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Wie sich eine Software-Firma gegen einen zu sehr zugespitzten Spiegel-Artikel wehrt

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Im jüngsten Spiegel erschien unter der Überschrift “Neue soziale Frage” ein Artikel, der sich mit den Herausforderungen befasst, die die Digital-Wirtschaft an den Arbeitsmarkt stellt. Einige Tage später gab es von einer Firma, die in dem Text vorkommt, deutliche Kritik. Der Spiegel habe Fakten weggelassen, bzw. verzerrt dargestellt, um die Firma in ein falsches Licht zu rücken.

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Wie wir dem ‘investigativen Qualitätsjournalismus’ des Spiegel auf den Leim gingen” ist der ausführliche Blog-Beitrag überschrieben, den ein Marketing-Mitarbeiter der Software-Firma Seibert Media verfasst hat. Der Text ist eine Antwort und öffentliche Kritik an dem Artikel “Neue soziale Frage” aus dem aktuellen Spiegel und wird gerade in den sozialen Medien eifrig weitergereicht. In dem Spiegel-Artikel geht es um ein Strategiepapier des Arbeitsministeriums, das sich mit den Herausforderungen befasst, die die Digitalisierung an die Arbeitswelt richtet. Konkret gemeint sind vor allem neue Arbeitsmodelle, bei denen viele Freiberufler zum Einsatz kommen und die oft keine Sozialabgaben zahlen, so genannte Solo-Selbstständige.

Als eine Firma kommt in dem Artikel beispielhaft auch Seibert Media vor, deren Wiesbadener Büro von einer Spiegel-Redakteurin besucht wurde. Nun wird im Spiegel zwar nicht behauptet, dass bei Seibert Media “Solo-Selbstständige” arbeiten würden, im Zusammenhang kann beim Leser aber durchaus dieser Eindruck entstehen. Dabei, so ist nun im Blog der Firma zu lesen, arbeiten bei Seibert Media nur Festangestellte:

„Eigentlich hätten Sie, liebe Frau L. (gemeint ist die Spiegel-Redakteurin, Anm.d.Red.), eine Firma gebraucht, die keine “normalen Jobs” mehr bietet, sondern nur noch mit Freelancern arbeitet. Und nach Ihrem Besuch bei uns hatten Sie dann das Problem, dass //SEIBERT/MEDIA nur normale Jobs hat. Unsere Mitarbeiter sind festangestellt und haben ganz reguläre Arbeitsverhältnisse.“

Seibert Media praktiziert das Prinzip einer agilen Organisation. Das bedeutet, es gibt keine fest definierten Arbeitszeiten, Arbeitsorte oder Hierarchiestufen. Dies verlangt laut Auskunft der Firma allerdings elektronische Arbeitszeiterfassung und fortlaufende Ergebniskontrollen. Im Spiegel-Artikel wird nun besonders auf den Kontroll-Aspekt der agilen Organisation abgehoben, ohne dieses Prinzip aber näher zu erläutern. So heißt es im Spiegel: “Wer hier arbeitet, muss bereit sein, sich auf volle Kontrolle einzulassen. Der Lohn dafür ist Mitbestimmung.” Weiter heißt es im Spiegel:

“Vor acht Jahren hat Seibert begonnen, sein klassisches Unternehmen umzuwandeln. Seither lässt er jeden Mitarbeiter und jeden Kunden online beobachten, ob die Teams ihre selbstgesteckten Ziele erreichen. Sie nutzen dafür ein einfaches Diagramm: Eine blaue Linie zeigt, welche Arbeit getan werden soll. Eine rote, wieviel geschafft ist. Große Lücken werfen Fragen auf – auch in der Belegschaft. Denn alle Beschäftigten sind am Gewinn beteiligt. Nach der Umstellung mussten bei Seibert Media einige Mitarbeiter gehen. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Überflüssig, sagt Seibert.”

So entsteht der Eindruck einer Big-Brother-Firma, in der die totale Überwachung der Mitarbeiter an der Tagesordnung ist. Im Firmenblog wehrt sich Seibert Media entschieden gegen diese Darstellung und auch gegen die Behauptung, wegen der Umstellung seien Leute entlassen worden:

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„Eine Umstellung von traditioneller Organisation auf agile Methoden hat nichts mit Arbeitsplätzen zu tun, sondern mit der Planung und Umsetzung von Software-Projekten. Dafür kann man niemanden rausschmeißen. Das ist hier nicht passiert und wurde auch in keinem Gespräch gesagt. Diese Darstellung ist einfach Quatsch. Es passt aber offenbar schön plakativ.“

In dem Spiegel-Artikel werden zwar keine falschen Behauptungen aufgestellt. Aber offenbar wird das Arbeitsprinzip Firma eben auch nicht richtig dargestellt. Es entsteht der Eindruck, dass die Erlebnisse der Reporterin vor Ort so zurechtgerückt wurden, dass sie in den Kontext der Artikel-These passen. “Zugespitzt” heißt das dann in der Medien-Fachsprache.

Im Blog wird eine Antwortmail der zuständigen Spiegel-Redakteurin dokumentiert. Sie schreibt zu der Kritik an dem Artikel:

“Wir haben alle Unternehmen, die wir für diese Geschichte besucht haben, kritisch und aus Arbeitnehmerperspektive betrachtet. Dass dies der Anlass meines Besuchs bei Ihnen ist, habe ich Ihnen gesagt. Sie haben aber Recht damit, dass der Text durch eine starke Raffung in der Redaktion eine Zuspitzung bekommen hat. In einer längeren Version war sowohl das Agile-Konzept als auch unsere Unterhaltung über den Betriebsrat ausführlicher erläutert.

Doch dies ist bestimmt nicht der letzte Artikel, den wir über die Herausforderung einer digitalen Wirtschaft schreiben werden. Wenn Sie einverstanden sind, melde ich mich bei Ihnen, wenn wir uns wieder innovativen Unternehmenskonzepten widmen.”

So eine Art “Hoppala, mehr Glück beim nächsten Mal”. Wenn die betroffene Firma auf ein nächstes Mal keine Lust hat, wäre das verständlich.

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Alle Kommentare

  1. Hätte der Spiegel ja mal bei sich im Haus nachgucken können und ein paar Freie interviewen. Schlechtes Honorar, voller Kantinenpreis dafür aber Fehlanzeige bei Mitbestimmung und Gewinnbeteiligung.

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