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„Grenzfälle“: journalist macht die Debatte um journalistische Unabhängigkeit auf

journalist-Chefredakteur Matthias Daniel
journalist-Chefredakteur Matthias Daniel

Der journalist, die Zeitschrift der Gewerkschaft Deutscher Journalisten Verband (DJV) macht in seiner aktuellen Ausgabe die journalistische Unabhängigkeit, bzw. das Fehlen derselben zum Thema. Dazu listet die Redaktion zehn "Grenzfälle" auf - von der Süddeutschen Zeitung über RTL, den NDR, Focus Online bis hin zu Geo.

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Es sind komplett unterschiedliche Medien und komplett unterschiedliche Fälle, die der journalist in seiner aktuellen Titelstory exemplarisch beschreibt. So genannte Qualitätsmedien wie SZ und Geo sind ebenso dabei wie der öffentlich-rechtliche Sender NDR, der Privatsender RTL, das Online-Magazin Edition F, Focus Online, stuttgarter-zeitung.de, Curved, die Forum Media Group und Bild der Frau.

Ebenso unterschiedlich wie die Medien ist die Natur der beschriebenen „Grenzfälle“. Bei der SZ geht es zum Beispiel darum, dass in einem Artikel in einer Immobilien-Beilage der Vertreter eines Unternehmens zitiert wurde, das auf derselben Seite auch mit einer Anzeige vertreten war. Bei RTL wird moniert, dass eine Nachrichten-Moderatorin Kleider ihrer eigenen Modelinie bei TV-Auftritten trägt. Beim Frauen-Business-Digitalmagazin Edition F thematisiert der journalist so genannte Affiliate-Links, also Links in einem Artikel, bei denen pro Klick eine geringe Summe gezahlt wird, bzw. das Medienunternehmen eine Provision erhält, wenn bei den hinter den Links liegenden Online-Shops ein Kauf getätigt wird.

Auf stuttgarter-zeitung.de waren laut journalist vier von sieben Texten eines redaktionellen Themenspecials PR-Texte mit einseitigen Produktempfehlungen. Focus Online veröffentlichte eine Native Ad, also eine gekennzeichnete Werbeanzeige in redaktioneller Aufmachung, bei der ein Pharmaunternehmen über Wucherungen in der Gebärmutter schreiben ließ. Geo kooperiert mit einem Unternehmen für Flusskreuzfahrten und spannt dabei laut journalist auch die Redaktion ein, die Forum Media Group (die machen Fachzeitschriften) sucht einen stellvertretenden Chefredakteur, der auch werbliche Beiträge verfassen soll, u.a. in der Bild der Frau würden werbliche Texte eines Heilpraktikers erscheinen und das vom Mobilfunkunternehmen E-Plus finanzierte Web-Magazin Curved berichtet über Mobilgeräte (Disclaimer: MEEDIA-Autor Felix Disselhoff ist Chefredakteur von Curved). Zu guter Letzt wird auch noch einmal der Fall der „Tagesschau“-Sprecherin und NDR-Moderatorin Judith Rakers aufgerollt, die in werblichem Auftrag bei der Eröffnung einer McDonald’s Fililale aufgetreten ist.

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Beileibe nicht alle Fälle sind illegal. Es ist sogar fraglich, ob all die beschriebenen „Grenzfälle“ ethisch verwerflich sind oder nicht. So erklärt zum Beispiel die SZ, dass es im Falle des Immobilienartikels keinen Einfluss und keine Absprachen von Seiten des Anzeigenkunden auf den Artikel gegeben habe. Dass solche Themenseiten in erster Linie mit Blick auf Anzeigenakquise erstellt werden ist Usus im Journalismus und nicht per se verwerflich.

Auch Leserreisen, bei denen Redaktionsmitglieder involviert sind, gehören in vielen Häusern zur Normalität und müssen nicht unbedingt medienethisch fragwürdig sein. Was die Liste mit „Grenzfällen“ des journalist aber schön zeigt ist, dass sich praktisch über alle Mediengattungen hinweg Beispiele für mindestens diskussionswürdige Vermischungen oder Annäherungen von Redaktion und Kommerz finden lassen. Egal, ob es sich um reine Online-Medien handelt, unterhaltende Zeitschriften, Privatsender oder gar öffentlich-rechtliche Sendeanstalten. Eine Debatte ist das Thema auf jeden Fall wert.

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Alle Kommentare

  1. …das ist doch alles harmlose PR im Sumpf der wirklichen politischen Stimmungsmache.
    Wenn die Öffentlichkeit wüsste, wie viele Journalisten (und Publisher) in großen Tages- und Wochenzeitungen, meinungsbildenden Magazinen und im Staatsfunk Mitglieder der Atlantikbrücke sind, und welchen Propagandazielen sich diese verpflichtet haben…

    1. Hallo Martin,
      offensichtlich gehören Sie auch dazu oder verfügen über ganz besonderes Insiderwissen. Warum lassen Sie uns nicht daran teilhaben?
      Aber wahrscheinlich haben Sie nur in die Sterne geguckt, als der Mond im Uranus stand und Pluto der Jungfrau begegnete. Sie sind ein ganz Verschwörter. Wohlgemerkt: Nicht Gestörter!

  2. Ein schönes anschauliches Beispiel für einen – freundlich ausgedrückt – Grenzfall liefert gerade T-Online: Unter dem Titel „Der große Irrtum über die Wechseljahre“ wird auf eine Seite names mydoc verlinkt. Dort nimmt man sich des Themas in Form einer Pressemitteilung der Universität Dresden an, wonach es die Wechseljahre der Frau eigentlich gar nicht gibt – und wenn, dann nur als Hitzewallungen und Schweißausbrüche. Eine Hormonersatztherapie ist ohnehin Teufelszeug. Besser geeignet sei vor allem eine Substanz namens Venlafaxin, „die im zentralen Nervensystem wirkt“. Der Leser erfährt leider nicht, dass es sich hierbei um ein Antidepressivum aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) handelt. Hintergrund für diese Kuriosität ist eine an der Uni Dresden durchgeführte Studie, mit der die Erstautorin derzeit auf Kongressen tourt. Die Studie ist durchaus umstritten. Es stellen gleich mehrere Fragen, die m.E. wichtigste aber ist: Welchen Interessenkonflikt hat die Ärztin?

    http://www.mydoc.de/sexualitaet/womans-health/grosse-irrtum-ueber-wechseljahre-1940

  3. Okay, Werbung für ein Produkt ist stets einseitig und überhöht. Das schmälert die Glaubwürdigkeit. Was ist glaubwürdig? Jedes beworbene Produkt muss Glaubwürdigkeit neu unter Beweis stellen, anderenfalls verschwindet es irgendwann. Warum sind eigentlich Journalisten per se glaubwürdig, nur weil sie Journalisten sind? Wer hält welche Messlatte daran? Redakteure schaffen mit Medien genauso Produkte wie andere Produzenten auch. Nur, weil Werbung mit einer Linie abgegrenzt wird, sind Medien nicht glaubwürdiger als andere Produkte. Wie schön, dass Meinung und Wahrheit so objektiv sein können.

  4. „Dass solche Themenseiten in erster Linie mit Blick auf Anzeigenakquise erstellt werden ist Usus im Journalismus und nicht per se verwerflich.“ Die einen sagen so, die anderen so. Für mich liegt genau in diesem Satz jene Sprengkraft, die den echten vom schlechten Journalismus trennt. Dass so was bei der SZ Usus ist, macht das Ganze nicht weniger verwerflich. Im Gegenteil, denn eigentlich gibt es für derartige Verpflechtungen irgendwelche PR-Agenturen. Wer wundert sich da noch über den Niedergang des Journalismus. Interessant finde ich, dass der Journalist das Eisen jetzt doch anpackt, vor einigen Monaten war man dort noch der Meinung, das sei kein Thema.

    1. Was heißt denn: Es ist durchaus üblich. Wieder so eine Worthülse, die es zu hinterfragen gilt: Ich habe es erlebt, wie ein Redakteur einer Fachzeitschrift einem Geschäftsführer anbot doch ganz günstig eine Anzeige zu schalten – parallel zum geführten Interview über den firmeneigenen Produkten. Der Geschäftsmann lehnte ab, vertröstete auf später. Im Heft fehlte das Produkt und die Firma, das zuvor geführte Interview war auch unter den Tisch gefallen. Womöglich fehlender Platz? Es hatten sich andere Interviewpartner und Anzeigenkunden gefunden…

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