Das Westfalen-Blatt im Homophob-Shitstorm – ein Fallbeispiel, wie man es besser nicht macht

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Es ist ein klassischer Shitstorm, und zwar einer, der ausnahmsweise mal zurecht wütet. In Einer Ratgeber-Kolumne veröffentlichte eine Anzeigenzeitung des Westfalen-Blatts homophobe Ratschläge. Auf Twitter und Facebook macht sich die Empörung breit. Der Redaktionsleiter des Westfalen-Blatts reagiert mit einer Stellungnahme, die alles nur noch schlimmer macht.

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Stein des Anstoßes war diese Ratgeber-Kolumne in der Anzeigenzeitung OWL am Sonntag:

In Kommentaren, bei Facebook und Twitter machten viele Nutzer ihrem Ärger über die eindeutig homophobe und diskriminierende Kolumne Luft. Offenbar erreichte der Shitstorm auch die Redaktion des Westfalen-Blatts. Jedenfalls veröffentlichte Redaktionsleiter Ulrich Windolph eine längliche Stellungnahme zu dem “Töchter schützen”-Text. Allerdings ist diese Stellungnahme fast schon ein schulbuchmäßiges Beispiel dafür, wie man einen Shitstorm nur noch schlimmer machen kann.

Stellungnahme zum kritisierten Artikel »Unsere Töchter schützen«, der am 17. Mai in der zur Unternehmensgruppe WESTFALEN-BLATT gehörenden Zeitung »OWL am Sonntag« erschienen ist:

Posted by Westfalen-Blatt on Dienstag, 19. Mai 2015

Zusammengefasst lautet der Subtext der Stellungnahme: “Wir haben nix gegen Schwule und Lesben, aber …”

Hier einige Text-Beispiele, mit Kommentierung:

Wir haben Verständnis dafür, wenn beim Lesen insbesondere der kurzen Fassung der Kolumne »Guter Rat am Sonntag« der Verdacht der Homophobie entstehen konnte. Das WESTFALEN-BLATT weist aber zugleich den Vorwurf zurück, der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit das Wort reden zu wollen.

Das ist sozusagen die Präambel, in der pauschal Verständnis gezeigt und gleichzeitig der Verdacht der Homophobie zurückgewiesen wird. Merke jedoch: Nur weil jemand behauptet, er sei nicht homophob, bedeutet dies nicht, das derjenige nicht doch homophob ist. Hier wird auch schon die erste Einschränkung vorbereitet, indem auf die “kurze Fassung” des Textes verwiesen wird. Dadurch wird impliziert, dass die “lange Fassung” womöglich ganz anders sein könnte (was nicht der Fall ist). Schaun wir mal, wie es weitergeht:

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder »verwirrt werden« könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt.

Der Redaktionsleiter des Westfalen-Blatt hat das Büßergewand übergestreift. Allerdings ergeben seine Worte keinen Sinn. Denn die angeblich fehlende “Erklärung”, warum die Töchter beim Besuch der Gay-Wedding verwirrt sein könnten, steht sehr wohl in dem Text, in dem kurzen wird sie zumindest angedeutet. Und selbst wenn die “Erklärung” für homophobe Ratschläge fehlen würde – sie wären dann immer noch homophob.

Nun kommt die “Ratgeberin” zu Wort:

Barbara Eggert erklärt persönlich: “Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters. Ich habe ihm geschrieben, dass seine Kinder vielleicht nicht liberal genug erzogen wurden und ihm geraten, ein offenes Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, um seinen Standpunkt zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen.”

Hier wird Toleranz für eine intolerante Haltung eingefordert. Ein beliebtes reaktionäres Argumentationsmuster. Will einer die Todesstrafe wieder einführen? Oder will einer vielleicht ein Gesetz erlassen, dass Homosexualität wieder unter Strafe gestellt wird? Seien wir doch tolerant und lassen diese “Privatmeinung” unwidersprochen zu. Eben nicht! Schlimm genug, dass Diskriminierung von Homosexualität im Alltag noch immer verwurzelt ist. Wenn aber eine Psychologin in einem Medium öffentlich homophobe Ratschläge gibt, dann ist das eben nicht “privat”. Dem muss ebenso öffentlich widersprochen werden.

Die Argumentation, es handle sich hier um eine Art privaten Einzelfall wird am Ende der Rechtfertigung nochmals ausgeführt:

Auch ging es im vorliegenden Fall um eine ganz konkrete Lebenssituation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung. Diese steht uns weder zu noch würden wir sie uns anmaßen.

Man könnte auch sagen: Der diskriminierende, homophobe Ratschlag wurde hier für einen ganz konkreten Fall erteilt. Generell zu empfehlen, den Kontakt zu Homosexuellen unterbleiben zu lassen, würde man sich nie anmaßen. Das muss jeder im “Einzelfall” entscheiden. Ob der Verfasser wirklich nicht merkt, was er da schreibt?

Die Reaktionen waren absehbar. Auf Twitter und Facebook sorgte diese Stellungnahme des Westfalen-Blatts dafür, dass die Kritik an Schärfe noch zunahm. Sollte die Redaktion tatsächlich einsehen, dass ihr “unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung” unterlaufen ist, dann sollte sie sich für den Text entschuldigen und klarstellen, dass sie keine Diskriminierung gegenüber Homosexuellen duldet. Und jemand sollte ein ernstes Wörtchen mit der Ratgeber-Dame reden. So aber drängt sich der Verdacht auf, der Redaktionsleiter erkennt gar nicht, worin der diskriminierende Charakter der Kolumne besteht. Hier nochmal zur Erklörung: Die Psychologin bestärkt den ratsuchenden Vater darin, dass eine Hochzeit unter gleichgeschlechtlichen Partnern nicht “normal” sei, dass die Teilnahme an der Hochzeit geeignet sein könnte, seine Kinder zu “verwirren”. Glasklare Diskriminierung. Man hätte die Hochzeit ja auch zum Anlass nehmen können, endlich mal über den Lebensentwurf des Onkels zu reden. Und – Überraschung – dabei muss es auch nicht um Sexualkunde oder Sexualpraktiken gehen. Eine Partnerschaft und eine Ehe wird nämlich – na sowas –  nicht ausschließlich durch Sex definiert. Bonus-Info für das Westfalen-Blatt: Dass Partnerschaften zwischen Homosexuellen immer wieder auf deren Sexualität reduziert wird, ist auch so ein diskriminierendes Klischee.

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Alle Kommentare

  1. Bevor wir uns jetzt hier in ewigliche Diskussionen über das Pro und Contra der Darstellung verlieren, sollten wir uns doch einmal fragen was die Eltern der Kinder dazu treibt, bei einer völlig anonymen – angeblichen – Fachperson nachzufragen, wie sie Ihre Kinder erziehen sollen. Ich denke, dass hier dier Wurzel allen Übels liegt.

    Dabei gibt es doch im TV unzählige und tausenfach bessere Erziehungsratgeber – zb auf den Sendern der RTL-Familie. Fernsehen bildet….(der Dämon Sarkasmus hat sich gerade in meinem Hirn eingenistet – aber schon bald ist er hoffentlich wieder weg)

  2. Das war ausnahmsweise mal ein gesunder und guter Rat am Sonntag. So etwas sollte eigentlich nicht nur Sonntags erfolgen. Besser wäre es, solche Kulturmarxisten wie den Schmierfink dieses Hetzartikels zu entlassen.

  3. Sollen wir an unseren Schulen bald auch noch Homo-Sexualkunde unterrichten oder wie weit soll diese Schwulenakzeptanz noch gehen??? Diese Schwulen- und Lesbenintegration in unserer Gesellschaft geht meines Erachtens langsam zu weit. Da wird man gekündigt, bloß weil man nicht freudestrahlend Schwule akzeptiert. Man stelle sich die Situation umgekehrt vor. Übrigens ist der HIV-Anteil eindeutig höher bei homosexuellen Männern, auch wenn es jetzt langsam sinkt. Es ist also gesundheitsgefährdent schwul zu sein. Das lässt sich mit Statistiken eindeutig belegen. Naja die Natur ist eben einfach homophob, weil sonst würden Schwule ja auch Kinder kriegen können. Bäm!!!

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