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„Grenze zwischen traditionellen Medien und Startups ist verschwunden“

Erfolgreich auf der Suche nach journalistischem Storytelling von morgen: Startup Vox.com, Redakteurin Melissa Bell
Erfolgreich auf der Suche nach journalistischem Storytelling von morgen: Startup Vox.com, Redakteurin Melissa Bell

"Explain the news" ist der Anspruch des US-Nachrichtenportals Vox.com. Im Interview erzählt Mitgründerin Melissa Bell von der Zusammenarbeit von Designern und Reportern, dem Verhältnis zwischen Startups und traditionellen Medien und warum Analysen von "Game of Thrones" auf eine News-Site gehören.

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Ein Interview von Jan Ewringmann

Frau Bell, was genau ist Ihre Position bei Vox?

Melissa Bell: Ich bin leitende Redakteurin bei Vox.com und zuständig für die Abteilung „Growth and Analytics“ bei Vox Media.

Zwar steht inzwischen die Weiterentwicklung des Unternehmens bei Ihnen im Fokus, Sie sind aber nicht völlig getrennt von den Reportern: Bei Vox arbeiten unterschiedliche Abteilungen im selben Raum. Wie sieht das in der Praxis aus?

Wir arbeiten so eng wie möglich zusammen und bringen unterschiedliche Fähigkeiten zusammen. Als Reporter ist man vielleicht ein talentierter Schreiber, aber hat nicht unbedingt die Vorstellung, wie man eine Geschichte am besten präsentiert. Wenn aber ein Designer und ein Reporter zusammenarbeiten, wird das Endprodukt viel interessanter für die Leser. Wenn man die beiden voneinander trennt, wirkt es so, als hätte man einer Story einfach ein Design übergestülpt.

Wie viel Freiheit hat man bei Vox, wenn es um die Gestaltung einer Story geht?

Wir haben verschiedene Vorlagen, an die wir uns halten, weil wir wissen, dass sie funktionieren. Man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Wir versuchen aber, offen für Veränderungen zu sein. Wenn jemand eine Idee hat, etwas anders zu gestalten, ermutigen wir ihn, diese zu teilen und mit anderen daran zu arbeiten.

Das Ziel von Vox ist es, Nachrichten zu erklären. Warum ist das notwendig?

Wenn man das Wort „news“ betrachtet, besteht es im Kern aus „new“, also neu. Nachrichten erklären Sachverhalte nicht selbstverständlich. Sie sagen einem hauptsächlich, was passiert ist. Das ist wichtig, aber wir sind an einem Punkt, wo so viele Nachrichten an uns herangetragen werden von so vielen verschiedenen Quellen, dass wir einer dauernden Informationsflut ausgesetzt sind. Manchmal, wenn ich für längere Zeit im Netz bin, fühle ich mich wie in der einen Szene in „A Clockwork Orange“, als würde jemand meine Augen offen halten und es würde eine endlose Flut von Inhalten auf mich zuströmen.

Worin besteht dann die Herausforderung eines modernen Journalisten?

In der Vergangenheit bestand die Herausforderung für Nachrichtenmacher darin, Menschen regelmäßig in einer bestimmten Zeit und in einem begrenzten Umfang mit Informationen zu versorgen. Früher hatten Menschen keinen einfachen Zugang zu Informationen, deshalb mussten die Nachrichtenmedien sie ihnen liefern. Wer in den USA lebte, konnte nicht sofort herausfinden, was in Europa passierte. Dieser Zustand hat sich komplett verändert, beginnend mit dem Fernsehen und mit der Berichterstattung 24 Stunden am Tag. Die Frage ist heute nicht mehr, wie wir Informationen verbreiten. Die Frage ist, wie wir diese Masse an Informationen verstehen können. Das ist die Herausforderung für unsere Leser. Ich bin selbst eine Leserin, und als ich nicht mehr in der täglichen Berichterstattung involviert war, fühlte ich mich, als wenn ich keine Ahnung hätte, was in der Welt vor sich ging, wenn ich mich nicht kontinuierlich informierte. Das ist das Problem, das wir lösen wollen. Wir wollen dem Publikum einen Begleiter zu den Nachrichten bieten, was bisher selten der Fall war in diesem Geschäft.

Spielt die Langlebigkeit eine Rolle, wenn Sie ein neues Thema auswählen? Ziehen Sie in Betracht, wie wichtig ein Thema auf lange Sicht sein wird?

Eine Eigenschaft, die mir am Internet sehr gefällt, ist seine Dauerhaftigkeit. Wenn man etwas online veröffentlicht, bleibt es so lange erhalten, wie die Server laufen. Man muss das Internet am Ende des Tages nicht wegschmeißen. Das ist ein Vorteil für uns. Wir entscheiden über Themen weniger danach, was von Dauer sein wird. Vielmehr denken wir anders über Geschichten nach. Früher hat man als Reporter oft ein und denselben Themenbereich abgedeckt. Innerhalb dieses Themenbereichs hat man viele unterschiedliche Geschichten gemacht, aber häufig hatten sie einen roten Faden, der sie verbindet.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Die Regulierung von Waffen ist ein großes Problem in den Vereinigten Staaten. Wir haben diese Diskussion gerade wieder wegen der Tragödie in Charleston. Dieser Vorfall ist jedoch leider kein Einzelfall. Es gibt eine Verbindung zwischen all diesen schrecklichen Verbrechen, die alle mit der Diskussion über Waffenregulierung zusammenhängen. Wenn man sich einen übergreifenden Erzählbogen vorstellt, wird dieser rote Faden deutlich. Ein weiterer roter Faden ist, wie die USA mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart als ein Land verstrickt in Rassenkonflikte umgehen. Wenn wir daran gehen, eine Geschichte zu erzählen, überlegen wir, was so ein Erzählbogen sein könnte, und richten danach unsere Berichterstattung aus.

Es gibt einen relativ hohen Anteil an Popkultur auf Vox. Haben Sie Bedenken, dass man Sie nicht ernst nimmt, wenn Sie über Dinge wie die Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ schreiben?

Nein. Viele Leute dachten, wir würden uns nur mit Politik beschäftigen, weil Ezra [Klein] und Matt [Yglesias] sich darauf konzentriert hatten. Wir haben gute Gründe dafür, ein Kultur-Ressort zu haben. Kulturthemen werden oft als „soft news“ oder nicht vollwertige Nachrichten angesehen. Aber Kultur ist eine Art, wie wir Geschichten über uns selbst erzählen, und indem man sich mit Kultur auseinandersetzt, treten viele wichtige Dinge, die in der Welt passieren, hervor. Eine Sache, die wir meiner Meinung nach gut gemacht haben, ist die Analyse von „Game of Thrones“ als eine Geschichte, die sich im Grunde um den Klimawandel dreht. Die Fernsehmacher nehmen damit ein wichtiges Thema aus unseren Nachrichten auf, aber in einer Weise, mit der sie ein Massenpublikum erreichen. Kultur ist ein großer Teil von uns. Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit außerhalb der Arbeit damit. Daher sollten wir uns als Medium damit befassen. Wenn wir das nicht tun, decken wir nicht das ganze Spektrum ab. Ich glaube auch, dass es einfach ist, zu sagen, „Ihr macht keine ‚harten‘ Nachrichten“. Aber jedes traditionelle Medium hat einen Kulturteil. Die New York Times hat einen Modeteil mit Listicles und Heiratsanzeigen und manchmal berichten sie auch über Katzen. Die Washington Post wiederum hat einen beliebten Comic-Teil. Menschen gefällt mehr an Zeitungen, als nur die neusten Wirtschaftsberichte zu lesen. Bei Vox wollen wir Kultur-Nachrichten erklären und wir wollen „harte“ Nachrichten erklären. Ich denke, das gehört beides dazu.

Warum konnten Sie das, was sie bei Vox tun, nicht bei der Washington Post tun?

Die Einnahmen der Post sanken dramatisch zwischen 2007 und 2009. Das führte zu einer sehr interessanten, erschreckenden und aufregenden Zeit. Wir mussten uns ernsthaft Gedanken über unsere Arbeit machen. Die Post erlaubte uns, viele neue Ideen auszuprobieren. Wir hatten die Freiheit zu experimentieren – und zu scheitern und aus unseren Fehlern zu lernen. Letztendlich spielt Print immer noch eine bedeutende Rolle im Geschäftsmodell der Post. Wir [die Vox-Gründer] wollten jedoch sehen, was man mit einem rein digitalen Geschäftsmodell aufbauen kann.

Wie ist allgemein das Verhältnis zwischen Medien-Start-ups und traditionellen Medien in den USA?

Es gab anfangs große Unterschiede zwischen Start-ups und traditionellen Medien. Vor sieben Jahren war Buzzfeed eine Unterhaltungsfirma mit einer großartigen Technologie, aber nicht unbedingt dem besten Journalismus. Vor sieben Jahren hatte die New York Times noch getrennte Redaktionen für Print und Digital. Heute sehen wir eine Welt, in der Buzzfeed Reporter in der Ukraine hat, und welche, die über Ebola berichten und fantastischen investigativen Journalismus machen. Und genauso findet man heute fantastische interaktive Storys bei der New York Times. Eine der beliebtesten Geschichten dort war im letzten Jahr ein Sprach-Quiz. Die Grenze zwischen traditionellen Medien und Startups ist komplett verschwunden auf nationaler Ebene. Was ich mir wünsche, ist, dass wir zusammenarbeiten, um einheitliche Standards zu schaffen. Das ist etwas, das wir über Unternehmensgrenzen hinweg tun müssen und an kleinere Medien weitergeben sollten, um den Lokaljournalismus zu unterstützen.

Warum sollten Unternehmen Technologien und Methoden an ihre Konkurrenten weitergeben?

Dafür gibt es wirtschaftliche Gründe. Manche Fragen sind so groß und kompliziert, dass es reine Zeitverschwendung wäre, wenn sich jeder für sich mit ihnen beschäftigen würde. Die New York Times und die Washington Post arbeiten zusammen an einer verbesserten Kommentarplattform. Als Open-Source-Projekt soll es jeder benutzen können. Niemand hat bisher eine vernünftige Lösung für die Kommentarfunktion gefunden. Die Antwort könnte von einem Startup kommen oder von der Zusammenarbeit dieser beiden. Ich finde solche Projekte sehr interessant und wir werden hoffentlich noch mehr von ihnen sehen in den nächsten Jahren.

Die Finanzierung ist ein Knackpunkt für jedes Startup. Wie viel Freiheit lässt man Ihnen bei Ihrer Arbeit?

Wir haben sehr viel Freiheit. Vox Media hat sich von einem Startup zu einem viel größeren Unternehmen entwickelt, aber dort findet man noch immer die Begeisterung und die Energie eines Startups. Unser Geschäftsführer sitzt direkt hinter uns, aber er sagt uns lieber, was ihm gefällt als was wir nicht tun sollen. Es ist insgesamt eine Gruppe von Leuten, die einen weiter voranbringt.

Sie haben in Ihrem Vortrag beim VOCER Innovation Day auch den Punkt Werbung erwähnt, und ihr Modell hörte sich sehr nach Native Advertising an. Viele sehen das kritisch. Wie soll Werbung bei Vox aussehen?

Ich glaube, dass Leser trennen können zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung, beispielsweise wenn sie ein Magazin durchblättern mit Werbefotos auf der einen Seite und einem Artikel über Mode auf der anderen Seite. Genauso glaube ich nicht, dass es Zuhörer verwirrt, wenn Ira Glass in seinem Podcast „This American Life“ über seine Sponsoren spricht. Ich glaube, sie können zwischen dem Sponsoren-Teil und dem journalistischen unterscheiden. Wir versuchen, auf unserer Website Werbung zu kreieren, die nicht ablenkt, die nichts von dem tut, was Menschen an Online-Werbung stört. Gleichzeitig wollen wir, dass unseren Lesern klar ist, dass es sich um Werbung handelt. Ein gutes Beispiel dafür sind Kinoprogramme in Zeitungen. Das ist Werbung, aber die Leser nutzen sie als ein Serviceangebot. Niemand hat bisher herausgefunden, wie man etwas in der Art online umsetzen kann. Ich denke aber, bei Vox sind wir damit bereits sehr weit gekommen, und das freut mich, denn ich will, dass guter Journalismus durch ein stabiles Geschäftsmodell getragen wird.

 

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