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E-Mail vom Chefredakteur: digitale Weckrufe im MEEDIA-Check

Reitz, Maroldt, Reichelt, Anda: Die Chefs haben den Newsletter für sich entdeckt
Reitz, Maroldt, Reichelt, Anda: Die Chefs haben den Newsletter für sich entdeckt

Focus-Chefredakteur Uli Reitz hat einen, genauso wie Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und Bilds Politikchef Béla Anda. Der von Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt wurde jüngst gar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet: Der Newsletter erlebt ein Comeback. In den meisten Fällen schreiben die Chefs morgens, was ihre Leser am Tag erwartet. Doch welchen Wert haben die Weckrufe aus der Chefetage? MEEDIA hat die wichtigsten unter die Lupe genommen.

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Es ist eine „erstaunliche Renaissance“, wie FAS-Autor Stefan Niggemeier vor wenigen Wochen formulierte. In Zeiten, in denen die Auflage des Gedruckten schwindet, während die digitale Nutzerschaft zunimmt und sich Entwicklungsredaktionen und ihre Verlage täglich Gedanken darüber machen, wie Nutzer Informationen vor allem mobil einfacher und schneller konsumieren können, erlebt ein fast schon traditionelles Mittel ein großes Comeback.

Dabei widerspricht der Newsletter vielen Geboten des Internet. Wie die Tageszeitung hat er einen festen Erscheinungsrhythmus, er hält nicht kontinuierlich auf dem Laufenden. Ein Newsletter „pusht“ nicht unbedingt auf dem Homescreen. Er ist darauf angewiesen, dass der Abonnent gewillt ist, ihn zu öffnen. Aber genau das scheint es, was den Newsletter wieder attraktiv macht. Er hat – wie noch die Zeitung – eine Gate-Keeper-Funktion, und der Abonnent vertraut darauf, dass der Absender ihm das Wichtigste mitteilt.

Und dann haben Newsletter noch einen weiteren tollen Effekt. Die Vermarktung. In Verbindung mit Informationen hat der Newsletter großes Potenzial, er ist ein in sich geschlossenes Produkt.

Der Trend stellt den Leser mittlerweile aber vor eine neue Herausforderung. Orientierung, um einem Mail-Bombardement (vor allem am Morgen) zu entgehen. Welcher Chef liefert welche Inhalte? Zahlt der Newsletter auf das entsprechende Print-Produkt ein oder hat er sich ein oder existiert er autark? Eine Übersicht:

Tagesspiegel Checkpoint, Lorenz Maroldt

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 15.03.25

Seit: November 2014
Erscheinungsweise: werktäglich, circa 6.00 Uhr
Abonnenten: > 80.000 (Verlagsangabe)

Einen wahren Check der Nachrichtenlage in Berlin liefert Lorenz Maroldt. Mit dem Checkpoint trägt der Chefredakteur des Tagesspiegel jeden Tag quasi einen eigenen kleinen Lokalteil – sechs DIN-A-4-Seiten – in die elektronischen Briefkästen seiner Leser aus. Für das Herzstück, die oft zynischen und leicht auf Krawall gebürsteten Kommentare zum Geschehen der Hauptstadt, lohnt sich das Öffnen jedes Mal. In Berlin ist der Checkpoint, der eben mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden ist, längst zur Instanz geworden. Maroldts Stimme hat Gewicht, ist Anlass für Diskussionen im Stadtrat und hat selbst den Regierenden Bürgermeister Michael Müller bereits öffentlich auf die Palme gebracht: “Nicht alles, was im Checkpoint steht, stimmt.”

Allerdings stimmt, dass der Checkpoint eine fast schon überfordernde Länge hat. Obwohl er, wie Maroldt mal der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärte, den Leuten morgens “die Tür eingetreten” habe, “bevor sie ihre Augen aufmachen”, bleibt bei der Masse an Informationen wohl kaum Zeit, den gesamten Letter (neben Kommentierungen gibt es noch Veranstaltungs, Gastro- und Verkehrtipps, Zitate sowie Geburtstags- und Todesmeldungen) beim ersten Kaffee oder auf dem Weg zur Arbeitsstätte komplett zu lesen.

Dennoch, sagt Maroldt, liefere der Checkpoint nur einen Überblick und stehe in keiner Konkurrenz zur hintergründigen Zeitung. Genauso wenig zahlt der Newsletter dafür auf den Print-Tagesspiegel ein. Der Checkpoint, den Maroldt selbst schreibt und von einer Mitarbeiterin anreichern lässt, ist ein in sich geschlossenes, informatives und unterhaltsames Produkt, das keine Lust auf die Zeitung macht.

Hauptwache, Werner D’Inka, Matthias Alexander, Peter Lückemeier

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 15.08.18

Seit: Juni 2015
Erscheinungsweise: werktäglich circa 6.30 Uhr
Abonnenten: n.n

Maroldts Idee geschnappt, schlecht kopiert und das eigene Logo draufgepappt haben FAZ-Mitherausgeber Werner D’Inka und seine Regional-Macher Matthias Alexander und Peter Lückemeier. Seit Beginn vergangener Woche soll der persönlich geschriebene Newsletter die Inhalte der zur FAZ gehörenden Rhein-Main-Zeitung hervorheben. Dass die Morgenpost eher Langeweile beinhaltet, machte zum Start bereits der Teaser des Newsletters klar. “Möglicherweise spart Ihnen dieser Newsletter Zeit und Geld. Sie erfahren nämlich rechtzeitig, wo Straßen gesperrt sind und wo Blitzer stehen.” Witzig gemeint, aber leider nicht witzig gemacht.

Für Stau- und Blitzermeldung dreht der allgemeine Autofahrer wohl eher das Radio auf. Selbst ein emotionsgeladenes Thema wie Fußball haben die Herren bei Ihrem Antritt nicht im Tor versenkt. Statt die Rückkehr von Trainer Armin Veh bei Eintracht Frankfurt zu kommentieren, gab es eine Ankündigung, dass er seine Pläne erläutern wolle. Mehrwert gleich null. Darüber hinaus bieten die drei FAZ-Köpfe, die immerhin nicht alle gleichzeitig, sondern abwechselnd am Newsletter basteln, Wetter, Verkehr und Geburtstage. Doch Gemach. Vielleicht braucht das Produkt noch Zeit, um zu reifen.

Handelsblatt Morning Briefing, Gabor Steingart

Seit: April 2011
Erscheinungsweise: werktäglich, circa 6.00 Uhr
Abonnenten: rund 450.000 (Verlagsangabe)

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 15.02.16
Oft mit spitzer Feder – und hier und da – Zitaten großer Dichter und Denker erzählt und kommentiert der Handelsblatt-Herausgeber, was ihn tagtäglich bewegt. Bei Ankündigung seines Newsletter-Projektes erklärte Steingart, er wolle mit seinem Letter Orientierung bieten. Was er aber auch vermittelt, ist eine ganz eigene und unverblümte Meinungsfreudigkeit.

So schrieb er über Ex-VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech, sein Hobby sei nicht der Fußball, den VW sponsort, „sondern die Intrige“. Über die katholische Kirche schrieb er mal, dass sie “homosexuelle Beziehungen außerhalb des Vatikans für unstatthaft hält”. Die jüngst bei “Wer wird Millionär?” an der 50-Euro-Frage gescheiterte Studentin aus Aachen sah der Wirtschaftsjournalist als Grund, die Politik zum Handeln aufzufordern. “Wenn die Politik sich einen Rest an Schmerzempfindlichkeit bewahrt hat, müsste heute der nordrhein-westfälische Landtag zu einer Krisensitzung zusammentreffen.”

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Steingarts Morning Briefing ist eine Art Kurzkommentar-Sammlung, gleichzeitig ein Vertriebsweg für Paid-Content-Geschichten (gekennzeichnet durch den kleinen Einkaufswagen am Ende eines Absatzes) und wahrlich ein vermarktungstechnisch ausgeklügeltes Produkt. Ob Hinweise auf eigene Veranstaltungen, Anzeigenbanner oder Werbekooperationen: Beim Handelsblatt haben sich auch die Vermarktungsexperten Gedanken gemacht. Entsprechend ist der tägliche Aufwand. Spät abends oder früh am Morgen schreibt Steingart sein Briefing persönlich. Für das redaktionelle Umfeld und den Versand seien etwa stolze neun Mitarbeiter beschäftigt.

(Offenlegung: MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt)

Focus-Newsletter, Ulrich Reitz

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 15.09.39

Seit: Mai 2015
Erscheinungsweise: werktäglich, 16.00 Uhr
Abonnenten: > 10.000 (Verlagsangabe)

Wenig reizvoll ist der Newsletter von Ulrich Reitz. Beim Focus hat es sich der Chefredakteur mit seinem Konzept unnötig schwer gemacht. Mit seinem täglichen Erscheinungsrhythmus passt er nicht wirklich zum wöchentlich publizierten Magazin. Mit der Zustellung um 16.00 Uhr fällt es Reitz auch schwer, die wichtigen Themen des Tages anzukündigen. Seine Aufgabe könnte es sein, bisher Geschehenes einzuordnen und zu kommentieren. Doch auch das würde letztlich nicht zum Wochen-Focus passen.

Was Reitz letztlich macht, ist in jedem Letter einen Kommentar zu schreiben, an denen man sich ab und an durchaus reiben kann. Erfreulicherweise lädt der Chefredakteur seine Leser dazu ein, ihm ihre Sicht der Dinge zu schreiben. Stutzig macht manchmal der zweite, oft recht nebulöse Teil des Letters. Wenn Reitz beispielsweise von schlechtem Wetter am Münchner Himmel schreibt und seinen Lesern empfiehlt, die Augen für eine seltene Wolkenart offen zu halten, zu der es im “Wolkenatlas” noch kein Foto gebe.

Auch auf der Erlösseite scheint der Letter nicht ausgereift. Er kommt ohne Fremd–, aber dafür mit viel Selbstvermarktung daher. Aufs Heft ein zahlen Themenhinweise auf die aktuelle Ausgabe. Unangenehm wird es, wenn Reitz aus einem Zeit-Interview mit Arianna Huffington zitiert und die HuffPo-Chefin eine “legendäre Gründerin” und “lebenskluge Frau” nennt, die “die Welt vom Kopf auf die Füße stellt”. Das ist dann schon sehr gönnerhaft, wird bedacht, dass an der Huffington Post Deutschland Reitz’ Arbeitgeber Burda mitverdient.

Meine Top 7 des Tages, Julian Reichelt

Bildschirmfoto 2015-06-23 um 12.39.02

Seit: Juni 2013
Erscheinungsweise, 6.30 Uhr
Abonnenten: keine Angabe (Verlagsangabe)

Idee dieses speziellen Formats ist es, dass Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt morgens seine Top-7-Themen des Tages aus dem Angebot von Bild auswählt und den Newsletter mit einem persönlichen Anschreiben versieht. Eingeführt hatte den Newsletter Reichelts Vorgänger Manfred Hart. Morgens ab halb sieben läuft inzwischen oft aber lediglich eine Auflistung der Themen ein, ohne weitere persönliche Zugaben des dann offenbar mit anderen Projekten beschäftigten Chefredakteurs. „Meine Top 7 des Tages“ büßt somit natürlich an Wert ein, weil niemand erfährt, was die Geschichten aus Reichelts Sicht besonders macht. Die persönliche Note fehlt. Axel Springer erklärt dazu auf Nachfrage: „An manchen Tagen übernimmt die LA-Redaktion den Newsletter – das ist ganz klar gekennzeichnet und natürlich ohne Anschreiben von Julian Reichelt.“

Bild Seite2online, Bela Anda

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 15.09.06

Seit: September 2014
Erscheinungsweise: werktäglich, 5.00 Uhr
Abonnenten: keine Angabe (Verlagsangabe)

Ganz anders sieht es bei Reichelts Kollege Béla Anda aus. In seinen Mails an die Leser schreibt Anda super viel und super gerne über sich selbst. Gleich in seinem ersten Anschreiben packte der Bild-Politikchef ein Anekdötchen aus, wie er vor einem “großen Ballsaal” mal in ein “vertrautes Gesicht” blickte. Es war der langjährige Anführer des Sicherheitskommandos von Altkanzler Gerhard Schröder, dessen Regierungssprecher der Journalist sieben Jahre lang war. Was genau diese Info dem Leser bringt? Das weiß nur Anda selbst.

Was der Leser aber mittlerweile auch weiß, ist, wie Anda mal mit sich selbst haderte, weil er Altkanzler Schröder zu einem Interview traf und sich fragte, ob er das überhaupt könne (das nahm einen ganzen Letter ein). Ja, er konnte. Selbstverständlich. Er erzählte auch, dass er Bettina Wulff in einem Spielzeugladen getroffen hat oder wie er sich mit Stephan Weil mal bei Twitter zoffte. Neben den persönlichen Geschichten, die ja auch Unterhaltungscharakter haben, vergisst der Bild-Vize aber nicht, seinen Lesern die wichtigen Ereignisse des anstehenden Tages mit auf den Weg zu geben – und erfüllt damit die Erwartungen.

Allerdings teilt Anda seinen Lesern insgesamt so viel, dass man vergessen könnte, worum es beim Newsletter auch geht. Nämlich um die Seite 2 der Print-Bild. Die hängt nämlich täglich unter Andas Anekdoten-Sammlung – gratis, mit Ausnahme der Bildplus-Inhalte, die entsprechend gekennzeichnet sind. Beim politikinteressierten Bild-Leser kommt das aber sicherlich gut an. Wie im Falle von Julian Reichelt, nennt Springer auch beim Seite-2-Letter keine Abo-Zahlen.

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Alle Kommentare

  1. Aufgemerkt: Journalistisch wie investigativ ist doch die entscheidende Nachfrage: Schreiben denn die Chefs ihre Newsletter alle auch selbst!!!

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