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Gruners Outdoor-Heft Walden: tolle Verpackung, zu wenig Tiefgang

Schön anzusehen: Gruners Outdoor-Heft Walden
Schön anzusehen: Gruners Outdoor-Heft Walden

Walden heißt das neue Outdoor-Ding aus dem Hause Gruner, und es will so ganz anders sein. Aus dem Geo-Umfeld heraus sucht das Heft das Abenteuer vor der Haustür. Das ist zunächst einmal begrüßenswert. Machart und Aufmachung von Walden gefallen. Aber ist das Heft wirklich das perfekte Magazin für Draußen-Freunde?

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Zuerst mal so eine Art Bekenntnis: Ich gebe zu, dass ich ein Waldschrat bin. Bin gerne draußen und gebe auch gerne recht viel Geld für relativ unnützes aber schönes Ausrüstungs-Gedöns aus. Wenn juckt’s schon, ob man das Trekking-Beil von Gränsfors wirklich braucht oder den sündhaft teuren Rucksack der US-Taschen-Experten von Frost River aus Duluth, Minnesota. Dieser Rucksack, der immer so fisselig und kompliziert auf und zu geht wegen der vielen Schnallen? Das Zeug sieht einfach wunderschön aus und strahlt Beständigkeit aus. Absolute Gegenentwürfe zu dem Digital-Zeugs, mit dem sich unsereins täglich plagen muss. Das neue iPhone ist nach zwei Jahren schon wieder Sondermüll. Den Frost River Rucksack oder die Mackinaw Cruiser Wollfilz-Jacke von Filson habe ich für den Rest meines Lebens. So gesehen ist sie sogar billig. Walden_01_2015_deppelseite1

Damit wäre ich der perfekte Leser und Käufer für Walden, das neue Outdoor-Fex-Heft aus Gruners Magazin-Manufaktur. Der erste Eindruck ist ein sehr guter. Das Heft hat dieses raue Papier und einen festen Umschlag, der Solidität verspricht. Auch dass im Innenteil stark mit Illustrationen gearbeitet wird, gefällt mir sehr gut, zum Beispiel in der Geschichte über die heimischen „Big Five“-Tiere (wieso fehlen Reh und Fuchs?). Dass hier Fußspuren, Losungen (vulgo: Kacke) und Schädel der Viecher gezeichnet werden: superprima.

Optisches Ober-Schmankerl im Heft ist die Geschichte, in der der Kartograph Matthew Rangel eine Wanderung durchs Karwendel in Skizzen und Lithografien dokumentiert hat, inklusive handgezeichnetem Alpenpanorama zum Ausklappen. Genau so muss das aussehen! Gerne auch mal mit „richtigem“ Kartenmaterial zum Rausnehmen oder Ausklappen. Karten besitzen eine eigene Ästhetik.

Gefallen hat mit auch die Story mit den Mikro-Abenteuern. Der Brite Alastair Humphreys beschreibt, wie man die Gegend vor der eigenen Haustür neu entdecken kann. Zum Beispiel Kaffeetasse am Wohnort auf die Karte stellen, Kreis ziehen und ablatschen. Oder mal in einem nahen Fluss schwimmen. Das ist nett aufgeschrieben und optisch ansprechend verpackt. Die Idee dazu hatten freilich nicht die Walden-Macher, sondern es handelt sich offenbar um Auszüge aus Humphreys Buch „Micro Adventures“. Doch es gilt hier wie anderswo: Lieber eine gute Idee geklaut (bzw. in diesem Fall nicht geklaut, sondern übernommen) anstatt was Schlechtes selbst ausgedacht.

Noch eine sehr schöne Idee: Die Walden-Menschen haben versucht, das Büchlein „Building The Six-Hour-Canoe“ in die Tat umzusetzen und tatsächlich ein Kanu in sechs Stunden zu zimmern. Ergebnis: Elf Stunden hat es gedauert, aber das Teil schwamm. Respekt! Zwar dürften die allerwenigsten Leser selbst unter die Kanubauer gehen, aber das Protokoll des Selbst-Versuchs liest sich überaus unterhaltsam.

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Ist Walden also tatsächlich endlich das perfekte Draußen-Magazin? Leider doch nicht. Denn es gibt ein paar Dinge, die stören und das hat viel damit zu tun, dass Walden das Produkt eines Großverlags ist. Da ist bei aller optischen Brillanz diese unangenehm magazinige Note. Es gibt zahlreiche kleinteilige Seiten mit Info-Häppchen und vermeintlich lustigen oder kuriosen Fakten. Die sehen zwar gut aus, wirken mit ihrem teils bemühten Humor aber deplatziert. Zum Beispiel das „Notfall-Wissen“ „Wie schnell ist ein Lauffeuer?“ (25 km/h). Überhaupt dieser Humor. Im beigelegten Booklet „Field Guide“, das optisch auch herausragend gestaltet ist, finden sich allerlei Info-Schnipsel zu Tieren und Pflanzen, die man im Frühling und Sommer im Wald finden kann. Über Wildschweine ist da zu lesen: „Die bis zu 140 Kilogramm schweren Schweinedamen lassen die Sau raus, wenn’s um ihre Jungen geht: Im Galopp überspringen sie bis zu zwei Meter.“  Schweinedamen, die die Sau raus lassen. Naja. Muss nicht sein. Das Beste im „Field Guide“ ist bezeichnenderweise der Textauszug“ aus Henry David Thoreaus Aussteiger-Fibel „Walden“, die als Namenspate für das Heft fungierte.

Für Stirnrunzeln sorgen auch diese schlimmen, schlimmen Produktseiten, von denen Magazinmacher einfach nicht lassen wollen oder dürfen. Man nehme einige Produkte, deren Hersteller vielleicht auch Anzeigen schalten könnten, verteile sie optisch ansprechend, knipse das Ganze und schreibe dazu ein paar „Infos“. Das ist für ein Draußen-Heft zu wenig. Und wenn ich lesen muss, dass die (vorzüglichen) Red Wing Stiefel mit Kreppsohle für „Jäger und Sammler“ empfohlen werden, habe ich schon fast keine Lust mehr. Die weiße Kreppsohle der Red Wings, ist fürs Gelände ganz sicher nicht geeignet. Dafür gibt’s die Teile ja auch mit Profilsohlen. Auf solche Details sollte achten, wer von den als Zielgruppe anvisierten Outdoor-„Nerds“ umschwärmt und gekauft werden will.

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Ärgerlich auch die Story „Mein Freund, das Messer“. Messer sind immer ein großes Thema, auch wenn man sie in der Praxis nicht so oft braucht, wie man es sich und anderen gerne weismacht. Es gibt Text-Häppchen über den richtigen Stahl, Klingenformen, die Pflege und das Schleifen.“ So ein bisschen Pseudo-Nutzwert für den eiligen Leser. Wenn ich mir ein Outdoor-Heft kaufe, dann erwarte ich zum Thema Messer-Schleifen aber mindestens eine Fünf-Seiten-Strecke, die das Thema bis zum Erbrechen durchexerziert. Besser noch: zehn Seiten! Und zwar NUR über das Schleifen. Und im nächsten Heft dann bitte zehn Seiten nur über den Stahl. Die Themen geben das her. Vermutlich haben sie in Verlagen Angst, das würde dann keiner lesen oder Anzeigenkunden verschrecken. Ich bin überzeugt: Das würden Leute lesen. Und diese Leute wären vielleicht sogar empfänglich für Anzeigen von Messer-Herstellern, Messer-Versendern oder Herstellern von Schleifsteinen und sonstigem Messer-Zeugs.

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Es ist alles nicht so nerdig und speziell und in die Tiefe gehend bei Walden, wie die wunderhübsche Verpackung auf den ersten Blick suggeriert. Es fehlen sperrige, überraschende Themen oder – Gott bewahre – vielleicht auch mal was „Kritisches“. Als Personality bekommt der Leser den sattsam bekannten Chris McCandless serviert über dessen trauriges Schicksal Jon Krakauer vor längerer Zeit einen Bestseller geschrieben („Into the wild“) und Sean Penn einen langweiligen Film gemacht hat. Kaum jemand, der sich für Outdoor interessiert, dürfte die Story von „Alex Supertramp“ nicht zu genüge kennen. Das ist halt so ein Thema, das in der Schublade der möglichen Themen ganz weit oben liegt und schon ein bisschen abgegriffen ist.

Das ist das Problem von Walden: Das Magazin will sich an Enthusiasten richten, aber Teilzeit-Naturburschen nicht verprellen. Es will authentisch sein und rau, aber bloß nicht sperrig. Dazu bedient man sich zu ausgiebig aus dem Baukasten des Mainstream-Magazin-Handwerks. Fotostrecke am Anfang, kleinteilige Seiten, Produktseiten, Booklet. Alles hübsch und edel gemacht aber eben inhaltlich am Ende dann doch ein bisserl zu seicht. Dazu kommen Layout-Sperenzchen, die man sich hätte verkneifen sollen. Überall sind Pfeile und Sprüche aufgemalt, die auch schöne Fotos zu verschandeln wissen. Und warum man in der Fotostrecke zu Beginn wahllos ein Kanu, Jemanden beim windigen Zeltaufbau, eine Lagerfeuerszene, Badespaß und einen Hirsch präsentiert – keine Ahnung. Schaut halt irgendwie gut aus. Form follows Function, heißt es im Design und bei so einem Spezial-Magazin sollte gelten: Form follows Content.

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Kann es vielleicht sein, dass bei der Produktion immer auch der Anzeigenmarkt mit im Hinterkopf war? Vergesst doch mal die Anzeigen! Ihr müsst einen Hersteller von Kloschüsseln (Duravit) auch echt nicht überreden, eine Lifestyle-Kloschüssel für eine Anzeige mit der Brechstange irgendwie outdoormäßig zu inszenieren (vierte Umschlagseite,kein Witz). Wenn Ihr erst mal auf Eure Leser konzentriert und nur auf die Leser, dann werden die irgendwann anfangen, Euer Heft zu lieben. Dann kommen auch die Anzeigen. Vielleicht nicht die von Klo-Schüsseln oder Designer-Jeans – aber andere. So rum wird ein Schuh draus.

Ich wünsche Walden mehr Mut. Mut zu sperrigen, knorrigen Themen, Mut zu echter Länge und Tiefe und nerdigem Expertentum. Dann wäre ich sogar bereit, deutlich mehr als die aufgerufenen 7,50 Euro für Euer Heft zu zahlen.

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Alle Kommentare

  1. Ich kann die Meinung des Autors absolut nicht teilen.
    Das Magazin richtet sich an alle, die draußen Spaß haben wollen, lustige sowie geniale Unterhaltung erwarten und keine Superlativen suchen.
    Anregungen für jedermann. Wenn ich in Themen bis zum Doktortitel einsteigen möchte, suche ich mir entsprechende Fachliteratur.
    Ich würde sagen weiter so und nicht den Humor verlieren und auch weiterhin dem gesunden Menschenverstand (unbedingt vor dem völligen Aussterben retten) ein Chance geben gegenüber der allgegenwärtigen Gesinnungspolizei….

  2. Hallo,
    ich habe das Heft gestern angelesen.
    Kann mich der Meinung anschließen.
    Es darf ruhig mutiger berichtet werden.
    Vor allem auch über die deutschen Vorschriften, die ein „freies Leben“ draußen in der Natur erst einmal verbieten.
    Campieren im Freien, Übernachten im Wald, Feuer irgendwo: verboten!
    Wir machen das öfter, aber es ist immer illegal:

    Beispieltext: http://www.mlul.brandenburg.de/info/holzfeuer ::
    „Rechtsgrundlagen:

    Beim Abbrennen eines Holzfeuers im Freien sind verschiedene Rechtsvorschriften zu beachten. Unter anderem sind dies:

    Das Landesimmissionsschutzgesetz (LImschG) § 7 besagt:
    „Das Verbrennen sowie das Abbrennen von Stoffen im Freien ist untersagt, soweit die Nachbarschaft oder die Allgemeinheit hierdurch gefährdet oder belästigt werden können“.
    Bei Einhaltung der in diesem Faltblatt gegebenen Tipps und Ratschläge für kleine Holzfeuer sind in der Regel Gefährdungen und Belästigungen nicht zu erwarten.
    Ausnahmen: Nachbarbeschwerden oder Verbrennung im Gebiet mit der Gefahr von Grenzwertüberschreitungen in der Luft.

    Die Abfallkompost- und Verbrennungsverordnung (AbfKompVbrV) § 4 besagt:
    „Das Verbrennen pflanzlicher Abfälle aus Haushaltungen und Gärten ist nicht zulässig.“
    Das heißt, das private Verbrennen von Gartenabfällen ist ausnahmslos verboten!

    Das Waldgesetz des Landes Brandenburg (LWaldG) § 23 besagt:
    „Im Wald oder in einem Abstand von weniger als 50 Meter vom Waldrand ist das Anzünden oder Unterhalten eines Feuers oder der Umgang mit brennenden oder glimmenden Gegenständen sowie das Rauchen verboten.“

    Das Brandenburgische Naturschutzausführungsgesetz (BbgNatSchAG) § 22 Abs. 2 Satz 2 besagt:
    „Die Erholungssuchenden haben im Übrigen besondere Rücksicht auf Natur, Landschaft, Vegetation und wild lebende Tiere sowie die Waldbrandgefahr zu nehmen.“

    Verordnungen zum Pflanzenschutzgesetz

    Die ordnungsbehördliche Verordnung Ihrer Kommune mit regionalspezifischen Regelungen.

    Verstöße gegen die genannten Vorschriften stellen Ordnungswidrigkeiten dar und können mit empfindlichen Geldbußen – nach Landesrecht bis zu 20.000 Euro – geahndet werden.
    Darüber hinaus sind auch Satzungen der Kleingartenverbände, sowie Miet- und Pachtverträge zu beachten.

    Wenn Sie noch Fragen haben …“

    und Anstiftung dazu: sicher auch verboten …
    Was soll man dazu noch sagen?
    Aber mit einem Verbrennungsmotor in der Gegend rumdüsen und Wildtiere meucheln wird billigend in Kauf genommen.
    Ok, ich gebe es zu: Ich werde polemisch.

    Fazit: Abenteuer vor der Haustüre sind in Deutschland verboten.

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