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„Akademie für Publizistik“-Direktorin Nadja Stavenhagen: „Bei uns wird wenig lamentiert“

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Seit Juni 2014 ist Nadja Stavenhagen Direktorin der Hamburger "Akademie für Publizistik", zuvor hat sie als Journalistin für verschiedene digitale Medien gearbeitet, zuletzt als Redaktionsleiterin von Geo.de. Im Interview mit MEEDIA spricht sie über neue Wege in den Journalismus, ihre Arbeit mit Digital Natives und die Lust am Experiment.

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Frau Stavenhagen, Sagen Sie doch bitte zu Beginn ein paar Sätze zur Philosophie der Akademie für Publizistik und zu den Angeboten
.
Unsere Philosophie ist von Anfang an die Spezialisierung auf berufsbegleitende Aus- und Fortbildung für Journalisten. Das ist heute notwendiger und aktueller denn je, weil sich der Beruf des Journalisten massiv verändert und weiter verändern wird. Unsere Kurse sind extrem praxisorientiert: Wer hier rausgeht, soll das Gelernte gleich im Job anwenden können. Das gilt für Volontäre, die bei uns vier Wochen lang journalistisches Handwerk lernen, genauso wie für gestandene Journalisten. Unser Angebot für sie beginnt beim 1-Tages- Seminar und endet bei Zertifikatskursen, unseren Zusatzausbildungen zum Beispiel im Bereich Digitale Konzeption.

Vier Wochen Volontärskurs, das klingt knapp bemessen. Was lernen die Volontäre in dieser Zeit?

Vier Wochen sind kurz, ja. Und das ist wirklich ein ganz intensiver Ritt durch alle journalistischen Stilformen und Kompetenzen: von der Recherche über Interviews bis zu Reportagen. Im Abschlussprojekt experimentieren die Volontäre mit den verschiedenen multimedialen Darstellungsformen: Sie produzieren eine Webseite in WordPress mit Texten, Grafiken, Karten und Filmen. Dazu erarbeiten sie eine kleine Social-Media-Strategie. Die inhaltlichen Anforderungen sind in der Tat durch die Digitalisierung immer größer geworden. Da würden wir uns manchmal schon zwei zusätzliche Wochen wünschen.

Wie groß ist der Lernbedarf bei Social Media? Man könnte ja meinen, dass die Digital Natives das sowieso schon drauf haben.
Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch damit zusammen, wieviel sie in ihren Redaktionen schon gemacht haben. Dass unsere Teilnehmer Digital Natives sind, merkt man vor allem an ihrem sehr souveränen Umgang mit den Endgeräten und Tools. Da sind sie wirklich alle durch die Bank gut drin. Aber nicht jeder hat schon die Kompetenz, damit als Journalist professionell umzugehen.

Die Akademie für Publizistik konzentriert sich auf berufsbegleitende Aus- und Weiterbildungen. Warum ist dieses Modell Ihrer Meinung nach erfolgreich?

Weil sich das Berufsbild des Journalisten permanent verändert – durch Nutzungsverhalten, neue Technologien und Endgeräte. Das ganze Berufsbild hat sich diversifiziert, und Journalisten können durch Spezialwissen ihre Chancen verbessern, wenn sie sich etwa fit machen in Datenjournalismus oder Social Media.

Inwiefern hat sich der Weg in den Journalismus noch geändert?

Was sich definitiv geändert hat: Es gibt im Journalismus keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch den Berufseinsteigern ist klar, dass ihr Weg nicht linear und steigend, sondern eher wechselhaft werden kann. Sie müssen flexibel sein: Fast jeder wird zum Beispiel zwischendurch mal selbstständig arbeiten, mit befristeten Arbeitsverträgen leben und sich ständig weiterbilden müssen. Dieses Bewusstsein ist stark vorhanden, und trotzdem haben sie Lust, diesen Job zu machen.

Ist das bei den älteren, die zur Fortbildung kommen, auch so? Oder herrscht da noch ein anderes Selbstverständnis?
Das ist bei allen so. Viele „alte Hasen“, zum Beispiel aus den Printredaktionen, galten früher als Totalverweigerer, wenn es um digitales Arbeiten ging. Heute kommen viele zu uns, die Lust haben, für neue Medien zu arbeiten und sich dafür zu qualifizieren.

Gibt es einen Trend zur Selbstständigkeit?
Das Thema Gründen, ein Start-up aufzuziehen, ist momentan ja sehr angesagt und hat vor allem für junge Leute einen großen Reiz. Dennoch ist der erste Wunsch zunächst, als klassischer Journalist zu arbeiten. In welchem Medium auch immer.

Glauben Sie denn, dass der Beruf des klassischen, freien Journalisten wieder attraktiver wird?

Durchaus, ja. Zwar sind die Honorare oftmals niedrig, aber gleichzeitig gibt es auch große Chancen, zum Beispiel wenn man spezialisiert ist. Dann kann man gut eine Nische besetzen und leichter Auftraggeber finden. Von den Volontären kommt auch oft die Frage: Ist es sinnvoller, Journalistik zu studieren oder Fächer wie Medizin oder BWL?

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Was ist Ihre Antwort darauf?
Es ist gut, sich breit aufzustellen – eben weil man nicht weiss, wohin die Reise geht. Wenn ich eine Fachrichtung studiere und Journalist werde, kann ich in Redaktionen mit Fachwissen punkten. Und wenn alle Stricke reißen, stehen mir vielleicht andere Wege offen.

Wie wichtig ist ein schneller Einstieg in den praktischen Beruf? Oder anders gefragt: Wie sollte das Verhältnis Theorie und Praxis sein?
Wir sind hier durch und durch praktisch ausgerichtet. Unsere festen Seminarleiter und unsere ca. 200 Dozenten kommen fast alle aus der Praxis: Ressortleiter, Edelfedern, Videojournalisten… Ich halte viel davon, wenn junge Journalisten früh Berufserfahrung sammeln. Als Chefredakteurin und Redaktionsleiterin war mir das seinerzeit wichtiger, als dass jemand ein Studium mit Einser-Abschluss vorweisen konnte, aber noch nicht praktisch gearbeitet hat.

Neben der Akademie für Publizistik bieten auch noch andere Schulen ähnliche, berufsbegleitende Konzepte an. Spüren Sie, dass da auf dem Markt etwas passiert?

Ja, das ist in den letzten Jahren mehr geworden, weil es dem Bedarf entspricht und marktgerecht ist. Doch die Lehrinhalte sind je nach Institut unterschiedlich. Wir haben erstmals Lehrgänge im Programm, die redaktionelle Mitarbeiter mit ganz neuen Kompetenzen ausstatten. Der Zertifikatskurs „Projektmanager in Redaktionen“ zum Beispiel trägt dem Umstand Rechnung, dass immer mehr Redakteure mit zusätzlichen Projektaufgaben betraut werden – vom Change-Prozess bis zur Spezialaufgabe wie der inhaltlichen Betreuung von Events.

Also spüren Sie da keine direkte Konkurrenz?
Nein.

Sehen Sie eine Entwicklung dahingehend, dass die Verlagshäuser ihre Journalisten vermehrt bei sich ausbilden beziehungsweise eigene Schulen haben? Und wenn ja, spüren Sie das an der Akademie?
Es stimmt, einige Verlage haben eigene Journalistenausbildungen aus Verlagen heraus gegründet, ich denke da zum Beispiel an die Rheinische Post oder die Bauer Media Group. Aber nach wie vor ist es so, dass sehr viele Redaktionen auf die überbetriebliche Ausbildung setzen und ihre Leute zu uns schicken. Und nach der Ausbildung kommt dann ja noch die ganz lange Strecke im Berufsleben von Anfang 30 bis Mitte, Ende 60, wo es um Weiterbildung geht. Das ist für uns ein ganz großer Markt.

Es heißt immer wieder, der Journalismus stecke in der Krise. Wie sieht das bei den Leuten aus, die zu Ihnen kommen? Stecken die in der Krise?

Bei uns wird wenig lamentiert. Natürlich stecken viele unserer Teilnehmer in schwierigen Situationen, aber wenn sie zu uns kommen, haben sie fast immer Lust zu lernen, zu experimentieren und sich weiterzuentwickeln. Wir unterstützen das, wo immer es geht. Die Medienwelt bietet schließlich viele Chancen.

Die Akademie für Publizistik in Hamburg ist eine Institution zur berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung von Journalisten. In über 100 Seminaren pro Jahr werden Teilnehmer aus ganz Deutschland in allen Medien geschult: Print, Online, Mobile, Hörfunk und TV. Alle Seminare und Seminarthemen können auch Inhouse von Verlagen und Unternehmen gebucht werden.

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