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„Man muss nicht zum Amazonas schwimmen“: Wie ein Buchhändler dem Web-Riesen Paroli bietet

Jörg Bauer führt seit 20 Jahren die Traditionsbuchhandlung am Mühlenkamp in Hamburg-Winterhude.
Jörg Bauer führt seit 20 Jahren die Traditionsbuchhandlung am Mühlenkamp in Hamburg-Winterhude.

Seit der Etablierung von Amazon & Co. haben viele stationäre Buchhandlungen mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Dass sich auch kleine Buchhandlungen gegen die Online-Konkurrenz behaupten können, zeigt ein Traditionsbuchladen in Hamburg-Winterhude. Inhaber Jörg Bauer, 61, erzählt im Interview mit MEEDIA, was seinen Buchladen so besonders macht und warum er E-Books hasst.

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Die gläserne Fassade der Buchhandlung am Mühlenkamp erweckt den Eindruck, dass es sich um ein modernes Geschäft handelt. Doch beim Eintreten und dem Blick auf hohe, dunkelbraune Holzregale wird deutlich, dass Tradition den Takt vorgibt. Kommende Woche, am 1. Mai, wird das Geschäft 50 Jahre alt. In Zeiten der Digitalisierung ist das keineswegs selbstverständlich. Sogar Branchenriesen wie Thalia mussten Filialen schließen. Doch 2013 konnte der stationäre Buchhandel allerdings erstmals wieder mehr Umsatz verzeichnen als der Online-Handel. Offenbar besinnen sich viele Kunden auf die hohe Beratungskompetenz im Fachgeschäft. Das gilt auch für Bauers Buchhandlung: Hier kaufen vor allem Literaturliebhaber ein, die nach einer besonderen Lektüre suchen oder auch mal über das neueste Buch ihres Lieblingsautors diskutieren möchten. Herr der Druckwerke ist Jörg Bauer, Buchhändler aus Leidenschaft.


Herr Bauer, hat sich die zunehmende Konkurrenz durch Amazon und andere Online-Händler in den letzten Jahren bei Ihnen bemerkbar gemacht? Hatten Sie irgendwelche Probleme?

Probleme würde ich nicht sagen, aber es hat sich natürlich bemerkbar gemacht.

Inwiefern?

Man spürt es beim Umsatz oder auch daran, dass hier Leute reinkommen und sagen, sie haben jetzt einen E-Reader. E-Books sind auch Konkurrenz zum herkömmlichen Buch. Aber es gibt ganz viele, die eben wirklich traditionell Bücher kaufen und auch das Buch als solches vor sich haben wollen.

Was halten Sie von Amazon & Co?

Überhaupt nichts. Erstmal machen die uns teilweise das Geschäft kaputt. Es geht bei denen wirklich nur um Profit, und natürlich gefällt mir das nicht. Wir haben zum Beispiel ein Plakat im Fenster, da steht drauf: Man muss nicht zum Amazonas schwimmen, um ein Buch zu bestellen. Wir können Bücher ganz schnell besorgen.

Sie haben auch einen Onlineshop. Seit wann gibt es den?

Seit einem halben Jahr. Aber wir merken davon komischerweise nicht so viel.

Warum haben Sie diesen Schritt gemacht?

Weil die jungen Leute hier ganz fit sind in der Richtung und weil wir dachten, dass ist noch ein Zusatzangebot für die Kunden. Wird aber in dem Sinne nicht so wahrgenommen. Wir sind ein ganz altmodischer Buchhandel und haben mit E-Books nichts zu tun. Der Grund: Erstmal verdient man daran nichts. Und ich sage, wir sind ein Buchladen und kein Elektronikshop. Dann sollen die Leute zu Saturn gehen oder sonst wo hin.

Und würden Sie persönlich ein E-Book lesen?

Nein. Niemals.

Warum nicht?

Weil ich das absolut ablehne. Ich bin Buchhändler und ich will nicht so ein Elektronikding vor mir haben. Das finde ich unsinnlich und hässlich. Und was mich auch noch total nervt: Bis vor einiger Zeit kamen die Leute mit Zetteln, hatten aufgeschrieben, was sie haben möchten und jetzt muss ich immer auf diese Smartphones gucken. Ich bin „old school“, ganz gegen den Trend. Und ich denke auch, dass solche Dinge wieder zurückkommen. Das merkt man zum Beispiel im Schallplattenmarkt, wo Vinyl wirklich langsam wiederkommt. Die Leute erinnern sich, dass es ein wirklich tolles Medium mit schönen großen Covern und besserer Klangqualität war.

Was zeichnet Ihre Buchhandlung aus?

Wir haben schon eine ziemlich gute Kundenbindung und uns über die Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Der kann natürlich nicht immer von allen Kunden geteilt werden. Es gibt auch Kunden mit denen man nicht klarkommt, das passiert. Wir sind höflich, aber reserviert. Das heißt, wir buckeln nicht vor Kunden. Mir persönlich geht es darum, mich mit den Kunden über das Medium Buch auszutauschen und nicht über meine Person oder sonst etwas. Wir haben hier Mitarbeiter, die gute Kenntnisse haben, was Literatur angeht. Und bei uns ist es so, wir legen jetzt nicht einfach irgendwas hin, sondern wir wählen die Bücher aus, die wir verkaufen. Das heißt, wir suchen nach besonderen Büchern, nicht nur Bücher, die Mainstream sind, die auf den Bestsellerlisten erscheinen. Das wissen viele Leute zu schätzen.

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Und wenn ein Kunde in den Laden kommt und nach einer Empfehlung fragt. Nach welchen Kriterien gehen Sie da vor?

Ich persönlich frage erstmal, für wen er das denn möchte. Dann frage ich ihn, wie diese Person gestrickt ist, damit ich mir ein Bild machen kann. Wenn er jetzt sagt, es ist eine alte, konservative Dame, dann nehme ich natürlich nicht irgendein flippiges, supermodernes Buch.

Und dann greifen Sie einfach aus ihrem Erfahrungsschatz?

Genau. Und wichtig ist eben doch tatsächlich, dass man viel liest. Wir lesen bestimmte Bücher und forcieren die dann auch. Da kann es eben durchaus passieren, dass wir ein Buch im Extremfall tausendmal und mehr verkaufen. Einfach immer nur auf Empfehlung. Wenn man etwas auch wirklich gut findet, dann kann man es auch entsprechend rüberbringen, als wenn man jetzt in so einem Halbwissen schwimmt. Das heißt, du musst von dem, was du verkaufst, überzeugt sein. Und wenn du das bist, kannst du es natürlich auch besser verkaufen. Ich habe mich diese ganzen Jahrzehnte immer bemüht, möglichst Bücher zu verkaufen, hinter denen ich auch wirklich stehe. Keinen Mainstreamkram, nicht irgendwelchen flachen Unsinn, sondern ich hab immer versucht, Bücher zu entdecken, die eben nicht jeder kennt. Und das ist auch ein Grund, warum viele Leute hierher kommen. Und wir sind natürlich auch eine Stadtteilbuchhandlung und decken andere Dinge ab. Hier gibt es ganz viele kleine Kinder, deshalb haben wir eine große Kinderbuchabteilung. Und wir haben auch nicht nur Bücher, sondern auch Spielzeug für die Zielgruppe junge Mütter/Familien. Buchhandel ist heute nicht mehr nur „Buch“handlung, sondern es gibt immer noch ein Zusatzgeschäft, das sind die sogenannten Non-Book-Artikel. Das ist nicht so unbedingt mein Ding, aber es ist ein wirtschaftlicher Faktor, zum Beispiel Postkarten. Das ist hier ein Riesending, das mag man gar nicht glauben!

Haben Sie spezielle Maßnahmen unternommen, um neue Kunden zu gewinnen und alte an sich zu binden?

Ich denke wir geben uns jeden Tag alle Mühe, die Kunden, die wir haben, zu halten, und das sind eben auch eine Menge. Da besteht ein gewisses Vertrauensverhältnis. Und es kommen auch viele neue, junge Leute. Und wir haben ein sehr motiviertes Team von jungen Mitarbeitern, ich bin hier mit meinem Alter die Ausnahme. Die jungen Verkäufer sind sehr engagiert und das merkt man. Es kommen ganz viele Stammkunden, die sich immer wieder beraten lassen.

Seit wann führen Sie die Buchhandlung am Mühlenkamp?

Ich bin hier seit 35 Jahren und seit 20 Jahren bin ich Inhaber zusammen mit Kerstin Westphal. Das ist meine Geschäftspartnerin. Der Buchladen wird am 1. Mai 50 Jahre alt. Seit 1965 gibt es den Laden. Davor war das aber auch schon ein Buchladen, angeblich schon während des Krieges oder auch mal eine Leihbücherei. Das ist wirklich ein Traditionsgeschäft. Man hört das heute noch manchmal, dass die Leute sagen, „Wir gehen zu Ruthmanns!“. So hieß der Laden von den ursprünglichen Besitzern 1965.

Was hat Sie denn dazu bewogen, die Buchhandlung zu übernehmen?

Naja, ich bin schon unglaublich lange Buchhändler, seit 1971, also 44 Jahre. Und ich hab das gelernt, Anfang der 70er Jahre in einer sehr traditionellen, sehr guten Buchhandlung in Hamburg, bei Felix Jud. Das ist die beste Buchhandlung in Hamburg, wenn nicht in ganz Deutschland, immer noch. Das ist ein legendärer Laden. Den gibt es seit den 20er Jahren. Und so hatte ich natürlich einen guten Ausgangspunkt, um mir Stellungen zu suchen. Ich bin durch eine Anzeige, die ich gelesen hatte, hierher gekommen. Die klang irgendwie gut und dann hab ich direkt angefangen zu arbeiten und bin dann irgendwann Geschäftsführer geworden und vor 20 Jahren ergab sich die Chance, diesen Laden zu übernehmen, weil die Besitzer aufhören wollten. Und dann haben wir den Laden übernommen. War ein Sprung ins kalte Wasser, aber eine gute Entscheidung.

Und woher kommt Ihre Leidenschaft für Bücher?

Meine Generation ist ein bisschen hippiemäßig geprägt gewesen und ich hab schon ganz früh angefangen zu lesen, Hermann Hesse und viele amerikanische Autoren. Und meine Lehrerin auf der Schule bemerkte, dass ich immer ein Buch dabei hatte und in der Pause am Lesen war, während die anderen Schüler etwas anderes machten. Und die meinte dann: „Eigentlich gefällt es dir hier doch gar nicht auf der Schule und es ist doch vielleicht besser, wenn du Buchhändler werden würdest.“ Und dann habe ich erkannt, dass der Beruf wahrscheinlich wirklich das Richtige für mich wäre. Und so hat sich das dann entwickelt. Ist eigentlich auch mehr ein Frauenberuf, männliche Buchhändler gibt es nicht so viele.

Und Sie sind auch immer noch zufrieden damit?

Total ja. Es ist jetzt nicht der Beruf, mit dem du großes Geld machen kannst. Aber es macht einfach Spaß, immer noch. Man muss ein bisschen flexibel sein und man muss sich viel informieren, viel lesen, auch Zeitungen, um einfach das ganze Spektrum so einigermaßen im Kopf zu haben.

Denken Sie, dass der stationäre Buchhandel irgendwann verschwinden wird?

Schwer zu sagen, ich glaube nicht. Es sei denn, die Buchpreisbindung wird aufgehoben, wie es in Amerika der Fall ist. Das wäre ganz schlecht. Bisher ist es ja so: Der Kunde kauft ein Buch in Klein Kleckersdorf, und es kostet zehn Euro und er kauft es in der Großstadt Hamburg und es kostet auch da nur zehn Euro. Und wenn das irgendwann aufgehoben wird, dann werden die kleinen Buchhandlungen keine Chance mehr haben. Wenn man sich so umschaut, verschwinden immer mehr Buchhandlungen, auch hier in der Innenstadt, sogar die ganz großen. Auch in Amerika sind Buchhandelsketten geschlossen worden, was man vorher nie geglaubt hätte. Ich denke, man kann nur eine Nische bedienen und glücklich sein, wenn – wie bei uns – eine gute Lage dazu kommt.

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Alle Kommentare

  1. An Winterhuder und Tessa Bischof: Mit Verlaub, aber Sie haben beide nicht begriffen, dass der Beruf des Buchhändlers eine Berufung ist. Da ist nichts Hochnässiges oder Arrogantes dabei, wenn man sich für einen Berufsstand stark macht, der zur Volksbildung beigetragen hat und immer noch beiträgt. Und Hinterwäldler ist er nun ja wohl kaum. Er stemmt sich lediglich mit Elan gegen den laufenden Werteverfall und die Oberflächlichkeiten der Gesellschaft. Ich wünschte mir soviel Kraft. Ich habe die 40 Jahre noch vor mir, die Herr Bauer als Buchhändler erleben durfte.. Gratulation Herr Bauer für dieses Interview. Ich kann jedes Ihrer Worte unterschreiben.

  2. Natürlich merkt er „komischerweise“ nichts von seinem Online-Shop, wenn er ihn nicht aktiv bewirbt und sich derart gegen Innovationen sträubt. Überhaupt eine sehr hochnäsige und arrogante Einstellung in einem Service getriebenen Bereich…

  3. Was für ein Hinterwäldler! Hoffentlich geht er bald pleite und schafft Platz für einen weiteren Starbucks oder Balzac.

    1. Nein. Das ist doch Quatsch. Statt 0815 hat dieses Geschäft ein eigenes klares Konzept. Das macht übrigens auch den Stadtteil aus und nicht irgendeine Kette mit Kaffee und Zucker. Ich finde Buchlaeden auch nur dann gut, wenn sie besser als das online Angebot sind. Und wenn es nur die Lage ist, oder wie hier eben eine Beratung. Ich zumindest habe Spaß an guter Beratung, die es online nicht gibt.

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