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Grimme Online Award: „Es war nichts Preisverdächtiges zum NSA-Skandal oder Big Data dabei“

Dr. Frauke Gerlach ist Chefin des Grimme Instituts.
Dr. Frauke Gerlach ist Chefin des Grimme Instituts.

Am heutigen Donnerstag prämiert das Grimme-Institut zum 15. Mal herausragende Projekte der Online-Welt. Im Interview mit MEEDIA erklärt Grimme-Leiterin Frauke Gerlach, was der Grimme Online Award und derOrt der Verleihung, Köln Mülheim, gemeinsam haben, wie sich die Qualität der Bewerbung entwickelt hat und was sie künftig von Bewerbern erwartet.

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Seit 15 Jahren findet der Grimme Online Award in Köln statt. Würde Marl, der Sitz des Grimme Instituts, einem Internetpreis nicht gerecht?
Seit Jahrzehnten wird der Grimme-Preis in Marl verliehen und das klappt wunderbar. Dass der Grimme Online Award im Rheinland verliehen wird, ist eher historisch gewachsen. Zu Beginn fand er noch im Schloss Bensberg bei Bergisch Gladbach statt. Das Ambiente Kölns und auch das der derzeitigen Location, dem Dock.One in Mülheim, passen sehr gut, vielleicht sogar: noch besser.

Wieso ist Köln-Mülheim besser als Schloss Bensberg, wo schon Stars wie Paul McCartney, Prince oder Lady Gaga abgestiegen sind?
Das Schloss Bensberg ist ein fantastischer, aber ein sehr gesetzter Ort. Die Dynamik Köln-Mülheims passt besser zum jungen und sich entwickelnden Internet. Der Stadtteil ist unaufgeräumt und kreativ. Es ist ein Ort, der sich stetig verändert und wächst.

… und Mülheim ist ein sozialer Brennpunkt, ein sehr alternatives Pflaster. Das Internet auch?
Vor allem im Vergleich zum Fernsehen hat das Internet in den vergangenen Jahren eine viel intensivere Entwicklung durchgemacht – alleine durch die technischen Möglichkeiten und die Möglichkeiten zur Aufbereitung von Inhalten. In der Schnelligkeit konnte sich das Fernsehen gegenüber dem Netz nicht behaupten. Auch, wenn wir mittlerweile die ein oder andere tiefgreifende Veränderung merken.

Wenn sich die technischen Möglichkeiten im Internet rasant entwickelt haben, hat sich dann auch die Qualität der Inhalte entwickelt?
Was die Einreichungen für den Preis angeht, lässt sich das sagen – vor allem in den vergangenen fünf Jahren sind die Aufbereitung wie auch die publizistische Qualität keinesfalls gesunken.

Weil auch große Medienhäuser neue Erzählformen für sich entdeckt haben und verstärkt Geld investieren?
Insbesondere die großen Anbieter wissen das Netz und seine Möglichkeiten immer besser – für sich – zu nutzen: Arte ist regelmäßig nominiert, vergangenes Jahr war die NZZ dabei, dieses Jahr Spiegel Online. Die Dichte der Qualität – das bestätigt sich auch in diesem Jahr – ist bei großen Anbietern sehr hoch. Aber auch bei Angeboten von einzelnen Personen findet sich immer wieder viel Überzeugendes.

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Das bedeutet, dass auch Einzelkämpfer ohne großen finanziellen Background in der Lage sind, konkurrenzfähige Stücke zu produzieren?
Das kommt dann auf den Einzelnen an – inhaltlich auf jeden Fall, technisch gesehen durchaus auch. Mit den Tools, die zur freien Verfügung stehen, lassen sich heutzutage schon einige Dinge umsetzen. Heutzutage besitzen Journalisten auch Know-how, selbst an Seiten zu basteln und mit viel Kreativität ihre Ideen umzusetzen. Denken Sie auch an das vergangenes Jahr ausgezeichnete Tool PageFlow vom WDR, das jeder benutzen kann.

In welchem Verhältnis stehen denn Projekte von Freischaffenden und Medienunternehmen bei den Einreichungen?
In den letzten 15 Jahren waren das rund 20.000, da ist die Auszählung jetzt etwas sportlich, zumal uns diese Informationen nur selten vorliegen. Bei den Gewinnern – Nominierungen wie auch Ausgezeichneten – ist das Verhältnis durchaus ausgeglichen. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass nicht mehr nur Freischaffende oder Medienhäuser Projekte umsetzen, sondern auch die Anzahl der alternativen Finanzierungsmodelle zunimmt. In diesem Jahr ist mit „Anorexie – heute sind doch alle magersüchtig“ ein über Stipendium finanziertes Projekt dabei, das Wissenschaftsmagazin Substanz ist aus dem Crowdfunding heraus entstanden und die Journalisten von Correct!v sind stiftungsfinanziert.

Es sind dieses Jahr wenige Nominierte dabei, die ein Projekt ohne feste Finanzierung gestartet haben. Versteht sich der Grimme Online Award nicht auch als Förderer unabhängiger Projekte?
Der Grimme Online Award ist ein Qualitätspreis. Das bedeutet, dass er jene hervorhebt, die Qualität leisten. Ein anderes Ziel ist auch Orientierung zu bieten. Wir wollen aufzeigen, was Qualität im Internet ausmacht, wie sie sich entwickelt hat – das wollen wir zukünftig auch mithilfe des Grimme-Forschungskollegs, das wir mit der Universität Köln gegründet haben, stärker dokumentieren. So verstehen sich der Grimme Online Award wie auch der Grimme-Preis als Beitrag zur Medienbildung.

Bei Bekanntgabe der Nominierten haben Sie sich “überrascht” gezeigt, dass es dieses Jahr keine Projekte mit Aktualitätsbezug gäbe. Wieso überrascht Sie das?
Gemeint waren beispielsweise der NSA-Skandal oder Big Data. Das sind beides Themen, die für das Internet stehen und auch eine politische Tragweite haben, zu denen aber verwunderlicherweise nichts Preiswürdiges eingereicht wurde.

Wieso ist der Grimme Online Award eigentlich – wie auch der Grimme-Preis – undotiert? Die Aussicht auf Geld ist ein toller Ansporn für unabhängige Projekte, finden Sie nicht?
Mir fehlt eine Dotierung nicht und es passt meines Erachtens auch nicht zur Zielsetzung, Orientierung in Qualitätsfragen zu bieten. Darüber hinaus verleihen wir derzeit acht Preise. Das System müsste bei einer Dotierung wohl umgestellt werden. Außerdem glaube ich kaum, dass ein Finanzierungsmodell, das auf dem Gewinnen von Preisen basiert, ein gutes ist. Die Preise des Grimme-Instituts verschaffen Projekten eine enorme Aufmerksamkeit. Und dafür steht auch die Marke.

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