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Lubitz, die Medien und der Presserat: das vielsagende Schweigen der Medienmoral-Apostel

Ihr wollt Qualitätsmedien sein? Kommentar von W&V-Chefredakteur Kalka, Ehrenerklärung in eigener Sache bei Spiegel Online
Ihr wollt Qualitätsmedien sein? Kommentar von W&V-Chefredakteur Kalka, Ehrenerklärung in eigener Sache bei Spiegel Online

Der Presserat hat im Fall der Germanwings-Katastrophenberichterstattung entschieden und dabei inhaltlich eine klare und nachvollziehbare Linie für den journalistischen Umgang mit solchen Fällen gezogen. Dennoch ist es für die Medien wichtig, Beschlüsse wie Beschwerdelage noch einmal zu reflektieren.

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Man kennt es ja: Zu den schon traditionellen Unsitten im Journalismus gehört es, dass eigene Irrtümer entweder ignoriert oder Richtigstellungen dort versteckt werden, wo der Leser sie kaum wahrnimmt. Medienmacher sind Meinungsmacher, und die tun sich mit Widerspruch und eigenen publizistischen Fehltritten schwer. Als am Donnerstag die Meldung mit den Entscheidungen des Presserats die Runde machte, haben viele Redaktionen lediglich kurze Zusammenfassungen im Wortlaut der offiziellen Mitteilung gebracht. Das ist erstaunlich, denn innerhalb der Medienbranche hatte es teils erbittert geführte Auseinandersetzungen über die Veröffentlichung von Klarnamen und Fotos des Amok-Täters gegeben. Wer damals (oft lautstark) die strikte Anonymisierung des Co-Piloten und/oder den Verzicht auf den Abdruck von Bildern als einzig ethisch vertretbaren journalistischen Umgang mit dem Fall propagierte, ist nun vom Presserat in seiner Ansicht widerlegt worden. Dies jedoch zuzugeben – oder im Gegenzug – die Entscheidung der Moralhüter offen zu kritisieren, scheint nicht jedermanns Sache.

So brachte W&V gestern zum Entscheid des Presserats einen namentlich nicht gekennzeichneten Artikel, der mit einer merkwürdigen Negation („Presserat rügt nicht“) betitelt war. Im ersten Absatz wird die Pressemeldung zitiert: „Der Name des Copiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine durfte nach Ansicht des Deutschen Presserats bei  der Berichterstattung über die Katastrophe genannt werden. Demnach beging Andreas Lubitz, als er am 24. März den Jet zum Absturz brachte, ‚eine außergewöhnlich schwere Tat, die in ihrer Art und Dimension einzigartig ist‘. Dies spreche für ein ‚überwiegendes öffentliches Interesse an dem Fall‘, wie das Selbstkontrollorgan der deutschen Printmedien am Donnerstag in Berlin erläuterte.“ Und weiter: „Auch die sonst gebotene Zurückhaltung in Berichten über Suizide trete mit Blick auf die weiteren 149 Todesopfer in den Hintergrund, teilte der Rat mit. Eine Fülle entsprechender Beschwerden wurde abgewiesen. Auch die Veröffentlichung von Fotos des Copiloten sei in den allermeisten Fällen gerechtfertigt gewesen, so die Entscheidung.“ Zitatende.

Wir erinnern uns: Am 27. März, drei Tage nach dem Airbus-Absturz, hatte W&V-Chefredakteur Jochen Kalka eine vernichtende Polemik gegen die Nennung des Namens Andreas Lubitz sowie den Abdruck von Fotos des Co-Piloten online gestellt. „Ihr wollt Qualitätsmedien sein?“ lautete die Headline seines Kommentars, in dem Kalka zum Rundumschlag gegen Kollegen ausholte. Über die von etlichen Medien wie FAZ.net, Zeit Online oder Sueddeutsche.de – und ja, auch MEEDIA – geübte Praxis der identifizierenden Berichterstattung schrieb Kalka:

Dennoch zeigen einige Medien, darunter natürlich Bild, den mutmaßlichen Mörder. Am schlimmsten geht ein sogenannter Mediendienst mit dem Thema um und zeigt mehrfach den Mörder – wie er von anderen, vor allem britischen Medien abgelichtet wurde. Zynischer kann man über solch ein Thema kaum berichten.

Der Presserat, so steht nun fest, sieht darin weder Zynismus noch einen Verstoß gegen den journalistischen Kodex. Aber Kalka beließ es nicht bei Kritik, er wusste auch, welche Rolle der Todespilot und seine Beweggründe bei der Berichterstattung der Medien spielen dürfen – nämlich gar keine. Kalka damals:

Es ist völlig egal, was er für einen Hintergrund hat, was für Motive und wie er aussieht. Um ihn geht es nicht.

Eine groteske Fehleinschätzung, wie damals bereits MEEDIA befand.

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Lesen wir noch mal in der Verlautbarung des Kontrollgremiums: „Beschäftigt hat sich der Presserat auch mit der Frage, ob das Ereignis als Suizid zu behandeln ist und deshalb besondere Zurückhaltung geboten gewesen wäre. Dieser Gesichtspunkt tritt jedoch im Hinblick auf die 149 weiteren Todesopfer zurück. Schließlich setzte sich der Presserat mit einer möglichen Vorverurteilung des Co-Piloten durch die Berichterstattung auseinander. Er kam zu der Auffassung, dass die Medien ab dem Zeitpunkt der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.3.2015 davon ausgehen durften, dass Andreas Lubitz das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten entsprechende Erkenntnisse durch die Auswertungen des Sprachrekorders und weitere Ermittlungen der französischen Luftfahrtbehörde vorgelegen. Zusammen mit der Einzigartigkeit des Falls war in der Gesamtschau eine Nennung des Namens des Co-Piloten aus Sicht des Presserats zulässig.“

Einen Tag später, als die Mehrheit der Medien aus ihrem Selbstverständnis heraus genau das tat, was der Presserat nun ausdrücklich gebilligt hat, veröffentlichte Kalka seinen moral-aposteligen Zynismus-Kommentar. Hat einer wie er die Größe, seinen Irrtum zuzugeben und einzuräumen, dass nicht die anderen, sondern er falsch lag? Bislang: Fehlanzeige.

Immerhin ist Kalka mit seiner offenkundigen Selbstkorrektur-Schwäche nicht allein. So hatte Spiegel Online unter dem neuen Chefredakteur Florian Harms bei der Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe einen seltsamen Eiertanz hingelegt und versucht nun noch, die damalige Fehleinschätzung zu vertuschen. Der Artikel über die Entscheidung des Beschwerdeausschusses, dass Namensnennung wie Fotoveröffentlichungen gerechtfertigt waren, schließt mir einem Absatz in eigener Sache:

Spiegel Online hatte den Klarnnamen von Andreas Lubitz in den ersten Tagen nach dem Absturz nicht genannt. Nachdem aus den veröffentlichten Ergebnissen der Ermittler eindeutig hervorgegangen war, dass der Pilot die Katastrophe herbeigeführt hatte, entschied sich die Redaktion, den Namen auszuschreiben.

Das, liebe SpOn-Leute, ist einfach nicht wahr, und jeder weiß es.

Die Web-Redaktion des Spiegel hatte tatsächlich auch nach der für den Presserat maßgeblichen Pressekonferenz der französischen Justiz den Namen von Lubitz nicht genannt und zur Begründung schwadroniert: „Die Redaktion von Spiegel Online hat sich entschieden, den Namen des Co-Piloten derzeit nicht vollständig zu nennen und ihn auch nicht im Bild zu zeigen. Noch ist der Fall nicht abschließend geklärt.“ Was unter einer „abschließenden Klärung“ zu verstehen sei, ist bis heute das Geheimnis der Verfasser dieser Begründung. Fakt ist, dass sich das Online-Medium genau in dem Moment beeilte, den Namen in die Artikel einzufügen, als die Printausgabe des Spiegel zum Download als E-Paper verfügbar war. Die Printredaktion teilte die Bedenken der Digital-Kollegen nicht und berichtete ausführlich in Wort und Bild über Andreas Lubitz, ebenso Spiegel TV. Da wäre es absurd gewesen, wenn zeitgleich Spiegel Online unter Berufung auf moralische Grundsätze davon abgewichen wäre. „Neue“ Erkenntnisse oder weitere Pressekonferenzen der Ermittler hatte es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben, eher wohl Druck aus der Print-Chefetage um SpOn-Herausgeber Klaus Brinkbäumer.

Eins ließen sich Harms und seine Mannschaft nicht nehmen: Bis heute ist kein Foto des Co-Piloten bei Spiegel Online erschienen, obwohl das Material massenhaft über dpa & Co. verbreitet wird. So gesehen ist es nur konsequent, dass auch der SpOn-Artikel über die Entscheidung des Presserats, dass neben der Namensnennung  Lubitz auch im Bild gezeigt werden darf, lediglich mit einem Trümmerfoto aus den Alpen illustriert ist. Warum dies so ist, erklärt Spiegel Online seinen Lesern nicht. Recht haben, scheint manchen wichtiger als Recht zu bekommen. Früher nannte man das: Schere im Kopf.

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Alle Kommentare

  1. Die Zurückhaltung bei SPON hier in ätzendem Tonfall zu kritisieren, scheint mir völlig deplatziert und die hönische Freude eines Buben gleichzukommen. Was verpflichtet die Redaktion dazu, ein Bild des Täters zu zeigen? Die Tage nach dem Absturz waren geprägt durch Verwirrung und schnellen Entscheidungen. Ich schätze jeden Journalisten, der dabei versucht hat, Informationen an die Bürger weiterzugeben und dabei moralische Grenzen zuziehen, die erstmal persönlich gesteckt werden mussten.

  2. Das muss Ihr Ego ja richtig gestreichelt haben, Herr Altrogge. Aber wenn man Medien anklagt, sie würden sich nicht für ihre falsche Einschätzung entschuldigen (die übrigens niemandem geschadet hat), sollte man auch die Bild dafür anklagen, dass sie sich nicht für die Verwendung der Opferfotos u.a. entschuldigt, das sehr wohl Menschen geschadet hat.
    Wenn man sich Meedia so die letzten Monate anschaut, könnte man meinen Sie gehören nicht zum Handelsblatt sondern zu Axel Springer

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