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Medienwissenschaftler Pörksen: „Der deutsche Journalismus braucht mehr Verhaltenstherapie“

Teilnehmer der Diskussion "Wie viel Medienschelte verträgt die Pressefreiheit?“: Bernhard Pörksen (li.) und Stefan Niggemeier

Wie viel Medienschelte verträgt die Pressefreiheit? Diese Frage treibt viele Journalisten derzeit um. Bei einer Podiumsdiskussion mit Stefan Niggemeier und Bernhard Pörksen in Berlin stellte sich zumindest eines heraus: Die Kritik der „vernetzten Vielen“ geht nicht so einfach wieder weg. Medienschaffende müssen sich daran gewöhnen – und angemessen darauf reagieren.

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Von Tatjana Kerschbaumer

Stefan Niggemeier hat nicht wirklich viel Vertrauen in die Arbeit seiner Journalistenkollegen und Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, empfiehlt dem deutschen Journalismus eine Verhaltenstherapie: Das waren die zwei Highlights der Podiumsdiskussion „Wie viel Medienschelte verträgt die Pressefreiheit?“, die am Mittwochabend in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin stattfand. Eingeladen hatten anlässlich des bevorstehenden Internationalen Tags der Pressefreiheit (3. Mai) Reporter ohne Grenzen, im Zusammenschluss mit dem Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), dem Deutschen Journalistenverband (DJV), der Deutschen Journalistenunion in Ver.di (DJU) und dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger.

Letztere beiden zum ersten Mal unter den Veranstaltern, was wohl auch als Statement zu verstehen ist: Medienschelte, wie sie zuletzt in Deutschland laut wurde, geht alle an – und beunruhigt alle gleichermaßen. Die Mammutaufgabe des Abends: Zu erklären, wie viel „Schelte“ oder Kritik gerechtfertigt ist – und wie man ihr entgegnen kann, wenn es hart auf hart kommt.

Bernhard Pörksen attestierte dem Verhältnis zwischen Journalisten und ihren Lesern, Hörern, Sehern gleich zu Beginn in seinem Impuls eine handfeste Beziehungskrise. Nein, eigentlich einen ziemlich heftigen, unschönen Ehekrieg. „Wechselseitige Kränkungen“ hätten die Debatte der vergangenen Monate geprägt. Auf der einen Seite die Journalisten, von vielen Bürgern als Lobbyisten wahrgenommen. Auf der anderen Seite die Rezipienten, Kritiker, Wutbürger: In der Wahrnehmung von Journalisten oftmals „Trolle, die nicht einmal die Interpunktion beherrschen und denen Herzensbildung fehlt“. Große Kluften in einer einstmals recht stabilen Ehe. Wie die Scheidung vermeiden?

Vielleicht zunächst nicht alle Kritiker über einen Kamm scheren. Da gäbe es Kritiker, die klug, berechtigt und sensibel auf Missstände hinweisen würden, so Pörksen. Einer davon, Stefan Niggemeier, sollte später auf dem Podium sitzen. Gut – über das „sensibel“ lässt sich auch bei Niggemeier manchmal streiten; über das Kluge und Berechtigte seiner Hinweise sicher nicht. Dummerweise gibt es aber abgesehen von professionellen Medienkritikern und Bürgern, die sich über bestimmte Aspekte zu Recht ärgern, auch noch die Empörungsjunkies. Und die ideologisch Radikalisierten: Das sind die, die unter jedem Artikel ihre Verschwörungstheorien posten. Will man es nett ausdrücken, könnte man diese neue fünfte Gewalt die „vernetzten Vielen“ nennen. Weniger nett als „grölender, digitaler Mob“ einschätzen.

Nahtlos ging es mit diesen Problemen aufs Podium, dem nicht nur Pörksen und Niggemeier angehörten, sondern auch Zeit-Redakteurin Alice Bota und Politologin und Neonazi-Expertin Andrea Röpke. Und hier begann ein wenig das Verständnisproblem des Abends. Denn jeder der anwesenden Journalisten hat ein anderes Verhältnis zur Medienschelte, ist ihr in stärkerem oder schwächerem Tonfall ausgesetzt – oder übt sie wie Niggemeier in Form der Kritik selbst aus.

So konnte jeder zwar aus seinem Erfahrungsschatz berichten: Andrea Röpke, die sich intensiv mit der Rechten Szene beschäftigt, berichtete von Behinderungen durch die Polizei und davon, dass sie und Kollegen als „Judenpresse“ beschimpft werden würden. Sie erwägt sogar, Anzeige gegen öffentliche Stellen zu erstatten, da sie in ihrer Arbeit massiv behindert werde; manchmal direkt vor Ort – und von staatlicher Seite. Alice Bota, die bei der Zeit den Ukraine-Konflikt beackert, fühlt sich zumindest am Schreibtisch eher selten bedroht oder gescholten. Höchstens mal auf Fehler hingewiesen, was sie auch gut findet. Das könnte aber auch am recht elitären Zeit-Publikum liegen, das vielleicht weniger dazu neigt, glühende Hass-Mails zu schreiben. Nur über Niggemeier und seine „pauschale Kritik“ an der Ukraineberichterstattung deutscher Medien hat sich Bota zwischenzeitlich geärgert. Und Niggemeier gab zu: Ja, bei einigen Themen plage ihn ein eher pauschales, diffuses Unbehagen über die Berichterstattung der Kollegen. Besonders bei Themen, bei denen er selbst kein Experte sei – wie beispielsweise eben der Ukrainekonflikt, oder die Griechenlandkrise. Von Moderatorin Dagmar Engel, Chefredakteurin im Hauptstadtstudio der Deutschen Welle, gefragt, ob er denn kein Vertrauen in die Arbeit seiner Kollegen habe, sagte er: „Eigentlich nicht“. Da half es auch nichts, dass Pörksen empfahl, „ihn in die Mangel zu nehmen, dann wird er sich ändern“.

Während der Diskussion über Neonazi- und Pegida-Szene, dem Ukraine-Konflikt und dem Germanwings-Absturz machte sich zunehmend desillusionierte Stimmung breit. Zumindest Pörksen war erschrocken, welchen Drive die Diskussion nahm: „Wenn Journalisten mit Journalisten reden, kommt immer dasselbe dabei heraus: Untergang. Der deutsche Journalismus braucht mehr Verhaltenstherapie“, sagte er. Eine Schlussrunde mit Empfehlungen, wie man mit Medienschelte oder –kritik am besten umgehen könnte, blieb erwartungsgemäß recht unbefriedigend. „Transparenz“ war zu hören, Röpke forderte, manche Gruppen wie etwa Pegida-Anhänger nicht zu hofieren, sondern durch knallharte Recherche zu „enttarnen“. Klar war am Ende nur eines: „Das geht nicht wieder weg“, sagte Niggemeier. Der Journalismus muss sich mehr und mehr darauf einstellen, es auch in Zukunft mit kritischen, überkritischen und sicher auch bösen Stimmen zu tun zu haben.

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