Krautreporter-Macher kontern Dauer-Nörgler: „Wir haben tausende zufriedene Leser“

Krautreporter-Macher: Geschäftsführer Sebastian Esser (li.) und Chefredakteur Alexander von Streit
Krautreporter-Macher: Geschäftsführer Sebastian Esser (li.) und Chefredakteur Alexander von Streit

Für die Krautreporter beginnen die Wochen der Wahrheit. In einem Mailing sollen die über 15.000 Erst-Unterstützer überzeugt werden, ihr Funding in eine Mitgliedschaft zu verlängern. Dazu erklärte Medienkritiker Stefan Niggemeier gerade seinen Rückzug. Um weiter machen zu können, brauchen Geschäftsführer Sebastian Esser und Chefredakteur Alexander von Streit rund 6.000 zahlende Leser. Im MEEDIA-Interview erklären sie, warum die meisten Vorurteile, wie die fehlende Exklusivität, falsch sind.

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Mit Medienkritiker Stefan Niggemeier hat eine der Galionsfiguren jetzt hingeworfen. Wie konnte das passieren?
Sebastian Esser: Stefan hat ja gerade selbst erklärt, warum es für ihn nicht funktioniert, und welche neuen Pläne er hat. Ich bin ihm sehr dankbar, das alles mitgemacht zu haben und würde mir wünschen, mehr Journalisten von seinem Rang wären bereit, solche Risiken einzugehen und Dinge auszuprobieren.

Kaum ein Projekt steht derart unter Beobachtung der interessierten Netz-Öffentlichkeit. Da kommt schnell einiges an Kritik zusammen. Mal ehrlich: Wie viele neue Unterstützer konnten die Krautreporter eigentlich im laufenden Betrieb, also nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Crowdfunding-Kampagne gewinnen?
Esser: Dieser Punkt ist tatsächlich sehr underreported. Mittlerweile haben wir rund 3.000 Mitgliedschaften zusätzlich verkauft. Das ist ein ordentlicher Umsatz, den in Deutschland nicht viele mit Online-Journalismus machen.

Und das trotz der fortwährenden Kritik?
Alexander von Streit
: Man muss zwischen dem Branchentalk, also dem was in den Twitter-Filterbubbles debattiert wird, und dem, was tatsächlich passiert unterscheiden. Die 18.000 Menschen, die uns unterstützen, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und sind in der Masse nicht die, die sich in den sozialen Netzwerken beschweren.

Der gemeine Krautreporter-Leser ist also doch viel zufriedener, als es in der medialen Filterblase den Anschein hat?
Esser
: Unsere Mitglieder sind natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt Unzufriedene, aber es gibt auch tausende zufriedene Leser. Das zeigen unsere Umfragen, die Nutzerdaten und die vielen Mails und Gespräche mit unseren Mitgliedern. Wir rechnen allerdings damit, dass uns mindestens die Hälfte nicht noch ein zweites Mal unterstützen wird – so war es jedenfalls bei De Correspondent.

Tatsächlich startet für die Zukunft der Krautreporter nun ein lebenswichtiger Prozess. Sie müssen ihre Erst-Unterstützer überzeugen weiter an Bord zu bleiben.
Esser
: Ich schreibe in den kommenden Tagen eine E-Mail an mehr als 15.000 Mitglieder, die uns beim Crowdfunding vor einem Jahr unterstützt haben. Deren Mitgliedschaft verlängert sich nicht automatisch. Sie müssen aktiv verlängern.
Von Streit: Weil das die meisten unserer zahlenden Leser betrifft, hängt davon auch ab, ob und in welcher Form es ab Oktober weiter gehen wird.

Wie viele müssen verlängern, damit es weiter geht?
Esser
: Wir haben uns eine Untergrenze von etwa 6.000 Mitgliedern gesetzt, um weitermachen zu können.

Ist es nicht wahnsinnig anstrengend von Finanzierungsrunde zu Finanzierungrunde zu hecheln und sich gleichzeitig noch ständig anhören zu müssen, was man alles falsch macht?
Esser
: Das ist ja keine Finanzierungsrunde, keine Crowdfunding-Kampagne wie vor einem Jahr. Es ist nur eine E-Mail mit einer Frage. Tatsächlich anstrengend ist, wenn mal wieder der 17. Meedia-Artikel zu einem angeblichen Krautreporter-Skandal erscheint. Aber man gewöhnt sich an alles. Und uns fliegt nicht nur der Dreck um die Ohren, sondern auch die Blüten.
Von Streit: Trotzdem hört man das unangenehme Feedback natürlich immer etwas lauter.

Die Krautreporter sind mit dem Anspruch gestartet, den Online-Journalismus zu reparieren. Bereuen Sie heute diese arg laute und wilde Aussage oder haben die Krautreporter den Web-Journalismus wirklich ein kleinwenig repariert?
Esser
: Ich habe nie versprochen, den Online-Journalismus zu reparieren oder zu retten. So ein Satz ist nie gefallen. Wer wollte so ein Versprechen auch einhalten? Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Projektion. Wenn man nochmal liest, welches Problem wir beschrieben haben, dann stimmt die Diagnose unverändert: Die Werbefinanzierung von Journalismus verändert ihn im Netz zum schlechteren. Wir haben versprochen, es anders zu machen. Und das haben wir getan.
Von Streit: Das hat sich wirklich arg hochgeschaukelt. Wir haben tatsächlich gesagt: Der Online-Journalismus ist kaputt. Der letzte Satz dieser etwas längeren Passage war dann: Wir bekommen das wieder hin. Die Erwartungshaltung mit der viele Leute in die Unterstützung und Beobachtung des Krautreporter-Projektes gegangen sind, ist einfach extrem hoch. Wir werden meistens nicht an dem Tatsächlichen, sondern an der Erwartungshaltung gemessen.

Wo kommt diese extreme Erwartungshaltung denn her? Die ist doch selbstverschuldet?
Esser
: Der Hype, der uns im Crowdfunding sehr geholfen hat, löst bis heute starke Gefühle aus. Diese Emotionalität gerade bei vielen Kollegen ist manchmal ein bisschen absurd. Leider interessieren sich dadurch sehr wenige für unsere Arbeit und unsere Lernerfolge.

Was sind die Learnings, über die zu wenig gesprochen wird?
Esser
: Erstens haben wir ein funktionierendes Geschäftsmodell gefunden. Es ist zwar kein Venture-Capital-Modell, das auf exponentiellem Wachstum und schnellem Geld basiert. Wir wachsen aber sehr stabil. Täglich kommen Leute dazu, die für unseren Online-Journalismus zu zahlen bereit sind. Sie kaufen allerdings nicht Inhalte, sondern unterstützen ein Projekt und bekommen dafür Werbefreiheit und Beteiligung an der journalistischen Arbeit. Genau das ist der zweite Aspekt: Wir lernen gerade, wie Community-Journalismus funktioniert. Wir kennen unsere Mitglieder und greifen häufig auf ihr Expertenwissen zurück. Rund zehn Prozent unserer Beiträge entstehen in direkter Zusammenarbeit mit den Mitgliedern.

Glauben Sie, dass die Art von Geschichten, die die Krautreporter jetzt bieten, dem am nächsten kommt, was die Unterstützer lesen wollen?
Von Streit
: Die neuen Mitglieder bestätigen das, was wir machen.

Darauf aufbauend: Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass die Krautreporter zu wenige exklusiven Stücke hätten?
Von Streit
: Das ist immer so leicht gesagt. Wenn man genau hinsieht, wird aber klar: Wir machen exklusive Geschichten. Nur nicht jeden Tag. Nicht jeder Story kann eine aufwändige dreimonatige Recherche voraus gehen. Wir haben aber überwiegend Geschichten, die so noch nie erzählt wurden. Wir werden allerdings auch nicht so oft zitiert, wie es bei der Zeit, der Welt oder FAZ der Fall wäre.

Der zweite Kritikpunkt ist immer wieder, dass die großen Branchen-Namen wie Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr oder Jens Weinreich zu wenig schreiben. Der Fifa-Experte Weinreich veröffentlichte während des Blatter-Bebens Artikel in allen großen Online-Medien. Erst als der ganz große Druck aus dem Thema raus war, kam auch ein Stück von ihm bei den Krautreportern.
Von Streit
: Die Erwartungshaltung verstehe ich. Für Jens Weinreich würde es aber gar keinen Sinn ergeben, täglich für uns den aktuellen Stand der Fifa-Affäre durchzugeben. Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe, tagesaktuelle Wasserstände zu berichten. Was wir gemacht haben: Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, schrieb Jens Weinreich bei uns ein großes Erklär-Stück auf. Das entspricht genau dem, wie wir uns sehen: Wir sind keine Konkurrenz zu Online-Nachrichtenportalen. Solche Geschichten lehne ich auch immer wieder ab.

Als nachrichtengetriebener Journalist blutet einem schon etwas das Herz, wenn man das hört.
Von Streit
: Wir wollen die Lücken füllen, die andere Medien in ihrer Berichterstattung lassen.
Esser: Für Nachrichten sind wir nicht da, sondern für die Hintergründe. Noch ein anderer Gedanke zu tagesaktuellen Geschichten …

Ja..
Esser
: Wir merken immer wieder, dass aktuelle oder zugespitzte Beiträge bei Facebook sehr gut funktionieren und sich viral weiterverbreiten. Sie bringen uns aber keine neuen Mitglieder.

Sie wollen sagen: Sie entsprechen also nicht dem, was die zahlenden Leser wollen?
Esser
: Für so etwas wird Krautreporter einfach nicht gebraucht. Bei unserem Geschäftsmodell geht es nicht um massenmediale Reichweite, sondern um Verbundenheit mit den Lesern, um Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Nach dieser Logik. Welche Themen gehen denn dann bei den Krautreportern besonders gut?
Esser
: Eine Geschichte bringt uns zum Beispiel dann neue Mitglieder, wenn sie eine Frage beantwortet, die aus der Community heraus gekommen ist, oder wenn Leser mitgearbeitet haben.

Gibt es dafür ein Beispiel?
Esser
: In Breaking-News-Situationen bitten wir Mitglieder um Hilfe, die sich mit dem Thema auskennen. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine zum Beispiel haben wir Piloten, Flugbegleiter, Lotsen in eine Facebook-Gruppe eingeladen und die bisher bekannten Informationen diskutiert. Aber auch Erklärstücke zu vermeintlich einfachen Fragen sind sehr beliebt bei unseren Mitglieder, bei denen man bei einer Zeitung vielleicht sagen würde: zu banal.
Von Streit: Dazu kommen noch Geschichten, in denen die Autoren sehr sichtbar sind. Wo die Distanz zwischen Journalisten und ihrem Subjekt aufgehoben wird. Dadurch entsteht ein ganz besonderer, emotionaler Dialog mit der Community.

Wenn wir in einem Jahr wieder reden sollten, wie sollen sich die Krautreporter bis dahin weiterentwickelt haben?
Esser
: Das Prinzip “ermögliche unabhängigen Journalismus” wollen wir ausbauen. In wenigen Wochen reaktivieren wir deswegen unsere Crowdfunding-Plattform, um Kollegen zu ermöglichen, ihre Projekte zu finanzieren. Außerdem werden wir noch häufiger mit internationalen Partnern wie Narrative.ly, AJ+ oder Medium zusammenarbeiten. Und wir wandeln das Unternehmen in eine Genossenschaft um. Wer möchte, kann in Zukunft also in Krautreporter investieren und Mitherausgeber werden.

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Alle Kommentare

  1. @Herr Krause. Was ist gegen das Modell einer Genossenschaft einzuwenden?
    Nur weil die TAZ eine ist, ist es doch nicht verbrannt. Auch die GLS Bank ist eine Genossenschaft. Eine Rechtsform braucht es.
    Da ist der Satz vom Rad neu erfinden aus meiner Sicht pure Polemik.

  2. Juchuu, die werden eine taz. Schones neues altes Geschaeftsmodell, ne Genossenschaft, schon wieder das Rad neu erfunden. Waere allerdings auch schoen gewesen, statt dieser weichgewaschenen Fragen auch mal Dinge anzusprechen, die im Raum stehen – wie etwa: Stimmt es, dass ein sehr grosser Batzen Geld fuer die Softwareentwicklung an eine Firma der Geschaeftsfuehrer gegangen ist? Und wie stehen die Macher zu dem Vorwurf, dass es sich bei KR um ein beliebiges Sammelsorium von Geschichten mit begrenzter Relevanz handelt? Ein echtes Beispiel fuer eine Geschichte, die neue Community-Mitglieder bringt, haben sie auch nicht genannt. Und dann sagen sie, wie wollen nicht den News hinterherhecheln, um ein paar Fragen weiter die Berichterstattung zur Germanwings-Katastrophe herauszustellen. Ein Schuh wie daraus so nicht.

    1. Sehe ich ähnlich. Dabei fände ich das Geschmäckle mit der Softwareentwicklung gar nicht so schlimm, wäre dabei denn auch anständige Software herausgekommen.

      Neben inhaltlichen Dingen (die man naturgemäß unterschiedlich bewerten kann), empfinde ich die Technik auf Krautreporter.de eine Zumutung – auch und gerade auf dem Smartphone oder dem iPad macht Krautreporter häufig keinen Spass. Selbiges gilt für die Kommentarfunktion, das nicht vorhandene Forum und nicht vorhandene Merkfunktionen. Achja, eine eigene App gibts auch nicht.

      Wenn ich auf der „Über uns“-Seite sehe, dass für die Website 90.000€ ausgegeben worden sind frage ich mich ernsthaft, was da so teuer war und ob man unbedingt das CMS-Rad neuerfinden musste. Wir sprechen immerhin von rund einem sechstel dessen, was an die Autoren ausgeschüttet worden ist. Hätte es da nicht ein Standard-CMS auch getan?

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