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Der Vorwurf gegen die Bild, der sich in Luft auflöste und die Verantwortungslosigkeit der Sozialen Medien

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In der Woche nach Ostern ist die Debatte um den Umgang der Medien mit dem Absturz der Germanwings-Maschine abgeklungen. Auf Twitter war zu beobachten, wie einer von vielen Vorwürfen, die gegen die Bild-Zeitung gerichtet wurden, zurückgenommen wurde. Ein kleines Beispiel zeigt, wie Gerüchte in Sozialen Medien schnell in den Rang von Fakten erhoben werden.

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Es ist für sich genommen keine besonders bedeutende Sache. Und doch zeigt das folgende Beispiel, wie vergiftet mittlerweile das Verhältnis von Social Media und Medien ist. Der Berater und Internet-Publizist Thomas Knüwer erhob am 30. März auf Twitter öffentlich den Vorwurf, Reporter der Bild-Zeitung hätten 14-Jährigen Geld für Infos über Mitschüler, die ihre Angehörigen bei dem Absturz verloren haben, geboten.

Konkret gemeint waren Angehörige eines Ehepaares aus Meerbusch in Nordrhein-Westfalen, das bei dem Absturz ums Leben gekommen ist. Via Twitter forderte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann Knüwer dazu auf, Details zu den Vorwürfen zu nennen. Knüwer erklärte seinerseits, er würde seiner Quelle nachgehen:

Nach mehreren Nachfragen Diekmanns präsentierte Knüwer nun heute, acht Tage später, das Ergebnis seines persönlichen Faktenchecks: Die Eltern hätten es falsch „kolportiert“. Nicht Bild-Reporter hätten den Jugendlichen Geld für Interviews geboten, sondern Mitarbeiter von RTL.

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Das halbgare Angebot, sich zu entschuldigen folgte:

Die Auflösung dieses einen konkreten Vorwurfs gegen die Bild erfolgte Tage später und erzeugt in den sozialen Medien weit weniger Echo, als die vielen Empörungswellen direkt nach der Katastrophe. Ob es nun tatsächlich Mitarbeiter von RTL waren oder jemand anderes odergar niemand – das lässt sich wie so vieles nicht überprüfen. Auch ein viel zitierter Blog-Beitrag eines Schülers aus Haltern wurde im Social Web vielfach herumgereicht. Dort wird behauptet, Journalisten hätten sich als Notfall-Seelsorger und Lehrer verkleidet. Belege für diese Behauptungen, die offenbar auf Hörensagen fußen, gibt es nicht. Dieses Hörensagen wird aber allzu gerne von einer empörungsbereiten Masse als Fakt aufgenommen und über Soziale Medien vielfach weitergetragen und verstärkt. Dabei merken die Empörten nicht, dass sie genau jene Mechanismen bedienen, die sie selbst den Medien mit so viel Eifer vorwerfen.

Verfehlungen von Medien und deren Vertretern müssen öffentlich gemacht und geahndet werde – keine Frage. Dies ist möglich, da Medien Verantwortliche haben, die ihren Kopf und ihren Namen für ihr Medium hinhalten. Doch wer steht eigentlich für vielfach kolportierte, unbewiesene Behauptungen in Sozialen Medien gerade, die oftmals auch anonym geäußert werden? Wie es scheint, niemand.

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Alle Kommentare

  1. Moment mal. Ist das, was da geschehen ist jetzt besser, bloß weil es nicht die einen, sondern andere Arschnasen getan haben? Dass Herr Knüwer lausig recherchiert hat, ist zwas beklagenswert. Doch deshalb nun den Sozialen Medien Verantwortungslosigkeit in Sachen Germanwings und Andreas L. vorzuwerfen – und damit indirekt die schlimmsten Verfehlungen meiner Branche zu bagatellisieren – ist schlechter Stil.

  2. Er schreibt doch „DER“ Vorwurf gegen die Bild, der sich in Luft auflöste; das impliziert, dass zum ersten Mal der Bild etwas unterstellt wurde und nicht die Bild tagtäglich anderen etwas unterstellt, hetzt und verleumdet. Allerdings stimmt es keineswegs, dass Redaktionen und Redakteure, weil es Name, Anschrift, Mailadresse, Telefon, tw. auch Auftritte bei Diskussionen gibt, sich für Desinformationen entschuldigen und daraus Konsequenzen ziehen, im Gegenteil, es geht munter weiter so.

    Und es wird auch durch Nichtveröffentlichen zensuriert und desinformiert, wie ich hier am Beispiel einer Rede von Rolf Hochhuth zeige, die die „Süddeutsche“ nicht abdrucken wollte, denn man wolle keine Debatte über die Gefahren eines 3. Weltkriegs, der u.a. auf deutschem Boden stattfinden würde, weil Deutschland für USA und Russland nur das Kanonen- bzw. Atombombenfutterterritorium wäre:

    http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=3384

    Hochhuth bezieht sich auch auf Willy Wimmer, der eine NATO-Übung 1989 mit Bundeskanzler Kohl verlassen hat (Wimmer war damals Staatssekretär im Verteidigungsministerum), weil dort der begrenzte Atomkrieg (mit u.a. Deutschland als Opfer) geübt werden sollte.

    Wimmer findet im Mainstream, der hier so heftig verteidigt wird, nicht statt, weil er kein US-Vasall ist, und nicht nur die Bild alles dazu beiträgt, dass es wieder Krieg gibt.

  3. Es ist Doch nicht das Erste mal das die Bildzeitung misst baut und immer wieder kommt sie damit durch. Was sind das denn für Mitarbeiter die Artikel schreiben wie: In Düsseldorf stehen die Gepäckbänder still denn Tote holen keine Koffer ab.
    Oder was ist mit der Angeblichen Freundin, da hört man nichts mehr von und was das Bild von ihr angeht das kann auch irgend eine Frau sein.
    Ach ja dann ist da noch die Angebliche Aufnahme von innen im Flugzeug die Bild gesehen haben will und den Behörden vorenthalten hat.
    Was ist mit den Angeblichen Sehkraft Verlust hört man nichts mehr von.
    Und dann kommt noch ein Bericht in der Zeitung “ wie es wohl den Eltern geht
    ( so in der Art ) und dann noch mal alte Sachen ausgegraben von anderen Menschen die Amok gelaufen sind.

    Das was die Bildzeitung mit ihren Berichten erreichen möchte ist Auflage um jeden Preis, ganz egal wie es Angehörigen oder Freunden von Opfern geht Hauptsache die Einnahmen stimmen.

  4. Die Kritik bezieht sich doch nicht auf irgendwelche Twitterer oder Blogs, die niemand kennt und die dann irgendwas behaupten. Natürlich interessiert das keinen, ob die sich entschuldigen und was die überhaupt sagen in Relation zur Bild.

    Es geht viel eher darum, dass ein Millionenmedium nur Augenblicke nach der Katastrophe titelt „der Amok-Pilot“ oder „das Böse“. Sicher, jetzt sind wir alle schlauer und die Beweise sind erdrückend aber … darum geht es gar nicht!

    Es geht um die primitive Arbeitsweise und die Tatsache, dass es auch ganz anders hätte sein können. Und das vorschnell geurteilt wurde in reisserischer Manier, um Klicks und somit Werbegelder zur rechtfertigen. Das ist menschlich absolut unterste Schublade und nicht zu unrecht, ging der Brief von Andy Neumann wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke. Zum Großteil regt sich weder eine Lobby von Verschwörungstheoretikern noch irgendwelche Bürgerjournalisten auf, das ist ganz einfach eine richtig breite Empörung. Die aktuelle Kritik der Medien zur Kritik an den Medien ist in diesem Punkt recht einseitig.

    Allein die Tatsache, dass man diesen Umstand oft studierten Menschen erklären muss, ist echt heftig. Viel mehr noch als das Krawall-Image, welches Kai Diekmann ganz bewusst und erfolgreich pflegt um überhaupt noch aus dem Pool der ganzen Redakteure hervorzustechen.

    http://www.spreezeitung.de/18743/germanwings-absturz-offener-brief-von-andy-neumann-bdk-an-kai-diekmann/

  5. Und die „Bild“ hat auch nichts an die Ex-Freundin von Andreas L. gezahlt für deren Interview? Schwer zu glauben.

  6. Es stimmt vielleicht, dass die „Empörten“ die selben Mechanismen bedienen, die sie Medien vorwerfen. Der große Unterschied ist aber der Anspruch, der dahinter steht. Um es plastisch auszudrücken: Wenn ich für meine Familie koche muss ich nicht dieselben Kriterien erfüllen wie ein Sternekoch und nur weil ich mit dem Handy Partyszenen fotografiere, bin ich noch lange kein professioneller Partyfotograf.

    Sie legen in Ihrem Artikel für den Privatbereich und für professionelle Arbeit dieselben Maßstäbe an. Das ist nicht legitim.

    1. Glückwunsch zu dieser bestechenden Logik. Wenn Ihr Nachbar (Amateur) mit 2000 Facebook-Freunden also auf seiner Facebook-Seite postet: „karpatenhund ist ein Lügner und Betrüger“, dann ist das weniger schlimm, als wenn’s die kleine Lokalzeitung (Profis) mit vielleicht etwas abgewogeneren Formulierungen auf ihrem bescheidenen Facebook-Startplatz (367 Likes) veröffentlicht, ja?

  7. Also ich finde das schon berichtenswert – egal, was BILD selber fabriziert.
    Es geht doch darum, wie Soziale Medien funktionieren und dass viele Leute kurioserweise da alles glauben, während sie den klassischen Medien null vertrauen.
    Das ist brandgefährlich.

  8. ich finde es nicht gut, wenn wir die Fehler von BILD und anderen Medien als Begruendung fuer eigene nutzen. Soviel Einsicht sollten wir zeigen, dass unser Verhalten im Internet oft nicht gerade das Gelbe vom Ei ist. Das macht die Debatte wenigstens einen Tick ehrlicher.

  9. Bin da derselben Ansicht wie Herr Hübscher. Die Verfehlungen der Bild-Zeitung kann man doch jeden Tag – vor allem die Tage nach dem Absturz – in jeder Ausgabe nachlesen. Da werden Opferfamilien ungepixelt gezeigt, der Täter ohnehin. Dann wird das auch noch mit halbgaren Aussagen schöngeredet und gerechtfertigt. Und das war längst nicht die einzige Verfehlung.

    Die Presse hat sich in den letzten Wochen viel zu viel erlaubt. Das muss nicht auch noch Meedia schönreden…

    Wenn es da keine Rügen regnet, dann weiß ich auch nicht.

  10. Zahlt Axel Springer eigentlich gut für solche Artikel, Herr Winterbauer?

    Das hier:
    „Die Auflösung dieses einen konkreten Vorwurfs (…) erfolgte Tage später und erzeugt in den sozialen Medien weit weniger Echo, als die vielen Empörungswellen direkt nach der Katastrophe.“
    …ist doch genau die Methodik von Bild und Co. Erst mal eine große Welle machen und wenn es sich als unwahr herausstellt, die Berichtigung möglichst gut verstecken.

    1. Also ist die Logik hier, dass man ruhig Falschbehauptungen verbreiten darf, wenn’s nur den „Richtigen“ trifft. Und dann noch garniert mit der üblen und unbewiesenen Nachrede, der Autor sei von Springer gekauft – schon haben wir den mittelalterlichen Pranger.

      1. @StimmederVernunft: Aber das ist doch die Essenz von 90 % der sogenannten „Medienkritik“. Verallgemeinerungen, Behauptungen, Pranger, Agression.

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