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Apple Music: Meine Stunde Null als Musiknostalgiker – es ist nicht mehr so leicht, ein Junge zu sein

CEO Tim Cook forciert Apple Music
CEO Tim Cook forciert Apple Music

Alles neu macht Apple Music: Der neue Streaming-Dienst aus Cupertino steht ab sofort in 100 Ländern der Welt bereit. Es ist ein Moment der Zeitenwende, denn seit gestern hat der Download faktisch ausgedient - und mit ihm das Besitzen von Musiktiteln. Der Siegeszug des Musik-Streaming markiert auch das Ende eines Lebensgefühls.

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Es gab diese  Zeit, damals, in den 80er- und über weite Strecken 90er-Jahren, als die Plattensammlung das Größte war in unserem Teenagerleben. Was haben wir das Taschengeld gehortet und uns über unsere ersten Besitztümer im Leben definiert: Bruce Springsteens „Born in the USA“, David Bowies „ Let’s Dance“ und Michael Jacksons „Thriller“: Das waren Mitte der 80er die ersten Heiligtümer im beginnenden Teenie-Leben, die über Coolsein oder Nicht-Coolsein entschieden.

Jahre des Lebens und Hunderte von D-Mark haben wir darauf verwandt, uns ein Archiv aufzubauen, das niemand sonst aus der Klasse hatte – nur den besten Freunden würde man sein Lieblingsalbum auf Kassette überspielen, unsere Plattensammlung war schließlich der erste Ausweis eines eigenen Geschmacks.  Und dann, als man bei Klassenkameradinnen Eindruck schinden wollte, waren Mixtapes die größte Liebeserklärung, zu der ein Junge fähig war. Es war sehr einfach, in den 80er-Jahren ein Junge zu sein.

Steve Jobs zum MP3-Boom: „Ich dachte, diese Sache war uns durch die Lappen gegangen“

Dann kam die CD hinzu, die dem Besitz von Musik eindeutig die Romantik nahm. Aber die Grundlage war dieselbe: Wer Zugang zum guten Geschmack hatte, blieb der Held. Mitte der 90er änderte sich mit der Verbreitung der MP3-Technik dann aber vieles: Musik auf dem Computer, illegal herunterzuladen – es brauchte Jahre, um das zu verstehen.

Auch Apple ging das so, wie Steve Jobs zugab. „Ich dachte, diese Sache war uns durch die Lappen gegangen“, sollte er später dem Fortune Magazine mit Blick auf den MP3-Boom, der maßgeblich von der Tauschbörse Napster befördert wurde, erklären. „Wir mussten uns mächtig ins Zeug legen, um das wiedergutzumachen.“

iTunes Download-Konzept revolutionierte die Musikindustrie für eine Dekade

Das tat Apple mit dem iTunes Store, der 2003 in den USA und ein Jahr später auch in Deutschland seine virtuellen Pforten öffnete: Nutzer würden künftig einzelne Songs für 99 Cent bzw. später 1,29 Dollar wählen können und müssten nicht mehr die vollen 15 Dollar für ein Album berappen.

Mit seinem Verhandlungsgeschick hatte Jobs die damals fünf großen Labels Universal, Warner Music, Sony, BMG und EMI von den Vorzügen von iTunes überzeugen können – und damit von einem Bruch mit dem klassischen Distributionsmuster, der die Labels viele Millionen kostete. Das Download-Konzept revolutionierte die Musikindustrie und ebnete Apple maßgeblich den Weg zur immer größeren Verbreitung seiner Hardware in Form des iPods und iPhones.

Spotifys Erfolg verdeutlichte Apple: Das Download-Modell war in die Jahre gekommen 

Eine Dekade lang ging das Erfolgskonzept, das die Plattensammlung ins digitale  Zeitalter brachte, für Apple auf:  Die iTunes Division wurde zum Geschäftszweig, der zuletzt fünf Milliarden Dollar einspielte – pro Quartal (inklusive App- und Software-Verkäufen). Doch in einem Punkt irrte Jobs:  „Die Leute wollen, dass ihnen die Musik gehört“, erteilte der passionierte Bob Dylan-Fan Ausleih-Abonnements zum Start von iTunes eine Absage.

Eine Dekade später war Jobs widerlegt, wie der erstaunliche Erfolg von Spotify zeigt: Die Schweden haben inzwischen 75 Millionen Nutzer von den Vorzügen des Streamings überzeugt – 20 Millionen zahlen bereits für die Streaming-Abos.

Es sind Größenordnungen, bei denen Apple handeln musste, um nicht den Kontakt zur Basis zu verlieren. Spätestens seit zwei, drei Jahren fühlte man sich als zahlungswilliger iTunes-Nutzer wie ein Anfangvierziger auf einem Eagles-Konzert: in die Jahre gekommen. Die coolen Kids waren längst zu Spotify gezogen und probierten neue Musik aus, wie man in seinen Teenie- und Studentenzeiten eine Party nach der anderen ausprobierte.

Mit der Beats-Übernahme zum eigenen Streaming-Dienst 

Apple hat das verstanden – und Beats übernommen. Ein bisschen wegen der coolen Köpfhörer, vor allem aber wegen des intelligenten Streaming-Dienstes Beats Music, der Apple-CEO Tim Cook schlaflose Nächte bereitete. „Der Dienst ist so gut, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, als ich ihn getestet habe”, erläuterte der Apple-Chef im vergangenen September gegenüber Charlie Rose den eigentlichen Grund für die Milliarden-Übernahme. Eine Integration in iTunes erschien da nur wie eine Frage der Zeit.

Der Tag ist jetzt gekommen.

Walt Mossberg stellt fest: Apple Music ist der kompletteste Streaming-Dienst
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Seit gestern 17 Uhr deutscher Zeit ist Apple Music verfügbar – und es verändert buchstäblich wieder einmal einiges. Tatsächlich gibt es wenig Apple-Updates in den vergangenen Jahren, in deren Zuge sich so viel für Nutzer verändert hat. Der langjährige Tech-Guru Walt Mossberg stellt fest: Apple Music ist der kompletteste Streaming-Dienst, den es aktuell gibt.

Selbst wenn Spotify das eine oder andere zusätzliche Feature (wie smarte Playlisten für Jogger) anbietet, so dürfte der Löwenanteil  der 800 Millionen iTunes-Kunden mit dem neuen Apple-Angebot so zufrieden sein, dass ein Wechsel zu Spotify oder gar Tidal keine realistische Option mehr ist, weil im Ökosystem des iKonzerns mit ein paar Klicks alles funktioniert.

Stunde Null für Musiknostalgiker

Tatsächlich ist Apple Music – sehr ungewohnt für Cupertino – auch unter preislichen Gesichtspunkten ein guter Deal, wenn man sich für die Familienoption entscheidet, in der bis zu sechs Mitglieder den neuen Dienst nutzen können: für 2,50 Euro gibt es dann einen All-Inclusive-Musikzugang pro Nase.

Gleichzeitig erleben Nostalgiker damit ihre ganz persönliche Stunde Null: Wer auf iOS 8.4 bzw. auf dem Mac auf Mac OS X 10.10.4. aktualisiert, verabschiedet sich im selben Atemzug von seiner digitalen Plattensammlung – und damit, philosophisch betrachtet, einem Teil seiner Sozialisation.

Natürlich ist das eigene Musikarchiv, das man sich auf iTunes über elf Jahre und einige Tausend Euro aufgebaut hat, weiter verfügbar: Es wird nur kaum einen Grund geben, es noch zu benutzen. Was über iTunes gekauft wurde, ist schließlich auch in Apple Music im Stream verfügbar – genauso wie 30 Millionen weitere Songs.

Das Zeitalter der Musik-Downloads ist seit gestern Geschichte

Mit anderen Worten: Das Zeitalter des kostenpflichtigen Musik-Downloads ist seit gestern Geschichte. Nach dem Start von Apple Music noch bei iTunes einzelne Songs herunterzuladen, ist so anachronistisch, wie sich Jahre nach dem Launch des iPhones noch einen iPod zu kaufen. Das iTunes-Download-Zeitalter, wie es eine ganze Generation von willfährigen Apple-Jüngern über eine Dekade indoktriniert bekam, ist seit gestern passé.

Und damit auch endgültig das Zeitalter der eigenen Plattensammlung. Wie das Mixtape und die amerikanische Import-Maxi-Single, so hat auch das eigene iTunes Archiv ausgedient. Musikfans rund um den Erdball, die zumindest zehn Dollar bzw. Euro im Monat aufbringen, haben nun auf so ziemlich jeden legal erhältlichen Song Zugriff.

Demokratisierung des großen Musik-Archivs: Rund um den Erdball Zugang für 10 Dollar

Apple Music, so großartig das Angebot für die breite Masse ist, ist damit gleichzeitig auch der ultimative Vereinfacher des Musikgeschmacks. Ein paar Klicks – R&B, Hip Hop, Jazz, Rock  – in die bunten Bubbles hier, ein paar Klicks – Bruce Springsteen, Stan Getz, Beyoncé, Jay Z –  da, und schon schlägt der Apple-Algorithmus in der „Für Dich“-Option die nächsten Künstler und Alben vor, kuratierte Playlisten ergänzen das Rundum-Angebot.

„It just works“, pflegte Steve Jobs seine Produktlaunches standesgemäß abzufeiern: Das trifft auch auf Apple Music zu. Mit dem Ergebnis, dass Musikfans rund um den Erdball nun den vollen Zugang zu einem globalen Musikarchiv haben. Im Vorbeigehen hat Apple die Musikindustrie damit entscheidend demokratisiert.

Wer das jedoch als noble Geste versteht, die Apple drei Milliarden Dollar gekostet haben soll, lässt sich vom üblichen PR-Getöse Cupertinos betäuben: Am Ende des Tages ist Apple Music der Schmierstoff, der Apple-Getreue im Ökosystem hält, damit die loyalen Fanboys zum nächsten iPhone greifen. Und es ist ein bisschen schwieriger geworden, mit dem guten Geschmack Mädchen zu beeindrucken. In den 2010er Jahren ein Junge zu sein, ist womöglich nicht mehr ganz so einfach …

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Alle Kommentare

  1. Apple Music mag ich. Wie ich fast alles von Apple mag. – Aber der Teil: „so dürfte der Löwenanteil der 800 Millionen iTunes-Kunden mit dem neuen Apple-Angebot so zufrieden sein, dass ein Wechsel zu Spotify oder gar Tidal keine realistische Option mehr ist“ ist sehr unüberlegt.
    Ich muß diesen Dienst von Apple auch erst einmal BEZAHLEN. Das ist kein gottgegebener selbstloser Service von Apple. Spotify und Co ist durchaus eine gute Alternative, vor allem wenn man den Service schon nutzt und Playlisten angelegt hat.
    Also warum den alternativen Anbietern vor´s Knie treten? Sollten wir uns nicht freuen, daß wir (noch) Konkurrenz am Markt haben? Dieser, an sich sehr schöne Artikel bekommt für mich dadurch einen sehr üblen Beigeschmack. Sehr Apple-Fanboy das Ganze… Leider. Bitte Artikel überarbeiten!

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