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Indie-Zeitschrift Craftrad: Hohelied auf Chrom, Stahl und Öl

Craftrad-Initiatoren Jan Zühlke (li.) und Christoph Blumberg, Cover der Erstausgabe
Craftrad-Initiatoren Jan Zühlke (li.) und Christoph Blumberg, Cover der Erstausgabe

Das Independent-Magazin „Craftrad“ feiert das Kultobjekt Motorrad und seine Kultur. Neun Euro kostet der Blick der Erstausgabe in estländische Schrauberhöhlen und marokkanische Wüsten. Motto: „Burn after Reading“. Vielleicht kaufen sich manche Leser des kultigen Print-Neulings auch einfach ein Bike.

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Von Tatjana Kerschbaumer

Okay, verchromt sind die 160 Seiten nicht, aber es hätte nicht viel gefehlt. Stattdessen erscheint „Craftrad – Magazin für Motorradkultur“ auf dickem, mattem Papier, mit einem Cover-Druck, der sich wie geprägt anfühlt – und in amtlicher Katalogstärke. Denn der Witz an Craftrad ist ja gerade das „C“, wo der Duden gerne ein „K“ sähe. „Crafted“, deutsch für Handarbeit, steht für Wertigkeit, Originalität, Authentizität. Auch der Preis darf dementsprechend höher sein, und so schlägt das neue Magazin für und um die internationale Bikerszene mit neun Euro zu Buche.

Allein die Optik wäre den Preis schon wert. Die Titelgestaltung mit dem übermütigen, pinken Motorenrauch wirkt zwar etwas gewagt, doch spätestens innen regieren Bilder aus Stahl. Handgeschraubte und -verzierte BMWs, Ducatis, Renards: „Craftrad“ scheut sich nicht vor großen Optiken, deren geschickte Anordnung den Text nicht zur Bleiwüste verkommen lässt. Je nach Geschichte wird auch auf übermäßig viele Menschen verzichtet. Die Maschine macht’s.

Gegründet wurde Craftrad von Christoph Blumberg und Jan Zühlke. Blumberg arbeitete bis zum Frühjahr 2014 beim Debattenmagazin „The European“ und legte damals ein „Mini-Sabbatical“ ein, um sich seiner neu entdeckten Leidenschaft widmen zu können: Dem Motorrad. Er suchte nach einer passenden Zeitschrift, fand aber nichts, was ihn wirklich ansprach. Blumenberg suchte Rat bei Peter Dannenberg, dem Chef von „Urban Motor“, einer der bekanntesten Motorradschmieden Deutschlands. Zühlke arbeitete damals bereits bei Urban Motor, saß bei dem Gespräch daneben – und tat sich zwei Monate darauf ernsthaft mit Blumberg zusammen. Craftrad wurde aus der Taufe gehoben. „Wir waren schnell auf einer Wellenlänge und hatten ziemlich die gleiche Vorstellung davon, wie Craftrad aussehen sollte“, sagt Zühlke.

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Für die Stories in den Kategorien „Terrain“, „Horizont“ und „Kosmos“ hat die Redaktion ihre diversen freien Autoren unter anderem nach Estland, Island, Portugal, Frankreich und in die USA geschickt. Eine Auswahl. Und da Craftrad auch eine gleichnamige Homepage betreibt, waren Autoren auch gleich noch in Spanien und Südafrika. Eine Auswahl. Interessant ist, dass sich das Online- und das Print-Angebot nirgends überschneiden, bis auf das Thema genau genommen gar keine Berührungspunkte haben. Im gedruckten Magazin stehen völlig andere Geschichten als auf der mit edlen Templates gestalteten Homepage. Zühlke, mittlerweile Kommunikations- und Marketingchef von Craftrad, sagt, das sei durchaus Absicht: „Im Printbereich setzen wir mehr auf bildstarke Geschichten, die nicht aktualitätsgetrieben sind. Online ist das Leseverhalten ein anderes. Hier wollen wir videolastiger und mit mehr Nutzwert agieren. Das ist alles gerade im Aufbau. Trotzdem soll unser Schwerpunkt zunächst auf dem Printmagazin liegen“.

Auch die thematische Mischung meistert Craftrad in Ausgabe eins gut. Es gibt äußerst praktisch orientiertes Wissen für den service-suchenden Schrauber (zwei Doppelseiten über Kompressoren); Populäres, wenn der Leser erfährt, dass Schauspieler Orlando Bloom mit einer Bayerin liiert ist (einer BMW S 1000 R); sowie Modisches (diverse Biker-Gadgets und -Klamotten werden empfohlen.) Außerdem bekommt das Motorrad inhaltliche Gesellschaft von BMX-Bikes, Autos – und sogar ganz unmotorisierten „gecrafteten“ Kollegen, zum Beispiel: Bier. Craftrad legt den Fokus zwar auf edle Zweiräder und deren Kultur, doch auch mit den anderen hochwertigen Branchenzweigen der Craft-Kultur versteht man sich so gut, dass die ein oder andere Anzeige geschaltet wird. Auch große Anzeigenkunden wie etwa BMW inserieren fleißig. Das liegt einerseits daran, dass Craftrad-Chefredakteur Hermann Köpf in der Motorrad-Szene kein Unbekannter ist; viele hochkarätige Kunden kennen ihn bereits.

Auch der 40-Seitige Dummy, mit dem Craftrad um Anzeigenkunden warb, kam sehr gut an, wie Zühlke sagt: „Wir haben mit dem Magazin scheinbar den Nerv der Zeit getroffen. Unsere Anzeigenkunden hatten von Anfang an großes Vertrauen in uns.“ BMW zum Beispiel zahlte nicht nur für Werbung, sondern bot der Redaktion gleich noch die Orlando-Bloom-BMW-Geschichte an, die außer in Craftrad nur in drei anderen Magazinen weltweit erschienen ist. Von Sponsoring will Zühlke hier aber nicht sprechen; eher von einer Gelegenheit, die „als Chance verstanden wurde“. „Es tut einer Erstausgabe natürlich auch gut, mit einem Namen wie Orlando Bloom arbeiten zu können“. Die klassischen Anzeigen decken derzeit übrigens noch den größten Teil der Kosten, was bei den folgenden Ausgaben wohl so bleiben wird. Trotzdem beträgt die erste Auflage des Magazins bereits 20 000 Exemplare, von denen die Verkaufsquote im Bahnhofsbuchhandel rund 60 Prozent beträgt – eine echte Hausnummer für eine Neuerscheinung.

Sucht man überhaupt nach Schwächen der Erstausgabe, ließe sich als erstes sagen: Ob beabsichtigt oder nicht, Craftrad ist nicht unbedingt Frauensache. Sowohl Autorinnen als auch Protagonistinnen sind Mangelware, was aber vielleicht schlicht daran liegt, dass sich tendenziell immer noch mehr Männer für Motoren, Stahl und Öl begeistern können als Frauen. Außerdem würde man sich bei manchen Geschichten den im Heft viel beschworenen Mumm zur Andersartigkeit wünschen. Etwa, wenn es um die Seitenzahl für Geschichten geht. Wer 160 davon zur Verfügung hat, könnte auch mehr als zehn für eine Auslandsreportage mit fantastischen Fotos freischaufeln. Nur: Gemacht wurde es nicht. Dafür hat sich die Redaktion für die Modestrecke etwas Witziges ausgedacht: Auf diesen Seiten wurde kurzerhand das Papier gewechselt. Craftrad glänzt. Chrom eben.

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