Anzeige

Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters: „Wir wollen das Leitmedium für Qualitätsjournalismus sein“

Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters in der Kommandozentrale. Seit Eröffnung des neuen Newsrooms vor anderthalb Jahren, sagt der 50-Jährige, habe er sein Büro in der Chefredaktion nicht ein einziges Mal mehr betreten. Vier-Augen-Gespräche finden in einem Glaskasten im Newsroom statt
Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters in der Kommandozentrale. Seit Eröffnung des neuen Newsrooms vor anderthalb Jahren, sagt der 50-Jährige, habe er sein Büro in der Chefredaktion nicht ein einziges Mal mehr betreten. Vier-Augen-Gespräche finden in einem Glaskasten im Newsroom statt

Mit der Umbenennung des Nachrichtensenders N24 in Welt macht man bei Axel Springer den nächsten Schritt beim Umbau der Welt-Gruppe zum Nachrichten-Medium auf allen Kanälen. Die früher über Jahrzehnte defizitäre Zeitung gilt heute als Vorzeige-Projekt für integrierten Journalismus. Motor der Veränderung ist Chefredakteur Jan-Eric Peters. Im MEEDIA-Interview spricht der 50-Jährige über Teamplay und Qualitätsanspruch, sinkende Printauflagen und darüber, irgendwann einmal "den Klopp zu machen".

Anzeige
Anzeige

Mathias Döpfner hat Sie im Interview als dienstältesten Welt-Chefredakteur bezeichnet und Ihr Blatt gelobt als „die beste Welt, die es je gegeben hat“. Das ist bemerkenswert, denn Döpfner war ja Ihr Vorgänger. Empfinden Sie es als einen großen Vorteil, eine Zeitung über viele Jahre zu begleiten und weiterzuentwickeln?

Jan-Eric Peters: Absolut. Früher wurde dem Axel Springer Verlag nachgesagt, die Halbwertzeit von Chefredakteuren dort sei kurz. Stimmt aber nicht, ich bin praktisch der lebende Gegenbeweis. Bei der Welt wie bei der Bild wird langfristig gedacht. Grundsätzlich halte ich regelmäßige Wechsel in unserem Beruf für wichtig, weil sie neue Impulse geben: für die Titel, die man verantwortet, genau wie für einen selbst. Man kommt sonst schnell in eine Routine, die Innovationen erschwert. Wenn man sich aber in einem Prozess befindet, in dem sich die Dinge permanent ändern, ist personelle Stabilität ein Vorteil. Seit ich vor fast 13 Jahren Chefredakteur der Welt geworden bin, haben wir parallel zu den rasanten Veränderungen in der Medien-Welt immer wieder Neues versucht, oft als Erste. Früher waren wir eine traditionelle Zeitungsredaktion mit zwei Titeln, heute stehen unsere digitalen Angebote im Mittelpunkt unserer Arbeit, zugleich produzieren wir mehrere gedruckte Zeitungen und neue Magazine, machen auch noch Fernsehen und viel Video im Web. Da ist es von ungeheurem Wert, wenn man die Entwicklung in einem eingespielten Team vorantreiben und einen langfristigen Plan verfolgen kann.

Für die Welt und ihre einzelnen Angebote sind Sie und die Redaktion vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt gab es Preise bei den INMA-Awards in New York. Was zeichnet eigentliche eine moderne Tageszeitungsredaktion aus?

Eine Redaktion muss heute sehr offen für Veränderung sein, mutig und innovativ. Gute Journalisten beweisen in der eigenen Arbeit die Flexibilität, die wir anderen in Kommentaren gern predigen. Bei der Welt waren wir uns glücklicherweise schon Anfang der 2000-er Jahre einig, dass wir radikale Schritte wagen müssen, wenn wir die Herausforderungen der Digitalisierung meistern wollen. Unsere Voraussetzungen dafür waren besser als bei den Wettbewerbern – weil es uns wirtschaftlich schlechter ging. Wer weniger zu verlieren hat, kann mehr riskieren. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Welt vor 13 Jahren nicht gerade glänzend dastand. Als wir dann mit der Berliner Morgenpost den ersten Multi-Paper-Newsroom der Welt gegründet haben, hat uns die Branche für tot erklärt. Tatsächlich war es der Grundstein für unsere Erfolge der folgenden Jahre.

Der Multichannel-Newsroom ist inzwischen in vielen Häusern Standard. Bei der Welt sind Sie mit dem Kauf des Nachrichtensenders N24 aber noch weiter gegangen…

Weil wir die erste Adresse für alle sein wollen, die sich über das aktuelle Geschehen und dessen Hintergründe informieren möchten. Das Leitmedium für Qualitätsjournalismus. Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel – aber wir haben eine gute Chance, es zu erreichen. Wir können nach dem Kauf von N24 alle wichtigen Medienkanäle bespielen und arbeiten gerade hart daran, die Stärken unserer Marken Die Welt, Welt am Sonntag und N24 zu kombinieren.

Unter dem Markendach Welt?

Ja, künftig haben wir eine Welt auf allen Kanälen. Wenn alle Angebote Welt im Namen tragen, auch der TV-Sender, macht das unsere Zusammengehörigkeit und publizistische Kraft noch sichtbarer. Wir sind ja heute schon unter verschiedenen Titeln sehr erfolgreich. Wir haben digital Die Welt zum Marktführer unter den traditionellen Qualitätszeitungen gemacht, die gedruckte Welt am Sonntag ist ebenfalls Nummer eins in ihrem Markt, und im Fernsehen liegt N24 als Nachrichtensender an der Spitze – fast ein Drittel der Deutschen nutzt mindestens einmal in der Woche eines unserer Angebote, wir erreichen mehr als 20 Millionen Menschen. Aber in der Wahrnehmung von Lesern, Nutzern und Zuschauern zahlt dieser Erfolg bisher nicht auf einen Namen ein. Das wird in Zukunft nun anders sein. Eine Redaktion, ein Unternehmen, eine Welt-Familie. Welt steht ja schon lange nicht mehr nur für einen Zeitungstitel, sondern für guten Journalismus auf allen Kanälen, für exklusive und investigative Geschichten, für schnelle Nachrichten und starke Meinungen.

Nicht alle sind überzeugt, dass die Ehe Zeitung plus Nachrichtensender besonders fruchtbar sein wird. Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass der Integrationsprozess alles andere als einfach ist.

Solche Integrationsprozesse sind niemals einfach. Welt-Gruppe und N24 passen aber gut zusammen, Haltung und Chemie stimmen, viele neue Strukturen haben wir schon entwickelt. Jetzt stecken wir mitten in der praktischen Arbeit. Als erstes werden wir im Herbst unsere Tablet-App mit neuen Features auf das neue Logo umstellen und unsere gedruckten Zeitungen gleich mit. Parallel arbeiten wir an einem neuen digitalen Auftritt im Internet, der das heutige welt.de und N24.de im kommenden Jahr ablöst. Ganz am Ende des Prozesses benennen wir dann den Fernsehsender um. Dabei gehen wir sehr behutsam vor und nehmen uns die nötige Zeit.

Es geht darüber hinaus aber vor allem um Inhalte und Work-Flow.

Bewegtbild und Online passen gut zueinander, Print und Online war strukturell schwieriger zusammenzubringen. Stellen Sie sich eine Breaking-News-Situation vor. Der erste Gedanke einer klassischen Zeitungsredaktion ist: Wie bereiten wir die Nachricht auf, damit Sie morgen früh noch interessant ist? Online dagegen ist der erste Gedanke: Wie setzen wir die Geschichte in der nächsten halben Stunde um? Diese Herangehensweise treibt auch eine Nachrichtenredaktion im Fernsehen an: der Dreh für den nächsten Moment und nicht für den nächsten Tag. Die Live-Kompetenz von N24 ist hier ein großer Gewinn. Andererseits ist die Verzahnung natürlich ein dickes Brett, gerade über zwei Standorte hinweg. Aber wir haben ja einige Erfahrung damit und auch den Wandel bewältigt von einer traditionellen Redaktion, die sich voll auf die gedruckte Zeitung konzentrierte, hin zu unserem digitalen Fokus nach dem Motto „Online to print“. Dass wir das geschafft haben, macht mich optimistisch für die gemeinsame Zukunft mit N24.

Genau genommen geht es in erster Linie um eine Management-Aufgabe. Sind Sie als Chefredakteur da vor allem anderen ein Change Manager?

Als Chefredakteur verantworte ich neben den Inhalten natürlich auch die Organisation der Redaktion. Erstaunlicher Weise haben einige ja auch heute noch sehr romantische Vorstellungen vom Beruf des Chefredakteurs, der anno dazumal im Kaffeehaus saß und den Leitartikel verfasste. Das reicht schon lange nicht mehr. Ich würde sogar sagen: Ein Chefredakteur kann heute langfristig nur erfolgreich sein, wenn er auch ein guter Manager ist. Bei der Welt und N24 sind eine Redaktion von mehreren Hundert Journalisten und die verschiedensten Titel, Formate und Medienkanäle zu steuern. Inhaltlich die Richtung vorgeben und Leitplanken setzen, Impulse geben und Innovationen vorantreiben, neue Titel entwickeln und die Marke repräsentieren, zugleich Verantwortung für die Mitarbeiter und einen großen Etat übernehmen – das kann man nicht alles delegieren, da muss man schon selber ran.

Wenn es um die Übernahme von N24 geht, müssen wir auch über die Abnabelung von Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt reden. War der Verkauf der regionalen Titel an die Funke Mediengruppe für Sie ein harter Schlag?

Wir haben hier über viele Jahre mit den Kollegen gut und eng zusammengearbeitet. Sie können sich vorstellen, dass einem dann so ein Schritt nicht leicht fällt. Wir haben intern gar nicht mehr unterschieden, wer grün oder blau ist, also wer für welche Marke arbeitet. Auf der anderen Seite war die Entscheidung strategisch richtig. Es gab auch eine innere Notwendigkeit, die Trennung jetzt komplett zu vollziehen, denn sowohl beim Abendblatt als auch der Morgenpost stehen anders als bei uns die Printprodukte im Mittelpunkt. Bei der Welt gilt seit drei Jahren das Prinzip „Online to print“, da war es schwierig, dass wir die Artikel von den Regionaltiteln digital immer erst nach Erscheinen der gedruckten Zeitung verwenden konnten. Die gemeinsame Zeit war erfolgreich für alle Beteiligten, aber jetzt ist eine gute Zeit, um neue Wege zu gehen.

Was ist für Sie der wichtigste Erfolgsfaktor bei tief greifenden redaktionellen Veränderungsprozessen?

Da gibt es zwei Faktoren. Am wichtigsten ist Radikalität. Natürlich kann man gerade in großen Organisationen nicht alles auf einmal ändern und sämtliche Abläufe sofort auf den Kopf stellen. Aber Evolution reicht eben auch nicht. Es braucht radikale Schritte, um mit Gewohnheiten zu brechen. Bei uns hat die konsequente inhaltliche Ausrichtung auf unser neues Prinzip „Online to print“ und der extra dafür gebaute Newsroom, in dem das Digitale buchstäblich im Zentrum steht, den Durchbruch gebracht. Heute pilgern Delegationen von der New York Times bis zur Washington Post zu uns, um sich Anregungen für ihre Redaktionen zu holen. Der Daily Telegraph stellt seine Arbeit wie einige andere Häuser sogar komplett nach unserem Modell um. Zweitens ist intensive Kommunikation wichtig. Wir reden viel miteinander, auf allen Ebenen, auch die Zusammenarbeit mit dem Verlag ist abseits der journalistischen Inhalte eng. Diskussionen, die heute in vielen Redaktionen laufen, haben wir bereits vor vielen Jahren geführt – unser integrierter Print-Online-Newsroom feiert im nächsten Jahr schon 10. Geburtstag. Auf dieser Basis konnten wir in Journalismus investieren, in unsere Qualität und viele neue publizistische Projekte. Das alles zahlt sich aus. In der Politikberichterstattung sind wir beispielsweise nach dem Spiegel mittlerweile die meistzitierte Redaktion in Deutschland.

Sie haben bei der Welt zweifellos viel neue Abspielstationen für journalistische Inhalte geschaffen. Dennoch kommen Sie nicht umhin, dass auch Ihre Printauflagen kontinuierlich sinken. Beunruhigt Sie das?

Nein, aber natürlich freut es mich auch nicht. Gleichwohl bleibt Print sehr wichtig für uns, nicht nur wirtschaftlich. Wir erreichen mit der Welt die Meinungsmacher und so viele Entscheider wie noch nie, wie die neueste LAE-Studie gerade ergeben hat. Bei unserem wichtigsten Printtitel, der Welt am Sonntag, entwickelt sich sogar die Auflage gut, wir sind da beinahe stabil und haben zudem mit fast 1,5 Millionen so viele Leser am Sonntag wie seit zehn Jahren nicht mehr, der Vorsprung vor der Konkurrenz wird immer größer. Gleichzeitig werden wir uns weiter konsequent digital ausrichten und dafür immer wieder auch Anpassungen vornehmen. Ich behaupte, mit der „Online to print“-Strategie ist die gedruckte Welt sogar noch besser geworden. Das Tageszeitungs-Team hat mehr als drei Mal so viele Geschichten aus dem Digitalen zur Auswahl wie man für eine gedruckte Zeitungsausgabe braucht, da kann man sich das Beste herauspicken.

Welche Geschichten eignen sich im Digitalzeitalter besonders für Print?

Wenn man Digital richtig macht, hat man auch alle Elemente, die eine gute Tageszeitung braucht. Digital ist ja keineswegs ein Medium nur für flüchtige Stoffe. Gute Geschichten funktionieren in jedem Kanal, auch lange und komplexe, diese Erfahrung machen wir jeden Tag. Es geht darum, dass man die jeweilige Leserschaft und deren Bedürfnisse genau kennt, um die relevanten Inhalte auszuwählen, in Print wie online. Das Schöne für Journalisten ist, dass uns das Internet die Chance gibt, unsere Geschichten so zu erzählen, wie man sie am besten erzählt, also gegebenenfalls auch in bewegten Bildern oder mit interaktiven Grafiken. Das Digitalzeitalter ist für Journalisten ein goldenes Zeitalter, was unsere Möglichkeiten angeht.

Wenn dann auch noch Fernsehen dazu kommt: Haben Sie den Ehrgeiz beim multimedialen Storytelling und Bewegtbildeinsatz im Web einen neuen Standard zu setzen?

Anzeige

Das wünsche ich mir, wir arbeiten dafür. Gerade experimentieren wir mit einer 360-Grad-Kamera für unsere digitalen Kanäle, da sind wir Pionier. Erste trimediale Projekte haben wir auch schon realisiert, wie die Specials zum Thema Angst, zu Youtube oder zu den verschwundenen Schätzen der Nazis, die wir über alle Kanäle von Digital über Print bis ins Fernsehen gespielt haben. Diese Projekte haben für uns nach außen wie nach innen Leuchtturm-Charakter. Das Denken in verschiedenen Medienformen muss in Fleisch und Blut übergehen.

Wenn Sie das Digitale so in den Vordergrund stellen, stellt sich die Frage nach der Refinanzierbarkeit. Glauben Sie, dass die redaktionellen Aktivitäten rund um Website und Bewegtbild in absehbarer Zeit durch Vermarktungserlöse gedeckt werden können?

Natürlich sind mir die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht entgangen, denen wir uns zu stellen haben. Aber es wäre das erste Mal in der Geschichte, dass es massenweise Leser gibt und man dann keine Möglichkeit findet, die Angebote für sie auch zu finanzieren. Wir waren mit der Welt die Ersten, die 2012 ein umfassendes digitales Bezahlmodell in Deutschland eingeführt haben. Heute kommen wir auf 65.000 zahlende Digitalabonnenten. In Relation zu den rund 100.000 Abonnenten der gedruckten Welt und Welt Kompakt finde ich das beachtlich. Wir sind hier auf einem guten Weg.

Sie gelten mit der Welt-Gruppe bei vielen als Pionier der Medienentwicklung. Glauben Sie, dass andere zu ängstlich sind, um ebenso entschlossen zu handeln?

Ich will niemandem Angst unterstellen. Doch ich bin überzeugt, dass Radikalität und Experimentierlust gerade in traditionellen Medienhäusern richtig und wichtig, aber eher selten sind. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass unser Weg auch auf Dauer erfolgreich ist, aber ich bin zuversichtlich. Ich möchte mir jedenfalls nicht nachsagen lassen, dass ich mich an etwas geklammert hätte, obwohl doch offensichtlich war, dass es so nicht mehr funktioniert. Wir müssen dort sein, wo unsere Leser und Zuschauer sind, und die sind eben immer häufiger online und mobil.

Als überlebensgroßen Gegner sehen viele Verleger Google. Nun gibt es das Angebot und eine 150 Millionen-Euro-Geldspritze des Suchmaschinen-Konzerns, gemeinsam mit Verlagen journalistische Digitalangebote zu stricken. Würde es Sie reizen, dort mitzumachen?

Wir brauchen keine einmaligen Geschenke, sondern langfristig Sicherheit, dass die Verwertung journalistischer Inhalte honoriert wird.

Bild ist bei Instant Articles neben anderen im Facebook-Boot. Hand aufs Herz: Haben Sie das auch für die Welt geprüft? Und wäre das nicht auch etwas für Sie?

Unsere Beteiligung ist nicht ausgeschlossen, aber zunächst testet Bild das Angebot und hat da klare Regeln vertraglich vereinbart. Nämlich: Die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion bleibt gewahrt, Bild.de ist Rechteinhaber aller zur Verfügung gestellten Inhalte, die Vermarktung liegt bei ASMI, außerdem erhalten die Kollegen Transparenz bei den Nutzerdaten. Zugleich wird ein Bezahlmodell für journalistische Inhalte auf Facebook vorangetrieben.

Was ist Ihr Konzept, junge Zielgruppen zu erreichen, die für klassische Medien verloren scheinen?

Heute klingt es oft so, als wären Zeitungen früher ein Medium für Teenager gewesen, dabei wurden die immer schon vorwiegend von etablierten und reiferen Menschen gelesen. Das Schöne ist doch, dass wir durch die Digitalisierung überhaupt sehr viele neue Leser gewinnen – und darunter sind besonders viele junge. Allein über Social Media erreichen wir Hunderttausende, die uns früher gar nicht kannten. So wie sich die Wahrnehmung der Marke Welt vor gut zehn Jahren durch Welt Kompakt verändert hat, so verändert sich heute die Wahrnehmung durch die digitalen Angebote: Wir sind in unseren Themen und Angeboten jünger und werden auch als jünger und lebendiger wahrgenommen, dazu trägt jetzt auch N24 bei. Erfreulicherweise geblieben ist, dass auch nach mehr als zwei Jahrzehnten Internet die klassischen Medienmarken online zu den Leitmedien gehören.

Viele Medien scheinen bemüht, zurückgehende Auflagen oder Vermarktungsumsätze durch Aktivitäten wie Veranstaltungen, Leserreisen oder Kongresse zu kompensieren.

Ich bin froh, dass wir wie zuletzt mit Bilanz, Blau oder unserer Kmpkt-App weiter journalistische Produkte neu in den Markt bringen, statt Konferenzen oder Seminare zur Hauptsache neuer Aktivitäten zu machen. Ich halte diese Fokussierung auf Journalismus für richtig.

Wo wir schon bei Neustarts sind: Mit Stefan Aust haben Sie seit der N24-Übernahme einen Welt-Herausgeber, der unter dem Titel Die Woche ein Magazin entwickelt hatte. Könnten Sie sich vorstellen, dass Axel Springer dem Heft unter dem Dach der Welt eine Chance gibt?

Wir haben mit der Welt am Sonntag einen erfolgreichen Titel auf Wochenbasis mit einer verkauften Auflage von 400.000 Exemplaren. Ein wöchentliches Magazin ist derzeit kein Thema, und ich sehe das auf absehbare Zeit auch nicht.

Auch Anzeigenkunden entwickeln Begehrlichkeiten und neigen dazu, die Platzierung von Kampagnen an Bedingungen zu knüpfen. Native Advertising liegt im Trend. Wie stehen Sie dazu?

Wer mich kennt, der weiß, dass ich in solchen Fragen ein Hardliner bin. Bei der Welt waren wir die Ersten, die schon vor mehr als zehn Jahren etwa unter Reise-Artikeln offen gelegt haben, wenn wir eingeladen worden waren – übrigens eine Regel, die inzwischen Teil des Presse-Kodexes geworden ist. Beim Thema Native Advertising allerdings wundere ich mich, dass hier so getan wird, als sei das etwas Neues. Sogenannte Verlagssonderveröffentlichungen gibt es in Zeitungen doch seit etlichen Jahren. Das muss man nicht toll finden, aber es ist auch für die Leser eine gelernte Medienform. Sie wissen, dass nicht die Redaktion der Absender ist. Im Digitalen ist das nicht anders, so lange man diese Veröffentlichungen klar kennzeichnet, und über die klare Kennzeichnung gibt es bei uns keine zwei Meinungen. Mit Native Advertising tut sich eine Möglichkeit auf, digitale journalistische Angebote wie im klassischen Geschäftsmodell auch über Anzeigen zu finanzieren, und das ist gut.

Als Journalist gehörten Sie zu den Early Adopters von Social Media, haben zum Beispiel eine ziemlich lebendige Facebook-Präsenz. Aktuell sehen wir immer mehr Medienköpfe, die sich via täglichen Newslettern an ihre Follower wenden. Wäre das etwas für Sie?

Ich habe darüber nachgedacht, das ist ja eine schöne Form, direkt mit den Lesern in Kontakt zu kommen. Aber es ist ganz einfach: Ich würde es zeitlich schlicht nicht schaffen, regelmäßig einen Newsletter zu schreiben, und da ich ihn mir andererseits nicht unter meinem Namen schreiben lassen wollte, wird das wohl nichts werden.

Sie sind gerade 50 Jahre alt geworden. Wie sieht Ihre Planung für die nächsten zehn Jahre aus, wird es da noch einen Wechsel geben?

Ich habe die spannendste Aufgabe, die man sich als Journalist und Chefredakteur vorstellen kann: Online, Fernsehen und Zeitungen publizistisch aus einer Hand machen und Geschichten auf allen Medienkanälen erzählen können. Solch ein einmaliges Projekt gestalten und mit einer motivierten Redaktion nach einer Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Journalismus suchen zu dürfen, ist extrem reizvoll. Den nächsten großen Schritt haben wir heute vorgestellt, wir erreichen einen weiteren Meilenstein auf unserem Weg, Leitmedium zu werden.

Und danach?

Mache ich den Klopp (lacht). Wenn ich irgendwann einmal das Gefühl habe, die Welt nicht weiter voranbringen zu können, werde ich mir gern den Wunsch erfüllen, nach all den vielen Jahren an der Spitze einer so großen Redaktion ein kleines, feines Projekt in einem kleinen Team zu machen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. “Wir wollen das Leitmedium für Qualitätsjournalismus sein”

    So, wie sich der „Qualitätsjournalismus“ zur Zeit (oder gar: immer noch?) benimmt, ist die WELT doch bereits Leitmedium. FAZ, SZ, ZEIT und SPIEGEL versuchen ja auch krampfhaft, „unsere Freunde“ möglichst nett darzustellen (oder zumindest die schlimmsten der vielen Verbrechen gegen die Menshheit zu relativieren) und den Feind, natürlich immer noch wie seit ’39 die pösen Russen, anzuprangern — aber so gut wie die WELT schaffen sie’s nur manchmal. Nehmt Euch also ein Beispiel an Springers WELT. Matthias Walden hat schon vor 50 Jahren die „Langhaarigen“ zur Räson gebracht.

  2. “Wir wollen das Leitmedium für Qualitätsjournalismus sein”, klar, ich will auch Milliardär werden. Da klafft aber bei beiden Wünschen ein riesiges Loch. Anspruch und Realität passt hier nun überhaupt nicht zusammen. Wie hörte ich kürzlich in „die Anstalt“: > die Welt, also die Bild der Vermieter <

  3. „Leit“medium? Wohl eher „Leid“medium.

    N(azi)24 mit CSU-positionierten „Nachrichten“ im Wechsel mit Hitler- und Rüstungssendungen vollzieht damit immerhin die vollständige Wandlung zum deutschen Fox News…

  4. Die Welt bleibt ein auf rechtskonvservative/reaktionäre ausgerichtetes Propagandablatt. Schlechte Recherche und offensichtlich ideologisch motivierte Fehlinformationen wechseln sich ab.

  5. Wenn man gerade die Griechenlandberichterstattung der Welt verfolgt, ist dieses Interview ein Witz. Dort wird hilflos und gehässig nachgetreten und voll die Bildschiene gefahren. Wer hier noch von Qualitätsjournalismus faselt lebt schon in einer Welt, in der er nicht mehr ansprechbar ist. Mal abgesehen vom Thema, ist dies eine Veralberung langjähriger Weltleser. Nein, nein, so wird das nix.

    1. Most people think that everything
      is just what they assume.
      .
      (Sorry für’s Englisch. Englisch, weil: ist von Van Morrison. Aber es passt so schön zu solch‘ Menschen in dieser Tage modischen Brillen, die die Realität trotzdem nicht sehen)

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*