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Facebook: Lübecker Nachrichten kapitulieren vor Flut von ausländerfeindlichen Kommentaren

Die Lübecker Nachrichten halten Flüchtlings-Themen zukünftig bei Facebook raus.
Die Lübecker Nachrichten halten Flüchtlings-Themen zukünftig bei Facebook raus.

Die Lübecker Nachrichten funken SOS: Sobald das Blatt Flüchtlingsthemen publiziert und im Social Web postet, wird die Facebook-Seite der "LN" von rechten Hass-Kommentaren förmlich überschwemmt. Die Redaktion hat nun angekündigt, als Konsequenz keine derartigen Inhalte mehr bei Facebook zu teilen. Leser kritisieren das Einknicken vor den braunen Web-Angriffen als "Zensur".

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„Leider werden wir künftig unsere Berichte in Sachen Flüchtlinge in Lübeck erst einmal nicht mehr posten können – obwohl wir das Thema alles andere als irrelevant finden“, erklärte Online-CvD Timon Ruge Ende vergangener Woche den rund 36.000 Facebook-Fans der Lübecker Nachrichten. „Die Masse der justitiablen Anfeindungen und die Folgen wie Beleidigungsklagen sind einfach nicht mehr zu handhaben. Diese polemischen Exzesse widersprechen unserer Netiquette und auch der ansonsten freundlichen und sachlichen Gesprächskultur auf diesem Kanal, die wir weiter pflegen wollen.“

In eigener Sache: Leider werden wir künftig unsere Berichte in Sachen Flüchtlinge in Lübeck erst einmal nicht mehr…

Posted by Lübecker Nachrichten Online on Freitag, 12. Juni 2015

Auf Nachfrage erklären die Lübecker Nachrichten, dass es sich bei den Kommentaren um Anfeindungen aus zwei verschiedenen Lagern handele. „In der Debatte um eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge gibt es von Gegnern und Befürwortern gegenseitige Anschuldigungen, die beleidigend und ehrverletzend sind“, so der Verlag mit nur einem Beispiel.

Offenbar handelt es sich bei den „Anfeindungen“ gegen Flüchtlinge auch um ausländerfeindliche Nutzermeinungen. Im Verbreitungsgebiet der LN gibt es eine aktive Neonazi-Szene. Lars Fetköter, stellvertretender Chefredakteur der Lübecker Nachrichten, erklärt auf Nachfrage, es habe auf das Posting „überwiegend positive Reaktionen von Lesern“ gegeben. Allerdings tauchen unter der Nachricht in eigener Sache ebenfalls und sogar auffällig viele Vorwürfe auf, die Redaktion zensiere sich selbst, gebe dem Hass nach und lasse sich kleinkriegen. Einige Nutzer sollen auch rechtliche Schritte gegen die Hass-Kommentatoren angekündigt haben.

Es ist die dunkle Seite des Social Web: Gegener haben tatsächlich durchgesetzt, dass der Facebook-Auftritt der Regionalzeitung künftig zur Flüchtlingsthemen-freie Zone wird. Und nicht nur das: Die Lübecker Nachrichten haben nachträglich offenbar auch ältere Postings entfernt. Während am Montagabend noch einige Artikel in der Facebook-Timeline zu finden waren, sind sie mittlerweile verschwunden.

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Fetköter verteidigt die Reaktion: „Wenn Beleidigungen überhand nehmen, verfehlt die offene Debatte auf Facebook, der wir uns sonst gerne stellen, ihren Zweck.“ Facebook bleibe weiterhin ein entscheidender Dialogkanal für die Lübecker Nachrichten mit den Lesern. Für eine Diskussion über das Thema der Unterbringung von Flüchtlingen verweisen die Lübecker Nachrichten nun aber explizit auf die Kommentarspalten unter den Artikeln. Denn im Blatt sowie online wolle man weiter über Flüchtlinge berichten, so Fetköter.

Doch ihrem Versprechen wird die Redaktion nicht gerecht. Denn bei vereinzelten Artikeln, wie einem Bericht über eine politische Entscheidung zur Unterbringung von Flüchtlingen oder auch über einen Gedenkstein, findet sich keine Möglichkeit, dass Leser ihre Kommentare abgeben können.

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. @Finny und Dieter: Falls Sie es noch nicht wussten…Forenbetreiber sind mittlerweile haftbar zu machen für beleidigende oder volksverhetzende Kommentare, wie hier von Horst z.B. auch. Deswegen tauchen die Kommentarfunktionen bei den großen Zeitungen nicht mehr auf. Nur die Welt hat anscheinend zu viel Geld und lässt das noch drin.

    @Host: Pegida ist tot!
    Zitat Host:“ oder unter den Tisch kehren – siehe Selbstverpflichtung der Presse, wenn es um die Herkunft von Straftätern geht.“ – meinen Sie damit den NSU oder sind nun wieder angeblich die bösen Ausländer schuld?

    Zitat Horst:“Wenn von links die GullyDeckel auf Polizisten fliegen und Gewalt gegen andere Demonstranten ausgeübt wird … harmlose Folklore“ – auch damit meinten Sie bestimmt nur den lächerlichen Auftritt einiger Hooligans, die dann die Polizeiautos auch noch umgeschmissen und angezündet haben, oder?

    Zitat Horst:“Doch was kümmert einen Redakteur schon der Arbeiter, der zum Niedriglohn schuftet und Angst vor den ganzen noch billigeren Arbeitskräften hat.“ – Es heisst jetzt Mindestlohn und die billigen Arbeitskräfte stellt IHR Chef ein. Beschweren Sie sich also bei ihrem Arbeitgeber und hören Sie mit den Lügen auf, dass angeblich Ausländer uns Arbeit „wegnehmen“ würden. Seit wann machen denn bei uns Asylanten Personalpolitik? Kann mich nicht erinnern, dass sich jemals in Deutschland ein Asylant selbst eingestellt, das Gehalt festgelegt und die zu erledigende Arbeit festgelegt hat! Sie etwa?

  2. Ich empfinde dies als der Beginn einer zensierten Meinungsbildung. Natürlich wehre ich mich gegen Beleidigungen und nicht hinnehmbaren braunen Dreck, das ist über Facebook möglich . Trotzdem muss man auch akzeptieren, das es auch andere Meinungen gibt, die zur Zeit nicht für politisch korrekt gehalten werden. Andererseits müsste es doch gut ausgebildeten Redakteuren möglich sein, ohne provokativen Überschriften über Themen und auf Ansichten hinzuweisen. Der Leser ist darüber hinaus noch nicht so verblödet, dass er einseitige Berichterstattung, wie bei der LN leider oft zu beobachten, nicht erkennt. Aufgeben halte ich für ein geistiges Armutszeugnis und das gibt den radikalen Meinungen, ob von links oder rechts, nur einen unnötigen Auftrieb. Wenn man immer dem vermeintlich Stärkeren nachgibt, weil man sich damit für klüger hält, ist man zuletzt der dümmere, der sich der Stärke unterordnet (habe ich sinngemäß aus einem anderen Zitat erfunden).

  3. Genau. Alles schnell abschalten – siehe online Kommentarfunktionen der großen Zeitungen – oder unter den Tisch kehren – siehe Selbstverpflichtung der Presse, wenn es um die Herkunft von Straftätern geht.
    Denn, dass es Meinungen links und rechts des Mainstreams gibt, das kann nicht sein. Na ja, rechts davon kann nicht sein. Wenn von links die GullyDeckel auf Polizisten fliegen und Gewalt gegen andere Demonstranten ausgeübt wird … harmlose Folklore. Aber wehe, wehe es mangelt an der Willkommenskultur der Deutschen. Dann wird dem Bürger aber mal so richtig der Zeige- oder meistens auch den Mittelfinger gezeigt. Man ist ja schließlich was Besseres. So sinkt er dann zufrieden in seine Manufactum Möbel, während sich im Volk langsam Unmut breit macht. Doch was kümmert einen Redakteur schon der Arbeiter, der zum Niedriglohn schuftet und Angst vor den ganzen noch billigeren Arbeitskräften hat. Auf die Sorgen eingehen? Ne, die lesen doch ohnehin nur Bild. So sind die Augsteins weiterhin stramm links und alles was nicht links ist, wird links gemacht oder abgeschaltet. Wie viele Finger zeige ich Ihnen grade?

    1. Naja, bei allem Verständnis für die Sorgen und Nöte des „Arbeiter(s), der zum Niedriglohn schuftet“…

      Aber: Sind dessen Ängste nicht gezielt geschürte? Nur mal so als anderer Schnipsel: Welzer stellte in seiner Geo-Kolumne neulich ein kleines Rätsel auf: An wievielter Stelle im internationalen Vergleich Deutschland wohl bei der Aufnahme von Flüchtlingen stehe und wer Spitzenreiter der Statistik sei?

      Betrübliche Antwort für Deutschland: Noch hinter den USA (Platz 16) auf Position 22, nicht viel besser sieht es in anderen EU-Ländern aus. Und wer nahm im vergangenen Jahr die meisten auf, so Welzer? Erstaunliche Antwort: Pakistan! Gefolgt von manchen anderen arabischen Ländern (Jordanien etc.)

      Den Solidaritätsmangel als Folge gehobenen Wohlstands, den Sie den „Manufactum-Möblierten“ vorhalten, ließe sich demnach also auf das ganze Volk ausdehnen…

  4. Was ich komisch finde ist, dass das ja zeigt, dass wir ein Problem mit der Akzeptanz von Flüchtlingen haben. Und das ist ja keineswegs nur bei uns so, wenn man sich die Situation an der italienisch-Frz. „Grenze“ anschaut. Nur: dass Medien dann lieber die Finger von dem Thema lassen, finde ich bedenklich. Andere tun das vielleicht auch, sagen es aber nicht so offen wie die Lübecker. Dass ist es zumindest bekennen finde ich gut.
    Übrigens gibt es das auch in andere Couleur – nur mal so der Vollständigkeit halber.
    Was ich vor Tagen an deutsch- und pressefeindlichen Kommentaren gelesen haben zu einem SPON-Posting über die Grenzsituation an der türkischen Grenze zu Syrien hat mich ebenfalls fassungslos gemacht.

  5. Also… Das liest sich dann doch merkwürdig. Denn so schwer ist Kommentarmoderation auf Facebook ja nicht. Personen können geblockt werden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand für nur einen Kommentar ständig neue Facebook-Accounts anlegt, ist aus der Erfahrung heraus extrem gering. Könnte es also sein, dass die LN die Moderationsfunktionen von Facebook nicht kennt?

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