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Bröckerhoff zur TV-Zukunft: „Das private werbefinanzierte Fernsehen wird zuerst den Löffel abgeben“

Daniel Bröckerhoff (Foto: Deryl William Collins) und Richard Gutjahr (Foto: BR / Sessner)
Daniel Bröckerhoff (Foto: Deryl William Collins) und Richard Gutjahr (Foto: BR / Sessner)

Wie wird oder wie muss sich das Fernsehen ändern, damit es gegen die Rivalen von Netflix & Co. eine Chance hat? Im Rahmen des newTV Konkresses sprach nextMedia.Hamburg mit Daniel Bröckerhoff und Richard Gutjahr über den Wandel der TV-Branche. Während Bröckerhoff schwierige Zeiten für das Privatfernsehen sieht, wenn es sich nicht "grundsätzlich ändert", lautet einer der wichtigsten Gutjahr-Leitsätze für die nahe Zukunft: "Make it snackable".

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Welches Bewegtbildformat wie wir es heute kennen, wird denn zuerst aussterben: Das gebührenfinanzierte TV, das Privatfernsehen oder Netflix mit Abos?
Bröckerhoff: Das private werbefinanzierte Fernsehen wird zuerst den Löffel abgeben, wenn es so weitermacht wie bisher und sich nicht anpasst. Die große Frage ist: Wie kann ich dieses Geschäftsmodell ins Web übertragen? Diese Frage kennen auch die Print-Kollegen. Ob es aber die Bertelsmänner dieser Welt mitmachen, dass online weniger Geld zu holen sein wird als im TV oder sie die Sender dann abstoßen, wird sich zeigen.
Gutjahr: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird wahrscheinlich noch ein paar Anpassungen erleben – etwa in Bezug auf das Werbeverbot – aber das Angebot wird es weiterhin geben.

Mal angenommen, ihr beide wollt ein Bewegtbild-Format gründen. Welches Finanzierungsmodell würdet ihr wählen?
Bröckerhoff
: Ich habe vor zwei Jahren ja Crowdfunding versucht, aber 40.000 Euro wollte keiner zahlen – was im Grunde gar nicht viel ist. Wahrscheinlich war ich einfach zu früh dran, obwohl mich sogar Richard Gutjahr und Sascha Lobo unterstützt haben. Ich würde es heute entweder mit einem kleinen Piloten versuchen und den Sendern präsentieren oder die Ansprüche runterschrauben und es auf kleiner Flamme selbst produzieren.
Gutjahr: Ich sitze in der Jury für den Webvideo-Preis und habe jetzt sehr viele YouTube-Videos geschaut. Und wenn ich sehe, was dort auch mit geringem Budget realisiert werden kann, frage ich mich: Braucht es wirklich immer so viel Geld, um Bewegtbild zu produzieren?
Bröckerhoff: Aber 40.000 Euro für 6 Episoden ist im Grunde genommen mega billig.
Gutjahr: Ja, aber die machen das zum Teil für ein Viertel des Geldes, finanzieren das quer und hoffen auf den Erfolg in der Zukunft.
Bröckerhoff: Aber ich muss ja jetzt davon leben.
Gutjahr: Du bist einfach zu alt und hast Verpflichtungen. Jeder der in ein Startup geht – egal ob im Silicon Valley oder Berlin – weiß, dass er ein Jahr lang sich nur von Tütensuppe ernähren muss. Das ist die pure Hoffnung auf die Zukunft, die Hoffnung, dass das Startup durch die Decke geht und später Shareholder zu sein und dann das große Geld zu bekommen.
Bröckerhoff: Da ist es im Grunde das Gleiche, ob du den langen Weg durch die Institutionen gehst oder fünf Jahre lang YouTube-Follower sammelst und dann loslegst.

Mit Periscope eröffnet sich aber gerade schon das nächste Feld, das dem klassischen TV Konkurrenz macht. Brauchen wir trotz Livestreaming das Fernsehen überhaupt noch?
Gutjahr: Die Öffentlich-Rechtlichen und uns Journalisten wird es noch so lange geben, wie wir unseren Job machen. Das heißt: Fakten checken, kuratieren, eigene Inhalte erstellen oder auch mit dem vorhanden Material einen Mehrwert generieren. Zu dem vorhandenen Material werden auch Livestreams gehören. Aber einen Großteil dieser Arbeit werden auch Algorithmen erledigen. Da darf man sich nichts vormachen.
Bröckerhoff: Zum Glück muss Frank Schirrmacher das nicht mehr erleben.

Erleben wir damit dann das Ende des Journalisten, der Herzblut in seine Arbeit steckt?
Bröckerhoff: Nein! Die Frage ist doch: Wird Periscope alles ersetzen? Nein. Wird Periscope vieles ergänzen? Ja. Wir sehen das doch bei Jan Böhmermann: Der macht eine klassische Fernsehshow und unterstützt diese mit Periscope aus den Redaktionssitzungen sowie den Proben für die authentischen Momente. Die Kombination funktioniert hervorragend. Generell ist Böhmermanns Vorgehen geschickt, denn aus der Show können einzelne Elemente ausgekoppelt werden, die wie YouTube-Clips funktionieren.
Gutjahr: Make it snackable.
Bröckerhoff: Genau. Du kannst den ganzen Böhmermann oder nur einen Teil sehen. Und dieses Prinzip kannst du auch auf Dokus oder Nachrichten anwenden. Schau dir Böhmermanns Reihe „Eier aus Stahl“ an: Das ist ein klassischer YouTube-Rant mit guter Recherche und einer schönen Haltung.

Ist Jan Böhmermann somit auch Journalist?
Gutjahr: Manchmal (lacht).
Bröckerhoff: In einer Rubrik wie „Eier aus Stahl“ ist er journalistisch mit einer großen Tendenz zur Satire. Wobei ich glaube, dass das eine Art ist, wie man journalistische Inhalte aufbereiten kann, die ein breiteres Publikum interessieren. Ich hoffe, er geht noch mehr in Richtung Politik und hört auf, sich an der YouTube-Szene abzuarbeiten. Denn das wird langsam langweilig.

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Stichwort YouTuber: Die sind gerade bei Jugendlichen sehr beliebt, obwohl sie nicht klassisch journalistisch arbeiten. Was kann sich das Fernsehen trotzdem von ihnen abschauen?
Gutjahr: Authentizität! Ich glaube, Fernsehen ist immer noch eine sehr künstliche Welt. Da sitzen geschminkte Menschen vor einer Kunstkulisse mit Kunstlicht und tun bei der Begrüßung so, als hätten sie sich noch nie gesehen. Das ist sehr konstruiert und bei YouTube macht einer die Kamera an und redet drauf los. Die sind echt.

Aber wenn das Fernsehen genau das von den YouTubern lernen kann – wann werden wir den ersten Haul in der ARD sehen?
Bröckerhoff
: Das wird hoffentlich nie passieren. Aber diese authentischen Persönlichkeiten, die wir heute bei YouTube sehen, gab und gibt es auch im Unterhaltungsfernsehen: Die Geissens, Frau Katzenberger und Frau Feldbusch/Pooth. Die waren genauso authentisch vor der Kamera wie dahinter und sind genauso vermarktet worden. Nur in dem einen Fall steht eine Produktionsfirma mit dem ganzen Chichi dahinter, in dem anderen macht es Dagi Bee einfach selber und wirkt dadurch noch mehr wie meine beste Freundin. Eine schöne Illusion. In Wahrheit hat sie noch Millionen weitere beste Freundinnen. Es kommt also nicht auf das Format an, sondern auf das Auftreten.

Aber was ist dann die Schwierigkeit, auch im klassischen Fernsehen so authentisch aufzutreten?
Bröckerhoff
: Es ist das künstliche Setting, in dem man sich automatisch ganz anders verhält, als wenn man aus dem heimischen Wohnzimmer ein Video macht. Wenn es irgendwann gelingt und einer vor der Kamera steht, der so natürlich rüberkommt wie ein YouTuber und trotzdem weiß wovon er redet, dann wäre das eine schöne Sache.

Wäre das dann „new TV“?
Gutjahr: Ich glaube nicht. Es gab ja schon viele Versuche, die YouTuber ins Fernsehen zu holen und sie sind alle kolossal gescheitert. Ich glaube, du brauchst dieses Versuchslabor namens Internet als glaubwürdige Kulisse, um da einfach jemanden mit deinem Content zu überraschen. Das Fernsehen bringt zwangsläufig immer einen bestimmten Druck auf Perfektion mit sich, denn – „wir ham ja keine Zeit“.
Bröckerhoff: Aber da kann man ja ansetzen. Etwa, dass Nachrichtensprecher keinen vorformulierten Text mehr haben, den sie vom Teleprompter ablesen, sondern mit Stichpunkten arbeiten. Aber dazu braucht es eben Mut, denn die Anmoderation dauert dann vielleicht mal ein paar Sekunden länger als geplant. Ich glaube aber, dass die Formate zukünftig sowieso im Internet gestreamt werden und da ist das kein Problem mehr – denn da gibt es Platz.

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Alle Kommentare

  1. @Heinz Holist 27.04.2015 um 19.24

    Nein, nein lieber Herr Holist, es ist vollkommen in Ordnung, dass diese beiden Herren nicht extra erklärt werden. Für die Welt des Fernsehens, insbesondere des öffentlich-rechtlichen, ist es typisch, dass die dort tätigen Leute meinen, die ganze Welt kreise nur um sie.

    @Gutjahr Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird es noch genau so lange geben, wie sich die Leute die Zwangsfinanzierung samt der daraus unweigerlichen Unverschämtheit und grenzenlosen Verschwendung bieten lassen.
    Wenn erst mal eine Partei begreift, dass man auch gewählt werden kann, wenn man im ÖR-TV unvorteilhaft dargestellt wird, ist es mit dem Zuschanzen von über 8 Milliarden Euro pro Jahr vorbei.

    @Beitrag: Egal ob Video im Netz oder TV-Programm: Es ist eine träge, passive Art, seine Freizeit zu verbringen und die Informationsdichte ist oft geringer als beim Lesen. Zumal die Inhalte häufig mit dem eigenen Leben sehr wenig zu tun haben. In nicht allzu ferner Zukunft wird das träge Glotzen überhaupt „den Löffel abgeben.“

  2. Liebe Meedia-Macher,

    meinen Sie nicht, es hätte dem Interview gut getan, wenn irgendwo – am besten im Vorspann – wenigstens einmal erwähnt worden wäre, um wen es sich bei diesen beiden Herren eigentlich handelt? Oder ist das ein Text nur für Insider?
    Nichts für ungut
    Heinz Holist

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