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Ein Jahr Krautreporter: schrecklich relevant – aber in Zukunft ohne mich

Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.)
Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.) Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.)

Rund ein Jahr ist es nun her, dass die Krautreporter mit ihrer Crowdfunding-Kampagne einen sensationellen Erfolg feiern konnten. Bald müssen die Mitglieder sich entscheiden, ob sie verlängern wollen. Zeit für eine persönliche Bilanz.

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Ich werde meine Krautreporter-Mitgliedschaft nicht verlängern. Am Anfang war ich skeptisch gegenüber dem Projekt. Den Namen “Krautreporter” finde ich bis heute doof., denke dabei immer an “Sauerkraut” und das weckt keine guten Assoziationen. Die Idee, Geld zu verlangen und trotzdem das Kern-Produkt – die Stories – herzuschenken, verstehe ich nicht. Ich will nicht Mitglied in einem Verein oder einer “Community” sein und für Kraut-Partys aus meiner badischen Provinz nach Berlin zu gondeln, ist mir zu aufwändig. Ich mochte auch nicht die – wie ich fand – angeberische Art, wie vor allem Sport-Journalist Jens Weinreich im Werbevideo erklärt hat, dass er dahin gehe “wo es wehtut” und man bei den Krauts erfahre, “was wirklich abgeht”.

So präsentierten sich die Krautreporter zum Start:

Dann las ich diesen tollen Text von Constantin Seibt in seinem “Deadline”-Blog beim Schweizer Tagesanzeiger. Seibt schrieb:

Tatsächlich hat das Projekt ein paar Anfängerfehler – nicht umwerfendes Layout, Startschwierigkeiten beim Bezahlen, etwas wenig Konzept. Und tatsächlich fragt es sich, ob ein Magazin ohne richtigen Chefredaktor und Sitzungen so etwas wie Schärfe, Profil, Identität entwickeln kann. Und der Name Krautreporter ist schrecklich.

Aber das tut nichts zur Sache. Denn es ist im deutschsprachigen Raum der erste Versuch im grossen Stil, sich von den herkömmlichen Verlagen unabhängig zu machen. Und an Bord sind interessante Leute: etwa Tilo Jung, der mit «Jung und Naiv» ein wirklich neues Format für Politinterviews erfand. Der Sportjournalist Jens Weinreich, der Schrecken der Fifa. Und der Medienkritiker Stefan Niggemeier, der das schönste Deutsch auf dem Markt schreibt, hell, klar und entschlossen wie ein Bergbach.

Recht hat er, der Seibt! Man darf nicht immer nur jammern und die Krauts probieren  wenigstens was. Also habe ich meine Meinung geändert, 60 Euro lockergemacht und bin Mitglied geworden. Doch Krautreporter.de und ich wurden keine Freunde. Die Kritikpunkte, die Seibt in seinem Text ansprach sind meiner Meinung nach nach wie vor aktuell. Ich vermisse eine Linie, eine ordnende Hand bei dem, was ich bei Krautreporter.de wahrnehme. Die Texte und Interviews, sind mir persönlich oft zu schwer, zu lang. Das Gefühl stellt sich ein, dass sich hier in erster Linie die Autoren austoben durften und endlich mal all das veröffentlichen, was in einer hierarchisch geführten Redaktion vielleicht gekürzt worden wäre.

Mit etwas mehr redaktionellem Tuning hätten vielleicht auch der berüchtigte Tilo Jung besser eingefangen werden können. Zeitweise übertrieben es die Krautreporter mit Videos von Jungs Format “jung & naiv”, was ihnen viel Kritik einbrachte. Nach Tilo Jungs Fehltritt mit einem missverständlichen Instagram-Posting am Weltfrauentag und einer kurzen Auszeit ist die Jung-Frequenz spürbar zurückgegangen. Dabei hat der polarisierende Jung auch gute Sachen im Angebot. Seine Videos von der Bundespressekonferenz sind oft sehr sehenswert. Sowas würde ich gerne sehen, aber stärker redaktionell aufbereitet.

Dass die Krautreporter am Anfang den Mund etwas sehr voll genommen haben, mag man ihnen nachsehen. Den Spruch „Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin“ würden sie heute so vermutlich auch nicht mehr sagen. Und dass zu Beginn mindestens vier superduper exklusive Geschichten pro Tag versprochen wurden – da redet auch keiner mehr von.

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Mittlerweile wurde die Frequenz an Geschichten deutlich zurückgefahren, was kein Fehler sein muss. Aber umso stärker müsste man auf eine ausgewogenere Mischung der Themen achten. Und durch die Reduzierung der Frequenz fällt die Häufung von Standard-Formaten wie dem Morgen-Newsletter “Morgenpost”, dem “Medienmenü” (Lesetipps von Promis), der “Wochenpost” und dem Podcast “Viertel vor Feierabend” umso stärker auf. An manchen Tagen muss man zwischen all den Lesetipps und Aggregationen, Rück- und Ausblicken die echten Geschichten suchen. Die Bloggerin Frau Meike hat dies in ihrer Kritik an den Krautreportern auch schon recht pointiert zum Ausdruck gebracht. Wobei ich ja finde, dass fehlende Relevanz nicht das Problem der Krautreporter ist. Relevanz haben sie im Überfluss – es fehlt eher das Leichte, das Ausgleichende, das die ganze Relevanz besser verdaulich macht.

Eine Schwäche der Krautreporter ist auch die Reaktion auf aktuelle Ereignisse. Nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag, bei dem Islamisten die Redaktion des französischen Satire-Magazins auslöschten, dauerte es Tage, bis bei Krautreporter etwas dazu zu finden war. Und auch das war nur eine Sammlung von Stimmen vor Ort.

Als neulich der Fifa-Skandal mit der Verhaftung wichtiger Funktionäre des Weltfußballverbandes seinen Lauf nahm, dauerte es ebenfalls lange, bis die Krautreporter einstiegen. Und das, obwohl mit Jens Weinreich doch einer der am besten informierten Journalisten in Sachen Fifa Krautreporter ist. Weinreich kommentierte aber zunächst lieber bei Spiegel Online und fragte dann Tage später die Kraut-Leser, was sie von ihm zur Fifa noch wissen wollen. Das wirkt – mit Verlaub – ein bisschen lustlos.

Vielleicht ist der Eindruck ja falsch und vielleicht würde sich bei eifriger Archiv-Sichtung zeigen, dass die Krautreporter ganz viele, unterschiedliche Themen abgedeckt haben. Und  – ja- es gehört auch Konzept, dass sie sich nicht von der Tagesaktualität treiben lassen wollen. Aber so ganz kann ich das Produkt, das das im Netz präsentiert wird, dann doch nicht von dem selbst gesteckten Anspruch im Vorfeld lösen. Vieles von dem, was die Krautreporter machen, mag tiefgründig sein und auch schrecklich relevant – aber in Zukunft ohne mich.

Das eigentliche Kern-Problem der Krautreporter ist nach wie vor, dass sie ihre Inhalte verschenken. Das eigentliche Produkt, die Stories, sind for free. Wenn man bezahlt, “ermöglicht” man das Projekt, darf man kommentieren und wird zu Veranstaltungen eingeladen. Es gibt noch ein paar weitere Goodies, die die Mitgliedschaft schmackhaft machen sollen, die aber für Leser wie mich schlicht unnötig sind. Das Vorbild der Krautreporter, der niederländische De Correspondent lässt nur zahlende Mitglieder die Artikel lesen und teilen.

So wie die Krautreporter ihr Projekt aufgezogen haben, ist das weniger ein Medien-Unternehmen, auch kein Startup sondern mehr ein Verein, eine Stiftung. Nicht umsonst sprechen Krautreporter auch von Mitgliedern und nicht von Abonnenten. Die 60 Euro im Jahr bekommen so den Charakter eines Beitrags oder treffender noch: einer Spende. Zum Start des Projekts wollte der Kölner Verlegersohn Konstantin Neven DuMont den Krautreportern 42.000 Euro zustecken. Er fragte nach einer Spendenquittung, die die Krauts ihm nicht ausstellen konnten, da sie nicht gemeinnützig sind. Die Krautreporter fühlen sich ein Jahr nach ihrem Triumph immer noch so ein bisschen nach Charity an.

Und wäre das nicht eigentlich konsequent: die Krautreporter als gemeinnütziges Journalismus-Projekt?

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Alle Kommentare

  1. Krautreporter sind nicht gemeinnützig und werden es nie werden. In meinen Augen sind die Krauts in erster Linie eine Plattform zur überteuerten Verwertung von Artikeln, die von den beteiligten Journalisten noch nicht woanders hin verkauft werden konnten.

    Es geht um ein hübsches Beibrot für anderswo etablierte Journalisten. Profitieren von Crowdfunding. Statt Gemeinwohl geht es um eine aufwandsarme Verbesserung von Einkommen einer bestimmten Clique von Journalisten.

    Pardon, genau in dieser Härte: So sehe ich das.

  2. Lieber SW, Ihre Enttäuschung beruht auf dem Obama-Effekt. Erst hat man die Erwartungen ziemlich unreflektiert in den Himmel gehoben – nicht zuletzt befeuert durch die Eigen-PR der Site selbst – jetzt ist die Enttäuschung umso grösser. Hätte man wissen können – denn letztendlich sind die Krautreporter online nichts anderes als offline eine Autorenzeitschrift. Das Ergebnis ist eine feuilletonistisch geneigte, mehrheitlich linksgrün gewirkte Leserschaft, die sich ein paar Autoren hält, bis man eben keine Lust mehr hat. Das Ergebnis ist ein Magazin, das Autorenartikel mehr oder weniger unkoordiniert nebeneinander stellt – es hat schliesslich einen Grund. warum Redaktionen eine Redaktionsleitung haben.
    Das alles war erwartbar. Das alles ist nett – nur die Rettung des Onlinejournalismus ist es nicht. Und schon gar nicht dessen Erneuerung.

  3. Gut, dass andere es ebenso sehen und so gut aufschreiben können. Hab die gleiche Krautreporter-Erfahrung und noch eine mehr: Der Mangel an Qualität. Am Anfang hab ich ganz engagiert mitredigiert, was da geschrieben wurde. und fragte mich, warum die Leser das leisten müssen. Auch inhaltlich merkte man, dass den Autoren ein korrektiver Sparringspartner fehlt. Zur Qualität zähle ich auch Aktualität: Online-Journalismus an allen gesellschaftlichen, globalen und Twittertrends vorbei hat etwas von Zweit- und Drittverwertung und wirkt anachronistisch. Es wird kaum zitiert, was K schreibt. Und es fehlt auch die Auseinandersetzung mit anderen Medien. Kurz und gut: krUtreporter fehlt der Wettbewerb. Und der Wille zu bestehen. Wenn ich lese, dass Herr Esser auf die Frage nach einem Aus antwortet, dann denke ER sich etwas neues aus, dann ist das ein Aufruf an die Mitglieder, sich auch was neues auszudenken.

  4. @Stefan Winterbauer: Den Namen „Krautreporter“ finde ich auch unglücklich. Unter dem Begriff Relevanz scheinen wir aber etwas anderes zu verstehen. Relevanz hat zum Beispiel jemand, der Einfluss auf den Gesetzgeber hat. Davon sind die Krautreporter aber meilenweit entfernt. P.S. Woher wissen Sie eigentlich, dass ich den Krautreportern am Anfang des Projekts 42.000 Euro spenden wollte?

      1. Doch, das stimmt schon. Ich wollte es aber nicht an die große Glocke hängen. Das war übrigens zu einem Zeitpunkt, als die 15.000 Mitglieder noch in weiter Ferne waren. P.S. Ich werde Krautreporter Mitglied bleiben. Klar hätte man vieles besser machen können, ganz so schlecht war die Leistung aber auch nicht.

  5. Ich stimme Herrn Winterbauer in der Analyse absolut zu und kann nur sagen, dass ich Meedia vor allem wegen den Winterbauer-Texten lese. Gerade weil er sich traut, eine Haltung einzunehmen und dabei das Risiko eingeht, auch einmal falsch zu liegen – bitte weiter so.

  6. Na, na, na. Bist du etwa der Weinreich? Winterbauers Tobsuchtsanfall war in der Tat einen Hauch zu geifernd, trotz Pirouetten kann er Christian Meier nicht ersetzen, aber dennoch tust du ihm Unrecht. Abstrahieren auf Leserbriefniveau – also bitte…

    Fakt ist, dass seine Krautreporter-Analyse ins ZIel trifft. Das Kraut schmeckt schal, manch ein Leser ist sauer, das Projekt stirbt so vor sich hin. Die Lustlosigkeit jenseits des Jungschen Selbstdarstellungsdrangs erinnert an deutsche Schlafzimmer nach mehrjähriger Beziehung. Nach einem Jahr sollte da doch aber noch fröhlich reingeschlunzt werden, oder verstehe ich da was falsch?

    Ich verlängere auch nicht. Und stehe damit gewiss nicht allein auf weiter Flur.

    Zu schal, das Kraut.

  7. Krautreporter ist sicher nicht mein erstes Medium, aus dem ich meine täglichen Infos beziehe. Darum geht es ja auch gar nicht.

    Ich persönlich würde mir aber viel mehr Krautreporter und viel weniger Winterbauer wünschen. Nicht, weil wir nicht immer (soll heißen: sehr selten) einer Meinung sind, sondern weil Stefan Winterbauer Journalismus an allen Ecken und Enden kritisiert, selbst aber selten über das Abstraktionsniveau eines Leserbriefschreibers hinaus geht. Das ist gar nicht despektierlich dem Leserbriefschreiber gegenüber gemeint, denn der bekommt dafür weder Geld noch trägt er journalistische Verantwortung.

    Wenn Herr Winterbauer das Abo der Krautreporter nicht verlängern möchte, dann ist das sein gutes Recht. Das öffentlich ungefragt zu erörtern ist aber nur dann hilfreich, wenn er objektive Kriterien anlegen würde statt nur darüber zu lamentieren, dass ihm die Partys zu weit weg und die Geschichten zu lang sind. Dazu hätte es in der Tat ein Leserbrief getan.

    Journalistisch ist das in etwa so wertvoll wie der Tobsuchtsanfall, den Herr Winterbauer bekommen hat, als Redaktionen sich nach dem Flugzeugabsturz von 4U9525 (sehr wohl begründet!) dagegen entschieden, den Namen des Co-Piloten zu nennen. Man kann ja zu einer anderen Einschätzung kommen, aber sich argumentativ und emotional bei einer rein journalistischen Frage so zu verrennen, ist für einen Medienjournalisten, zumal in Leitungsfunktion, mindestens unsouverän.

    Schade, andere Autoren lese ich auf dieser Seite ganz gerne.

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