„Wir wollen lernen, wie der perfekte Journalismus in einer mobilen Welt aussieht“

Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt, Instant Articles-Kooperation mit Facebook: Entwicklung innovativer Erzählformen mit Team Victor und Team Foxtrott
Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt, Instant Articles-Kooperation mit Facebook: Entwicklung innovativer Erzählformen mit Team Victor und Team Foxtrott

Unter den deutschen Instant Articles-Pionieren hat Bild heute den ersten Facebook-Artikel veröffentlicht: ein wahrhaft bildgewaltiges Special zum Siegtor im WM-Finale, das Mario Götze vor genau einem Jahr geschossen und damit ein ganzes Land in einen Freudentaumel versetzt hat. Herausgekommen ist ein wegweisendes Multimedia-Special im Smartphone-Format, für das Springer keine Mühen gescheut und sogar die Video-Exklusivrechte von der Fifa erworben hat. Im MEEDIA-Interview spricht Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt über die Idee, die Zusammenarbeit mit Facebook und seine Erfahrungen mit einem interdisziplinären Team.

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Die Bild-Premiere bei Instant Articles überrascht: Anders als z.B. die New York Times oder Guardian widmen Sie sich keinem „harten“ Thema wie Flüchtlingen oder z.B. Griechenland, sondern dem genau ein Jahr zurück liegenden WM-Siegtor von Mario Götze. Wie kam es zu der Entscheidung?

 Sport ist eine Kernkompetenz von Bild, Fußball eines der emotionalsten Themen. Zum ersten Jahrestag unseres WM-Triumphs passt dieses Thema ideal. Wir hatten Mario Götze exklusiv im Interview, zeigen die bewegendsten Momente im Video und können die ganze Geschichte wunderbar multimedial erzählen. Sicher werden auch härtere Themen folgen.

Ein Novum scheint, dass Sie offensichtlich die Fifa-Rechte an dem Tor erworben haben und es nun im Bewegtbild zeigen können. Wie war das möglich, wie hoch war überhaupt der Aufwand bei der gesamten Produktion?

Dieses Tor ist ein Zeitdokument, das man sich gar nicht oft genug anschauen kann. Erst im Video können die User diesen magischen Moment noch einmal mit allen Gefühlen durchleben. Deshalb haben wir es gekauft. Allerdings nicht allein für den Instant Article, sondern für Bild und unsere Berichterstattungen in allen Formaten für die nächsten Jahre.

Der Aufwand für diesen ersten Instant Article war nicht klein. Aber das hat keiner in einer Alpha-Phase erwartet. Im Gegenteil: Genau dazu dient die Testphase ja: Wir erarbeiten gemeinsam mit Facebook technische Lösungen für unsere Herausforderungen. Wir probieren Dinge aus, machen Fehler und werden besser. Das hat sich schon sehr gut eingespielt und geht jetzt von Mal zu Mal schneller und routinierter.

Welches Erzähl- bzw. Präsentationsschema haben Sie bei der WM-Story verfolgt?

Wir haben zu allererst an die User und die typischen Handy-Nutzungssituationen gedacht. Es gibt inzwischen wahnsinnig viele imposante Storytellings im Netz, die jede nur denkbare Darstellungsform benutzen. Oft habe ich den Eindruck, dass die zwar toll aussehen – aber von kaum einem User bis zu Ende gelesen werden. Zu viel Text, zu viele Spielereien. Deshalb haben wir keine Effekte um der Effekte Willen eingebaut, sondern dort, wo es uns sinnvoll erscheint. Außerdem haben wir auf die vertraute Swipe-Logik gesetzt. Schnell konsumierbar, sofort auf den Punkt, mit exklusiven Inhalten, die es so nur von Bild gibt. Unschwer zu erkennen: Videos spielen hier ebenfalls eine große Rolle, wie auch in unserer Gesamtstrategie. Mich reißt der Götze-Artikel auch deshalb so mit, weil ich die emotionalsten Momente noch einmal im bewegten Bild erleben kann. Man darf nicht vergessen: Wir reden hier über einen Test, dem weitere folgen werden. Sicherlich auch in anderen Aufmachungen und Formatierungen. Wir wollen lernen, wie der perfekte Journalismus in einer mobilen Welt aussieht.

Vor welchen, auch technischen, Schwierigkeiten standen Sie bei der Umsetzung? Immerhin hat es einige Wochen gedauert, bis der erste IA von Bild online gegangen ist.

Dass wir erst heute damit online gehen, war eine bewusste Entscheidung und lag nicht an technischen Schwierigkeiten. Aber Sie haben Recht: Natürlich ist dieses Test-Projekt auch technisch eine Herausforderung. Um eine Geschichte ideal auf allen Plattformen erzählen zu können, brauche ich neben multimedialen Journalisten auch Programmierer, Daten-Experten etc. Entsprechend ist unser Team aufgestellt.

Gerade bei interdisziplinären Teams gibt es oft große Abstimmungsschwierigkeiten. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Wir haben für dieses Projekt ein völlig neuartiges Team aufgestellt, Journalisten und Programmierer, Infografiker, unsere klassische Sportredaktion und Social-Media-Experten nebeneinander und miteinander. Dazu unsere Fachleute für Sportrechte und die technischen Experten, die wir auf Verlagsseite haben. Dieses Team hat WM-mäßig zusammengespielt, um dieses Ergebnis zu erreichen. Darauf bin ich ein bisschen stolz!

Wie lief die Abstimmung und Zusammenarbeit mit Facebook?

Auch Facebook lernt in diesem Prozess viel hinzu. Daher ist es für beide Seiten ein sehr guter, fruchtbarer Austausch.

Macht Facebook inhaltliche Vorgaben? Gibt es Regeln, an die sich jeder Publisher halten muss? Wird jeder einzelne Artikel von Facebook abgenommen und freigeschaltet?

Nein. Es gibt weder inhaltliche Vorgaben, abgesehen von den allgemein bekannten Facebook-Guidelines, noch eine Abnahme jedes einzelnen Artikels. Wenn es die gäbe, wären wir bei dem Test nicht dabei.

Was erwartet die Bild-Leser künftig bei Facebook? Wie viele Instant Articles wollen Sie täglich liefern, und nach welchen Kriterien wählen Sie die Themen aus?

Wir versuchen, unseren Usern auf allen relevanten Plattformen – nicht nur bei Facebook – das bestmögliche Erlebnis unserer Geschichten zu bieten und bleiben dabei gleichzeitig den Bild-typischen Eigenschaften, unserem Journalismus und unserer Marke treu. So haben wir es schon immer gemacht, angefangen bei der Zeitung. Jetzt haben wir die Möglichkeit, noch viel mehr auszuprobieren, noch schneller besser zu werden. Das werden wir auch tun. Es gibt also kein festgezurrtes Konzept, nach dem wir verfahren werden.

Was unterscheidet einen Instant Article bei Facebook von der WWW-Version?

Die Inhalte sind dieselben. Hier und da sind Anpassungen nötig. Zum Beispiel funktioniert die Card-Swipe-Logik mit nur einem bildschirmfüllenden Satz auf dem Handy hervorragend, auf einem großen Monitor im Büro sieht das komisch aus.

Haben Sie ein eigenes IA-Article-Team, das sich um die Produktion kümmert, oder wird das von der gesamten Redaktion erledigt?

Die Inhalte kommen aus den Ressorts, von den Experten, die ihre Geschichten auch für alle anderen Oberflächen recherchieren. Was wir aber aufgebaut haben: ein Team, dass gezielt Erzählformen für neue relevante Plattformen ausprobiert, misst und optimiert. Dazu gehören viele Herausforderungen – von verschiedenen Formaten bis hin zur idealen Abfolge verschiedener Elemente wie Foto, Text und Video. Analog zu unserem Team Victor mit dem V für Viral-Inhalte haben wir es Team Foxtrott getauft. Mit dem F für Future. Wir glauben daran, dass es unsere Aufgabe ist, dem User die Inhalte zu geben, die er will und die er braucht – zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Im optimalen Format. Das ist eine zutiefst journalistische Aufgabe, der wir uns mit Hingabe widmen.

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Ihre Inhalte von Facebook-Nutzer zwar fleißig gelesen werden, der Absender Bild aber irgendwann nicht mehr wahrgenommen wird?

Diese Frage tauchte öfter in den vergangenen Wochen auf. Ich teile diese Angst nicht. Schon jetzt sind Facebook-Posts von Bild Teil eines individuellen Streams für jeden User. Die Einzigartigkeit unserer Marke macht uns aber auch auf Artikel-Ebene unverwechselbar.

Wer vermarktet die IA von Bild: Facebook oder die Asmi? Können Sie etwas über die erste Resonanz bei Werbetreibenden sagen?

Sie sehen in dem Götze-Artikel, dass wir mit Samsung bereits einen eigenen Werbekunden an Bord haben. Die Resonanz bislang ist sehr, sehr gut.

Wie definieren Sie Erfolg: Was wollen Sie mit den Instant Articles erreichen?

Wir wollen mit Instant Articles dasselbe, was wir mit all unseren digitalen, journalistischen Aktivitäten wollen: Wir wollen mit gutem, unverwechselbarem Bild-Journalismus möglichst viele Menschen erreichen, bewegen, informieren und unterhalten.

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Alle Kommentare

  1. Dieses Kindergesicht nennt den Dreck den Springer produziert Journalismus.
    Naja, die Nazis nannten das Vergasen ja auch heuchlerisch Sonderbehandlung.
    Jedes einzelne Springer Produkt ist eine Gehirnzellenkammer um die Zellen zu vernichten.
    Das wichtigste ist, dass diese Leute sich die Finger wundschreiben aber kein Geld damit verdienen. Dann is alles gut!

  2. Infotainment auf dem Weg zum Infogau.

    Die Überflutung des Marktes mit immer demselben führte schon bei den Römern dazu, daß man zu einem Sklaven 10 Hinkelsteine umsonst dazu bekam.

    Was überall verfügbar ist, will niemand mehr haben. Das ist wie mit den Gräserpollen, im Frühjahr werden alle allergisch.
    Liest überhaupt noch jemand, was unter der Headline steht?

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