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Stern.de-Macher Philipp Jessen: Mit „Netflix-Journalismus“ zum Erfolg

Seit 1. November 2014 Chefredakteur von stern.de: Philipp Jessen
Seit 1. November 2014 Chefredakteur von stern.de: Philipp Jessen

Mit dem Wechsel in der Stern-Chefredaktion ging auch eine Neubesetzung bei stern.de daher. Seit Ende vergangenen Jahres setzt Philipp Jessen dort auf eine neue journalistische Philosophie und wähnt Gruners Vorzeige-Portal auf dem Weg zum digitalen "Echtzeit-Magazin". Der Klick-Erfolg gibt dem 37-Jährigen Recht.

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Seit stern.de im November vergangenen Jahres einen neuen Chefredakteur bekam, ging es mit dem Traffic stetig bergauf. Philipp Jessen residiert in einem Büro gleich gegenüber der Printchefredaktion mit stern-Blattmacher Christian Krug und seinem Vize Thomas Ammann. Die Wege sind buchstäblich kurz. Man tauscht sich aus, verlängert Printthemen in Online-Stories, wirbt digital für Highlights des Heftes. Das ehrgeizige Nahziel der Web-Mannschaft prangt hinter Jessens Schreibtisch in großen Zahlen auf der flächendeckenden Pinnwand: 40.000.000 Visits. Im März haben er und sein Team die Schallmauer nur um wenige tausend Seitenbesuche verfehlt; insgesamt wächst stern.de aber schneller als jedes andere News-Portal im direkten Wettbewerb.

Über sein Erfolgsrezept sagt Digital-Chef Jessen: „Wir haben uns inhaltlich neu ausgerichtet. Stern.de war manchmal zu indifferent. Wir haben das Profil geschärft. Und setzen jetzt thematisch andere und klarere Schwerpunkte.“ Wie das im Alltagsbetrieb funktioniert, erklärt er so: „Wir wählen aus dem gesamten breiten Themenspektrum der Stern-Welt, fokussieren uns dabei aber jeden Tag aufs Neue ganz extrem auf einzelne Themenkomplexe. Wir erzählen unser Thema des Tages in allen Facetten – über den gesamten Tag verteilt. Zum Teil entkoppeln wir uns stark vom normalen, aktuellen Newsflow, um eine Geschichte, die gerade läuft, auszuerzählen.“

Für diese Form von Storytelling hat Philipp Jessen einen eigenen Begriff kreiert, er nennt es „Netflix-Journalismus“ und sagt: „Die neue Erzählweise wird von unseren Usern extrem gut angenommen.“ Das Video-on-Demand-Portal aus den USA hat in den vergangenen Jahren mit ambitionierten Eigenproduktionen beachtlichen Erfolg und aus Jessens Sicht „Leute mit hochwertigen Inhalten buchstäblich süchtig gemacht“. Er ist überzeugt: „Das lässt sich auch für den Journalismus adaptieren.“ Konkret heißt das für ihn: „Wir nehmen ein Thema, das kann bei uns Helmut Schmidt, Pegida, eine Tragödie wie Germanwings, aber auch das Dschungelcamp sein, und beleuchten es von allen Seiten. Die User werden bei uns in Serie wirklich umfassend informiert. Und im Falle des Dschungelcamps bestens unterhalten.“

Genau genommen machen die Portal-Verantwortlichen der G+J-Wundertüte dabei aus der Not eine Tugend. Schon immer fristete stern.de in Relation zur Relevanz und Marktgröße der Marke mit den Zacken ein Schattendasein. Als die erste große Welle der Digitalisierung über die Verlage schwappte, fehlte es am Baumwall an Investitionsmitteln wie der notwendigen strategischen Überzeugung des Top-Managements, neben dem Print-Tanker Stern langfristig ein Online-Pendant mit vergleichbarer Durchschlagskraft zu installieren. Während Spiegel Online systematisch hochgerüstet und erster Marktführer der Nachrichtenwelt im Web wurde, kümmerten sich bei stern.de gerade eine Handvoll Redakteure um die News-Seite. Später wurde die Mannschaft auf 60 Leute aufgestockt, um einige Zeit danach wegen ausbleibender Profitabilität wieder dezimiert zu werden. Heute umfasst das Team laut Jessen 45 Mitarbeiter, die ihren Job im Schichtdienst erledigen und gerade auf ein Viertel der Personalstärke von Spiegel Online kommen. Da gibt es gute Gründe, das Kräftemessen mit der digitalen Übermacht auf Schwerpunkte und Einzelthemen zu konzentrieren, statt an allen Nachrichtenfronten in den Wettbewerb mit den langjährigen Marktführern der Branche zu treten.

Jessens „Warroom“ liegt im Erdgeschoss, ein vom Eingangsbereich aus gut sichtbarer Glaskasten. An dessen Fenstern prangen seit kurzem knallige stern-Logos als Zeichen des (wieder-)erwachten Selbstbewusstseins der Digitalredaktion. Das ist erstaunlich, war der neue Chef von manchen Stern-Redakteuren doch zunächst misstrauisch beäugt worden: Einer, der von Gala kommt, früher für Bravo oder Bild gewirkt hat. Hört man sich heute um, ist die Kritik längst einem professionellen Respekt gewichen. Man macht sich gemeinsam an die Arbeit, und davon gibt es täglich mehr als genug. In dem Großraum steht Schreibtisch an Schreibtisch, über Flachbildschirme flackern TV-News und sich in Schleife abwechselnde News-Seiten. Hier werden die Themen in allen Facetten bearbeitet, von denen das Team glaubt, dass sie für die Leser am interessantesten sind. Und wenn sich, wie nach dem Absturz der Germanwings-Maschine, die Nachrichten überschlagen, ist Jessen wenn’s sein muss, rund um die Uhr präsent, um Geschichten anzuschieben und das Portal zu steuern.

In der Gesamtheit entsteht so nach Überzeugung des Chefredakteurs ein „Echtzeit-Magazin“, dass er auf einer Linie mit der Strategie der Heft-Köpfe sieht. Es schließe an den Claim des Sterns als ‚Reporter-Magazin‘ an, den Gesamtchefredakteur Christian Krug formuliert hat. Jessen: „Wir wollen diesen Anspruch des Mutterhefts selbstverständlich auch digital einlösen – allerdings, dem Medium angemessen, in Echtzeit.“ Einschränkend fügt er hinzu: „Eins ist natürlich klar, es ist noch ein langer Weg, bis wir allen unseren Ansprüchen zu 100% gerecht werden können.“

Für den früheren Stellvertretenden Gala-Chefredakteur ist der Wechsel in die Welt der Klicks und Visits eine faszinierende Erfahrung. Hier zeigen die Nutzer unmittelbar an, was sie wollen und „erziehen“ damit Redaktionen, den Lesebedürfnissen durch immer neue Stoffe zum Thema nachzukommen. Jessen beschreibt den Workflow so: „Erst antizipieren wir, ganz klassisch, in unseren morgendlichen Runden was an diesem Tag für unsere Leser interessant sein kann. Das gleichen wir dann über den Tag mit den Zahlen permanent ab.“ Aber: „Reichweite ist nicht das einzige Kriterium. Die Unruhen in Ferguson haben beispielsweise niemanden so richtig interessiert. Wir haben das Thema trotzdem ausführlich gespielt. Weil wir es wichtig fanden. Und es einfach in die Stern-Welt gehört. Auch wenn es nicht funktioniert nehmen wir für so ein Thema einen weniger klick-reichen Tag in Kauf. Weil es journalistisch richtig und wichtig ist. Wenn es eine Mega-Lage gibt wie nach dem Germanwings-Absturz oder nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo, richten wir die Seite fast komplett monothematisch aus. Es ist unsere Pflicht in so einer Situation, umfassend, kompetent und schnell zu berichten.“

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Nach seiner Erfahrung ist das Reagieren auf Breaking News keineswegs der einzige Weg, Themen erfolgreich zu platzieren. So habe das Gesundheitsressort erst kürzlich eine Serie zum Thema Depression abgeliefert, die „ausgesprochen viele Leser“ gefunden habe. Und als Schauspieler Til Schweiger sich mit einem Gastbeitrag auf stern.de in die bereits abebbende Edathy-Debatte einschaltete, kam der Artikel auf fast unglaubliche 1,7 Millionen Visits. Dass es für einen immensen Klick-Hit nicht einmal den Bezug zu einer Nachricht braucht, zeigte sich bei einer Kolumne des Comedy-Autoren Micky Beisenherz, der die Restaurant-Kette Vapiano als „Pasta-Vorhölle“ geißelte und mit dem launigen Beitrag rund 400.000 Visits „abräumte“. Hier zeigt sich auch, dass die unter Jessen mit neuem Konzept wiederbelebte Kolumnen-Rubrik „Stern-Stimmen“ jetzt grandios funktioniert.

Das Resultat aller Neuerungen: Mit 39,58 Mio. Visits stellte stern.de im März einen neuen Alltime-Rekord auf. Nie zuvor zählte die IVW für die Websites und Apps der Marke so viele Besuche. Allerdings: Aufgrund der Germanwings-Katastrophe erging es acht der Top-Ten-Nachrichten-Angebote so – es gab im März eine Rekordflut. Dennoch entwickelte sich stern.de in den jüngsten Monaten besser als die Konkurrenz. Bei den von MEEDIA aus den Visits aller Online-Nachrichten-Anbieter monatlich errechneten Marktanteilen erzielte stern.de im März einen Wert von 2,68%.

Im Vergleich zum vergangenen Sommer ist das ein Plus von einem halben Prozentpunkt – ein großer Sprung. Zudem erreichte stern.de in den vergangenen drei Jahren in keinem anderen Monat 2,68%. Auch bei der AGOF läuft es: Mit 6,96 Mio. Unique Usern im Januar stellte stern.de auch hier jüngst einen neuen Rekord auf und belegt sogar Platz 6 der News-Branche vor Süddeutsche.de und Zeit Online. Und besonders viel Wert legt Jessen auf den Fakt, dass sich „die Verweildauer der Nutzer auf stern.de verdoppelt“ habe.

Die größte Errungenschaft ist aber nicht in Zahlen zu fassen, sondern betrifft das Miteinander von Print und Online. Jessen sagt: „Bei uns gibt es keine Gräben. Beim Stern arbeiten Print und Online ganz selbstverständlich zusammen. Am Telefon meldet sich keiner mit ‚Hallo, hier Stern Online!‘ Wir sind alle Stern. Jeder Stern-Redakteur denkt seine Story gleich auch digital mit. Und viele exklusive Stern-News, wie in den Fällen Edathy, Schmidt, Maschmeyer – laufen zuerst online.“ Crossmedia-Redakteure stellen dabei die Verbindung zwischen den einzelnen Redaktionsteilen her.

Die Heftverantwortlichen zeigen derweil auf der Webseite Flagge: Hans-Ulrich Jörges und Thomas Ammann aus der Stern-Chefredaktion Print sind dort als populäre Stern-Stimmen vertreten, Herausgeber Andreas Petzold lieferte jüngst in hoher Frequenz Griechenland-Texte und -Analysen bei stern.de ab und hätte dafür aus Sicht von Jessen die „Mitarbeiter-des-Monats-Plakette“ verdient. Der Digitalchef und Vertraute von Heft-Chefredakteur Christian Krug sagt: „Insgesamt sehe ich beim Stern eine große Lust am Digitalen.“

Auf eine Frage allerdings hat Jessen noch keine Antwort: nämlich die eines wirksamen Bezahlmodells. Optimistisch ist er am Ende trotzdem. Die Langfassung lautet so: „Bei stern.de geht morgen nicht die Paywall hoch. Insgesamt langweilt es mich, wie undifferenziert die Pay-Debatte geführt wird. Ich denke, da gibt es nicht schwarz oder weiß. Was für englischsprachige Tageszeitungen funktionieren kann, muss nicht für ein deutsches Wochenmagazin taugen. Aber natürlich haben wir viele Inhalte, für die man guten Gewissens Geld nehmen könnte. Insbesondere wenn man sie für den zahlenden Leser auch noch besonders aufbereitet. Wir denken in jede Richtung.“

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Alle Kommentare

  1. Die Artikel des Herrn Jessen sind arrogant und versuchen durch Drücken auf die Tränendrüse zu brillieren. Kommentare auf seine Aussagen lässt er nicht zu, kommentiert man per Twitter, wird man blockiert.
    Nicht kritikfähig der Mensch.

  2. Bla, bla, bla. Ist dieser Artikel von G+J bezahlt worden? Beim Stern ist alles so toll… Von wegen: Die Website stern.de ist im Internet bedeutungslos und wird es meiner Meinung auch immer bleiben. Da bringt auch Netflix-Journalismus nichts.

  3. Also ich spreche sicher nicht für alle, aber Herr Jessen hat ganz sicher NICHT unser aller Respekt. Da hat sich jemand nicht korrekt umgehört.

    1. Der stern ist unter Herr Jessen und wem auch sonst immer zu einem sensationsgeilen, zahlenbesessenen Aufputsch-Instrument für die Masse verkommen. Die Quantität hat die Qualität gnadenlos ersetzt; auf der facebook -Seite wird man mit ’news‘ überflutet , mit jedem Scheiß, den Leute wie Herr Jessen und seine Mitarbeiter für wichtig erachten. Mit seriöser Berichterstattung hat das nicht mehr das Geringste zu tun ! Mir, als ‚altem‘ treuen stern-Leser hat es relativ weh getan, diese Entwicklung mit anzusehen. Der stern hat sich abgeschafft und Herr Jessen hätte einer unabhängig und kritisch denkenden Leserschaft den größten Gefallen getan, wäre er bei der BILD geblieben !!

      P.S. : Auch die anonyme Masse wird einen Rest -Anspruch auf Seriösität und Qualität für ‚ihre‘ Nachrichten behalten wollen, deswegen wird sich Herr Jessen nie wirklich mit einem wirksamen Bezahl-Modell für seine digitalen Ergüsse befassen müssen …

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