativen Blickwinkeln so intensiv mit neuem Leben gefüllt, wie die Diplomarbeit jener jungen, rationalen Frau, die Bundeskanzlerin von 80 Millionen Menschen werden sollte.

Ende der Berührbarkeit

Lange schon hat man den dringenden und naiven Wunsch, Politikern als Produkten jahrzehntelanger, professioneller Deformation im Umgang mit Macht Berührbarkeit nahe zu bringen. Man wünschte sich häufig, sie könnten über starre, funktionale Routinen hinweg anfassbar verstehen lernen, was außerhalb der Welten von Elfenbeintürmen, Parteitagen, Berliner- und Brüsseler Kommissionen jene Menschen bewegt, für welche sie per Rollenbeschreibung da zu sein hätten.

Man wünschte sich und ihnen Ehrlichkeit und Klarheit, wünschte jene Spuren bodenständiger, normaler Bindungsfähigkeit, die lange schon verloren scheinen. Man wünschte eine Idee von Herzlichkeit, Erreichbarkeit und Empathie. All dies nicht zwingend Kernkompetenzen von Physikern. Und keine von Politikern: Niemand ist in der heutigen Zeit auf seinem langen, zähen und schmutzigen Weg an die politische Macht zentraler Steuerungsfunktionen gelangt, weil er herzlich, beziehungsvoll und empathisch war. Wäre es so, er oder sie hätte nicht lange in der Rolle überlebt.

Im Gegenteil: Erfolg, Einfluss und Handlungsfähigkeit auszubauen, fordert neben der Bereitschaft zur Macht Zähigkeit, strategisches und politisches Geschick. Der Ausbau dieses Weges lässt Menschen Berührbarkeit und Empathie quasi verlernen: Nicht, weil sie böse sind, sondern, weil es der eigene Anspruch auf Erfolg ebenso fordert wie Regeln und Kultur des Systems, in welchem sie sich bewegen.

Mit jedem Ausbau-Tag der eigenen Erfolgsspur wachsen Aufgaben, wächst Komplexität, schwindet privater Raum. Der Weg erfordert Geschick, fordert die Ortung von Konkurrenzen und etwaigen Tretminen, will Unempfindlichkeit bei Niederlagen in hunderten kleiner Kriege, damit Einfluss stabil erweitert werden kann. Allianzen schmieden zu können, weil es Zielen und Erfolg nutzt, ersetzt irgendwann schleichend das, was andere Freundschaft und Beziehung nennen.

Unbemerkt und unterhalb der Ebene von Worthülsen in Parteiprogrammen und Wahlversprechen verändern sich Werte, für die man vielleicht einmal gestanden haben mochte. Man nennt sie vielleicht noch, man spricht von ihnen, aber professionelle Deformation als mögliche Konsequenz einer erfolgreichen Karriere bedeutet: man spürt sie nicht mehr. Berührbarkeit jedenfalls gehört nicht zu akzeptierten Werten des politischen Systems, im Gegenteil: Sie hält auf, reduziert subjektiv erforderliche Distanz und schränkt kühle, rationale Steuerungs- und Handlungsfähigkeit ein. Berührbarkeit, so also das System, macht potentiell erfolglos.

Erfolglosigkeit beschriebe das exakte Gegenteil von Angela Merkel: Auf ihrem Weg an die Macht dominierte sie parteiintern und deutschlandweit Widersacher der höchsten Gewichtsklassen und räumte den einen oder anderen Zwölfender mit Neigung zum Widerspruch weg, wenn er im Weg stand. Auch in internationalen Kontexten sorgte sie dafür, dass ihre Butter auf dem Brot bleiben konnte. Deutsche Butter. Wie andere Menschen ein- und ausatmen, lernte Merkel rasend schnell  systemrelevante, unangenehme Fähigkeiten im Umgang mit Macht und baute sie mit der logischen Konsequenz einer Physikerin aus. Merkel wurde Teil des Systems und das System Teil von ihr.

Ohne den Anspruch umfassender Allgemeingültigkeit beschreiben diese Bemerkungen wesentliche Phänomene jener Welt, welche die rationale Physikerin Angela Merkel vor langer Zeit betrat. Man darf sich dies ein wenig in Erinnerung rufen, will man darüber nachdenken, wer genau zum Bürgerdialog in Rostock antrat.

 

Moment der Hilflosigkeit

Natürlich ist die perfektionierte Kontrollfrau Angela Merkel weder ein Spontaneitäts-Tsunami noch ein Warmherzigkeits-Guru. Berücksichtigt man dies, lief der Bürgerdialog zunächst nicht schlecht. Kinder und Moderatoren gestalteten einen guten, ersthaften Rahmen. Merkel nahm Kontakt auf, fragte nach, bezog Position und bemühte sich in einer Art, die durchaus mehr bot, als das reine Abfackeln hohler Abfertigungsroutinen.

Dann jener Moment, in dem das kluge Mädchen Reem von seiner Situation sprach: Sie hatte in einer natürlichen, offenen, beziehungsvollen Weise alles, was politisch Verantwortlichen heute fehlt.

Ihre Art zu erzählen mochte den einen oder anderen Politiker daran erinnern, wie klein man doch werden kann, wenn man an großen Uhren dreht. Plötzlich war spürbar, worauf Merkel als Bundekanzlerin und die Politik insgesamt sukzessive verzichtet haben mochten, falls sie es je besaßen: Unkomplizierte, einfache und spürbare Wahrheit. Jene Wahrheit, die man nicht begründen und erklären muss. Die einfach da ist, ganz, ganz leise. Traurigkeit, diese Mischung aus Ausweglosigkeit, Hilflosigkeit, Klugheit und Mut.

Ein liebenswürdiges Mädchen wollte, worauf der eine oder andere Deutsche lange schon verzichtet haben mochte, weil es selbstverständlich geworden war und mit der Selbstverständlichkeit seinen Wert verloren haben mochte: eine Chance. Ein Zuhause. Reem berührte mit unaufdringlicher Selbstverständlichkeit eine Kanzlerin, die eigene Berührbarkeit verlernt haben mochte: Ihre Tränen bauten einen wirklich hilflosen Moment für Angela Merkel.

Ungelenk empathisch

Es war Merkel selbst, die nach in sich logischen Ausführungen zum generellen Spannungsfeld der Asyl-Thematik den Kontakt zu Reem wieder aufnahm, obwohl sie sich im Gespräch mit dem Moderator auf seine Vorlage hin bereits längst aus dem Zwiegespräch mit der jungen Libanesin verabschiedet hatte.

Nicht der Moderator bemerkte die Tränen von Reem, Merkel war es.

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Sie spürte, dass Bemerkungen über Sachzwänge, übergeordnete Kausal-Zusammenhänge, dass die Logik von Erwachsenen-Erklärungen nicht als Antwort auf Trauer und Hilflosigkeit taugen. Niemals. Dass Bundeskanzlerinnen-Fähigkeiten vielleicht Europa steuern können, Putin besänftigen oder Obama im Boot halten, aber nicht die Trauer und das Leid eines Mädchens erreichen können. Wer Merkel in dieser Szene in die Augen sah, fand einen Blick, der nicht nur irritiert, sondern auf Merkel-Niveau durchaus berührt war.

Und während sie ihrem richtigen Impuls folgte, Distanz zu verringern, die Kanzlerin Merkel ein wenig in Angela zu verwandeln, Nähe herzustellen, bildete ihr Gehirn gleichzeitig jene Zusammenhänge, die Merkel sagen ließen: „ Ooch, komm: Du hast das doch prima gemacht!“. Sie war also beides: Herz einerseits, Kopf und Sprache andererseits. Jeder kennt Situationen, in denen Hirn und Sprache nicht zur eigenen Handlung passen wollen.

Ein innerseelisch-unbewusster (!) Trick, mit dem Ziel, Merkel selbst ein Bündel tiefer Wahrheiten zu ersparen, um sich zu schützen, um es sich leichter machen zu dürfen, als es ist: Um nicht betrachten und spüren zu müssen, dass auch sie, Angela Merkel, unausweichliches Leid produziert – trotz aller Begründungen, die aus Kanzlerinnensicht für Entscheidungen gelten mögen.

Dass Merkel schroff wurde, als der Moderator ihre Erklärung der Situation korrigierte, folgte übrigens demselben Ziel: Abzuwehren, nicht hingewiesen werden zu müssen auf jene Wirklichkeit von Gefühlen und Konsequenzen, die Preis der eigenen, politischen Entscheidungen und Haltungen sind.

Kontrollfrau Merkel wurde unvermutet emotional überflutet von etwas, das sie weder wollte, noch verstehen oder mit gewohnten, rationalen Bordmitteln beantworten konnte. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten war sie durchaus empathisch. Empathischer als in jener Situation hat man sie wahrscheinlich nur selten gesehen. Wenn überhaupt. Der Versuch, Nähe zur Libanesin herzustellen, folgte jenen guten Impulsen, die politischen Kulturen lange schon fremd geworden sind. Wie fremd, zeigte sich in Merkels ungelenker Art. Einer Art, die Kritiker im Web, in sozialen Netzwerken und Medien in ironischen, empörten und lustigen Kommentaren als Mangel von Empathie kritisierten.

Primäre Basis dieser Kommentare war der kurze Ausschnitt des NDR-Videos der Szene. In gewisser Weise reagierten dabei die Kommentatoren auch nicht anders als Merkel selbst Reem gegenüber: Sie ignorierten komplexere Wirklichkeiten und ihre Gegenabhängigkeiten und sprangen emotional auf einen kleinen Ausschnitt. Nichts anderes hat Merkel in der Situation getan. Vereinfacht ausgedrückt, behandelten die Kommentare Angela Merkel letztlich so, wie sie es Merkel im Umgang mit der jungen Libanesin vorwarfen.

Fazit

Stellen wir uns vor, statt Reem hätte ein junger Libanese im Bürgerdialog gesessen, der vom Vorwurf der Körperverletzung und des Diebstahls aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Vielleicht potentieller Schulhof-Dealer mit Graffiti-Neigung, ein wenig unsympathisch, aber mit Reems Ausgangs-Geschichte. Man könnte Vermutungen darüber anstellen, welche Färbung emotionale Kommentare unter diesen Bedingungen getragen hätten, und aus welcher Ecke sie wohl gekommen wären.

Die Wahrheit ist nicht nur, dass Politik und ihre Repräsentanten über Jahrzehnte unwirklich seelenloser und unglaubwürdiger geworden sind. Dass Politiker vielleicht machtgeiler, egoistischer zu Politrobotern mutiert sein mögen, die lange schon die Fähigkeit zu wahrer Bindung verloren haben.

Die Wahrheit ist natürlich, dass man sich gewünscht hätte, Angela Merkel hätte in jener Situation freier auf ein Bündel sozialer Fähigkeiten zugreifen können, das heute in der Tat kaum einem Politiker souverän in jeder Sekunde des Tages zur Verfügung steht.

Aber die Wahrheit ist auch: Sie hat es versucht. Und: Es ist schwer, sauschwer, wenn nicht unmöglich, ausgewogene, sensible Entscheidungen so zu treffen, dass Ungerechtigkeit und Leid vermieden werden können. Der Amtseid lässt Bundeskanzler schwören, sie würden „Gerechtigkeit gegen jeden üben“. Eine lebensferne, paradoxe Bürde.

Und eine Lüge.

 

 

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

 

 

 

 

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Toller artikel!
    Herr Lesko hat einen Fan mehr!
    Und mir einen weiteren Blickwinkel offenbart! Viele Dank

  2. Zunächst las ich den Text und fand ihn schon mal großartig.

    Dann sah ich das Video und fand die Kanzlerin schlussendlich noch schwächer als erwartet.

    Überraschend und angemessen: die furchtlose Zurechtweisung durch den Moderator, hier gehe es um kein Prima. Er hätte ergänzen sollen: Und nu gehn se mal aus dem Bild.

  3. Sehr schöne und kluge Analyse. Zum Aspekt vom „Ende der Berührbarkeit“ was gelernt. Danke, Herr Lesko.

  4. Es wird selten wieder eine solch authentische Situation geben, die das Spannungsfeld zwischen polizischen Entscheidungen und den Konsequenzen beim Einzelnen aufzeigen wird. Auch Merkel selbst war in diesem Spannungsfeld in jeder Sekunde authentisch

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