Anzeige

Medien-Stimmen zu Grexit-Szenarien: „Vieles ist möglich. Aber nichts ist gut“

Alexis Tsipras (Foto) verkauft das No der Griechen zum Sparpaket als „Sieg der Demokratie“. Doch der könnte teuer erkauft sein – für alle Beteiligten
Alexis Tsipras (Foto) verkauft das No der Griechen zum Sparpaket als "Sieg der Demokratie". Doch der könnte teuer erkauft sein – für alle Beteiligten

Tag eins nach dem Greferendum: Welche Folgen wird das Nein der Griechen zu Europas Sparplänen haben? Die Beobachter sind sich uneins. So fordert die WirtschaftsWoche den Grexit, Die Welt hingegen zieht einen Schuldenschnitt in Betracht. Der britische Guardian gar empfiehlt den Kniefall der Gläubiger gegenüber Athen als das kleinere Übel.

Anzeige
Anzeige

„Der Euroaustritt Griechenlands erscheint kaum noch vermeidbar – und der Weg dorthin wird hart“, schreibt Spiegel-Online-Wirtschaftschef Christian Rickens. Er lässt in seinem Kommentar kaum Zweifel daran, dass seiner Meinung nach in Griechenland Politik ohne Vision gemacht werde. „Mit dem Zusammenbruch der Banken wird das Wirtschaftsleben faktisch zum Erliegen kommen. Vielleicht behelfen sich die Griechen mit Schuldscheinen als einer Art Ersatzwährung? Vielleicht kehren sie vorübergehend zu einer Art Tauschwirtschaft zurück? Vielleicht lassen sie sich den freiwilligen Austritt aus der Eurozone (aus der man sie juristisch kaum hinauswerfen kann) teuer bezahlen? Vielleicht fängt die griechische Zentralbank auch einfach an, sich auf eigene Faust Euros zu drucken? Vieles ist ab jetzt möglich in Griechenland. Aber nichts ist gut.“

WiWo-Politik-Redakteur Tim Rahmann erklärt die Zeit reif für den Grexit. Europa und die Europäische Zentralbank müssten nun handeln. „Für Verhandlungen gibt es keinen Spielraum“, so Rahmann, der sich über die Freude in Griechenland wundert. „Was feiern die Griechen also? Ihre zurückgewonnene Selbstachtung? Den „Sieg der Demokratie“, wie Tsipras behauptete? Oder die Ablehnung eines ‚deutschen Europas‘? Was es auch sein mag: Nach der Party vom Sonntag wird der Kater vom Montag folgen. Für Griechenland wird es nicht leichter. Im Gegenteil.“

Nach dem „Nein“ der Bevölkerung werde es in naher Zukunft keine Besserungen für die Griechen geben, glaubt FAZ.net-Kommentator Peter Sturm.  „Sie werden sogar bald bemerken, dass nicht einmal der sprichwörtliche Silberstreif am Horizont zu erkennen ist. Wenn sich diese Erkenntnis erst einmal Bahn gebrochen hat, wird man sehen, wie lange das Triumphgefühl dieses Sonntags bei den Regierungsparteien trägt.“ Und weiter: „Alexis Tsipras und seine Regierung haben ihren Wählern Unmögliches versprochen. Sie werden jetzt entweder über ihren politischen Schatten springen und sich doch mit den Partnern auf ein vernünftiges Programm einigen müssen. Oder sie werden eine weitere negative Episode in der an solchen nicht eben armen Geschichte ihres Landes bleiben. Die Menschen in Griechenland haben wahrhaft Besseres verdient.“

Das Handelsblatt präsentiert am Tag nach dem Referendum unterschiedliche Ansichten und fragt sich einerseits (Paid Content), wie sich Europa und Griechenland nach dem Referendum noch einig werden können. „Vielleicht läuft es darauf hinaus, an den meisten Reformvorschlägen festzuhalten, aber etwas mehr Zeit für die Umsetzung zu gewähren. Das macht ja auch ökonomisch durchaus Sinn. Eine komplette Umstrukturierung der Schulden, wie die Griechen es gerne hätten, ist im Schnellverfahren wahrscheinlich nicht zu erreichen. Aber möglicherweise eine Art Bad Bank für die Altschulden, die dann künftig auch getrennt gerechnet werden und durch schrittweise Erleichterungen bei den Konditionen auf lange Sicht de facto neutralisiert werden können. So würde jedenfalls deutlich gemacht, dass das Land die Chance zum Neuanfang bekommt.“ Und weiter: „Griechenland im Chaos versinken zu lassen, um damit anderen Ländern ein abschreckendes Beispiel zu geben, ist jedenfalls die schlechtere Alternative. Man kann Europa nicht nach dem Struwelpeter-Prinzip zusammenhalten.“

Im Handelsblatt Morning Briefing merkt Chefredakteur Sven Afhüppe andererseits aber auch an: „Es wird schwer, ein Land wie Griechenland in der Eurozone zu behalten, das erkennbar andere Vorstellungen darüber hat, wie es seine Zukunft gestalten will. Die Solidarität innerhalb der Währungsgemeinschaft ist nicht unendlich. Das gilt umso mehr für eine Regierung, die ihre Geldgeber als Diktatoren, Erpresser und Terroristen beschimpft.“ Oliver Stock, Mitglied der Handelsblatt-Chefredaktion kommt zu dem Schluss: „In Wahrheit hilft nur der Grexit.“ Zur Begeründung schreibt er: „Niemand in der Eurozone möchte einen Staat länger stützen, in dem das an ihn verliehene Geld einfach versickert. In dem es nach hunderten Milliarden an Krediten nicht einem Menschen besser geht. Würde in den Euroländern am nächsten Sonntag über neue Hilfen für Griechenland abgestimmt, wäre das ‚Nein‘ mit Sicherheit noch überwältigender als das der Griechen.“

In seinem Newsletter schreibt Bild-Politik-Chef Béla Anda, dass das Ergebnis aus Griechenland auch Angela Merkel treffe. „Eine der Leidtragenden des gestrigen Referendums ist Kanzlerin Merkel. Sie, die heute mit Frankreichs Präsident Hollande in Paris versuchen wird, die morgige EU-Ratssitzung zu Griechenland vorzugestalten, hatte den Kurs der EU zu Griechenland fünf Jahre lang unterstützt. Spannend wird sein, welche europapolitischen Schlüsse die Bundeskanzlerin aus dem Griechenland-Desaster zieht. Eine EU der zwei Geschwindigkeiten kann die Folge sein. Schlecht wäre sie nicht.“

Anzeige

Die Probleme Griechenlands seien auch unsere, meint hingegen Heinrich Wefing für Zeit Online. „Ein Euroaustritt würde die Krise nur verlagern. Ein Kompromiss ist schwer, aber notwendig.“ Um eine Lösung zu finden, werde es „alle Staatskunst Europas brauchen“. Und weiter: „Klar ist es jetzt verlockend, dem ersten Impuls nachzugeben, den Griechen „Dann verzieht Euch halt!“ zuzurufen und den Grexit zu organisieren. Die drastischen Worte von Vizekanzler Sigmar Gabriel deuten in diese Richtung. Aber es ist eine Illusion, zu glauben, damit gehe die Krise zu Ende. Sie würde sich allenfalls verlagern, aus der Zuständigkeit der Eurozone nämlich in die Zuständigkeit der EU. Je tiefer Griechenland in die Rezession rutscht, je härter die Krise dort die Menschen trifft, desto schwächer wird die Legitimation der anderen Europäer, einfach nur zuzusehen und auf die Rückzahlung von Schulden zu beharren.“

Griechenlands „Nein“ zum Reform- und Sparpaket sei auch eine Niederlage für die deutsche Kanzlerin, meint Jan Dams von der Welt. „Das Ergebnis des Referendums in Griechenland zeigt, dass alle Seiten Fehler gemacht haben. Deshalb sollte man Gesprächen mit der Regierung von Alexis Tsipras eine letzte Chance geben.“  Es sei „an der Zeit – wie vom Internationalen Währungsfonds seit Monaten gefordert – in zeitlich sehr, sehr eng begrenzten Gesprächen eine grundlegende Umstrukturierung der Schulden zu verhandeln, vielleicht sogar einen Schuldenschnitt.“

Der Guardian sieht eine Frage nicht beantwortet. „Die griechische Regierung hat überlebt und Brüssel muss mit diesem Athen verhandeln. Die wichtigere Frage – kann Griechenland im Euro und in der Europäischen Union bleiben – blieb unbeantwortet. Genauso wie die wichtigste Frage für die meisten Griechen: Wann werden die Banken wieder aufmachen – und wie viel Euro können wir abheben?“ Als Lösung sieht John Quiggin eine Absenkung der Schulden. Denn wenn Griechenland die EU verlasse, sei das Projekt Europa gescheitert. Scheide es aus dem Euro aus, seien die europäischen Sparpläne gescheitert und eine Finanzkrise nicht unwahrscheinlich, so Quiggin. Die Folgerung des Guardian-Kommentators: „Genauer gesagt, besteht die Wahl zwischen der ’sicheren‘ Lösung mit einigermaßen voraussagbaren Folgen und einer ‚risikoreichen‘ Option, die völlig ungewisse Dinge nach sich ziehen würde. Für die europäischen Gläubiger lautet dabei die sichere Option, einen Rückzieher zu machen, eine Menge Schulden abzuschreiben und einen großen Gesichtsverlust hinzunehmen.“

„Der August 1914 war ein Abstieg in die Hölle, der Mai 1945 der Weg daraus. Der Juli 2015, der Monat des surrealen griechischen Referendums, das keine klare Frage hatte und einen Ausgang mit zweifelhaften Folgen, wird in die Geschichte als Fortsetzung der Hölle eingehen“, schreibt die Financial Times. „Alexis Tsipras und seine Kollegen haben ihrer Nation eine Katastrophe beschert.“

Die wichtigste Frage betreffe jetzt die griechischen Banken, schreibt Paul Krugmann bei nytimes.com. „Im Vorfeld der Volksabstimmung schnitt die EZB den Banken zusätzliche Mittel ab und half so, Panik zu schüren. Die EZB steht nun vor einer unangenehmen Wahl: Dreht sie den Geldhahn nicht wieder auf, wird Griechenland gezwungen sein, eine neue Währung einzuführen.“

Der Economist schreibt: „Was nun folgt ist eine Pattsituation zwischen den griechischen Verhandlungsführern und ihren europäischen Gläubigern. Zu einem gewissen Grad steht Griechenland besser da als noch vergangene Woche. Der Sieg für das „Nein“-Lager gibt Präsident Tsipras nun die Macht am Verhandlungstisch, die er seinen Wählern versprochen hat.“

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Griechenland, immer nur Geld zu verlangen ist natürlich eine feine Sache. Aber wo bleibt eigentlich das viele Geld?

    Wenn es keinen Sinn macht, den Griechen Aufgaben aufzuerlegen gegen Geld – warum zeigen die Griechen nicht, was sie in der Lage sind, in ihrem Land zu ändern. Nur Geld haben wollen und alles andere geht die Geldgeber nichts an, das ist in meinen Augen einwenig kurz gedacht.

    Ich denke, daß Griechenland den Beweis antreten muß, daß das Geld nicht verjucheit wird und der Verbleib ohne Einschaltung von US-Helfern jederzeit kontrolliert werden kann.

    Es muß auch sichtbar gemacht werden, inwieweit sich Griechenland dahingehend bewegt, sich selb st zu erhalten und nicht nur das Geld anderer Stadten zu beanspruchen.

    Und zum Schluß noch 2 Weisheiten:
    Wie man in den Wald hineinruft, schallt es auch wieder heraus.
    Nur die blöden Hunde beißen die Hand die sie füttert.

  2. Die Griechen haben nicht OXI zu einem Spar- und Reformpaket gesagt, sondern zu diesem bislang verhandelten Sparpaket. Es ist auch kein OXI, das sich an Europa richtet, sondern OXI zur die bisherigen Praxis der „Europäischen Institutionen“ im Umgang mit Griechenland.
    Wenn bislang ein „griechisches Versagen“ vorliegt, dann ist es bei den beiden, ehemaligen griechischen Volksparteien, der ND und der Pasok zu suchen. Mit denen konnte es doch unser Finanzminister auch ganz gut….

    1. Dann geben wir denen halt zu den bisher ausgereichten sage und schreibe 500 Milliarden durch EU-Subventionen, sowie internationale Kreditgeber solange weitere Kohle, bis auch Ihnen die Vermutungen ausgehen, woran oder an wem es denn nun gelegen haben könnte.

      Ist ja nicht ihr Geld. Und auch nicht meines. Spielgeld.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*