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„Vierte Gewalt oder fiese Gewalt?“ – Zeit-Chef di Lorenzo über „Empörung als Geschäftsgrundlage“

Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo (l.), Medienwissenschaftler Bernhard Börksen
Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo (l.), Medienwissenschaftler Bernhard Börksen

In dem neuen Buch "Die Idee des Mediums" hat der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gemeinsam mit dem SWR-Journalisten und Dozenten Andreas Narr Reden zur Zukunft des Journalismus von bekannten Medienmachern und Publizisten gesammelt. MEEDIA dokumentiert die darin veröffentlichte Rede von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, in der er sich mit der zunehmenden Lust der Medien an der Skandalisierung auseinandersetzt.

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von Giovanni di Lorenzo

Der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden hat seine Dateien nicht alle auf einmal ins Netz gestellt, auf dass sich jeder Bürger selbst bedienen möge. Er hat sie an Journalisten weiter- gegeben, und vor allem an einen: An den amerikanischen Journalisten Glenn Greenwald, der auf Basis dieser Dokumente im britischen Guardian die ersten Berichte über das Ausmaß der Überwachung veröffentlichte. Der absolute Internet-Experte – der am Anfang, als er Greenwald zum ersten Mal kontaktierte, seine E-Mails so verschlüsselte, dass selbst ein Greenwald sie nicht empfangen konnte – ausgerechnet der hat sich für seine Enthüllungen die ganz klassischen Medien ausgesucht. In einem großen Interview mit der Zeit hat Greenwald erklärt, Snowden habe gewollt, »dass das Material journalistisch aufbereitet wird, dass eine Geschichte nach der anderen erzählt wird. So könne die Öffentlichkeit die Enthüllungen besser verstehen.« Snowden hat den Weg über die Medien also bewusst gewählt, damit das, was seine Dateien aussagen, auch tatsächlich bei den Menschen ankommt. Er sieht in den Journalisten gewissermaßen Übermittler und Dolmetscher – und ich würde ihm und Greenwald in diesem Punkt auch völlig Recht geben. Ich halte das sogar für eine zentrale Aufgabe der ›vierten Gewalt‹: Unsere Arbeit besteht nicht nur darin, den Mächtigen auf die Finger zu gucken. Qualitätsjournalismus, so wie ich ihn verstehe, muss die Menschen auch dazu befähigen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, um am politischen Prozess teilnehmen zu können. Denn Nachrichten alleine bedeuten gar nichts. Eine kritische Öffentlichkeit braucht auch Journalisten und Leser, die diese Nachrichten einordnen können.

Gerade Printmedien haben dabei eine Stärke, die angesichts des überall beschworenen ›Zeitungssterbens‹ heute viel zu wenig herausgestellt wird: Sie sind in der Lage, den öffentlichen Diskurs zu organisieren. Sie bilden, wie es der Philosoph Jürgen Habermas einmal formuliert hat, das »Rückgrat der politischen Öffentlichkeit«. Wenn man vor diesem Hintergrund von einer »Macht« der Medien spricht, dann ist das eigentlich mehr Aufgabe als Privileg. Es bedeutet, seine Leser nicht nur als Kunden wahrzunehmen, sondern als Bürger! Erklären, einordnen, die Folgen einer politischen Entscheidung aufzeigen – das alles sind Tugenden eines aufklärenden, kritischen und unabhängigen Qualitätsjournalismus von der Sorte, wie er in Deutschland viel verbreiteter ist als in vielen anderen Ländern. Vielleicht ist mir all das manchmal bewusster, weil ich öfters nach Italien blicke. Ich werde jetzt ein großes Wort in den Mund nehmen, aber ich meine das auch so: Wir haben in Deutschland die besten, die unabhängigsten Medien der Welt. Wir haben eine Meinungsvielfalt, die es in der deutschen Geschichte noch nie gab. Selbstverständlich müssen wir Kritik üben, auch wenn wir alle wissen, dass es gerade Journalisten schwer fällt, sich Fehler einzugestehen. Aber bei aller notwendigen und berechtigten Kritik dürfen wir auch nicht die Wertschätzung für all das verlieren, was in Deutschland gut und erhaltenswert ist.

Ich bitte Sie, mein Loblied auf die deutsche Presselandschaft im Hinterkopf zu behalten, wenn ich jetzt mit meiner Branche trotzdem ins Gericht gehe. Denn ich beobachte in den deutschen Medien schon seit einiger Zeit einen besorgniserregenden Hang zum Gleichklang. Immer wieder höre ich von wohlgesonnenen Leserinnen und Lesern eine Frage, die vielleicht auch einige von Ihnen beschäftigt: Sprecht Ihr Euch eigentlich ab? Was wir natürlich nicht tun – aber das dieser Eindruck überhaupt entstehen kann, ist für mich ein ganz schrilles Alarmzeichen. Das Merkwürdige ist, dass der Konformitätsdruck nicht von mächtigen Medienunternehmern, Regierungschefs oder anderen finsteren Mächten ausgeübt wird. Vielmehr kommt er aus unserer eigenen Mitte, er geht von uns Journalisten aus, zum Teil auch von Lesern und Zuschauern. Viele Medien neigen zum Beispiel dazu, sich an die Spitze der Nörgler und Herumhacker zu stellen, weil sie sich davon noch am ehesten das Interesse ihrer Leser und Zuschauer versprechen, die ansonsten der Parteipolitik müde sind. Spitzenpolitiker müssen heute mehr Kritik und Demütigungen einstecken, als es jede andere Berufsgruppe vermutlich ertragen könnte; vor allem Strauchelnde werden oft erschreckend konformistisch abgekanzelt. Hier offenbart sich eine Macht der Medien, die nicht nur für den einzelnen Politiker Konsequenzen hat, sondern die politische Kultur insgesamt beschädigt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Selbstverständlich sollen und müssen Journalisten Kritik üben, und es ist bestimmt nicht so, dass es in der Sache nichts zu kritisieren gäbe. In Zeiten einer Großen Koalition müssen sie sich ihrer Aufgabe als ›vierter Gewalt‹ sogar besonders bewusst sein: Ihre Kritik ist so wichtig, weil die ›echte‹ Opposition im Bundestag überschaubar und ihre Redezeit begrenzt ist. Problematisch wird es aber dann, wenn das kritische Denken zu einer Marotte verkommt, wenn es uns nur noch darum geht, in einer politischen Debatte oder in der öffentlichen Betrachtung einer prominenten Person ›gegen den Strich‹ zu bürsten und das Erregungspotential bis zum Äußersten auszureizen. Es geht mir hier zum Beispiel um den Hang, Politiker erst im Rudel hoch- leben und dann genauso schnell wieder fallen zu lassen – von Kurt Beck über Karl-Theodor zu Guttenberg und Guido Westerwelle bis hin zu Christian Wulff und Peer Steinbrück. Wir legen an unsere Polit-Elite heute Maßstäbe an, die strenger sind als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik, und ich glaube, dass das für den Stadtrat ebenso gilt wie für einen Bundestags- abgeordneten. Die viel vermissten und zu Heroen stilisierten Spitzenvertreter vergangener Zeiten pflegten im Umgang mit Spenden, Unternehmern und anderen Amigos Usancen, die heute zur Dezimierung der politischen Klasse führen würden.

Dass inzwischen schärfer kontrolliert wird, dass es für Parteispenden ein klares gesetzliches Regelwerk gibt, ist ein Fortschritt, der auch ein Verdienst der Medien ist: Jahrzehntelang haben sie illegale Spendenpraktiken, Vetternwirtschaft und andere Skandale aufgedeckt. Und es ist auch per se richtig, wenn man von herausragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verlangt, sie mögen, wenn sie es denn tun, Werte nicht nur predigen, sondern sich auch selbst daran halten. Gefährlich wird es aber dort, wo unter Tugend nicht primär das Funktionieren von vernünftigen Institutionen und ihren Akteuren verstanden wird, sondern sozusagen die Reinheit des Herzens jedes Einzelnen. Es lässt sich immer wieder derselbe Mechanismus beobachten: Von einem bestimmten Zeitpunkt an wird die Dauer der negativen Schlagzeilen zum eigentlichen Problem des Politikers, der Ausgangspunkt ist da längst aus dem Blickfeld geraten; tritt er irgendwann zurück, so heißt es, er sei für das Amt oder die Partei eine unerträgliche Belastung geworden. Die Klärung der Schuldfrage erfolgt sozusagen posthum. Virtuelle Gerichte – ein Dreigestirn aus Medien, politischen Gegnern und Empörten im Netz – bekommen so eine Macht über Politiker, die zunehmend den Souverän entmündigt: Letztlich ist es doch der Wähler, der entscheiden soll, ob ihn nach einem langen Wahlkampf Peer Steinbrück oder Angela Merkel mehr überzeugt. Und ob dabei auch die Frage eine Rolle spielt, unter welchen Umständen Politiker Nebeneinkünfte erzielen dürfen. In der harten Aburteilung liegt vielleicht auch ein Stück Ersatzhandlung. Gerade weil man uns Journalisten so oft vorwirft, wir seien verwechselbar geworden, wir hätten keine Meinung mehr, und weil es so schwer ist, bei den großen Problemen dieser Welt die Übersicht zu behalten, stürzen wir uns auf den Skandal Wulff oder die Amtsführung von Herrn Westerwelle. Da können wir endlich wieder ›klare Kante zeigen‹. Das führt zu dem grässlichen Eindruck, dass wir alle unter einer Decke stecken.

Das permanente Klima der Skandalisierung widerspricht in meinen Augen im Übrigen auch einem Grundsatz, der in unserem Rechtsstaat eigentlich eine ganz maßgebliche Rolle spielt: dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Vereinfacht ausgedrückt besagt dieser Grundsatz doch Folgendes: Wann immer der Staat in die Bürgerrechte eingreift – wenn er also Demonstranten festnimmt oder die Videoüberwachung einer Wohnung zulässt – immer dann müssen diese Maßnahmen einer strengen Prüfung standhalten können: Sind sie wirklich angemessen?

Sind sie erforderlich und erfolgsversprechend? Dienen sie überhaupt einem legitimen Zweck? Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit soll die Macht staatlicher Organe begrenzen, und er ist in unserer Rechtsordnung fest verankert. Warum eigentlich sollte sich nicht auch die ›vierte Gewalt‹ im Staate am Prinzip der Verhältnismäßigkeit messen lassen? Wir Journalisten haben nämlich manchmal die gefährliche Neigung, in unserer Berichterstattung jedes Maß zu verlieren. Dann scheint die Devise zu gelten: Es reicht nicht, dass jemand sein Amt verliert, er muss auch gesellschaftlich auf ewig ins Abseits gestellt werden.

Erinnern Sie sich noch an die Schlagzeile der größten deutschen Zeitung am Tag der Urteilsverkündung gegen Uli Hoeneß am Münchner Landgericht? »Im Namen aller ehrlichen Steuerzahler«, lautete sie: »Verknackt Hoeneß!« Die ›vierte Gewalt‹ – oder ein besonders lautstarker Teil von ihr – tut hier so, als sei sie wirkliche Staatsgewalt, als spreche durch sie hindurch tatsächlich Volkes Stimme, als habe sie für ihre Forderungen womöglich sogar ein Mandat! Sie setzt ein öffentliches Tribunal neben das laufende gerichtliche Verfahren, wobei nun aber nicht mehr ein Richter das Urteil fällt: Es sind die ›ehrlichen Steuerzahler‹, die den berühmten ersten Stein auf den nackten Sünder werfen dürfen. An was für Instinkte wird hier eigentlich appelliert? Das öffentliche Neben-Verfahren, das ich hier zu beschreiben versuche, ist in seiner Dauer, in seiner Tonlage und in seiner Heftigkeit teilweise so verheerend, dass die Strauchelnden am Ende gar nicht mehr aufstehen können. Ich erinnere hier nur an Jörg Kachelmann, dem sein Freispruch kaum mehr zu helfen vermochte, oder an Alice Schwarzer, der man ihre Steueraffäre vermutlich niemals verzeihen wird.

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Bitte verstehen Sie meinen Aufruf zu mehr Verhältnismäßigkeit in den Medien jetzt aber nicht als ein Plädoyer für Samthandschuhe oder für Selbstzensur. Natürlich müssen unabhängige Journalisten die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wann ›das Maß voll ist‹. Ich glaube nur, dass wir uns immer mal wieder bewusst machen sollten, welche Folgen unsere Berichterstattung für die Menschen hat, über die wir schreiben. Zwischen ›vierter Gewalt‹ und ›fieser Gewalt‹ liegt manchmal nur ein schmaler Grat. Darüber hinaus bleiben Geschichten des Scheiterns im digitalen Zeitalter ja nicht nur bei Prominenten auf ewig abrufbar und konserviert. Der Internetphilosoph und Blogger David Weinberger hat daraus eine, wie ich finde, geradezu bahnbrechende Forderung abgeleitet: Wir können die »neue Transparenz«, die uns das Internet beschert hat, nur überleben, schreibt Weinberger, wenn sich auch die Art und Weise verändert, wie wir Kritik üben. Weil wir nicht mehr vergessen können und weil wir alle früher oder später Fehler und Versäumnisse begehen, müssen wir vielleicht besonders darauf achten, was davon relevant ist und was nicht. Wenn wir Journalisten aber daran festhalten, einer Empörungswelle nach der nächsten hinterherzuhecheln, laufen wir Gefahr, dass wir die wirklich wichtigen Dinge vollends aus dem Blick verlieren. Natürlich ist es einfacher, sich mit Peer Steinbrücks Stinkefinger auf der Titelseite des SZ-Magazins auseinanderzusetzen, als die Wahlversprechen der Parteien im Bundestagswahlkampf auseinanderzudröseln. Und die Tatsache, dass Jogi Löw offenbar seinen Führerschein für ein paar Monate los ist, generiert wohl auch mehr Klicks als ein Text, der sich mit den Nachwirkungen von Le Pens Wahlsieg in Frankreich beschäftigt. Aber das zeigt eben auch: Im ›Echtzeitjournalismus‹, der sich in vielen Online-Medien so großer Beliebtheit erfreut, wird die Abwägung zwischen relevanten und irrelevanten Offenbarungen zunehmend zur Nebensache. Stattdessen wird die Empörung nicht nur zur Geschäftsgrundlage, sondern auch zum Inhalt der Berichterstattung: Zu sehen sind dann Texte, die aus nicht viel mehr bestehen als aus der Aneinanderreihung von aufgeregten Twitter-Kommentaren, die überhaupt erst durch die eigene Berichterstattung ausgelöst wurden. Kann Journalismus sich überhaupt noch mehr mit sich selbst beschäftigen? Beißt sich hier nicht irgendwie auch die Katze in den Schwanz?

Ich bin im Übrigen fest davon überzeugt, dass etwas mehr Verhältnismäßigkeit in unserem ureigenen Interesse liegt: Mit dem undifferenzierten Niederschreiben von Politikern und anderen Prominenten und der permanenten Befriedigung des Empörungspotentials mögen die Redaktionen zwar kurzfristig Klicks generieren, mittelfristig aber sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wir brauchen politisch und gesellschaftlich interessierte Bürger, damit wir weiter Zeitungen verkaufen können! Es stimmt mich deshalb auch nachdenklich, wenn ich lese, dass ausgerechnet ein Satire-Magazin (der Postillon) zu den deutschsprachigen Medien gehört, die in den sozialen Netzwerken die größte Resonanz erzielen. Nicht etwa, weil ich etwas gegen gute Satire hätte, sondern weil es auch als ein Zeichen zu verstehen ist, dass die immer gleiche Tonlage in den politischen Debatten unser Publikum zunehmend langweilt. Es besteht jedenfalls überhaupt kein Zweifel, dass wir in Deutschland gerade eine Vertrauenskrise erleben: Viele Menschen fragen sich: Wem soll ich überhaupt noch glauben, an wen kann ich mich halten? Das betrifft Unternehmen genauso wie es – seit den dramatischen Turbulenzen an den Finanzmärkten 2008 – die Banken betrifft. Es gilt für die Kirche nach ihren Missbrauchsfällen und anderen Skandalen, es gilt für die Politik sowieso und ganz besonders, und es gilt für den Journalismus, der wiederum durch eigene Fehlleistungen Vertrauen eingebüßt hat.

In der Ukraine-Krise ist das besonders deutlich zu Tage getreten: Nicht nur wir bei der Zeit haben Unmengen an Leserbriefen erhalten, in denen uns »Kriegstreiberei« vorgeworfen wurde. Nun ist das in unserem speziellen Fall vielleicht schon mit dem Hinweis zu widerlegen, dass der Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt in einem großen Interview »Verständnis« für Putins Vorgehen in der Krim-Krise geäußert hat, was wieder- um ganz eigene Proteste ausgelöst hat. Aber trotzdem bleibt es besorgniserregend, was für eine gewaltige Distanz sich da zwischen den Medien auf der einen Seite und vielen Bürgern auf der anderen Seite aufgebaut zu haben scheint. Wie gesagt: Wir Journalisten haben zu diesem Vertrauensverlust durch eigene Versäumnisse, durch Übermut und immer neue Exzesse selbst beigetragen. Und es überrascht mich auch nicht, dass das Misstrauen und die Häme, die wir beständig säen, irgendwann auch auf die Medien zurückfällt. Wir sollten uns also dringender denn je fragen, welche Rolle wir Journalisten in dieser Gesellschaft spielen wollen.

Die Macht der Medien ist ein zweischneidiges Schwert. Im digitalen Zeitalter wirkt sie bisweilen zerstörerischer denn je; im Internet gewinnen mitunter Minderheiten die Meinungsführerschaft und damit einen Einfluss auf den politischen Prozess, der aus demokratietheoretischer Perspektive problematisch ist. Umso mehr brauchen wir unabhängige Journalisten, die aufklären und in der Lage sind, ein Gegengewicht zu den Mächtigen zu bilden, in der Kommunalpolitik ebenso wie in der Weltpolitik. Die Wächterfunktion der heute ohnehin stark fragmentierten vierten Gewalt lässt sich nicht einfach an Twitter und Chatforen delegieren! Am wichtigsten ist mir, dass wir die Vielfalt und Unabhängigkeit der Qualitätsmedien in Deutschland erhalten können. Diese Art von Journalismus, die viele von uns nach wie vor betreiben, ist kostspielig; investigative Recherchen, Korrespondentennetze und professionelle Textarbeit kosten viel Geld. Wir müssen deshalb einen Weg finden, diese kostbaren Inhalte auch in der digitalen Welt zu monetarisieren. Nur so können wir Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit bewahren. Redaktionen müssen in der Lage sein, Druck und Sanktionen auszuhalten – und das können sie nur, wenn nicht jede drohende Klage gleich als finanzielles Todesurteil erscheint. Wir brauchen Journalisten, die sich angesichts eines zuweilen gewaltigen, öffentlichen Konformitätsdrucks den Mut bewahren, unbequeme Ansichten zu vertreten. Die nicht bei jedem kleinen Shitstorm gleich einknicken. Und wir brauchen auch Journalisten, die sich trauen, eigene Fehler zu erkennen. Das Gefühl der ›Ohnmacht‹, das sich in vielen Redaktionen auszubreiten droht, hat ja auch mit dem Glauben zu tun, dass das Netz an allen unseren Problemen schuld ist. Doch wer für die Printkrise allein Google, Facebook und Twitter verantwortlich machen will, dem fehlt vielleicht auch der Wille zur Erneuerung.

Ich möchte aber auch darauf beharren, dass jede Gesellschaft Vorbilder braucht – und ich würde auch sagen, dass es immer wieder vorbildliche Taten gibt, die wir bewundern können. Aber Menschen, die ein ganzes Leben lang Vorbilder bleiben, das gibt es nur in äußerst seltenen Fällen, die mir persönlich auch nicht bekannt wären. Wenn es sie gibt, dann wohl auch deshalb, weil sie nicht bis in letzte Detail durchleuchtet worden sind. Denn Menschen sind widersprüchlich, sie sind fehleranfällig, und sie kämpfen mit unschönen Eigenschaften. Wollen wir unseren Politikern und Prominenten wirklich die Last aufbürden, ein Leben lang und in jeder Hinsicht Vorbild zu sein? Das schafft keiner von Ihnen – und auch keine der herausragenden Persönlichkeiten unserer Gesellschaft. Wir sollten uns jedoch freuen und es würdigen, dass es Menschen immer wieder gelingt, etwas unerwartet Gutes und Schönes zu schaffen – so dass wir den ›Glauben an die Menschheit‹, wie man so schön sagt, zurückgewinnen können. Das mag jetzt vielleicht etwas unpassend und pathetisch klingen. Aber auf diese erwachsene, vielleicht aber auch nur verständnisvolle, empathische Art auf Menschen zu blicken – das könnte für uns alle eine wichtige Aufgabe sein, eine Aufgabe mit Zukunft.

Bildschirmfoto 2015-05-13 um 10.54.19Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung der im Buch „Die Idee des Mediums“ veröffentlichten Rede „Vierte Gewalt oder fiese Gewalt? Die Macht der Medien in Deutschland“ von Giovanni di Lorenzo. Weitere Reden im Buch stammen von Ulrich Deppendorf, Mathias Döpfner, Hans Leyendecker, Miriam Meckel, Frank Schirrmacher, Cordt Schnibben, Alice Schwarzer und Roger Willemsen. Das Buch „Die Idee des Mediums“ ist erschienen im Herbert von Halem Verlag, Edition Medienpraxis, es kostet im Handel 19,90 Euro.

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Alle Kommentare

  1. Lieber Giovanni Di Lorenzo,
    vielen Dank für diesen Artikel zur Aufgabe von Journalismus! Als selbstkritische Beschreibung und Aufforderung an die KollegInnen ist das alles gut und richtig; was die politische und soziologische Analyse betrifft, erscheint es mir jedoch unvollständig: Ist diese Entwicklung hin zur Skandalisierung nicht auch politisch gewollt, weil ein Grossteil der Bevölkerung dadurch ein Ventil erhält, berechtigten Ärger umzulenken und so loszuwerden, dass es einem vorkommt, als bewirke er tatsächlich etwas, z.B. den Sturz eines Politikers? Es ist das klassische „Bauernopfer“, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie früher bei den öffentlichen Hinrichtungen, die zur Abschreckung dienten und den Zuschauern das wohlig-gruselige Gefühl geben sollten, selbst nochmal mit heiler Haut davongekommen zu sein. So wird die vielbeschworenen „Politikverdrossenheit“ eher noch zementiert, weil das mit politischen Inhalten kaum noch etwas zu tun hat. So übernimmt ein solcher Journalismus, der den Eigennutz der Reichen und Mächtigen in dieser Form anprangert, nicht die Funktion, „das Volk“ tatsächlich dagegen zu mobilisieren, sondern es stattdessen über die Befriedigung seiner Bestrafungs- und Rachebedürfnisse auf der niedrigsten Ebene unserer Affekte und Instinkte zu befriedigen und dadurch letztlich ruhig zu stellen. Dies zur Ergänzung aus meiner auch tiefenpsychologischer Perspektive.
    Mit solidarischen Grüßen!
    J. Masela

  2. Eine glänzende Rede. Ich persönlich habe das Vertrauen in Journalisten seit der konzertierten Medien-Aktion gegen Christian Wulff verloren, auch in den sog. Qualitätsjournalismus, der auch mitgemacht hat. Wem kann man denn noch trauen?

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