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„Millionen-Verschwendung ist offensichtlich“: AG Dok legt im Streit um „Gottschalk live“ nach

Thomas Gottschalk (Foto: dpa) und WDR-Intendant Buhrow (Foto: ARD)
Thomas Gottschalk (Foto: dpa) und WDR-Intendant Buhrow (Foto: ARD)

Mit der Stellungnahme des Senders scheint die Debatte über das Gottschalk-Honorar nach dem vorzeitigen Ende von "Gottschalk live" alles Andere als beendet. Im Streit um den Millionenbetrag, den der Moderator trotz Absetzung seiner Sendung noch erhielt, hat die AG Dok in einem weiteren Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow noch einmal kräftig nachgelegt.

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Wie aus den Fragen des Vorsitzenden Thomas Frickel hervorgeht, wussten die Senderverantwortlichen aus einer Marktforschung, dass die Erfolgschancen des Formates nicht gerade die besten gewesen wären. Trotzdem ging „Gottschalk live“ On Air und trotzdem wurde der Moderator mit einem Millionen-Vertrag inklusive Ausfallschutz ausgestattet.

In seinem neuen Brief stellt Frickel Buhrow ein paar brisante Fragen. So heißt es unter Anderem:

Stimmt es, dass TNS/EMNID in der Planungsphase der Sendung mit Thomas Gottschalk in 800 telefonischen Befragungen die Erfolgschancen des geplanten Vorabend-Talkformats ausgelotet hat und ist Ihnen die 25-seitige Auswertung dieses Umfrage-Materials bekannt, die am 29. Juli 2011 durch die Abteilung „WDR-Programmplanung und –controlling“ vorgelegt wurde?

Trifft es zu, dass dieser Auswertung zufolge 39 Prozent der Befragten die geplante Gottschalk-Sendung „wahrscheinlich nicht“ oder „bestimmt nicht“ ansehen wollten – und dass als Grund dieser für einen „Starmoderator“ ungewöhnlich hohen Negativwerte in der Studie „in erster Linie eine Ablehnung des Moderators Thomas Gottschalk“ genannt wird?

Ist es richtig, dass diese wenig überzeugenden Umfrage-Werte in dieser Studie durch eine detaillierte Konkurrenzbeobachtung, aber auch durch den Blick auf Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern flankiert wurden, und das die WDR Controller damals zu dem Ergebnis kamen: „Aus den Analysen unserer Vorabend-Sendungen wissen wir, dass Gespräche besonders bei jüngeren Zuschauer oft auf wenig Interesse stoßen“.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Entscheidung, dass trotz solcher „Warnhinweise“ damals eine derart hohe Summe in einen derart schlecht verhandelten Vertrag investiert wurde?

Wieso hat sich die ARD damals auf derart hohe Ausfallzahlungen festlegen lassen, obwohl nach den vorliegenden Erkenntnissen der von Ihrem Haus selbst in Auftrag gegebenen Studie ein vorzeitiges Ende der Show zumindest nicht unwahrscheinlich war?

Auslöser des zweiten Briefes ist ein erstes Schreiben vom Pfingstwochenende. Darin fragten die Dokumentarfilmer, ob es stimmt, dass Gottschalk für seine Vorabendsendung das volle Honorar für alle von der ARD bestellten 144 Shows bekommen hat, obwohl das Format bereits nach 70 Folgen wieder aus dem Programm genommen worden war.

Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm hatte vorgerechnet, dass wohl 2,3 Millionen Euro nach Absetzung der Sendung, sowie weitere 400 000 Euro für zwei geplante Abendshows, die ebenfalls nicht zustande gekommen seien, geflossen sind. Deshalb forderte der Verbandsvorsitzenden Frickel auch eine Erklärung vom Westdeutschen Rundfunk.

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Diese folgte dann im Laufe der Woche. Darin heißt es, dass mit dem Moderator ein Honorar vereinbart worden sei, das den Marktwert von Gottschalk “Rechnung trug”. Da das Format im werbefinanzierten Vorabend des Ersten gelaufen sei, wäre es auch “ausschließlich über Werbeeinnahmen finanziert” worden. “Es wurde kein Gebührengeld ausgegeben. Folglich war auch keine Gremienzustimmung einzuholen, denn es bestand keine finanzielle Verpflichtung der Landesrundfunkanstalten, sondern der Werbetöchter.”

Tatsächlich enthielt der Vertrag mit Gottschalk ein Sonderkündigungsrecht. Allerdings beinhaltete es auch festgelegte “Abbruchkosten”, die eine “Fortzahlung des Honorars des Moderators bis zum Ende der Vertragszeit enthalten” hätte.

In dem neuen Schreiben macht Frickel noch einmal klar, dass die Abschiebung der Verantwortung für den Gottschalk-Vertrag auf die Werbe-Töchter der ARD „nicht sonderlich vertrauensbildend wirkt“. Zudem würden die Vorgänge aber auch das oft gehörte Argument beschädigen, dass die Werbe-Einnahmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der Beitrags-Stabilität dienen würden. „Denn dass die Millionen, die hier verschwendet wurden, für andere Programme nicht mehr zur Verfügung stehen, ist ja wohl offensichtlich“.

Update (Freitag, 29. Mai, 20.00 Uhr):
Mittlerweile hat sich der WDR in einem ausführlichen Statement zu der Sache geäußert. Darin heißt es:

In dem mittlerweilen öffentlichen Brief der AG Dok an den Intendanten Tom Buhrow sind gezielt einzelne negative Aspekte der Umfrage erwähnt. Positive Zahlen und Fakten zum Moderator Thomas Gottschalk wurden dabei ausgespart, u.a.:

* mehr als jeder Zweite der Befragten gab an, er würde sich die Sendung ansehen;

* hinter Günther Jauch wird Thomas Gottschalk als zweitbeliebtester Moderator genannt;

* sehr hoher Bekanntheitswert von Thomas Gottschalk in der Befragung;

* die Image-Daten von Gottschalk passten zur Grundidee des neuen Formates: locker, offen, witzig, schlagfertig.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass Thomas Gottschalk der richtige Moderator für das Format war und dieses Format auch großes Potential hatte. Die nicht so positiven Werte und Hinweise aus der Umfrage wurden dazu genutzt, das Format zu optimieren, sprich Schwachstellen im Konzept redaktionell zu überarbeiten. Das ist ein in der Fernsehbranche übliches Verfahren. So hat man z.B. bei „Gottschalk Live“ die Aspekte „aktuelle Unterhaltung“ und „Prominente“ verstärkt in das Format eingebaut.

Die Entscheidung, ob eine neue Sendung produziert wird, hängt aber nicht alleine von Umfragen und Zahlen ab, sondern vor allem auch von redaktionellen Überlegungen und Argumenten. Zu jeder Programmplanung und -umsetzung gehört auch der Mut, etwas zu wagen – denn sonst entsteht nichts Neues.

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Alle Kommentare

  1. Wieso fällt einem in diesem Zusammenhang die seltsame Finanzgeschichte mit Gottschalk und seinem Bruder vor Jahren ein???

    Da ging es ebenfalls um unglaublich hohe Beträge und wenig saubere Rahmenbedingungen. Und mit dem TV hatte die Sache auch zu tun…

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