Zeitungsverleger schimpfen auf Mindestlohn und fordern von der Politik Hilfe gegen Google

BDZV-Geschäftsführer Dietmar Wolff
BDZV-Geschäftsführer Dietmar Wolff

Auf der Jahres-Pressekonferenz des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hielt dessen Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff ein flammendes Plädoyer für mehr Freiraum für die Gattung Zeitung. Die Zeitung sei die "Platform der digitalen Zivilgesellschaft", sagte er.  Die Politik forderte Wolff auf, die Rechte der Zeitungsverlage im Vergleich zu Internetkonzernen wie Google zu stärken. Ein Dorn im Auge der Zeitungsverleger ist auch der Mindestlohn.

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Ein Lobbyverband wie der BDZV ist ja zunächst einmal dazu da, die Interessen der Mitglieder zu vertreten und zu artikulieren. Insofern ist es nicht überraschend, dass BDZV-Hauptgeschäftsführer Wolff ein Loblied auf die Zeitung singt. Ein Stirnrunzeln kann man sich bei der BDZV-typischen Mischung aus Forderungen an die Politik, Eigenlob und Google-Bashing aber nicht verkneifen.

Die Zeitungsverleger erwarten von der Politik neue Rahmenbedingungen und schnellere Entscheidungen. Wolff: „Die mittelständische Zeitungsbranche steht – gefesselt durch Wettbewerbs-, Datenschutz- und Medienvielfaltsregelungen – den globalen Internet-Giganten gegenüber, die in weiten Teilen uneingeschränkt in unseren Märkten agieren können.“ Als ein Beispiel für die angeblich zögerliche Haltung der Politik nannte Wolff das in Brüssel anhängige EU-Kartellverfahren gegen Google, das seiner Meinung nach nicht schnell genug vorangeht. Dass die Politik in Deutschland den Verlegern mit der Einführung des nach Maßstäben des gesunden Menschenverstandes unsinnigen Leistungsschutzgesetzes weit entgegengekommen ist, darüber verliert er kein Wort.

Stattdessen wird ein „stärkeres Bekenntnis“ zur Zeitung angemahnt. Eine „neue Medienordnung“, in der die Position der Verlage gestärkt werde, sei „überfällig“. Als Grund für die geforderte neue Zeitungs-Medienordnung müssen einmal mehr die berühmten Qualitäts-Inhalte herhalten, deren Produktion Wolff in Gefahr sieht, sollten die Zeitungen nicht „mehr Freiraum“ bekommen. In diesem Zusammenhang schoss er auch gegen den TV-Konzern ProSiebenSat.1 (P7S1), der sich mit seinem Vorstoß in Sachen regionaler Werbung bei Zeitungsverlagen bekanntlich keine Freunde gemacht hat. P7S1 verstoße, so Wolff, damit gegen alle Regeln und würde „das wirtschaftliche Fundament der regionalen Medienunternehmen angreifen.“ Eine Nummer kleiner haben sie’s nicht beim BDZV.

Die Bundesregierung wird zwar um Hilfe angefleht, sie bekommt aber auch ihr Fett weg. Was den Zeitungsverlegern natürlich nicht passt, ist der eingeführte Mindestlohn. Zwar würde die Regierung viel für den Breitband-Ausbau im ländlichen Raum tun, aber: „Das ist dieselbe Bundesregierung, die es uns durch praxisfremdes Eingreifen fast unmöglich macht, die Menschen jenseits der Ballungsräume betriebswirtschaftlich sinnvoll mit der Zeitung zu versorgen.“ Der Mindestlohn habe die Zustellung von Zeitungen auf einen Schlag um 230 Mio. Euro verteuert.

Dabei erweckt der BDZV gerne den Eindruck, als sei durch Einführung des Mindestlohn die Demokratie in Deutschland in Gefahr. Nach Lesart des BDZV gilt die Formel: Zeitungen (regionale zumal) = Demokratie. Zeitungen seien „existenziell wichtig“ im Mediensystem in Deutschland, so Wolff. Kein anderes Medium könne die Welt in ihrer Universalität so professionell abbilden. Bis in den lokalen und hyperlokalen Nahraum hinein begleite die Zeitung die Menschen und liefere zugleich das „Big Picture“ in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Um die Relevanz der Gattung Zeitung zu belegen, verweist Wolff auf die jüngste Leseranalyse Entscheidungsträger (wobei diese nur vier überregionale Tageszeitungen erfasst) und eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, die Regionalzeitungen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit bescheinigt hat.

Immerhin gesteht Wolff ein, dass das Geschäftsmodell der Zeitung weiterentwickelt werden muss. Die Frage nach der langfristigen Refinanzierung von Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter sei eine der großen Herausforderungen, denen sich die Zeitungsbranche stelle. Da hat er wohl recht. Ob es dabei hilft, immer nach der Politik zu rufen und auf Google zu schimpfen, darf bezweifelt werden. 

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Alle Kommentare

  1. Herr Wolff sollte privat vielleicht mal kleiner Brötchen backen und sich mit weniger „Lohn“ zuffrieden geben, dann bliebe mehr für die andern.
    Und wenn es bisher unter der Grenze gemacht worden ist, heißt das noch lang nicht, daß es gut war. Eigentlich hat er seine Arbeitnehmer um ihren Lohn betrogen.
    Aber er kann gern mal selbst Zeitungen verteilen, dann wird er den Wert dieser Arbeit schätzen lernen…

  2. Es war nichts, absolut nichts anderes zu Erwarten.

    > Nach Lesart des BDZV gilt die Formel: Zeitungen (regionale zumal) = Demokratie.

    Genau solche Hirngespinste sind es, die immer mehr Menschen neben einer Politikverdrossenheit auch eine Presseverdrossenheit entwickeln.

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