Je reste Charlie: „Überall Anzeichen für schleichende Angst und vorauseilende Selbstzensur“

Marc Thomas Spahl, Direktor der Axel Springer Akademie
Marc Thomas Spahl, Direktor der Axel Springer Akademie

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist genau ein halbes Jahr her. Grund für 19 junge Journalisten der Axel Springer Akademie, auf der ganzen Welt Menschen zu besuchen, die nach einem Anschlag nicht aufgehört haben, für ihre Sache einzustehen und weiter gegen den Terror anzugehen. Aus dem Solidaritäts-Claim "Ich bin Charlie" entstand das Projekt "Je reste Charlie": Ich bleibe Charlie. Im MEEDIA-Interview erklärt Schulleiter Marc Thomas Spahl das außergewöhnliche Video- und Social-Media-Projekt.

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Was ist die Idee hinter jerestecharlie.eu?
Genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo gehen wir der Frage nach, was religiös begründeter Terror mit Überlebenden, Hinterbliebenen und einer Gesellschaft macht. Und das war auch der Anlass: Die jungen Journalisten von unserem Team 17 starteten ihre Ausbildung in der Woche des Massakers und mussten plötzlich unter Polizeischutz in den Verlag gehen. Etwas, das sie nie vergessen werden.

Der Name suggeriert, dass die Solidarität gegenüber Charlie Hebdo verloren gegangenen wäre. Ist das so?
Ja, so ist es. Nach einer riesigen Welle der Unterstützung ist die Anteilnahme relativ schnell wieder abgeebbt, das berichtet auch der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Gérard Biard. Statt dessen beobachten wir überall Anzeichen für schleichende Angst und vorauseilende Selbstzensur. So ist dieses Projekt zustande gekommen. Wir wollen aufrütteln, zeigen, dass wir dranbleiben, deswegen auch der Name. Denn es geht um unser höchstes journalistisches Gut, die Meinungsfreiheit.

Was wird auf der Seite alles zu sehen sein?
Unser Team hat international gearbeitet. Die 19 jungen Journalisten haben auf der ganzen Welt gedreht, Menschen getroffen, die direkt oder indirekt Opfer wurden, sich trotzdem nicht unterkriegen lassen und so gegen den Terror kämpfen. Unsere Reporter waren in London, Madrid, Belfast, Jerusalem, New York, auf der norwegischen Insel Utoya, und natürlich in Paris, wo unter anderem Redaktionsmitglieder und Angehörige der Ermordeten teils zum ersten Mal vor einer Kamera berichten, wie sie nach dem Attentat weiterleben.

Warum machen Sie das?
Um zu zeigen, was man von all diesen Menschen lernen kann: nämlich sich nicht einschüchtern zu lassen. Terror trifft eine Gesellschaft in ihrem Kern – der Freiheit. Terroristen wollen, dass wir in Angst leben. Erstarren. Doch wir haben eine Wahl. Der Spiegel titelte vor kurzem „Wie die Angst vor Attentaten unsere Freiheit frisst“. Das darf nicht passieren, in unserer Gesellschaft nicht, und schon gar nicht im Journalismus.

Was muss geschehen, damit Sie sagen, das Projekt war ein Erfolg?
Der erste Erfolg ist, dass wir dieses komplexe Thema überhaupt an den Start bringen. Allein schon, weil es diese wichtige Botschaft hat. Das Ganze war ziemlich aufwändig, und unser Budget nicht groß. Aber die jungen Kollegen haben sehr gut geplant, sind billig gereist, die Website selbst basiert auf WordPress. Nun geht es um Aufmerksamkeit. Das Projekt soll zur Diskussion anregen. Auch wir zeigen Mohammed-Karikaturen. Aber nicht aus kalkulierter Provokation, sondern als Teil einer bewegenden Video-Reportage aus Paris. Ein Stück Zeitgeschichte. Damit gerade dieses Digital-Projekt eine möglichst große Verbreitung findet, ist es unser erstes, das wir komplett in drei Sprachen launchen: Deutsch, Englisch und Französisch.


Wie stark wollen sie für dieses Projekt auch auf Social-Media als Verbreitungskanal setzen?
Jedes neue journalistische Unternehmen, und dieses erst recht, kann nur ein Erfolg werden, wenn man Social Media richtig nutzt. Auch da haben wir uns einiges einfallen lassen. Den Start des Portals begleiten zahlreiche Persönlichkeiten, Politiker, Künstler, Journalisten, die allesamt bekennen: „Je reste Charlie“. Darunter Außenminister Steinmeier, Innenminister de Maiziére, Verteidigungsministerin von der Leyen. Schriftsteller wie der Amerikaner Louis Begley und der Schotte Martin Walker. Schauspieler wie der Franzose Francois Cluzet. Der ukrainische Tänzer Vladimir Malakhov, deutsche Fernsehstars wie Uschi Glas und Frank Elstner. Und viele Kollegen wie die Hauptstadt-Studioleiterin des ZDF Bettina Schausten, der Gründungsintendant von Deutschlandradio Ernst Elitz und viele Chefredakteure aus unserem Verlag.

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Ist ihre Arbeit nach dem Launch der Webseite getan?
Unser Thema heißt: dranbleiben, weitermachen. Und da hat sich das Team für die kommenden Monate ambitionierte Ziele gesetzt. „Je reste Charlie“ ist eine Geisteshaltung, die sich in neuen Geschichten, Interviews und Gastbeiträgen widerspiegeln soll. Zudem wird es eine große Online-to-print-Serie in der WELT Kompakt geben, die bis zum Jahrestag des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2016 laufen wird. Wenn man dieses Thema anpackt, darf es nicht halbherzig sein.

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