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Springers Shitstorm-erprobter neuer Digital-Guru: Who the F… is Christopher Lauer?

Die Gesichter des Christopher Lauer: von Facebook (unten rechts, Ben de Biel ), Twitter (Ben de Biel) und der Springer-Pressestelle (links)
Die Gesichter des Christopher Lauer: von Facebook (unten rechts, Ben de Biel ), Twitter (Ben de Biel) und der Springer-Pressestelle (links)

Springer verpflichtet einen neuen Berater und das Netz dreht durch. Doch wer ist dieser Christopher Lauer, der Ex-Pirat mit der Nerd-Brille, den der Verlag aus dem Berliner Senat heraus verpflichtet hat und bereits nach wenigen Monaten befördert? Fest steht: Lauer bekennt sich zu seiner ADHS-Erkrankung, entwickelte das politische Konzept der Liquid Democracy und galt selbst unter seinen Piraten-Kameraden als verhaltensauffällig.

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Lauers Karriere ist vor allem erst einmal eine politische. Wenn auch nicht im Sinne der alten Bonner Republik. Dabei ist der heute 30-Jährige in Bonn aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abi studierte er in Berlin und im chinesischen Hangzhou, um dann vor allem mit und in der Piraten-Partei Karriere zu machen. Wie Lauer in einem Interview mit Sascha Lobo und der FAS später erzählte, war ein Praktikum im Wirtschaftsministerium 2009, direkt nach seiner Rückkehr aus China, einer der wichtigsten Treiber, sich der damals noch jungen Piraten-Bewegung anzuschließen. Wirtschaftsminister damals: Karl Theodor zu Guttenberg.

Während des kometenhaften Aufstieges der neuen politischen Kraft, saß der Student Lauer an zwei wichtigen Knotenpunkten: Er gehörte zur einflussreichen Gruppe der Berliner Piraten und kümmerte sich um die Implementierung der Liquid-Democracy-Software „LiquidFeedback“. Vor allem mit Hilfe dieses basisdemokratischen Online-Tools wollten die Piraten die politische Kultur verändern oder – ganz neudeutsch – updaten.

Lauers nimmermüder Wahlkampf-Einsatz, sein Instinkt für den richtigen Moment (wie bei der Suche nach einem neuen politischen Geschäftsführer 2010, als er einfach in einer Telko sagte: „ich mach das jetzt“), aber auch sein Geltungsdrang brachten dem Wahl-Berliner schon früh den Ruf des „Joschka Fischer der Piraten“ (Welt) ein.

Selbst äußerlich ließ sich eine gewisse Nähe zu Fischer konstruieren. Ähnlich wie der Ober-Realo der Grünen zeigte sich auch der Berliner Pirat schon früh mit Sakko oder Anzug in der Öffentlichkeit, während seine Parteifreunde noch Kapuzenpullis und ausgewaschene T-Shirts auftrugen.

Zudem teilt Lauer noch eine weitere Fähigkeit mit dem ehemaligen Frankfurter Straßenkämpfer, der es später gar zum Außenminister brachte: beide polarisieren. Immer. Egal, was sie anpacken oder lassen. Bestes Beispiel dafür ist Lauers ADHS-Outing. Mit maximaler Transparenz hatte er sich in seinem Blog zu der Diagnose bekannt („Ich habe ADHS – und das ist auch gut so“). So weit so mutig. Was Lauer dann aber wieder von Teilen der Partei übel genommen wurde, war seine anschließende Tingeltour durch die Talkshows von Lanz bis Stuckrad-Barre. Bei jedem anderem Politiker wäre ein solches Verhalten als klassische PR-Maßnahmen wohl klaglos hingenommen worden.

Das Ende der politische Karriere eines der „größten Talente der Piraten Partei“ läutete eine mittlerweile fast schon legendäre Droh-SMS ein. Im Streit mit dem damaligen politischen Geschäftsführer, Johannes Ponader, hatte der neue Springer-Berater gesimst: „Wenn Du bis morgen 12:00 Uhr nicht zurückgetreten bist, knallt es ganz gewaltig“. Ponander veröffentlichte die SMS und Lauer stand als allzu aggressiver Politiker da.

Nach weiteren kleineren und großen Aufregern, Meutereien und Putschvorwürfen schmiss Lauer im Herbst des vergangenen Jahres dann seinen Job als Fraktionsvorsitzender der Berliner Piraten selbst hin und trat gleichzeitig aus der Partei aus. Seine Karriere, die ihn innerhalb weniger Jahre zum Bundesgeschäftsführer, Fraktionschef und Landesvorsitzenden gemacht hatte, war vorbei. Spätere knappe Erklärung für den Rückzug aus der Piraten-Partei: „Ich habe das nicht mehr ertragen“.

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Damit wurde der Weg frei für den nächsten Karriere-Schritt. Bei Axel Springer. Jenem Medienhaus, das auch wegen des Leistungsschutzrechtes (LSR) nicht wenigen Piraten-Politikern zum Feindbild taugt. Schon seitJanuar beriet Lauer das Medienhaus in Sachen Datenschutz. Ganz transparent schrieb er dazu auf seiner Homepage: „Für eine Beratung der Axel Springer SE in Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit erhalte ich monatlich ein Honorar der Stufe 2“. Unter „Stufe 2“ sind „Einkünfte in Höhe von bis zu 7.000 Euro zu verstehen“.

Nun firmiert Lauer bei Springer als Leiter strategische Innovationen. Dabei soll er internationale technologische Trends “beobachten und auswerten sowie Impulse für neue Entwicklungen in den für Axel Springer relevanten digitalen Märkten geben“, wie es in einer Mitteilung des Verlages heißt. Wie viel ihm sein neuer Job einbringt, hat er jedoch noch nicht nachgetragen.

Der Verlag beweist mit dieser Personalie einmal mehr, dass es ihm längst mehr um Know-How und Köpfe und weniger um Ideologie geht. Spannend wird es allemal sein zu beobachten, wie der Urheberechtsexperte und Transparenz-Anhänger mit dem LSR-Mastermind Christoph Keese zusammenarbeitet.

Bereits ein kurzer Blick auf Twitter zu Lauers neuem Springer-Job zeigt noch einmal eindrücklich, wie stark er noch immer polarisiert. Alleine der Name des 30-Jährigen triggert auf der Gefühlskala vieler Piraten noch immer ausschließlich die Bereiche Wut und Empörung. Eine Auswahl typischer 140-Zeichen-Kommentare nach Bekanntwerden seines neuen Jobs bewegt sich zwischen „Zur Ehrenrettung der #Piratenpartei sei gesagt, dass @Schmidtlepp dort ungefähr so beliebt war wie … #springer“ oder „Da schläft sich jemand hoch! Na zum Glück ist es ein Ex-Pirat bei einer Ex-Zeitung für ernsthaften Journalismus“.

Ebenfalls schwankend, nur diesmal zwischen Pragmatismus und Ironie liest sich die Einschätzung des bekannten Bloggers und Chaos Computer Club-Kopfes Felix von Leitner: „Soll noch mal jemand sagen, die Piraten seien unprofessionell! Die Grünen haben länger gebraucht für eine ordentliche Drehtür…“, schreibt er in seinem Blog.

Bislang ist Lauer nicht nur Springer-Mitarbeiter, sondern noch immer auch Politiker.

Verbrieft ist aber auch, dass er längst die Lust an seinem Politiker-Job verloren zu haben scheint. So soll er in der vergangenen Woche im Innenausschuss durchblicken haben lassen, dass er froh wäre, wenn er nicht mehr dabei wäre. Noch müsse er aber weitermachen – unter anderem aus Mangel an Nachrückern.

Und wie reagiert Lauer auf den neuerlichen Wirbel um seine Person und seinen neuen Job bei Springer? Natürlich via Twitter. Und zwar maximal kurz: „Läuft“, zwitscherte er nur. Und wieder polarisiert er. Wie meint Lauer das nun jetzt? Lakonisch, ironisch oder etwa ernst?

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Alle Kommentare

  1. Christopher Lauer war, anders als von Meedia dargestellt, nie Mitglied des Berliner Senats. Sein bisher einziges Mandat ist das eines Mitglieds im Abgeordnetenhaus (MdA), zuletzt als Fraktionsloser. Somit ist er auch nicht, wie von Meedia behauptet, im Hauptberuf Politiker. Denn das Berliner Abgeordnetenhaus arbeitet in Teilzeit, was abwertend auch „Feierabendparlament“ genannt wird.

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