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Auf dem Weg zur fünften Gewalt: das erstaunliche Comeback von Wikileaks

Wikileaks-Gründer Julian Assange, neue Enthüllung zum US-Lauschangriff auf die Kanzlerin: Whistleblower steuern die Medien
Wikileaks-Gründer Julian Assange, neue Enthüllung zum US-Lauschangriff auf die Kanzlerin: Whistleblower steuern die Medien

Es ist das Topthema für Politik und Medien: Die NSA hörte die Kanzlerin systematisch ab und wusste schon frühzeitig, dass Merkel keine echte Griechenland-Strategie hatte. Besonderen Zündstoff erhält die Enthüllung durch die Wahl des Zeitpunkts zum Höhepunkt der Grexit-Krise – Wasser auf die Mühlen von Wikileaks, der zuvor beinahe in Vergessenheit geratenen Whistleblower-Plattform, deren Rolle immer undurchsichtiger erscheint.

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Veröffentlicht wurde die Story zwar von der Süddeutschen Zeitung, die Münchner werteten dafür allerdings ausschließlich Unterlagen von Wikileaks aus, die der Zeitung als medialer „preferred Partner“ vorab zur Sichtung zur Verfügung gestellt worden waren. Mit dem Merkel-Scoop feiert Wikileaks, um das es lange still geworden war, ein erstaunliches Comeback.

Seit über einer Woche beherrscht die Organisation, die noch immer von Assange aus einem kleinen Zimmer in der ecuadorianischen Botschaft in London aus gesteuert wird, wieder die politische Berichterstattung. Erst stürzten die Presse-mit-Dokumenten-Versorger die französisch-amerikanischen Beziehungen in schwere Turbulenzen, in dem sie publik machten, dass die NSA mindestens drei Präsidenten abgehört hätte. Jetzt wendet sich Assange dem nächsten Land zu: Deutschland.

Über die Süddeutsche Zeitung und deren Rechercheverbund mit dem NDR und WDR publiziert Wikileaks nun neue Dokumente, die beweisen sollen, „wie weit die Spionage der National Security Agency (NSA) ging und geht“. Weiter fasst die SZ die Ergebnisse zusammen: „Angefangen bei persönlichen Durchwahlen von Ministern über die Nummern parlamentarischer Staatssekretäre bis hin zu zentralen Faxnummern von Ministerien hat die NSA alles überwacht“.

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Nach Einschätzung der Autoren Hans Leyendecker, John Goetz und Georg Mascolo dokumentieren die neuen Unterlagen „auch die Zusammenfassung eines Gesprächs, das Kanzlerin Merkel am 11. Oktober 2011 mit einer Vertrauten im Kanzleramt über die damaligen Verhandlungen der EU zu Griechenland führte. Offenbar verfügte die NSA nicht nur über die Nummer eines Handys der Kanzlerin, sondern auch über die weiterer Anschlüsse.“

Ein Satz ist in der Berichterstattung des Rechercheverbundes dabei besonders wichtig:

Vorige Woche hatte Wikileaks Unterlagen über NSA-Lauschangriffe auf drei französische Präsidenten veröffentlicht. Genauso wie jene Dokumente stammen auch die aktuellen, Deutschland betreffenden Unterlagen, offenkundig nicht von Edward Snowden, sondern von einer anderen, bislang nicht identifizierten NSA-Quelle.

 

Das bedeutet: Neben Snowden hat Assange einen weiteren einflussreichen Whistleblower aufgetan, der jetzt auch seine Organisation mit brisanten Material versorgt. Es könnte aber auch bedeuten: Wikileaks behauptet lediglich, eine weitere Quelle zu haben, vielleicht, um der Welt zu zeigen, dass man nicht nur auf dem Archivbestand der Snowden-Papiere sitzt. Auch eine Organisation, die sich der Wahrheitsfindung verschreibt, braucht Marketing, und das bekommt Wikileaks in diesen Tagen in Hülle und Fülle. Die Journalisten, auch jene, die von Wikileaks bevorzugt behandelt werden, können kaum abschätzen, ob die Quellenangaben der Whistleblower korrekt sind.

Assange hat von Snowden die Kunst des Filetierens und Verknappens gelernt
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Das Handeln von Wikileaks folgt dabei einem wohlstrukturierten Konzept. Wie ein Schachspieler scheint Assange – wieder einmal – Politiker, Geheimdienstler und deren PR-Berater von einer Krisensitzung in die nächste zu manövrieren.

Dabei scheint der Australier von Snowden eine wichtige Lektion gelernt zu haben: Die Kunst des Filetierens und Verknappens. Die Informationen werden nicht mehr in einem Schwall veröffentlicht, sondern in kleinen, gut konsumierbaren Häppchen.

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Bevor der Spiegel am 29. November 2010 mit dem Titel „Enthüllt“ einen riesigen Kiosk-Erfolg landete, werteten mehrere Mitarbeiter wochenlang in London hunderttausende von Dokumenten aus. Der Lohn: Der Spiegel verkaufte alleine am Kiosk 481.355 Exemplare. Damaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins: Georg Mascolo. Nach dem einmaligen Knalleffekt verpuffte die Aufmerksamkeit allerdings auch wieder schnell.

Mittlerweile spielt auch Assange das Spiel der tröpfchenweisen Veröffentlichung mit großer Raffinesse. Erst gab es geheime Mitschriften aus dem NSA-Untersuchungsausschuss, dann die abgehörten französischen Präsidenten und nun wieder Merkel und die Selektorenliste. Und man fragt sich, warum nicht alles mit einem Schlag veröffentlicht wird.

Für die Politiker jedenfalls ist dieser stete Fluss an kleinen Scoops alles andere als angenehm. Sie wissen nie, was noch kommt. Was haben die Whistleblower noch auf Lager? Um wen geht es beim nächsten Mal? Um so verständlicher, dass Politiker seit Jahren versuchen – offenbar erfolglos – Assange und Wikileaks klein zu machen und zum Schweigen zu bringen. Aber auch für die Medien ist dies nicht einfach. Denn genauso wie bei Snowden sind auch sie in dem aktuellen Fall nicht die Herren des Verfahrens. Sie sind abhängig von den Dokumenten und Informationen die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Und Wikileaks scheint wählerisch: Nicht der Spiegel scheint ihr Partner, sondern der Geheimdienstexperte Georg Mascolo, der die Kontakte nach seiner Entlassung als Spiegel-Chefredakteur dem Anschein nach „mitgenommen“ hat und nun im Recherche-Verbund von Süddeutscher und Öffentlich-Rechtlichen weiter berichtet.

Wikileaks & Co. entwickeln sich zu einer fünften Gewalt

Die vierte Gewalt, deren Aufgabe es sein soll, die Mächtigen und deren Institutionen zu kontrollieren, ist in der Ausübung ihres Job auf Informationen der Whistleblower angewiesen, die diese allerdings nach Belieben spielen oder zurück halten. Und über deren Agenda kann nur spekuliert werden. Das erhebt Wikileaks & Co. faktisch in den Stand einer fünften Gewalt.

Im Gegensatz zu den anderen Gewalten gibt es bei den Whistleblowern aber niemanden, der sie kontrolliert. Deshalb ist es um so wichtiger, sich bei jeder weiteren Enthüllung stets die Frage zu stellen: Warum jetzt? Warum spielt Assange die Dokumente, die Angela Merkel und Griechenland betreffen, gerade in dieser Woche, die wohl als die Entscheidende in der gesamten Griechenland-Krise zu sehen ist? Wen schwächen sie, wer gewinnt durch die öffentliche Diskussion und Aufmerksamkeit für die Enthüllungen Zeit oder Ansehen?

Mehr denn je gilt also heute: Belastende Geheimdokumente machen deren Besitzer zu einer sehr mächtigen und von den normalen Gewalten kaum zu kontrollierenden Person. Allerdings nur dann, wenn er die richtige Veröffentlichungs-Strategie und die passenden Medienpartner hat.

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Alle Kommentare

  1. wikileaks ist inzwischen unschätzbar wichtig geworden, weil sie für den NSA Untersuchungsausschus zur einzigen verwertbaren Quelle für Einblicke in echtes Materiak geworden sind.

    Die Bundesregierung gibt den NSA Ausschuss leider nur komplett geschwärzte Seiten… einfach ein Hohn!

    Auch sonst behindert die Regierung den NSA Untersuchungsausschuss wo die nur kann.

    Hier einmal echte Hilfe für den NSA Ausschuss:

    https://wikileaks.org/nsa-germany/selectors.html#1

    Kein Wunder, dass bei immer mehr Menschen Fragen zur Souveränität Deutschlands aufkomnen …

  2. Ich denke das Snowden Material ist einfach zu umfangreich. Das hat Assange selbst im neuesten Interwiew mit dem Spiegel gesagt: „wir ersticken im Material“.
    Es wird ja doch einiges weniges geschwärzt, zum Personenschutz. Oder wie im Fall der Telefonnummern / Selektoren des Kanzleramtes, die letzten 3 Ziffern durch XXX ersetzt…

    Wikileaks hat einfach nicht die Volontäre / Arbeitskräfte, um z.B. wie bei der Hacking team Veröffentluchung 1.000.000 emails zu lesen…

    Da hat Glenn Greenwald von The intercept – firstlook.org in Brasilien mehr Glück und Geld, da die Plattform extra vom Ebay Gründer, dem Miliardär Pierre Omidayar gegründet wurde…
    Eben genau für Glenn Greenwald, bzw. wegen dem Publizieren von Edward Snowdens Enthüllungsmaterial …

  3. Eines verwirrt mich jetzt: Mein bisheriger Stand war, dass Snowden seine Unterlagen KOMPLETT an Glen Greenwald gegeben hatte und die Häppchen-Taktik somit von Greenwald und nicht von Snwoden kam. Man korrigiere mich, falls ich damit falsch liege.

  4. Oh nein, die sogenannte „4. Gewalt“ macht ihren Job nicht mehr und müllt die Welt mit Abschriften von PR-Meldungen voll. Und nun kommt doch tatsächlich jemand auf die Idee, diese Lücke mit Informationen zu füllen, die tatsächlich von Relevanz sind…

    Es ist wirklich furchtbar, dass die betroffenen Akteure nicht mal sicher wissen, wann und wieviele von ihren – womöglich nicht unerheblich strafwürdigen – Machenschaften ans Tageslicht geraten. Dagegen muss doch dringend etwas unternommen werden!
    [/Sarkasmus]

  5. Assange ist nur eine andere Mainstream Presse-Hure.
    WikiLeaks lanciert „News“, um Dinge zu publizieren, die sowieso rauskommen, das aber zur günstigen Zeit und unter dem Deckmantel der Neutralität.
    Assange ist alles andere als neutral. Er mach nur Geschäft mit seinen Halbwahrheiten und an „Wahrheit“ hat er kein Interesse. Nur an Wirkung.
    Beweis: Seine Leugnung der 9/11-Theorien und die totale Abwesenheit von Leaks über Israel.

  6. Hach, wie köstlich: „schwere Turbolenzen“ und weniger schön: „mit brisanten Material“. Bitte korrekturlesen!

  7. Die vierte Gewalt kontrolliert doch nichts mehr bei unseren Mächtigen! Pressemitteilungen kann ich auch von der Regierung und den Großunternehmen lesen, wozu da noch Journalismus in Deutschland? Und mag sein, dass Wikileaks eine eigene Agenda haben mag… Aber sie machen den Job, den die MSM nicht mehr machen mögen und so Juncker und Schäuble weiterhin bezüglich Griechenland lügen können wie sie wollen, weil sie keiner mehr hinterfragt! Ein Herdentrieb sondersgleichen!

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