Anzeige

Mathias Döpfner: „Viele Journalisten klingen heute wie Anzeigenverkäufer“

Springer-CEO Mathias Döpfner
Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner

Im Rahmen des neunten Reporter-Forums im Spiegel-Verlag sprach Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner über die Herausforderung der Digitalisierung und die Bedeutung des Journalistenberufes. Zwar öffne die digitalisierte Welt viele Möglichkeiten, die es zu verstehen gelte. Journalismus aber müsse von Journalisten gemacht werden, die das klassische Handwerk beherrschen.

Anzeige
Anzeige

„Viele Journalisten sprechen über Dinge, die mit Journalismus nichts mehr zu tun haben“, erklärte Döpfner (schwarzer Anzug, weißes Hemd, schmale schwarze Krawatte) am Freitag im Auditorium des Spiegel-Hauses an der Hamburger Ericusspitze. Er war gekommen, um Bericht „zur Lage eines kritischen Gewerbes“ zu erstatten. Doch das Gespräch mit Moderator Stephan Lebert nutzte Döpfner vor allem, um an das Handwerk der Journalisten zu erinnern. Es gebe heutzutage zu viele Journalisten, „die wie Marketingchefs, Anzeigenverkäufer, Vertriebsleiter oder SEO-Spezialisten klingen“, so Döpfner. „Wenn Journalisten aufhören, über den besten ersten Satz zu sprechen, dann wird es wirklich schwierig.“

Unter diesen Vorzeichen war das Reporter-Forum in Hamburg 2007 gegründet worden. Noch heute organisiert das Veranstalter-Team Workshops rund ums journalistische Handwerk, diskutiert aber auch die technischen Neuerungen im Journalismus. Ein Angebot, das dem Springer-CEO, der sein Unternehmen zum führenden Digitalkonzern ausbauen will, eigentlich gefallen müsste. Doch übte der gelernte Feuilletonist auch Kritik. „Ich würde wieder Seminare über den besten ersten Satz machen. Das ist vielleicht wichtiger, als nur über SEO zu reden.“ Dafür gebe es Spezialisten, deren Arbeit wiederum eng mit der Redaktion verzahnt werden müsse. „Aber es muss doch so etwas geben, wie die Konzentration auf das eigene Metier. Nur dann wird Journalismus sein Charisma erhalten, und nur dann wird es auch Menschen geben, die unsere Produkte lesen wollen“, so Döpfner.

„Kulturpessimismus bleibt mir völlig verschlossen“

Das sei auch im Digitalen so, erklärte Döpfner. Zwar würden sich durch neue Technologien auch neue Möglichkeiten des Erzählens ergeben. Doch auch im Netz sei Platz für lange, gut recherchierte Geschichten. „Wir werden in ein paar Jahren wahrscheinlich nicht mal mehr auf Tablets lesen, sondern auf folienartigen Lesegeräten, die man wie ein normales Blatt Papier einstecken kann. Ich weiß nicht, warum das für einen Journalisten, der von der Idee unabhängiger und kritischer Recherche sowie von einem möglichst spannenden, unterhaltsamen und vernünftig formulierten Text lebt, eine schlechte Nachricht sein sollte. Diese Art von Kulturpessimismus bleibt mir völlig verschlossen.“ Deshalb sei es auch ein logischer Schritt, Redaktionsgrenzen aufzuheben. Einen Seitenhieb auf den gastgebenden Spiegel konnte sich Döpfner dabei nicht verkneifen. „Wenn Spiegel und Spiegel Online in diesem Haus immer noch auf getrennten Etagen sitzen, dann kann ich nur sagen: viel Glück.“

Anders verhalte es sich, so Döpfner, mit der Trennung von Redaktion und Verlag. Er widersprach der Ansicht seines Vorredners Cordt Schnibben, Autor und Digital-Experte beim Spiegel, dass beide Abteilungen enger zusammenarbeiten sollten. „Unseren Journalisten ist es verboten, mit Anzeigenkunden zu sprechen und Deals zu machen. Das hält jeder Anzeigenkunde für die billigste Weise der Bestechung.“ Er wolle keinen Reporter, der „sich für die besseren Vertriebsexperten hält“ und auch keinen Anzeigenmitarbeiter, „der einem Leitartikler sagt, wie er seine Kommentare zu schreiben hat“.

„Journalismus muss funktionierendes Geschäftsmodell sein“
Anzeige

Döpfner äußerte sich auch zu seiner Digitalstrategie, die in den vergangenen Monaten vor allem von Zukäufen geprägt war. Doch auch nach der Einstellung des Inkubators Springer Ideas, der sich auf Gründungen konzentrieren sollte, bleibe Springer dabei, Eigengründungen vorantreiben zu wollen. Das Aus für Ideas aber habe gezeigt, dass es noch zu viele Konzernstrukturen gebe, so Döpfner. Die Arbeit sei „zu bürokratisch“ und zentral gesteuert gewesen. In der Vermarktung musste Döpfner zudem eingestehen, dass die Digitalisierung für den Journalismus auch Probleme schaffe. Während bei Rubrikennanzeigen an Printmedien früher kein Weg vorbei gegangen sei, stünden beispielsweise Stellenanzeigen heute bei Portalen wie Stepstone (Springer ist daran beteiligt). Heute seien die beiden Modelle höchstens noch in einem Verlagshaus miteinander verbunden. Nicht aber mehr über ein Medium. „Wir versuchen dennoch den Beweis zu bringen, dass beides miteinander besser funktioniert als getrennt. Fakt aber ist, dass es nicht so zwangsläufig ist wie früher.“

„Ich bin besessen von der Überzeugung, dass Journalismus ein funktionierendes Geschäftsmodell sein muss.“ Wenn der auf Dauer nur Subventionsempfänger bleibe, sei es „eine Frage der Zeit, bis der Hahn abgedreht wird, weil sich ohne Journalismus mehr Geld verdienen lässt.“ Das dürfe nicht eintreten, werde es nach Ansicht Döpfners aber auch nicht.“Ich bin überzeugt davon, dass Recherchieren und Erzählen guter Geschichten ein archaisches Grundbedürfnis unserer Gesellschaft ist.“

Instant Articles: Facebook werde wie „Grosso in der digitalen Welt“

Abschließend äußerte sich Döpfner erneut zur Konkurrenz von Google. Angesprochen auf seinen FAZ-Artikel aus dem vergangenen Jahr, in dem er von „Angst vor Google“ sprach, zeigte sich Döpfner davon überzeugt, dass dies positive Folgen gehabt habe. „Ich habe das Gefühl, dass dieser Brief dazu beigetragen hat, dem ein oder anderen die Zunge zu lösen“, so der Manager. Es gebe mittlerweile eine „breite, gesellschaftliche  Debatte“. Auch appellierte Döpfner erneut daran, dass sich die Mächtigen aus dem Silicon Valley „zu ihren ursprünglichen Rollen“ zurückfinden sollten.

Dass Facebook mit der Einführung von Instant Articles zu einem Mega-Verlag werde, sieht Döpfner nicht. Zwar ist das soziale Netzwerk eine Plattform für Journalismus. Aber Facebook verspreche seinen Partnern auch, dass man ihr Geschäfts nicht anfassen wolle, sondern dass Facebook „in einer fairen Koexistenz vom Verlagsgeschäft profitieren wolle.“ Sollten alle getroffenen Rahmenbedingungen eingehalten werden, dann „wäre Facebook etwas wie ein Grosso in der digitalen Welt – nichts anderes als eine Vertriebsplattform bzw. ein -dienstleister.“ Sollte Axel Springer andere Erfahrungen machen, beteuerte Döpfner, „dann sind wir sofort raus“. Allerdings musste er auch eingestehen, dass sich bei einem solchen Schritt der Schmerz bei Facebook wohl in Grenzen halten würde.

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Bisher ist auf Instant Articles so gut wie nichts passiert, d.h. bisher geht dieses Modell schon mal nicht auf. Unwahrscheinlich, dass es nach einem so schleppenden Start auf einmal rasant weitergeht.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*