Beate Wedekind über Sahner: „Er war halt ein raffinierter Hund, der Paul“

Er war der König der Klatschreporter, verstand es wie kein Zweiter, die prominenten Gesprächspartner mit einer einzigen entwaffnenden Frage zu öffnen. Seine Interviews waren so legendär wie sein Boulevard-Instinkt. Mit 70 erlag Paul Sahner einem Herzinfarkt. Ein MEEDIA-Nachruf von Beate Wedekind.

Anzeige

Von Beate Wedekind

Letztes Jahr, kurz nach seinem 70. Geburtstag, hat der Paul in einem BR3 Radio-Interview mehr als eine Stunde über sein Leben gesprochen, über sich und seine Zukunftspläne – ich habe mir das Interview heute noch einmal angehört, und das hat mich noch trauriger werden lassen. Da sprach ein Mann, der noch viel vor hatte. Er war erfüllt von der Liebe zu seiner zweiten Frau Martina, mit der er seit sieben Jahren verheiratet und mit der er sehr glücklich war. Und zu seiner 26-jährigen Tochter Annabel, auf die er unbändig stolz war. Paul hat sich verabschieden müssen, viel zu früh, bevor er sein neues Leben so richtig geniessen konnte. Ungerecht früh, unpassend früh. So traurig.

„Ich kann loslassen. Ich bin, denke ich, auf dem besten Weg zu entschleunigen“, sagte er. Und über den Tod: „Er gehört zum Leben. Ich glaube auch nicht an ein Leben nach dem Tod und auch nicht an die Wiedergeburt. Ich werde zu Asche und dann ist’s gut.“

Jetzt ist’s gut, es ist aus mit seinem Leben, jedenfalls mit dem hier unten, auf dem Boulevard der Geschichten, die das Leben und sein Leben so bunt machten. Jetzt sind wir es, die seine Geschichte weiter schreiben, ihn in unserer Erinnerung weiter mit spielen lassen – und da wird er eine seiner liebsten Rollen spielen, die des raffinierten Gentleman.

Paul hat mich auch einmal interviewt, Ende der 80er Jahre, ich glaube, es war für den Münchner, ein Stadtmagazin, das damals en vogue war. Wir kannten uns damals schon sechs, sieben Jahre. Als ich 1983 Society-Kolumnistin von Bunte (Mein Rendezvous) wurde, war er einer meiner liebsten Stichwortgeber. Fünf Jahre lang haben wir über Gott und die Welt und vor allem über die Schickeria und den Jet-Set geplaudert, meist am Telefon, oft bei Charles Schumann an der Bar.

Ich war gerade Chefredakteurin von Elle geworden und bin ihm furchtbar auf den Leim gegangen. Er hat mich schwerstens beflirtet, seine blitzenden Augen, seine sonore Stimme mit dem unverwechselbar sanft-rauem Timbre, auf die ich sowieso stand, taten das ihre. So nach einer Stunde stellte er das Tonbandgerät ab und verführte mich zu Äußerungen über Kolleginnen, über die Männer meines Lebens, meine Leidenschaften…

Nun, er hat all meine Indiskretionen, die er aus mir heraus charmiert hatte, veröffentlicht. Ich gestehe, sie haben das Interview erst spannend gemacht. Aber ich war stocksauer, und ich wollte eine Zeitlang den Kontakt einschlafen lassen. Irgendwann war ich nicht mehr eingeschnappt, schließlich war ich es, die ihm auf den Leim gegangen war – er war halt ein raffinierter Hund, der Paul.

In den letzten Jahren haben wir wieder häufiger miteinander telefoniert, meist wollte er sich mit mir über gemeinsame Bekannte austauschen, so wie ich mir Anfang der 80er Jahre von ihm die Informationen geholt habe. Das letzte Mal hat er mich vor einem Jahr angerufen. Da ging es um Almaz Böhm, die gerade die Witwe von Karlheinz Böhm geworden war. Ich konnte ihm nicht helfen, konnte ihm aber einen Kontakt herstellen. Dafür hat er sich später noch mal telefonisch bedankt und mich zu seinem 70., dem großen Geburtstagsfest eingeladen. Ich musste leider absagen, weil ich auf Reisen war. „Lass‘ uns unbedingt mal wieder einen Kaffee trinken“, sagte er zum Abschied. Dazu ist es nicht mehr gekommen.

Beate Wedekind, 64, lebt als Autorin und als Afrika-Kennerin in Berlin, Addis Ababa und auf Reisen. Ihre Themen sind heute Entwicklungspolitik, die Stärkung von Frauen und Mädchen und die Vernetzung von jungen Talenten.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige