„Die Lügen der Sieger“: der Investigativ-Reporter als Marionette der Macht

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"Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger", heißt es in einem Gedicht des Beat-Generation-Dichters Lawrence Ferlinghetti. Lügen, Macht und Sieg – darum geht es auch in dem neuen Kinofilm von Regisseur Christoph Hochhäusler, der darin die brandaktuelle Frage nach der Glaubwürdigkeit der Presse schmerzhaft in den Vordergrund stellt.

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Eine neue Studie der Zeit kam jüngst zu dem Ergebnis, dass nur vier von zehn Deutschen „sehr großes“ oder „großes“ Vertrauen in die Politik-Berichterstattung haben. Dieses erschütterte Vertrauen stellt Hochhäusler ins Zentrum seines Thrillers und geht noch einen Schritt weiter: Was ist eigentlich Wahrheit? Und wie leicht kann sie manipuliert und als absolut verkauft werden?

Getrieben von der Suche nach dem nächsten Scoop

Christoph Hochhäuslers Film ist eine Geschichte über Sieger – und zwar sowohl auf Seiten mächtiger Wirtschaftskonzerne als auch mächtiger Medienhäuser, die beide am Ende mit ihrer eigenen Wahrheit durchkommen. Mittendrin der ehrgeizige Politik-Journalist Fabian Groys (Florian David Fitz), der für das Wochenmagazin Die Woche (das sowohl im Print als auch Online auffällig an den Spiegel erinnert) arbeitet und sich mit Haut und Haaren der Wahrheit verpflichtet hat. Er ist getrieben von der Suche nach DER großen Geschichte, einem Scoop, der politische Missstände aufklärt und die Demokratie stärkt. Dafür recherchiert er eine brisante Story über die zweifelhafte Invalidenpolitik der Bundeswehr.

Als die Geschichte platzt, weil sein Informant abspringt, schwenkt er gemeinsam mit der Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) auf einen möglichen Giftmüllskandal um: Ein ehemaliger Mitarbeiter einer Recyclingfirma springt freiwillig im Zoo in den Löwenkäfig und wird von dem Raubtier zerfleischt. Schon bald glauben Fabian und Nadja, der Mann habe neurologische Schäden von den chemischen Dämpfen davongetragen und sich deshalb selbst getötet. Dann mehren sich Anzeichen, dass dieser Skandal mit Fabians erster Spur – der zweifelhaften Invalidenpolitik – zusammenhängt und der idealistische Journalist glaubt, sein Scoop sei endlich zum Greifen nah. Doch dem Zuschauer wird schnell klar: Fabian und Nadja werden von Lobbyisten manipuliert und auf falsche Fährten gelockt, damit ein zweifelhaftes Chemiegesetz den Bundestag passieren kann.

Christoph Hochhäusler spielt in „Die Lügen der Sieger“ gekonnt mit den Sichtweisen: Mal begleitet die Kamera die beiden Protagonisten, mal wechselt sie in die Sichtweise einer Überwachungskamera und wird damit selbst zum Stilmittel, mal scheint sie komplett zu verschwinden – und erzeugt so das Gefühl der permanenten Beobachtung und Transparenz. Gleichzeitig springt die Handlung in kleinen Sprüngen – oftmals in der selben Szene – vor und zurück, was zu Unsicherheit und Verwirrung führt: Wessen Perspektive sehen wir? Und welche ist die wahre?

Der Journalismus hat seinen Glanz verloren

Dass Florian und Nadja sich während ihrer Recherchen ebenso täuschen und manipulieren lassen wie der Zuschauer von der Kamera, ist deutlich, doch ihr Ehrgeiz und der Rausch der heißen Spur sorgen dafür, dass sie sich verrennen. Die Geschichte wird wichtiger als die Tatsachen. Beim Faktencheck weist der Justiziar des Magazins vehement darauf hin, dass bestimmte Quellen nicht glaubwürdig sind – und er es so nicht veröffentlichen würde. Doch als der Chefredakteur verkündet „Das wird unsere nächste Titelgeschichte“ überwiegt die Euphorie und der Text wird – ohne erneute Überprüfung – veröffentlicht.

Die Praktikantin, der erfahrene Journalist und der Chefredakteur – sie alle werden auf der Kippe zum Wahnsinn dargestellt. Vor allem Fabian Groys wirkt, als würde er komplett in seinem Job verschwinden. „That’s the press, baby, and there is nothing you can do about it“: Diesen Ausschnitt des Journalismus-Klassikers von 1952 „Die Maske runter“ baut Hochhäusler in „Die Lügen der Sieger ein“ und könnte damit im direkten Vergleich zur Situation in seinem Film nicht deutlicher machen: Der Journalismus hat seinen Glamour verloren.

Fabian Groys ist nicht der journalistische Held, der durch knallharte Recherche eine Schweinerei aufdeckt. Im Gegenteil: Er wird zur Marionette des Lobbyismus und letztendlich auch seiner eigenen Redaktion. „Du bist immer nur so gut wie deine letzte Geschichte“, sagt er zu Beginn von „Die Lügen der Sieger“ zu der Praktikantin – und bleibt am Ende als Wrack zurück. Doch das eigentliche Drama des Films ist ein anderes: Die Geschichte wurde falsch veröffentlicht. Doch die Leser aufzuklären, lehnt der Chefredakteur kategorisch ab: „Das beschädigt die Marke.“ Und damit entscheidet er: Die Falsch-Informationen bleiben für die Leser Wahrheit.

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Alle Kommentare

  1. Immer die anderen: Die Wirtschaft. Medienmogule. Chefredaktionen. Früher gern direkt benannt: Springer. Murdoch. Berlusconi.

    Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Denn in deren Zeiten gab es sehr wirksame, und geachtete Medien

    Heutzutage werden uns die politischen Macher während des Ablaufs ihrer Coups als Sieger dargestellt, deren Projekte der unlegitimierten Staatenbeseitigung als alternativlos entgegengenommen werden, um einer kopflos gemachten Meute den richtigen Weg zu weisen, um sich gefälligst wem? na, den vorher ausgerufenen Siegern anzuschließen.

    Journalisten dabei als Opfer zu stilisieren ist etwas zu durchschaubar. Diese sind im Gegenteil der Treibriemen, dessen einzelne Akteure die Gesellschaft wie eine Schafherde umringen, vor sich hertreiben. Die Hütestöckchen sind öffentliche Delegitimierung und Diffamierung, sie lauten: Putin-Versteher, Islamistenhasser, Rechtspopulist, Klimaleugner usw usf. Wenn heutzutage ein Thema heikel erscheint, dann schalten einige Leit-Medien ihre Foren ab, bzw garnicht mehr frei.

    Mit der Dienstleistung für eine demokratische Gesellschaft, dieser vielfältigste Information anzubieten, damit Bürger sich ihre Meinung selber bilden können sind unsere Journalisten schon lange nicht mehr aufgefallen. Sie sind stattdessen pädagogisch unterwegs, behelligen die Gesellschaft mit ihren andernorts vorverdauten Sichtweisen.

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