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Augstein-Erben vor Anteilsverkauf: die schlechte und die gute Nachricht für den Spiegel

Jakob Augstein steht vor dem Verkauf seiner Spiegel-Anteile, G+J-Chefin Julia Jäkel scheint an einer Übernahme interessiert
Jakob Augstein steht vor dem Verkauf seiner Spiegel-Anteile, G+J-Chefin Julia Jäkel scheint an einer Übernahme interessiert

Drei der vier Erben des Gründers Rudolf Augstein wollen sich von ihrer Beteiligung an der Spiegel-Gruppe trennen, Gruner + Jahr stehe als Käufer bereit: Mit dieser Meldung sorgte Horizont am Mittwoch für die Mediennews der Woche. Auch wenn es dafür keine Bestätigung gibt, ist diese Variante zu naheliegend, um unwahr zu sein. Für den Spiegel liegt darin eine Chance – und ebenso ein Problem.

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Auf Nachfrage geben sich die mutmaßlichen Verhandlungspartner in spe einsilbig. Jakob Augstein, Sprecher der Erbengemeinschaft, erklärt auf MEEDIA-Anfrage, es handele sich „um Spekulationen“, an denen er sich „nicht beteiligen“ werde. G+J-Kommunikationschef Frank Thomsen sagt: „Wir kommentieren das nicht.“ Ein Dementi klingt anders, und wer dann noch die Äußerung von Franziska Augstein gegenüber Horizont.net („Was immer passiert: Ich verkaufe nicht“) in die Bewertung des Sachverhalts einfließen lässt, ahnt, dass es sich hier kaum um eine vorüber gehende Laune der Nachkommen Rudolf Augsteins handelt. Der Wille scheint da, die Option ernsthafter Gespräche real, auch wenn in einem so frühen Stadium völlig unklar ist, ob und wann es tatsächlich zum Verkauf kommen wird.

Schon deswegen ist die erste Konsequenz der Veröffentlichung der Verkaufsabsichten eine negative: Der Spiegel, nach monatelangen und an Selbstzerfleischung grenzenden Machtkämpfe eben erst befriedet, gerät erneut in Unruhe. Die Frage nach dem Warum eines bevorstehenden Ausstiegs langjähriger Gesellschafter lenkt die Aufmerksamkeit drinnen wie in der Branche auf die Zahlen des Nachrichtenmagazins. Nur 20 Millionen Euro Gewinn hat die Gruppe laut Horizont 2014 erwirtschaftet und wäre damit auf Schrumpfkurs. Eingeweihte erinnert dies an die von Ex-Geschäftsführer Ove Saffe während des Konflikts um das Digitalisierungskonzept gegenüber den Gesellschaftern vorgetragene Berechnung, wonach der Spiegel bei gleichbleibender Marktentwicklung innerhalb von drei bis fünf Jahren ins Minus rutschen könnte. Nur logisch, dass dies Anteilseigner, die aufgrund der Gesellschaftskonstruktion keinen Einfluss auf strategische Entscheidungen nehmen können, alarmiert und Ausstiegs-Phantasien beflügelt: wenn nicht jetzt, wann dann? Und natürlich wäre – wie schon beim jahrelangen Orakeln über die Abkehr der Jahr-Familie von Gruner + Jahr – eine Lesart in der Branche auch: Die Erben verlassen das wirtschaftlich sinkende Schiff.

Zumindest bei drei der vier Erben, die insgesamt 24 Prozent der Anteile halten, dürfte es vor allem eine Frage des Preises sein, der in Verhandlungen durchsetzbar wäre. Bei Jakob Augstein, selbst Verleger (Der Freitag), kommt vermutlich Frust hinzu: Er hatte sich während der Auseinandersetzungen klar auf die Seite der Reformer geschlagen und eine enge Verzahnung von Heftredaktion und Spiegel Online favorisiert. Als leidenschaftlicher Journalist, profilierter Kommentator und politischer Kopf („Im Zweifel links“) wäre er durchaus auch für tragende operative Rolle beim Spiegel in Frage gekommen, etwa als Herausgeber oder Chefredakteur. Nicht wenige hätten ihn gern auf einer dieser Positionen gesehen, wohl auch in der Hoffnung, allein mit dem Namen dem alten Spiegel-Nimbus zu neuem Glanz zu verhelfen.

Jakob Augstein hat derlei Ambitionen auf Nachfrage stets weit von sich gewiesen. Die Wahrheit ist aber auch: Er hätte im Fall der Fälle weder den Rückhalt der Mitarbeiter KG noch den von Gruner +Jahr und damit ohnehin keine Chance gehabt. Bei den schließlich getroffenen Entscheidungen (Demission von Chefredakteur Wolfgang Büchner, Ausscheiden von GF Ove Saffe sowie Verzicht auf gemeinsame Ressortleitungen Print / Digital) wurde dann im Grunde das Gegenteil von dem umgesetzt, wofür Jakob Augstein sich stark gemacht hatte. Wer könnte es ihm verdenken, wenn er sich als Gesellschafter zurückzöge? Dennoch: Es wäre auch ein Verlust und das Ende einer Ära.

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Gruner + Jahr ist im allem Anschein nach anstehenden Verkaufspoker um zusätzliche 18 Prozent Spiegel-Anteile (25,5 besitzt man ja bereits) in einer starken Position. Schon jetzt kann niemand an G+J vorbei, wenn es um die Spiegel-Strategie geht. De facto würde sich daran nichts ändern, doch die gefühlte Machtposition wäre eine andere: Mit dann 43,5 Prozent wäre das Zeitschriftenhaus am Baumwall der Augenhöhe mit der Mitarbeiter KG ein ganzes Stück näher. Zugleich wird man es bei Gruner nicht eilig haben, wenn die Konditionen nicht stimmen: Die Anteile der Erben werden voraussichtlich Jahr für Jahr weniger wert sein, was den Druck auf die Verkaufswilligen erhöht.

Davon abgesehen gibt es neben G+J eigentlich keinen vorstellbaren Kandidaten für den Erwerb. Andere Verlage (z.B. Axelspringer oder die Bauer Media Group) kommen bereits aufgrund einer Klausel im Gesellschafter-Vertrag nicht in Frage, jeder weitere mögliche Interessent könnte von Gruner abgelehnt werden. G+J-Chefin Julia Jäkel und ihr Management können also in aller Ruhe sondieren. Dass bei günstiger Gelegenheit genügend Kapital und der Segen des Mutterkonzerns Bertelsmann zu haben wären, ist überaus wahrscheinlich: Es passt zum generellen Investitions-Versprechen der Gütersloher ebenso wie zum Bekenntnis der Hamburger, weiter auf hochwertigen Magazin-Journalismus zu setzen. Ob der Preis für die 18 Prozent dann letztlich bei über 30, oder doch näher an 20 Millionen Euro liegen würde, ist Verhandlungssache. Man wird sich schon einig werden.

Auf lange Sicht, und das ist die gute Nachricht, würde die Neuordnung der Anteile dem Spiegel wie dem Minderheitsgesellschafter neue Chancen eröffnen. Schon die Auseinandersetzungen in der Ära von Wolfgang Büchner haben gezeigt, dass sich die mächtige KG mit den „stillen Gesellschaftern“ in schweren Zeiten selbst im Weg steht. Die Selbstverwaltung und -kontrolle stößt bei existenziellen Richtungsentscheidungen an ihre Grenzen. Gruner + Jahr könnte hier künftig eine aktivere Rolle zukommen. Das Verhältnis zwischen Ex-KG-Sprecher und Neu-Geschäftsführer Thomas Hass und G+J-Chefin Julia Jäkel gilt als ausgesprochen konstruktiv, und doch wirkten die Gesellschafter in der Büchner-Krise angesichts einer überaus selbstbewussten Redaktion wie gelähmt.

In den kommenden Jahren wird Hass einschneidende Maßnahmen zu treffen haben und sich dabei sicher auch auf die Expertise von G+J stützen. Das Wachstumspotenzial ist da, allerdings unter der Voraussetzung, dass sich der Spiegel dem Strukturwandel nicht verschließt. Hass als Geschäftsführer muss gegen Verhinderer im eigenen Lager gestalten und eine Reformpolitik konsequent durchsetzen. Schon deshalb, weil er eins im eigenen Interesse unbedingt vermeiden muss: dass die Spiegel-Bilanz mittelfristig ins Minus rutscht. Denn dann müssten rein rechnerisch die in der KG organisierten Mitarbeiter Verluste aus ihrem Privatvermögen ausgleichen – nicht auszuschließen, dass danach sogar der Mehrheitsanteil am Spiegel zum Verkauf stünde.

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