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Medien-Apps auf der Apple Watch: das große, kleine Einerlei

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Zum Verkaufsstart der Apple Watch haben sich Unternehmen mit App-Ankündigungen überschlagen - auch deutsche Verlage. Das Ergebnis ist ernüchternd, wie ein Test zeigt. Ein wenig Hoffnung gibt es dennoch.

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stern.de, Die Welt, Huffington Post, Faz.net, Spiegel Online, Focus Online, Bild.de, n-tv und Zeit Online: Auf dem kleinen Screen meiner Apple Watch reihen sich die kugelrunden Icons der größten Online-Portale Deutschlands dicht an dicht. Zum Start einer neuen Produktkategorie von Apple will man schließlich ganz vorne dabei sein – zumal die ersten Verkaufszahlen zuversichtlich stimmen, dass die Apple Watch ein Erfolg wird und das wenn auch boomende doch wenig verkaufsträchtige Segment der Smartwatches in den Mainstream hieven könnte.

Doch was mir auf der Apple Watch entgegenschlägt, erinnert mich ein bisschen an meine Schulzeit. In meiner Jugend waren Pager das große Ding auf Schulhöfen. Als Handyverträge noch Unsummen kosteten, konnte man sich auf Quix und Telmi Kurznachrichten schicken lassen – oder gleich ein Newsabo abschließen, das einen mit Kurzmeldungen der dpa versorgte. Als Messenger noch nicht erfunden, Smartphones noch nicht erdacht und Handys nur was für Angeber waren, war diese Art des Nachrichtenkonsums höchst fortschrittlich.

Retro-Feeling am Handgelenk

Telmi quittierte 2001 den Dienst, Quix ein Jahr zuvor. Die Handys mit ihren SMS waren Schuld. Das ist nun rund 14 Jahre her. Und trotzdem fühlt sich Nachrichtenkonsum auf der Apple Watch ein wenig so an wie damals. Denn offenbar glaubt die Verlagsbranche, dass alles andere als Häppchentexte am Handgelenk die Nutzer überfordern könnte. Mehr noch: Im jetzigen Stadium wirken die Watch-Versionen der News-Apps wie kleine Promo-Tools für die “richtigen”, großen Anwendungen fürs Smartphone. Und das mitunter recht lieblos bzw. an der Nutzung am Handgelenk vorbeigedacht.

Generell unterscheiden sich die Apps von SpOn, Bild.de und Co. in der Länge der angezeigten Nachrichten kaum – was ein Jammer ist. Sämtliche Anwendungen beschränken sich darauf, dem Leser zu ausgewählten Artikeln eine Überschrift, das Beitragsbild und einen längeren Teaser anzuzeigen. Die Ansage darunter ist immer: Wer mehr lesen will, muss zum iPhone greifen. Praktisch: Ich kann mir auf dem Smartphone interessante Geschichten vormerken zur späteren Lektüre. Aber hey: Ich will mir nichts vormerken und mit meiner Apple Watch eine Vorauswahl von Lesestücken treffen, die ich mir dann abends zu Gemüte führe. Ich möchte mich schnell, unkompliziert und ohne den Griff zu einem weiteren Gerät – das soll mit der Apple Watch gefälligst in der Hosentasche bleiben – einen Überblick über das Tagesgeschehen bekommen.

Zu wenig Inhalt

Liefern mir die News-Apps aber nur Headlines und Teaser, habe ich eine grobe Ahnung, aber aufgrund fehlender Hintergrundinformationen fühle ich mich dennoch nicht umfassend informiert. Denn nochmal: Ich möchte nicht, wenn ich eine App auf einem Gerät starte, nach wenigen Sekunden dazu aufgerufen werden, eine weitere App auf einem weiteren Gerät aufzurufen. Mein Auto schlägt mir schließlich auch nicht nach zwei Metern Anfahrt vor, den Bus zu nehmen. Zumal die Apple Watch, gerade die größere 42-mm-Variante, mit einer Pixeldichte von 302 ppi absolut scharf genug Text und Bilder darstellen kann – und das in einer lesbaren Größe, als dass auch längere Artikel problemlos zu konsumieren wären.

Einen weiteren Minuspunkt gibt es für lange Ladezeiten. Hat man eine App nicht erst vor wenigen Minuten aufgerufen auf der Apple Watch, braucht es im Schnitt rund zehn Sekunden, bis die Inhalte geladen sind. Zum Vergleich: Auf meinem iPhone 6 dauert dieser Vorgang keine Sekunde. Verständlich: Die Apple Watch ruft die Daten nicht direkt aus dem Netz ab, sondern tunnelt die Informationen über die Bluetooth-Verbindung zum Smartphone, das die Daten erst abruft, dann weiterreicht an die Smartwatch, die diese dann wiederum rendern muss. Das frisst Zeit, die allerdings einem schnellen Blick auf die News des Tages entgegenwirkt. Hier sind die Entwickler gefragt, kürzere Ladezeiten zu realisieren. Dass diese möglich sind, sieht man an den System-Apps der Apple Watch. Apples eigene Anwendungen brauchen rund zwei Sekunden, um einsatzbereit zu sein.

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Noch uneinheitliche Bedienkonzepte

Am schnellsten war im einwöchigen Test noch die Watch-App der Welt, die rund sechs Sekunden brauchte. Wie die Anwendung von stern.de sind die News des Tages hier bereits mit Text vorgeladen und müssen nicht noch angeklickt werden. Zum Lesen des Anreißers scrolle ich mit einer Wischgeste oder der digitalen Krone nach unten. Um zur nächsten News zu gelangen, wische ich einfach nach rechts. So soll’s sein. Die App von SpOn gibt mir mehr Auswahl und unterscheidet zwischen “Das Wichtigste”, “Das Neueste” und “Leser-Favoriten”. Anschließend kann ich mich aus einer Übersicht von Artikel in einer Story reinklicken. Um wieder in die Übersicht zu gelangen, muss ich aber mit dem Finger einen vergleichsweise winzigen Pfeil in der linken oberen Ecke des Watch-Displays treffen.

Dasselbe bei der App von Bild.de, die mich im Startscreen über die Anzahl der neuen und noch nicht gelesenen Top-News informiert, nach einem weiteren Tap in einer Übersicht dieser News bringt und einen weiteren Tap erfordert, um eine News aufzurufen. Will ich zurück in die Übersicht, muss ich auch hier den kleinen Pfeil links oben im Display treffen. Ähnlich verfährt n-tv und fordert mich zum Drücken eines winzigen “X” auf, um wieder in die Newsübersicht zu gelangen. So muss sich Gulliver in Liliput gefühlt haben.

Völlig unbrauchbar war zum Zeitpunkt der Produktion dieses Artikels die App von Zeit Online, die zunächst rund 30 Sekunden Ladezeit verbuchte, dann in Folge aber trotz etlicher Versuche nach wenigen Sekunden abstürzte und mich wieder in den Homescreen der Apple Watch schickte.

Mehr Lesestoff, bitte!

Gibt es dennoch eine Empfehlung? Nach einer Woche mit der Apple Watch bin ich geneigt, die stern.de-App auf dem Handgelenk zu behalten. Mit nur fünf Artikelanrissen ist die Anwendung schön schlank, lädt schnell und lässt sich einfach navigieren. Doch ist die Auswahl zum Zeitpunkt der Produktion dieses Artikel unpassend: “Flitterwochen der Wulffs”, Ulrich Jörges “Klartext”, Acht-Wochen-Diät neben einer FC-Bayern-Analyse und einer GDL-Streik-News. Vier dieser Artikel eignen sich eher für die Lektüre am Rechner oder Smartphone – eine newsgetriebenere Themenauswahl wäre wünschenswert.

Letzten Endes muss man den Versuchen der Verlage zugute halten, dass es sich um Erstlinge handelt. Nicht nur Apple betritt mit der Apple Watch Neuland, auch müssen Medien einen gangbaren Weg finden, ihre Inhalte gerätegerecht aufzubereiten. Einigen gelingt das schon besser, andere werden noch ein stärker an ihren Apps feilen müssen.

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