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Kaum ist der Blome weg, will angeblich keiner mehr den Spiegel zitieren …

Wer den Mann in der Mitte einstellt, dem fliegen die Zitate zu, wie äolische Winde
Wer den Mann in der Mitte einstellt, dem fliegen die Zitate zu, wie äolische Winde

Der ProSieben-Chef zeigt sich männermodisch auf der Höhe der Zeit, eine Fusions-Spekulation erhitzt die Gemüter, der Spiegel stürzt angeblich im Zitate-Ranking ab, weil Nikolaus Blome nicht mehr da ist und die Zeit versucht, lustig zu sein. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Die sagenhaft erfolgreiche ProSiebenSat.1 Media AG hielt in Hamburg ihre Programmpräsentation ab. Diese Fernsehtypen sind ja absolute Gute-Laune-Profis: Ein Mega-Flop wie “Newtopia” wird einfach weggelacht, stattdessen reißen Joko & Klaas lustige Sprüche auf der Bühne. Und ProSieben-Geschäftsführer Wolfgang Link führte ganz nebenbei DEN Männer-Modetrend des Sommers 2015 vor: Man(n) zeigt Bein. Aber bitte glatt! Im Notfall tun es fleischfarbene Kniestrümpfe.

Alte Socke. ProSieben-Boss Link im Interview mit Joko

Ein von Alexander Becker (@axbecker) gepostetes Foto am

Die ProSiebenSat.1 Media AG war auch einer der beiden Hauptdarsteller der Medien-Spekulation der Woche: Gibt es vielleicht, eventuell doch eine Fusion von Axel Springer und ProSiebenSat.1!? Huch, Hilfe, stop the Press! Dabei sind die Gespräche, die das Wall Street Journal da kolportierte, in einem sehr frühen, vermutlich geradezu embryonalen Stadium. Trotzdem wird fleißig durchgehechelt, was das nun wieder bedeutet: für den Medienstandort, für die Meinungsvielfalt, für das Kartellamt, für die Zuschauer, für die CSI-Wiederholungen bei Sat.1, für die Bild-Zeitung, für das Abendland und überhaupt. So ist sie nun mal, unsere geliebte Branche: notorisch aufgeregt.

Konkret wurde es bei Axel Springer dahingehend, dass man dort den eingekauften Flugzeugträger- und Hochhaus-Dokusender N24 in “Welt” umbenennt – weil er ja zur Welt-Gruppe gehört. Logisch, oder? Das “Markendach” “Welt” werde nun für allen Angeboten der Gruppe eingeführt, heißt es in der Pressemitteilung. Wörtliches Zitat:

Ziel ist es, digitales Leitmedium für Qualitätsjournalismus zu werden. Das gemeinsame Markendach ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Die Einführung soll schrittweise über einen längeren Zeitraum erfolgen, um Loyalität und Vertrauen von Lesern, Zuschauern und Werbepartner aufzubauen.

Jaja, blabla usw. Als die Kollegen vom Clap Clup damals bei der Einverleibung von N24 durch die Welt-Gruppe darüber räsonierten, dass “Die Welt” ja jetzt bald zur Fernsehmarke werden könnte, da klang es aus dem Springer-Headquarter noch ganz anders:

Die Spekulationen von Clap zur Markenstrategie von Welt und N24 sind falsch. Es gibt ein klares Bekenntnis von Axel Springer zu beiden Marken. Die strategische Aufgabenstellung ist es, diese erfolgreich weiter zu entwickeln.

Dies lässt nur den einen, zwingenden Schluss zu, dass die Marke N24 nun final zu Ende entwickelt wurde.

Was musste ich diese Woche bei meinem geschätzten Ex-Arbeitgeber kress lesen? Der Spiegel sei im Zitate-Ranking abgestürzt weil Nikolaus Blome nicht mehr dabei ist? Diese These vertritt jedenfalls Roland Schatz, Chef von Media Tenor, jener Firma die das Selbst-Bewienerungs-, Pardon: Zitate-Ranking der Medien erstellt. Schatz sagt:

Nach dem Ausscheiden von Nikolaus Blome Mitte Mai hat ‚Der Spiegel‘ nicht mehr zu alter Form zurückgefunden. Wir haben es mit einem gravierenden Einschnitt beim ‚Spiegel‘ zu tun. So hoch waren die Zitate-Verluste für einen einzelnen Titel noch nie.

Nix gegen den Herrn Blome, aber: im Ernst? Und außerdem: Blome ging Ende Mai vom Spiegel weg. Und nur der eine, Blome-lose Juni-Monat soll gereicht haben, um den Spiegel so “gravierend” abstürzen zu lassen? Kann die schlechtere Platzierung im Ranking nicht auch was mit der Umstellung des Spiegel-EVTs von Montag auf Samstag zu tun haben? So ein bisschen vielleicht? Von der Quatsch-These mit Blome mal abgesehen, fand ich das Zitate-Ranking schon immer ein wenig merkwürdig. Die Qualität eines Mediums hängt doch nicht davon ab, wie oft es von anderen Medien zitiert wird. Zumal es keine einheitlichen Richtlinien gibt, was wann wie von wem  zitiert werden sollte. Im Fall der Spekulation rund um die vielleicht-vielleicht-auch-nicht-Fusion von Springer und P7S1 haben viele deutsche  Medien beispielsweise das Wall Street Journal auch nicht zitiert, obwohl die US-Zeitung unzweifelhaft die Meldung als erstes gebracht hat. Als Ego-Meter erfüllt das Zitate-Ranking freilich eine gewisse Funktion. Allzu ernst nehmen sollte man es aber nicht.

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Die Zeit will jetzt auch mal witzig sein. Warum es vielleicht nur auf dem Papier eine gute Idee war, Komiker so eine Art Zeit-Blattkritik als Video machen zu lassen, während der Chef auf XXL-Urlaub ist, ahnt man nach Ansicht der ersten Folge, in der sich Florian Schroeder gebremst über die Zeit lustig macht. Aber sehen Sie selbst:

Nicht wirklich schlecht, aber lachen muss man nicht. Das ist halt das Problem, wenn derjenige, über den man sich lustig machen soll auch die Rechnung zahlt. Produziert werden die neuen Zeit-Videos von Markus Peichl und Autor Jens Westerbeck.

Und jetzt zu etwas komplett Anderem: Bei RP Online hat der Musikkritiker Wolfram Goertz einen ganzen langen Artikel darüber geschrieben, dass sich ein Geiger der Berliner Philharmoniker bei einer CD-Aufnahme von Schuberts 5. Sinfonie an einer Stelle um eine Note verspielt hat. Um eine Note! Rund 300 mal habe er die “verkorkste Stelle” auf der CD angehört, schreibt Goertz. Aber außer ihm hört es scheinbar keiner:

Ich bat meine Kollegen zu mir, doch keiner identifizierte den Fleck. „Was willst du?“, sagte einer, „das klingt doch toll!“ – „Ja sicher“, rief ich flehend, „aber das F!“ – „Ich hör da nichts“, sagte er.

Was macht ein echter Kritiker in so einer Lage: Er schreibt einen Artikel. Ich finde das absolut nachvollziehbar und feuilletonmäßig überzeugend. Dem Mann liegt nämlich tatsächlich was an seinem Fachgebiet, würde er sonst solche Formulierungen finden:

Die 5. Sinfonie B-Dur von Franz Schubert gilt als wunderbares Stück Musik. Sie fächelt einem äolisch milde Winde zu, und in den stürmischen Passagen arbeitet sie mit dem wohltuenden Gebläse der orchestralen Air Condition.

Und am Ende empfiehlt er die CD -Box sogar trotz dem Patzer:

Trotzdem sollte man die Box kaufen. Sie ist famos. Bis auf das F. Das kriegen Sie aber sowieso nicht mit.

So macht Musikkritik Spaß.

Mögen Ihnen am Wochenende die äolisch milden Winde nur so zufliegen

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Alle Kommentare

  1. Wenn Zeitungsleute witzig wären, hätten sie Distanz. Heute morgen erschien ein Kurz-Artikel zu einem Streifall in Basel, es ging um eine Moschee. Die halbe Schweiz war auf den Beinen und quetschte ihre Gefühle in 150 Zeichen. Man kennt das ja, die Welt ist ein Tunnel.
    Ich schrieb, ich sei Anhänger des Ra-Osiris-Kults, ich fordere eine Tempelanlage und Privat-Pyramide. Zur Strafe wurde ich nicht freigeschaltet. Da hat nur noch die Email gefehlt mit dem Verweis auf die Schweizer Netiquette.

  2. Dieser Beitrag ist gut zu lesen. Trotz des „trotz dem Patzer“. Aber das stört eh kaum jemanden.

    1. Ich hab ja auch mal gehofft, seit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ wüssten es alle… 😉

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