Anzeige

„Humor gehört zum Geschäftsmodell“ – Chefredakteur Klaus Boldt über sein erstes Jahr mit Bilanz

Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt
Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt

Bilanz feiert seinen ersten Geburtstag. Zum einjährigen bekommt das Wirtschaftsmagazin, das einmnal im Monat Springers Tageszeitung Die Welt beiliegt, ein bisschen Unabhängigkeit geschenkt. Ab Samstag lieg Bilanz auch eigenständig am Kiosk, zum Heftpreis von drei Euro. Zum ersten Jahrestag sprach MEEDIA mit Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt über Sprachmüll, ironische Distanz, "Brand"-Hanswürste und seinen größten Feind: die Langeweile.

Anzeige
Anzeige

Ein Jahr Bilanz: Wie fällt die Bilanz für Bilanz aus?

Ich glaube, sie fällt recht gut aus. Wir konnten eine Reihe von echten Treffern landen: Unsere Geschichten über die Steuertricksereien der Familie Porsche zum Beispiel, das Sparprogramm bei VW, die Netzangriffe auf deutsche Unternehmen, den Einstieg von Bill Gates in die Biotechnik-Sparte von Dietmar Hopp oder der Bericht über den Niedergang der Marke Kettler im neuen Heft – das sind schon richtig starke Stücke.

Was macht Bilanz anders als die Konkurrenz?

Wir sind jünger, weiblicher, moderner, manchmal vielleicht sogar modischer als die Konkurrenz. Wir haben keine Angst vor Moden. Wir sind schneller und wir verbessern und verändern Dinge, sobald dies möglich ist. Wir halten nichts von langer Warterei und ständigem Abwägen. Wir sehen besser aus, behaupte ich einmal ganz dreist, und wir sind vor allem viel größer: Bilanz erscheint in einer Auflage von über 200.000 Exemplaren. Als Magazin in der Welt haben wir ein großes, anspruchsvolles Publikum mit sehr unterschiedlichen Interessen. Bilanz betreibt klassischen Wirtschaftsjournalismus. Das heißt, wir enthüllen, wir tadeln, wir überraschen, kurz: Wir sind relevant. Aber wir sind noch mehr: nämlich entschlossen, unsere Leser richtig gut zu unterhalten, ihnen Spaß und Freude zu bereiten. Humor gehört zu unserem Geschäftsmodell. Wir neigen hie und da zur Exzentrik, wir sind ein wenig britisch, vielleicht sogar ein bisschen marottenhaft und sehr profilbewusst und definieren uns durchaus als nicht dem „Mainstream“ zugehörig. Wir wollen weder schulmeistern noch moralisieren, sondern unsere Leser unterhalten oder doch zumindest nicht langweilen. Die sollen eine Siemens-Geschichte mit derselben Spannung zu Ende lesen und die nächste BASF-Story mit derselben Sehnsucht erwarten wie eine Reportage im Spiegel oder im Sportteil der SZ. Aufgrund der Tatsache, dass wir keine jahrzehntealte Leser- und Stammkundschaft haben, die wir vergraulen oder verprellen könnten, verfügen wir darüber hinaus über große gestalterische und inhaltliche Freiheiten – und den Willen, diese auch ausgiebig zu nutzen.

Mein Ehrgeiz ist es, das wir das Feld des Wirtschaftsjournalismus erweitern und auch andere, neue, frische Stimmen zu Wort kommen lassen, nicht nur die Veteranen der Innung, die womöglich ihr Leben lang nur Geschäftsberichte rezensiert haben. Der Feuilletonist Matthias Matussek ist ein schönes Beispiel dafür. Er hat für uns ein hartes Mann-zu-Mann-Gespräch mit Hartmut Mehdorn geführt und in ein achtseitiges Stück zartester Literatur über seine Hungerkur in der Buchingerklink am Bodensee geschrieben. Großartig! Oder Philipp Selldorf von der SZ, Deutschlands sprachgewaltigster Sportreporter. Er hat für Bilanz zwei wundervolle Porträts verfasst, eines über den früheren Bayer-Vorstand Werner Spinner, der heute dem 1. FC Köln präsidiert, und ein anderes über den Fleischfabrikanten und Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Toennies, wunderbar. Das führt mich zu einem anderen Punkt: Wir arbeiten gerne und häufig mit namhaften freien Autoren zusammen, die einen neuen Klang ins Orchester tragen. Wirtschaftsjournalismus ist ja keine Geheim- oder Raketenwissenschaft, auch wenn die Gilde zur Abschottung und Eigen-Idealisierung neigt. Es ist mir extrem wichtig, dass wir junge, talentierte Schreiber neben großen Autoren im Blatt haben.

Und natürlich und nicht zuletzt sind wir auch gestalterisch unverwechselbar. Ganz bewusst habe ich die Artdirektion nicht mit einer Kraft aus dem Wirtschaftsjournalismus besetzt, womöglich noch mit dem, was man einen „alten Fahrensmann“ nennt, sondern, im Gegenteil, mit einer Fachfremden beziehungsweise einer Frau, die eine Gewähr dafür bietet, Bilanz auch optisch zu einer echten Bereicherung und Neuerung in der Wirtschaftspresse zu machen. Katja Kollmann kam vom Zeit Magazin. Sie ist eine der meist ausgezeichneten und zweifellos profiliertesten Artdirektoren des Landes. Die Frage ist manchmal gar nicht so sehr, was Bilanz von der Konkurrenz unterscheidet, sondern was wir mit ihr eigentlich noch gemein haben. Und unser Konzept kommt an: 96 Prozent der Welt-Käufer haben die Bilanz genutzt und 88 Prozent gefällt das Magazin. Im vergangenen Jahr wurde Bilanz vom Wirtschaftsjournalisten zur „Redaktion des Jahres“ ernannt. Auf diese Auszeichnung sind wir sehr stolz, sie ist ein großer Ansporn.

Was macht Bilanz schlechter als andere und was besser?

Was wir schlechter machen, fällt mir im Moment nicht ein. Klar, manchmal ärgere ich mich darüber, wenn das Manager Magazin eine gute Geschichte im Blatt hat, die auch uns geschmückt hätte. Aber ich bin zu alt, um mich noch ständig über Geschichten aufzuregen, die mir durch die Lappen gegangen sind. Ich sage: mia san mia. Wir sind nicht Konkurrenz-fixiert. Was wir besser machen? Bilanz bietet eine schreiberische und erzählerische Qualität und thematische Vielfalt, wie man sie im Traditionsgeschäft des Wirtschaftsjournalismus nicht häufig findet, wo man wegen der, zugegebenermaßen, meist vielschichtigen Materie, vor allem aber der Bequemlichkeit wegen auf Sprachschablonen, Stereotypen und Dramaturgie-Fertigteile zurückgreift: „Gewinnziele kassieren“, „Innovationen auf die Rampe schieben“, „Ertragsperlen“, „Bilanzen verhageln“, „erodierende Erlöse“ – all diesen Sprachmüll wird man in der Bilanz ebenso wenig finden wie hanebüchene Anglizismen oder englischsprachigen Unfug als provinzielles Modernitäts-Chichi. Wir verstehen uns durchaus als Forum für Führungskräfte, bewahren uns aber dennoch eine – gerne manchmal auch ironische – Distanz zu den Objekten unserer Berichterstattung. Das Spreiz-, Pracht- und Verschleierungsvokabular der Wirtschaftseliten plappern wir nicht nach, und ihr Imponiergehabe und ihre Wichtigkeitsrituale behandeln wir grundsätzlich mit der nötigen Respektlosigkeit. Niemals kämen wir etwa auf die Idee, eilfertig Marken- oder Warenzeichen imitieren und abdrucken zu wollen und Iphone womöglich mit kleinem „ i“ oder Thyssen-Krupp ohne Bindestrich und statt dessen mit großem „K“ in der Mitte zu schreiben, nur weil es irgendwelchen „Brand“-Hanswürsten jener Unternehmen gerade so in den Kram passt. Die Pflicht zur Beobachtung, beziehungsweise Lektüre der Konkurrenzpublikationen mitsamt ihrem Bierernst, ihren Sprachschludereien und ihrer völligen Humorlosigkeit empfinde ich bisweilen vielleicht nicht gerade als Strafe, aber durchaus als Mühsal. Freude spüre ich bei anderen Wirtschaftstiteln selten.

Jetzt kommt Bilanz auch noch an den Kiosk. Warum sollen Manager und Wirtschaftsinteressierte Geld für Bilanz ausgeben, wenn sie es schon bei der Konkurrenz immer weniger machen?

Bilanz ist und bleibt ein Magazin in der Welt. In dieser Rolle fühlen wir uns sauwohl, aus ihr schöpfen wir unsere publizistische und wirtschaftliche Kraft. Der Kiosk bietet andere Vorteile: Wir sind nun nicht mehr schon nach einem Tag vom Markt verschwunden wie eine Tageszeitung, sondern zeigen mehrere Wochen lang Präsenz. Was sowohl uns als Journalisten als auch den Anzeigenkunden nicht unrecht sein kann, weil sich die Wirkungsdauer eines Artikels aber auch einer Anzeige dadurch zumindest nicht verkürzt.

Anzeige

Warum bietet Bilanz im Web nur ein so schmales Angebot? Ist die Zielgruppe nicht im höchsten Maße mobil und deshalb immer auf der Suche nach guten Story und gehaltvoller Zerstreuung?

Ja, klar, und sie findet ja auch gute Stories und gehaltvolle Zerstreuung in Mengen, die rau sind. Es erscheint mir wirtschaftlich wenig sinnvoll und journalistisch uninteressant, wenn wir dazu beitragen, dieses Angebot noch weiter aufzuschütten. Aber natürlich haben Sie recht, der Umfang dessen, was wir im Netz bieten, ist schmal. Im Laufe des Jahres wollen wir unsere Präsenz im Internet ausbauen: Welche Gestalt sie annimmt, darüber diskutieren wir zurzeit. Sicher ist: Wir wollen unseren eigenen Weg gehen.

Wir als Mediendienst sind immer etwas traurig, dass die großen Medienunternehmen in Bilanz so selten vorkommen. Ist die Verlags- und Entertainment-Industrie nicht mehr interessant genug?

Kopf hoch, so selten ist das gar nicht: Wir haben in unseren bislang zehn Ausgaben über die wirtschaftlichen Probleme des Jahreszeitenverlags berichtet, über das Elend beim Spiegel und über die Flugreisetätigkeit von Bertelsmann-Chef Rabe und hatten außerdem ein, ich glaube, sechsseitiges Interview mit P7S1-Chef Thomas Ebeling im Heft.

Sie als Verlags- und Wirtschaftsprofi. Wie schätzen Sie die mittelfristige Entwicklung der deutschen Medienlandschaft ein?

Da enthalte ich mich jeder Weissagung. Den meisten Medienhäusern geht es besser als ihre Außendarstellung vermuten lässt.

Wie viele Wirtschaftsmagazine liegen in drei Jahren noch am Kiosk?

Keine Ahnung. Unsere Branche befindet sich sozusagen in einem nachrevolutionären Naturzustand. Dass der Markt in Rüttelbewegungen geraten ist, wird niemand bestreiten. Aber Totgesagte leben länger, und solange es den Journalisten gelingt, gute Geschichten zu erzählen, die bedeutsam sind, wird es immer Leute geben, die sie lesen und die dafür auch bezahlen wollen. Journalistische Angebote müssen grundsätzlich dort verfügbar sein, wo der Leser sie nutzen will. Ich würde einmal sagen: Das ist in drei Jahren überall. Auch deshalb wollen wir unseren Internet-Auftritt ausbauen. Wenn ich an irgendetwas glaube in unserem Beruf, dann daran, dass journalistische Qualität den Erfolg ausmacht und nichts anderes.

Die Fragen an Klaus Boldt wurden via E-Mail gestellt.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*