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Medien unter Generalverdacht: die unangebrachte Pauschal-Kritik der Politik

Gregor Peter Schmitz ist Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche
Gregor Peter Schmitz ist Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

Früher stellten Politiker die Medien gern unter Ideologieverdacht. Im Digitalzeitalter folgt der General-Vorwurf der "Schlampigkeit", der auch von vielen Bürgern geteilt werde, findet Gregor Peter Schmitz, Hauptstadt-Chef der WirtschaftsWoche. MEEDIA dokumentiert die Abrechnung mit unangebrachter Pauschalkritik am Journalismus.

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Ein Gastbeitrag von Gregor Peter Schmitz, WirtschaftsWoche

Es dauert 20 Minuten, bis sich ein Wutbürger zu Wort meldet, und natürlich ist er wütend. Auf der Bühne der Friedrich-Ebert-Stiftung sitzen Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit und Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, die Stiftung hat sie eingeladen, über die Verantwortung der „Vierten Gewalt“ zu diskutieren, deren Vertreter Persönlichkeitsrechte mit Füßen treten, wie ein Einführungsredner gleich mal klarstellt.

Wowereit soll diesen Pressebengeln also nun einheizen, doch er ist, nun ja, kein harter Frager. Jörges und er verlieren sich in Plaudereien über Weinproben und ähnlich Schönes. Zu harmlos, schimpft besagter Zuhörer also lautstark los, so könne man das Publikum nicht abspeisen, an einem Abend, an dem es doch vorrangig um die Rücksichtslosigkeit der Medien gehen soll. Und die Intervention zeigt Wirkung, kurz darauf klagt auch Wowereit ausführlich über die gewachsene Hektik im Journalismus, die natürlich stets zulasten der Recherche und der Sorgfalt gehe – da nicken die Zuschauer zufrieden.

Schwierig war das Verhältnis zwischen Medien und Politik schon, als das Zentrum der Republik noch in Bonn war, nicht in Berlin. Helmut Schmidt nannte Berichterstatter „Wegelagerer“, Otto Graf Lambsdorff sprach von „Todesschwadronen“, und Helmut Kohl war stolz, den Spiegel nicht zu lesen. Politiker klagten bereits über die Kampfpresse, als es das Wort „Lügenpresse“ noch gar nicht gab. Aber früher stellten Politiker Medien unter Ideologieverdacht. Heute stellen sie diese oft pauschal unter Schlampigkeitsverdacht. Und: Anders als früher nur ihre Anhänger wissen sie heute bei solchen Attacken die Mehrheit der Bürger hinter sich. Laut einer aktuellen infratest-Umfrage haben 60 Prozent von denen wenig oder gar kein Vertrauen in politische Berichterstatter.

Politiker, immer das Ohr am Volk, beflügelt dieser Trend anscheinend. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nutzte seine Rede bei der Feier zum 20. Geburtstag von Spiegel Online für eine hämische Abrechnung mit dem daueraufgeregten Netzjournalismus. Hochrangige Regierungsbeamte erklären mittlerweile, es sei doch peinlich, wenn sich erwachsene Journalisten freuten, ein paar Sekunden schneller zu sein als andere. Sie klingen dann fast wie US-Politikerin Sarah Palin, die auf Medienverachtung ihre Karriere baute und bei jeder Gelegenheit höhnt, Qualitätsmedien gingen im Digitalzeitalter eh unter.

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Kanzlerin Angela Merkel zeigt derlei Verachtung zwar nicht offen, aber sie braucht traditionelle Medien kaum, sie besorgt ihre Inszenierung selber. Vom G7-Gipfel in Elmau wird kein Text in Erinnerung bleiben, sehr wohl aber das Foto von Merkel beim Parkbank-Plausch mit US-Präsident Barack Obama. In ihrer Selbstinszenierung unterscheidet sich Merkel, deren erster politischer Job Pressesprecherin war, also kaum von Obama. Der gibt eher Comedians Interviews als Mitgliedern des Pressekorps im Weißen Haus – und lässt seine Mitarbeiter zwar im Minutentakt twittern, ereifert sich aber mit Vorliebe über die Internet-Fixierung der politischen Presse.

Medien sollen selbst in der Medienkrise nicht unter Artenschutz stehen, Kritik macht Journalisten besser und die Demokratie auch. Aber Politiker, die Medien im Digitalzeitalter pauschal Qualität und Sorgfalt absprechen, tun das nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst in der WirtschaftsWoche-Kolumne Berlin intern 

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