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Der ultimative Apple Watch-Praxistest: Fitness-Gadget mit Frust-Faktor

MEEDIA-Autor Nils Jacobsen: Die Apple Watch ist endlich da – aber in der ersten Generation nur bedingt einsatzbereit
MEEDIA-Autor Nils Jacobsen: Die Apple Watch ist endlich da – aber in der ersten Generation nur bedingt einsatzbereit

So halb ist sie da: Seit Ende April wird die Apple Watch an frühe Besteller endlich verschickt. Doch wie gut und ausgereift ist die erste Smartwatch aus Cupertino nun tatsächlich? MEEDIA-Autor Nils Jacobsen zieht nach seiner ersten Test-Woche ein Fazit: Das neue Gadget aus Cupertino ist eine Motivationshilfe für Fitness-Fans, birgt aber gleichzeitig hohes Frustpotenzial für den Durchschnittsnutzer.

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Die Ausgangslage: Das erste neue Apple-Produkt seit 2010

Endlich ein neues Apple-Produkt! So dürfte es vielen Fanboys des Kultkonzerns aus Cupertino gehen, die sage und schreibe fünf Jahre auf die erste neue Produktkategorie seit dem iPad warten mussten, das bekanntlich im April (USA) bzw. Mai 2010 (Deutschland) in den Handel kam.

Der Weg zur Apple Watch zog sich wie Kaugummi. Im Februar 2013 kursierten die ersten Gerüchte in der New York Times, die sich am Ende als erstaunlich nah an der Wahrheit erweisen sollten – Apple arbeitete an einer Smartwatch. Auf der großen iPhone 6-Keynote im vergangenen September wurde die iWatch dann tatsächlich als Apple Watch enthüllt und der Start für Anfang 2015 angekündigt – also bis spätestens Ende März.

Anfang März terminierte Tim Cook den Start in einer zweiten Keynote dann auf Ende April. Doch schon nach dem Beginn der Vorbestellungsphase am 10. April waren die Gesichter lang: Binnen Minuten sprang der Lieferstatus auf Juni oder später. In den Apple Stores bot sich zudem ein skurriles Bild: Kunden konnten das neue mutmaßliche Kultprodukt nur ansehen (wenn man sich vorab für einen Vorführtermin registrierte), aber nicht kaufen.

War die Nachfrage so groß oder Apples Bestände so klein? Ein erster Check nach dem Beginn der Vorbestellungsphase stützte zumindest die erste These nicht. Beim Besuch wenige Tage nach dem Start der Vorbestellungsphase konnte ich die Apple Watch im Apple Store Hamburg Alstertal nicht nur problemlos anprobieren, obwohl ich keinen Probe-Termin ausgemacht hatte – ich wurde vom proaktiven Apple-Mitarbeiter dazu enthusiastisch aufgefordert.

Es ist ein seltenes Bild, das ich seit dem Start der beiden Hamburger Apple Stores 2009 und 2011 weder bei den iPhone- noch iPad-Launches besichtigt habe: Apple muss bei einem Produkt-Launch wieder um Kunden kämpfen.

Der Weg zur Apple Watch: leichter und schneller als gedacht

Der hervorstechendste Eindruck bei der etwa fünfminütigen Anprobe im Apple Store: Die bis dahin viel gescholtene Apple-Uhr sieht live weitaus besser aus als online. Der Grundverdacht, dass Apples Design-Magie bei der Einheitsgröße am Handgelenk mit einem freakigen Nerd-Gadget verloren gehen könnte, bestätigt sich nicht. Wie bei allen anderen Produkten des iZyklus stellt sich auch bei der Apple Watch sofort der Haben-Wollen-Faktor ein.

Nur welche? Die Antwort ist schnell gefunden: Etwas anderes als die günstigste Variante – also die Apple Watch Sport mit Aluminiumgehäuse und Ion-X Glas-Display  – liegt jenseits rationaler Argumente. Die reguläre Apple Watch mit Saphirglas-Display und Edelstahlgehäuse, das sogar kratzempfindlicher sein soll, kostet in der günstigsten Version mindestens 250 Euro mehr, in der teuersten mit Gliederarmband sogar 850 Euro mehr – von der vergoldeten Apple Watch Edition ganz zu schweigen.

Die Apple-Historie lehrt zudem: die erste Generation ist die verzichtbarste und unvollständigste, die mit dem nächsten Upgrade in einem Jahr schon ziemlich veraltet aussehen dürfte. Die 50 Euro mehr für das 42mm-Modell sind Pflicht, wenn man etwas auf dem Display erkennen will, da geht es mir so wie vier von fünf anderen Bestellern.

Bis ich die finale Entscheidung treffe, vergehen noch mal ein paar Tage, auf die es nun eh nicht mehr anzukommen scheint, da ich ja frühestens im Juni bedient werden würde. „Am besten schnell ordern, kann ja auch Ende Juni werden“, versucht sich der Apple Store-Mitarbeiter in fast verzweifelter Verkaufsmotivation. Mir ist es inzwischen auch egal, dann wird’s eben der Hochsommer, denke ich mir, als ich schließlich am 26. April – zwei Tage nach dem Verkaufsstart – meine Bestellung für das sicher gängigste Modell abgebe: Apple Watch Sport, 42mm, weiß. Wann die wohl kommt, denke ich mir.

Es wird – der 15. Mai. Ich bin einigermaßen überrascht: Gut für mich als Käufer, aber was sagt das nun über die viel kolportierten Liefer-Verzögerungen wegen der angeblich so großen Nachfrage? Ich habe zu spät bestellt und Wochen zu früh meine Lieferung bekommen – das kenne ich anders von iPhone-Bestellungen…

Unboxing: Apple-Magie ja, Konfusion auch

Es ist einer der Momente, der den Apple-Kult begründet: Beim Auspacken wird der Kunde wieder zum Kind, so ästhetisch, so wertig ist alles verpackt. Bei der Apple Watch wird der Enthüllungskult auf die Spitze getrieben: Das kleinste Apple-Gadget seit dem iPod kommt in der größten Verpackung daher. Länglich ist die Box – ganze 32 Zentimeter lang! –, die nach dem Öffnen gleich die Box zum Vorschein bringt: Ein spiegelglattes, weißes Etui wie eine Konfektschachtel, in der sich das Allerheiligste verbirgt – die Apple Watch in voller Länge aufgebahrt wie ein Goldbaren.

Ebenfalls im Lieferumfang enthalten: eine Hälfte des Zweitarmbands, sollte die mitgelieferte Variante zu groß ausfallen und das Ladegerät, über das so viel geschrieben wurde. Ersteindruck: Sieht aus wie ein Stethoskop, klickt sich magnetisch leicht bedienbar an die Rückseite für die erste Ladung.

Inbetriebnahme und Konfiguration: Viele Fragen, viele Daten 

Die Erstkonfiguration ist aufwändiger als beim iPhone – und benötigt wie im Vorfeld bekannt eben dieses (zur Abhängigkeit vom Apple-Smartphone später mehr). Es gilt die sogenannte Companion App auf dem iPhone zu starten, die wiederum die neuste iOS-Version (8.3) voraussetzt – viele Voraussetzungen für eine einfache Smartwatch.

Danach möchte Apple meine Daten: neben den bereits bekannten, in der Apple ID abgelegten Altersangabe nun auch noch Gewicht und Größe für die Fitness-Anwendungen, dem eigentlichen raison d’être der Apple Watch.

Unerlässlich für die Nutzbarkeit der Apple Watch: Apps, sofern in diesem frühen Stadium vorhanden. Bei der Konfiguration taucht die Frage auf, ob ich die vorhandenen Apps, sofern für die Apple Watch optimiert, übernehmen möchte –  wähle ich nein, müssen die Apps via App Store über das iPhone (!) mühsam zusammengesucht und geladen werden. Konzentration beim Set-up ist also gefragt.

Und dann beginnt es: Die Apple Watch nimmt den Betrieb auf mit einem vorgegebenen Ziffernblatt in der Konfiguration. In der Grundeinstellung sehe ich direkt auf der Uhr: das Datum (links oben), die Uhrzeit (rechts oben), mögliche Termine im Kalender (mittig), die Temperatur (links unten) und eine Zweit-Uhrzeit (rechts unten), die unerfindlicherweise aus Reykjavik kommt – offenbar die letzte andere Zeitzone, in der ich mich befunden habe.

Wichtige Erkenntnis: Mit einem festeren Druck in die Mitte des Displays, den Apple „Force Touch“ nennt, kann ich das Ziffernblatt bis zur unsäglichen Mickey Mouse-Optik, aber auch in den angezeigten Elementen individuell gestalten. Drehe ich meinen Arm in Richtung Gesicht, springt der Home Screen automatisch für einige Sekunden an.

Interface: Gewöhnsbedürftiger, bunter Bubble-Minimalismus   

Funktionsfähig im eigentlichen Sinne wird die Apple Watch über die „Digital Crown“ am rechten Rand – die entweder mit einem Klick oder durch das Drehen am Zahlenrad zum eigentlichen Home Screen führt: Die quadratischen Apps-Symbole vom iPhone und iPad werden zu kleinen, bunten Kugeln.

Spätestens an dieser Stelle werden sich die Geister an der Apple Watch scheiden. Schon die Klickbarkeit der Icons ist extrem gewöhnungsbedürftig – besonders für Nutzer, die inzwischen zu den neuen, größeren iPhones 6 und 6 Plus gegriffen haben. Mindestens 20 Icons werden nebeneinander auf dem 42mm großen Display angezeigt – man muss keine Wurstfinger besitzen, um öfter mal danebenzutippen und damit die falsche App zu starten.

Apple Watch-Apps: Ein Drama mit Ansage

Das eigentliche Anwendungsszenario der Apple Watch liegt naheliegenderweise in den bereits seit sieben Jahren aus iPhone und iPad bekannten Apps, ohne die die Apple Watch schlicht eine digitale Uhr und keine Smartwatch wäre.

Das Dilemma allerdings: Nach sieben Jahren immer wieder optimierter Apps auf Phone und iPad wirken die bislang vorhandenen App-Anwendungen wie ein brutaler Schritt zurück ins Pager-Zeitalter. Während Facebook anders als beim Start des App Stores im Juli 2008 zum Launch der Apple Watch – aus guten Gründen – diesmal an der Seitenlinie bleibt, haben von den bekannten Social Media-Diensten etwa Twitter und Instagram den Sprung aufs Handgelenk gewagt und für Watch OS eigene Applikationen entwickelt.

Das Ergebnis ist allerdings hochgradig bizarr. Die neuen Instagram-Posts aus meinem Feed werden in Briefmarken-Größe angezeigt, Twitter-Nachrichten wie ein Telegramm. Ein Tweet nimmt den ganzen Bildschirm ein. Bei Großereignissen wie dem Bundesliga-Finale oder dem ESC am Samstag läuft man der Timeline auf der Apple Watch sofort hinterher – so schnell kann sich das digitale Krönchen gar nicht drehen. Mal davon abgesehen, dass weiterführende Links ohnehin nicht klickbar sind, da die Apple Watch – allmählich dämmert’s – keinen Web-Browser besitzt!

Spätestens an dieser Stelle wird klar, was die Apple Watch nicht ist: in keiner Form ein iPhone in klein. Der überwältigende Anteil von Anwendungen wäre in der Darstellung Apps auf dem iPhone 3G von 2008 unterlegen. Nachrichten kann man zudem nicht mal individuell verfassen, sondern lediglich nach standardisierten Entwürfen oder mittels Emojis versenden.

Nachrichten-Apps: Zurück im Pager-Zeitalter

Wofür macht die Apple Watch also überhaupt Sinn? Als Grund-Informationsmedium für Breaking News etwa – eben wie ein Pager in den 90er-Jahren: ein Fußballergebnis, ein Rücktritt, eine Sensation; gut für Zahlen und wenige Zeichen, nicht für Grafiken, Erklärungen oder irgendeine Formulierungskunst.

Spiegel Online ist eines der wenigen Medienangebote, das die Apple Watch bislang nutzt – für 1-Satz-Schlagzeilen. Die lesen sich so: „Anonyme Terrorwarnungen. FBI ermittelt nach Drohungen gegen USA-Flüge.“ 9 Wörter, 69 Zeichen, dazu ein pixeliges Bild vom Flughafen. Fehlt noch, dass ich wieder Verbindungsgeräusche meines 56 K-Modems höre…

Die Nutzung der Nachrichten-Apps macht also nur im absoluten Breaking News-Szenario Sinn – eben beim ESC-Finale oder Bundesliga-Endspurt. Doch selbst dann hinken die SpOn-Schlagzeilen, die ich aus den Kategorien „Das Wichtigste“, „Das Neueste“ und „Leser-Favoriten“ wählen kann, den aktuellen Geschehnissen der Mobil-Version auf iPhone und iPad hinterher.

Dasselbe Bild bei der Sport1-App am letzten Spieltag der Bundesliga: Beim Klick auf „Live Scores“ bleibt das Display schwarz. Nichts geht. Diese erste Wochen der Apple Watch mit Kinderkrankheiten zu umschreiben, wäre noch untertrieben – so unsauber programmiert und unfertig viele Apps noch daherkommen, macht sich der Erstkunde zum freiwilligen Betatester.

Erstes Zwischenfazit: Für Apps, die in irgendeiner Form Texte transportieren, ist die Apple Watch zum Launch das absolut falsche Medium.

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Was gut gefällt: Wetter, Aktien, Maps, Yelp

Gibt es auf der Apple Watch also überhaupt eine Daseinsberechtigung für Apps irgendeiner Art? Gibt es. Vor allem vergessene Klassiker der Erstgeneration des iPhones erfahren am Handgelenk eine unerwartete Renaissance. Etwa die Wetter-App, die auf dem Startbildschirm direkt die aktuelle Temperatur anzeigt – beim Ausflug am Pfingstwochenende inklusive der schnellen Anzeige der Regenwahrscheinlichkeit.

Ebenfalls ein persönlicher Favorit als Börsenjunkie: die Aktien-App. Die aktuellen Kurse der Märkte immer auf Handgelenk blinken sehen – das ist durchaus ein Fortschritt, als immer wieder das iPhone zu zücken und die App zu starten. Auch gut: die Karten-App, die im Startmodus unaufgefordert die Entfernung des aktuellen Standorts zur Heimatdresse berechnet. Und eine Wiederentdeckung: das Empfehlungsportal Yelp, das mir leichter als auf dem iPhone die beliebtesten Bars, Cafés und Restaurants in meiner Umgebung anzeigt.

Absurde Grenzfälle Telefonie und Siri: Hier spricht Inspector Gadget

Es gibt mindestens ebenso viele Beispiele, in denen die Apple Watch zum absoluten Freak-Produkt des Inspector Gadget-Zeitalters wird. Da ist etwa die Option, auf dem iPhone eingehende Anrufe auch auf der Uhr anzunehmen. Das mag zwar in dem Augenblick praktisch sein, wenn sich das iPhone wieder in der Jackeninnentasche versteckt, für ein längeres Gespräch ist die Apple Watch indes kaum geeignet.

Während man (und der Rest der Umgebung) den Anrufer lautgestellt noch halbwegs versteht, kommen auf der anderen Seite der Leitung eher Sprachfetzen an. Einmal abgesehen davon, dass man unfassbar dämlich dabei aussieht, in sein Handgelenk zu sprechen, ermüdet der Arm entsprechend schnell. Die Telefonie-Funktion ist also maximal als Zuruf-Vehikel gedacht: „Ja, Schatz, ich habe schon Erdbeeren gekauft, bis gleich am Bahnhof“.

In dieselbe Liga fällt die Sprachassistentin Siri, die auch im vierten Jahr noch nicht ihre Daseinsberechtigung nachgewiesen hat. Man kann in seine Uhr sprechen (und mühsam individuelle Textnachrichten diktieren, die nach drei weiteren Klicks verschickt werden), doch mangels Browser bleibt Siri noch anwendungsloser als auf iPhone oder iPad. Statt einmal lange die Krone zu drücken und zu diktieren: „Starte Instagram“, ist die App mit zwei Klicks und einem Fingertipp selbst geöffnet.

Und dann sind da noch die Inspector Gadget-Anwendungen Foto und Musik. Tatsächlich: Mit einem Klick auf das Kamerasymbol wird die Kamera auf dem iPhone (!) geöffnet – als wäre man dazu auf dem iPhone mit einem Wisch vom Homescreen nicht in der Lage. Man sieht dann auf dem Display der Apple Watch, was man auf dem iPhone sieht. Einziger Nutzen: Die Apple Watch als Auslöser einer iPhone-Aufnahme aus weiterer Ferne – im Selfie Stick-Zeitalter allerdings weitgehend nutzlos.

Dasselbe gilt für die Verwendung von iTunes: Die Auswahl neuer Songs kann ebenfalls über die Apple Watch erfolgen, die dann jedoch im Laut-Modus für die Außenwelt hörbar über das iPhone abgespielt werden. Auch hier erscheint der Zusatz-Nutzen einer Steuerung von iPhone-Features  über die Apple Watch im mikroskopischen Bereich und dürfte eher für den unbedarften Besitzer zu peinlichen Nachfragen führen, warum er etwa im vollem Zugabteil laut die Musik aufdreht oder die Pfingstverabredung zum Spargelessen mit seiner Mutter für alle Welt hörbar bespricht…

Das eigentliche Nutzungsszenario: Die Watch als Fitness-Tracker

Und doch gibt es ein Killer-Feature, das der Apple Watch einen USP gibt, den Tim Cook im Vorfeld nicht müde würde zu betonen. „Wir wollen ändern, wie Sie Ihr Leben leben!“ übte sich Cook im Februar vor Investoren nicht gerade in Zurückhaltung und meinte damit in erster Linie: die Lebensgewohnheiten.

Das eigentliche Nutzungsszenario der Apple Watch besteht also in den Fitness-Anwendungen. Zwei Apps stehen dafür zur Verfügung: Der Aktivitätstracker, der die tägliche Bewegung nach verbrannten Kalorien und zurückgelegter Strecke, trainierten Minuten und jenen Stunden dokumentiert, in denen der Apple Watch-Träger mindestens eine Minute gestanden hat.

„Viele Ärzte glauben, Sitzen ist der neue Krebs“, trichterte Cook bereits im Vorfeld ein. „Wenn ich zu lange sitze, wird mich ein Klopfen am Handgelenk darauf hinweisen, mich zu bewegen. Wenn Sie sich innerhalb von einer Stunde nicht bewegt haben, gibt Ihnen die Apple Watch einen Hinweis.“

Und das nervt. Mitten Gespräch vibriert die Apple Watch unbarmherzig und fordert mich auf, aufzustehen und mindestens eine Minute stehen zu bleiben oder mich zu bewegen. Keine Frage: Man kann die Funktion über die Companion App abschalten, doch zunächst mischt sich die Apple Watch direkt unaufgefordert in mein Leben ein.

Das tut auch das Belohnungssystem des Aktivitätstrackers in seiner Gesamtheit: Kreise, die es bis zum Ende des Tages zu schließen gilt, dokumentieren den Fortschritt an verbrannten Kalorien, trainierten Minuten (darunter fällt bereits zügiges Gehen) und eben der Stehfunktion.

(Hobby-)Sportler, die besondere Trainingsziele verfolgen und die Fortschritte akkurat dokumentiert haben  wollen, werden zur Trainings-App greifen, die für Aktivitäten wie Gehen, Laufen und Radfahren (In- wie Outdoor), aber auch Rudern oder Steppen die exakte Zeit, verbrannten Kalorien und die Durchschnittsgeschwindigkeit festhält.

Ich lerne etwa, dass ich bei meinem 10 km-Spaziergang vom Niendorfer Gehege bis nach Winterhude entlang der Kollau in 2,5 Stunden nur 455 Kalorien verbraucht habe – so viel, wie ich mit einem Cheeseburger und einer 0,2 Liter Cola wieder aufnehmen würde. Darüber hätte ich vorher in der Konsequenz nicht nachgedacht. Es sind Erkenntnisse wie diese, die der Apple Watch ihre eigentliche Daseinsberechtigung geben.

Und der Akku?

Im Vorfeld des Launches war der Aufschrei groß: Nur 3 bis 4 Stunden würde der Akku bei ganz intensiver Nutzung halten, so dass man die Apple Watch jeden Abend laden müsse? So dramatisch fällt der Ladebedarf in der ersten Testwoche nicht aus.

Am Ende des ersten Tages sind noch 37 % Akkuleistung übrig, selbst nach dem langen Marsch von Malente nach Plön am Pfingstwochenende über 15 km ist die Apple Watch nicht leer. Auch als ich vergesse, die Uhr über Nacht aufzuladen, hält sie zumindest noch einen weiteren halben Tag durch. Positiv: Das Aufladen geht schneller als beim iPhone und dauert rund eine Stunde.

Wofür und für wen macht die Apple Watch nun Sinn?

In dieser ersten Version für Fanboys und -girls, die dringend der Welt zeigen müssen, dass sie das Gadget aus Cupertino besitzen und Teil des #TeamApple sind. Keine Frage: Die Apple Watch sieht so gut aus, dass sie niemand peinlich sein muss – was zwischenzeitlich nach der grotesk-nerdigen Präsentation von Kevin Lynch und dem vernichtenden Medien- und Social Media-Echo durchaus im Bereich des Möglichen lag.

Im Nutzungsszenario sind es vor allem Anwendungen, die man sofort am Handgelenk starten möchte wie die Wetter-, Karten- oder Aktien-App  – oder unmittelbare Minimalfunktionen, wenn man gerade nicht zum iPhone greifen kann, weil die Hände am Steuer oder nach dem Einkauf voller Tüten.

Am Ende liegt der USP aber sicher in den Fitness-Features, die das Kaufargument für die Apple Watch liefern. Aus medizinischer Sicht, wo die Zukunft des Apple Gadgets fraglos beheimatet sein dürfte, fällt die erste Generation indes noch recht dünn aus: Nur den Puls misst die Apple Watch – nicht aber den Stresslevel des Trägers, die Herzfrequenz oder den Sauerstoffgehalt des Blutes, weil sich die Integration der Sensoren im Vorfeld als zu komplex erwiesen hat. Design-Chef Jony Ive bekannte nicht zuletzt, dass der Produktionsprozess „herausfordernd wie nie“ gewesen wäre.

Fazit: Ein Beta-Produkt für mindestens 400 Euro

Man merkt der Apple Watch diesen enormen Druck an, unter dem sie produziert wurde. Leider muss man konstatieren, wie es bereits Richard Gutjahr formulierte: Unter Steve Jobs wäre diese Beta-Version der Apple Watch wohl nie auf den Markt gekommen.

So sehr die Apple Watch optisch aus einem Guss kommt, so unfertig ist das Watch OS. Für viele vertraute Anwendungen vom iPhone oder iPad gibt es kein echtes Nutzungsszenario – es sind schlicht Krüppel-Versionen von iOS. Andere sind unfreiwillig komisch, nur wenige finden ein echtes Alleinstellungsmerkmal in der Nutzung am Handgelenk.

Der eigentliche Sündenfall ist jedoch die Abhängigkeit vom iPhone. Ist das iPhone leer, wie nach dem langen Ausflug am Pfingstwochenende, besitzt die Watch bis auf die Fitness-Funktionen und die Anzeige der Uhrzeit keinen Nutzen mehr. Dabei wird es bei künftigen Generationen kaum bleiben. Noch mehr als beim ersten iPhone mit Edge und ohne App Store und beim klobigen 800 Gramm schweren iPad werden wir im Jahr 2020 an die Absurdität der ersten Apple Watch denken – mit iPhone-Abhängigkeit und täglicher Aufladenotwendigkeit.

Warum launcht Tim Cook nun so eine offenkundig unfertige erste Generation? Weil er es kann – und muss. Cook kann es, weil er die Marktmacht von 400 Millionen treuen iPhone-Kunden hinter sich weiß. Und er muss es, weil die Wall Street nach nunmehr fünf Jahren ohne neues Apple-Produkt immer unruhiger wurde – allein der schier endlose Ankündigungsmarathon, bei dem am Ende zwischen Keynote und Auslieferung mehr als acht Monate vergingen, steht im Zeichen der Bringschuld, endlich etwas Neues zu präsentieren, selbst wenn das Produkt noch so unfertig ist wie diese erste Generation.

Es gibt nicht viel, was den Kauf der Apple Watch in diesem Stadium rechtfertigt – für mich persönlich ist es das natürliche Nutzungsszenario als Tech-Journalist, der jeden Tag über Apple berichtet und mit Abstrichen die Motivationshilfe im Fitness-Bereich. Dafür sind 450 Euro allerdings viel Geld.

Andererseits drängt sich auch kein Konkurrenz-Produkt im noch jungen Smartwatch-Segment als Alternative auf – weder die Moto 360, noch die G Watch, noch Samsungs Gear 2 oder Gear 2 Neo, die auch schon zwischen 200 und 300 Euro kosten. Der aufkommende chinesische Rivale Xiaomi bietet mit dem Mi Band allerdings seit einer Woche auch in Deutschland ein Smartband mit zumindest ähnlicher Fitness-Funktionalität an – für unschlagbare 15 Dollar.

„Ich glaube, Sie werden nicht mehr ohne sie leben können“, lehnte sich Apple-CEO Tim Cook unmittelbar vor dem Launch extrem weit aus dem Fenster. Gemessen an diesem Anspruch wäre Cook mit dem ersten Wurf seines ersten eigenen Produkts ziemlich krachend gescheitert: Seit Einführung des ersten iPod gibt es kein Gadget aus Cupertino, das verzichtbarer ist als die Apple Watch.

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Alle Kommentare

  1. Sie schreiben über ein Zifferblatt in „unsäglicher Mickey Mouse Optik“, was zeigt, dass Sie von dem Gebiet, über das Sie hier schreiben – Uhren – null Ahnung haben. Dieses Zifferblatt ist eine augenzwinkernde Anspielung auf die bei Uhrensammlern äußerst beliebte, hochpreisige Schweizer Luxusuhrenmarke Gerald Genta, die dieses Blatt, inklusive Mickeys im Sekundentakt swingendes Bein, exakt so entworfen hat! Naja, Sie finden vermutlich auch die Mona Lisa unsäglich, weil die so komisch lächelt…

  2. Das Wort „ultimativ“ bedeutet laut Duden: „sich nicht mehr verbessern lassend, das höchste Stadium einer Entwicklung darstellend“. Mit Verlaub: das von einem eigenen Text zu behaupten, ist peinlich und arrogant.

  3. Ich möchte mich bei allen für die angemessenen und unangemessenen Beiträge bedanken.Danke für die fortlaufende Werbung.Ehre wem Ehre gebührt !

  4. Hmm. Apple hat doch erreicht was sie wollten. Ein polarisierendes Produkt das in aller Munde ist. Ich besitze sie seit dem 24.04 und die Erstinstallation habe ich im Geschäft, zwischen zwei Kundenterminen mal eben durchgeführt. Extrem simpel. Ob die Uhr tatsächlich ein verzichtbares Gadget ist darf mit Fug und Recht bezweifelt werden da der Nutzen für viele Besitzer völlig unterschiedlich ist. Eine gute und schöne sowie optisch auffallende Uhr kostet im allgemeinen mindestens 450€. Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit der Uhr und möchte sie vorerst nicht mehr missen.
    Zur Info an den Autor. Die Apple Watch erscheint im Zweijahres Rythmus. Das bestätigte mir ein Angestellter in einem Apple Store.

  5. Super Artikel! Hier merkt man, dass der Autor ausgewogen das Produkt beschrieben hat und die Vor- und Nachteile herausgestellt hat. So habe ich z.B.bislang noch keinen so ausführlichen Bericht gelesen, welche auf den Praxiseinsatz von Drittanbieter-Apps eingeht.
    @Urs: dieser Artikel liegt übrigens auf einer Linie mit den meisten unabhängigen Tests (Design gut, aber zu viele Kinderkrankheiten), welche nicht gerade von der Apple Jubelpresse sind. Aber vielleicht arbeiten Sie ja auch für Apple?

  6. Grauenhafter Artikel. Warum sich nicht einfach per se als Apple-Hater orten? Dieser journalistische Beitrag ist weder ein objektiver Test, noch in irgendeiner Weise humorvoll, noch sonstwie nützlich. Überraschend für die ansonsten meistens sehr guten Artikel bei Meedia.

    Stimmt, der Autor hat auch schon mal ein Buch geschrieben, „Aufstieg und Fall des wertvollsten Unternehmens der Welt. Dann erstaunt dieser Artikel nicht mehr wirklich.

  7. Die Formulierung „Ich habe die Apple Watch nicht verstanden“ hätte vollkommen gereicht, Herr Jacobsen.

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