Anzeige

„Durch Eigeninteressen geprägte Medienschelte“: Luftfahrtjournalist kontert TV-Kritik von Airbus-Chef

Sorgte mit seinem Talkshow-Verriss nach dem Germanwings-Absturz für Aufsehen: Airbus-Chef Tom Enders
Sorgte mit seinem Talkshow-Verriss nach dem Germanwings-Absturz für Aufsehen: Airbus-Chef Tom Enders

Mit seinem Rundumschlag gegen TV-Talkshows und Luftfahrt-Experten hat Airbus-Chef Tom Enders für Aufsehen gesorgt. Der Manager hatte den Sendern wegen der Auftritte von Fachjournalisten eine gebührenfinanzierte "Verhöhnung der Opfer" der Germanwings-Katastrophe attestiert. In MEEDIA weist der renommierte Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth die Kritik empört zurück und wirft dem Airbus-Chef vor, er wünsche sich nur Experten "aus dem PR-Umfeld" der Flugzeugindustrie.

Anzeige
Anzeige

Von Andreas Spaeth

Als ich auf einer Südamerika-Reise davon las, dass Airbus-Chef Tom Enders in der Bild am Sonntag mit ‚Luftfahrtexperten’ in TV-Talkshows der vergangenen Woche zum Thema des Germanwings-Absturzes abrechnet, fühlte ich mich sofort angesprochen. Denn schließlich war niemand außer mir letzte Woche in allen drei bundesweiten TV-Talkshow in ARD und ZDF zu diesem Thema zu Gast. Am Dienstag bei Markus Lanz im ZDF, am Mittwoch bei Anne Will in der ARD und dann am Donnerstag wieder im ZDF bei Maybritt Illner. Und das war nicht meine Hauptbeschäftigung an diesen Tagen, die lag in weiteren über 60 aktuellen Interviews für Radio- und TV-Sendungen der ARD, des MDR, des ZDF und Phoenix. Es vermag sich niemand vorzustellen, was das für einen Einzelkämpfer wie mich, ohne Apparat und Assistenten, allein logistisch bedeutet. Schwierig wird es, wenn fast die ganze Mediennation beschließt, an solchen Tagen bei mir anzurufen. Trotz allergrößter Mühe hatte ich zu allen Zeiten rund 95 unbeantwortete Anrufe auf meiner Mailbox.

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 09.31.37

Andreas Spaeth (ganz rechts) als Gast in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“

Aber ich habe diese Rolle bewusst angenommen und will mich hier nicht darüber beklagen. Der Informationsbedarf der Medien in einem solchen Fall ist unersättlich, denn die Zeiten, wo die Sender und Publikationen hauseigene Spezialisten beschäftigten, sind größtenteils vorbei. Externe Expertise muss also eingekauft werden. Und echte oder selbsternannte Luftfahrtexperten gibt es nur äußerst begrenzt in Deutschland, vielleicht ein halbes Dutzend. Da bei einer derartigen Nachrichtenlage aber mehr davon nötig sind, rutschen mitunter auch Leute vor Kameras und Mikrofone, die alles andere als Luftfahrtexperten sind und dort nichts verloren haben. Deren Kommentare sind in der Tat oft von zweifelhafter Qualität, da würde ich Tom Enders rechtgeben. Aber er hat ja seltsamerweise ausdrücklich und ausschließlich die Talksendungen thematisiert.

Talkshows sind eine besondere Spezies. Unterhaltungssendungen wie Markus Lanz wollen unbedingt auch noch ein solches beherrschendes, aktuelles Thema quotenfördernd aufgreifen, obwohl es zum sonstigen Inhalt der Sendung nicht passt. Anne Will versuchte eher eine Meta-Ebene zu finden, die Sendung wurde zu Recht als pastoral kritisiert. Immer wieder gab die Moderatorin als Dogma aus, man wolle ja nicht spekulieren. Dabei war das zu dem Zeitpunkt die einzige Methode, sich diesem Thema zu nähern, ob man wollte oder nicht. Ich habe versucht, den Mediendruck hin zur Spekulation in der Sendung zu thematisieren. Ganz anders die Situation bei Maybrit Illner am Donnerstag. Dort lagen erstmals Fakten des französischen Staatsanwalts auf dem Tisch. Die Runde u. a. mit Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) diskutierte darüber, dass die meisten Gästen die sehr frühe und sehr weitreichende Erklärung des Staatsanwalts in ihrer scheinbaren Endgültigkeit zu diesem Zeitpunkt skeptisch machte. Offenbar völlig zu Recht, denn selbst die Unfallermittler verwiesen am Folgetag darauf, dass immer noch ein technischer Defekt als Ursache nicht völlig auszuschließen sei, solange der Datenrekorder des Flugzeugs nicht gefunden sei. Ich habe mich noch am vergangenen Sonntag an Airbus gewandt mit der Frage, ob Herr Enders mit seiner Kritik am Wochenende mich gemeint hatte, und mit einer Bitte um ein Gespräch mit ihm, wir kennen uns flüchtig.

Anzeige

Sein Sprecher Rainer Ohler antwortete mir am Dienstag: „Wie ich höre sind Sie nach der Kritik von Herrn Dr. Enders an ‚Experten’ in Talkshows interessiert an einem Gespräch mit ihm. Er hat mich gebeten, dieses Gespräch zu gegebener Zeit zu führen, weil er es als gutes Zeichen anerkennt, dass Sie sich sofort angesprochen fühlen. Denn in der Tat: Sie waren auch gemeint. Allerdings würde ich vorschlagen, dass Sie sich Ihre Spekulationen und Theorien, Ihre Mutmaßungen – selbst zur Unparteilichkeit der französischen Justiz – einmal zunächst selbst im Kontext vor Augen halten“, schreibt mir dazu Rainer Ohler von Airbus.

Ich vermute, dem Airbus-Chef ist vor allem eine Bemerkung von mir sauer aufgestoßen, nämlich dass es durchaus schon Fälle gab, in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren, in denen es Kritik an der französischen Justiz gab, sie ermittle nach Zwischenfällen oder Unfällen zu Airbus-freundlich. Nichts anderes habe ich bei Maybrit Illner gesagt. Ich habe auf Nachfrage der Moderatorin ausdrücklich betont, dass dies nicht mein Standpunkt ist, nur ein Aspekt den ich zu bedenken gebe. Spiegel Online hat das in der Rezension der Sendung auch ausdrücklich als „Zurückrudern“ meinerseits erwähnt. Obwohl nirgends der volle Wortlaut der Enders-Aussagen zu finden ist, möchte ich dem Airbus-Chef auf diesem Wege auf die Zitate antworten, die mir bekannt sind.

Erstens nenne ich mich selbst nie „Experte“, ich hasse diesen inflationär benutzten Begriff, und bitte die Redaktionen inständig, mich als das was ich bin, nämlich als „Luftfahrtjournalist“, zu bezeichnen. Nicht alle halten sich daran. Ein selbsternannter oder sogenannter Experte zu sein, weise ich zurück. Besonders ärgerlich finde ich die Aussage von Enders, mutmaßlich meine Aussagen seien eine „Verhöhnung der Opfer“. Ich finde das ist eher der Fall, wenn man voreilig eine Theorie ausschließt, die dann selbst die Ermittler als weiterhin möglich erachten, eben technische Probleme. Mit Verlaub: Ich glaube inzwischen selbst klar an die Selbstmord-Theorie des Andreas Lubitz. Nur am Donnerstag war die Faktenlage weniger eindeutig. Enders selbst nutzt hier die angeblichen Opferinteressen als Faustpfand für eine durch Eigeninteressen geprägte Medienschelte.

Auch „phantasiert und gelogen“ zu haben, wie Enders postuliert, weise ich kategorisch zurück. Ich bin unabhängiger Fachjournalist, seit über 25 Jahren, und arbeite im Gegensatz zu anderen vorgeblichen Experten, die im TV auftraten, nicht auch noch nebenbei für eines der beteiligten Unternehmen und habe dies auch nie getan. Es kann nicht angehen, dass Enders sich „Experten“ nur aus dem weiteren Airbus- und Luftfahrt-PR-Umfeld wünscht. Wenn sich die Medien, wie es heute ja teilweise bereits geschieht, darauf verließen, würden sie ihrer Aufgabe zu unabhängiger Berichterstattung nicht einmal ansatzweise gerecht. Das genau wäre ein „Missbrauch der Medienmacht“, den Enders beklagt, nicht die Frage unabhängiger Betrachter, ob nicht weiter in alle Richtungen ermittelt werden muss. Gleichzeitig räume ich ein, dass ich unter dem enormen Druck dieser Tage sicherlich auch nicht alle Fakten immer hundertprozentig parat hatte, sodass sicher im Nachhinein manches besser zu machen wäre. Aber das ist mein Berufsrisiko bei solchen Ereignissen, damit muss ich leben. Aber beim Lügen wird mich Herr Enders nicht erwischt haben, und „hanebüchenen Unsinn“ habe ich auch nicht von mir gegeben. Dafür sprechen schon enorm viele, beinahe durchweg positive Zuschriften, die ich sowohl von TV-Zuschauern bekam als auch von Branchenexperten, darunter Lufthansa-Piloten und sogar der Lufthansa-Pressestelle. Da hat mir keiner derartige Vorwürfe gemacht. Auch nicht von den beteiligten Redaktionen vom ZDF Heute Journal bis zu WDR 2 „Die Arena“, die sich alle ausdrücklich auch im Namen der Zuschauer bei mir bedankt haben. Das sollte Herrn Enders zu denken geben.

Extrem geärgert habe ich mich über Herrn Enders’ Aussage, „diese Leute verkaufen uns alle für dumm. Und dafür gibt es dann noch Honorare vom Geld der Gebührenzahler.“ Dieses populistische Argument ist eine Frechheit, denn Geld ist nun ganz sicher nicht der Beweggrund für mich oder andere, in dieser Rolle aufzutreten. Mir geht es darum, in dieser schwierigen Situation so gut und qualifiziert wie irgend möglich, mit einem Erfahrungshorizont von 25 Jahren unabhängiger journalistischer Tätigkeit in der Luftfahrtbranche, die Geschehnisse begreiflicher zu machen, sie einzuordnen. Herr Enders, der über einen riesigen PR-Apparat verfügt und als Konzernchef Millionen verdient, will sich doch wohl nicht im Ernst darüber echauffieren, dass Talkshows wie Markus Lanz oder Anne Will jedem Gast 500 Euro Aufwandsentschädigung plus Spesen zahlen. Und mehr als das ist es wirklich nicht, davon allein könnte niemand leben geschweige denn reich werden. Das alles hätte ich Herrn Enders lieber persönlich erklärt. Das ließ er über seinen Sprecher ablehnen, daher auf diesem Wege.

Über den Autor: Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit in der Branche zu Recherchen und Gesprächen mit Branchengrößen unterwegs . Kontakt zu Andreas Spaeth.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. … was gar nicht geht in diesem Zusammenhang sind Andreas‘ Bilder auf twitter als Nachklapp zu seinen Talkshow-Einsätzen. Das finde ich ziemlich geschmacklos, Honigkuchenpferdgrinsen-mit-Lanz-um-die-Wette und hier-bin-ich-groß-im-Fenseher-zu-sehen katzen doch gewaltig am eherenhaften Image und passen rein gar nicht zum traurigen Anlass. Naja, und nur nebenbei: auf der eigenen Hompeage verweist Andreas explizit auf sein „Expertenwissen“ in der Luftfahrt.

    Aber wollen wir die Worte mal nicht auf die Goldwaage legen. Als Fachmann in ’ne Talkshow kommen und schweigen geht ja auch nicht. Und geguckt habe ich sie auch alle, im vollen Bewusstsein, dass zu jenen Zeitpunkten kaum Fakten auf dem Tisch lagen und sich die Sicherheit von Flugzeugen oder Menschen garantiert nicht durch eine Talkrunde erhöhen lässt.

    Leider. Die schöne Technik, die vielen Sicherheitsvorkehrungen, das viele Fachwissen um alles dies – und alles wertlos in diesem Fall, verursacht durch einen lebensmüden Massenmörder aus den eigenen Reihen.

  2. Einfach widerlich wie Herr Spaeth und ein Großteil der Medien hier ein tragisches Unglück ausschlachten. Stundenlange Spekulationen, Vermutungen und falsche Informationen auf allen Kanälen. Niemand, kein Psychologe, kein Psychiater kann einem Menschen in die Seele blicken. Hätte die Lufthansa den Co-Piloten damals, aufgrund seiner Psyche abgelehnt, wäre das Geschrei auch groß gewesen, schließlich hatten ihn die Ärzte ja für flugtauglich gehalten. Die Forderung nach ständigen psychologischen Untersuchungen ist einfach lächerlich. Dann müßten auch alle Kapitäne zur See, Lokführer, Busfahrer, ect., sogar alle Autofahrer ständig auf ihre Psyche untersucht werden… Es gibt keine 100%ige Sicherheit, nirgendwo! Die gepanzerte Cockpittür, zur Sicherheit gegen Terror eingeführt, hat sich hier ins Gegenteil verkehrt. Es war ein tragisches Unglück, das niemand verhindern konnte und wie es jederzeit, in anderer Form, wieder geschehen kann.

  3. Ganz ehrlich Herr Spaeth, die verschiedenen Diskussionsrunden hatten nichts, aber auch gar nichts mit sachlicher Information zu tun, sondern bedienten ausschließlich den widerlichen Sensationsjournalismus. Und leider muss ich sagen, dass ich bei Ihren Beiträgen nicht gerade den Eindruck hatte, dass Sie ein Experte sind. Ein oftmals über Flugzeuge und die Fliegerei schreibender Journalist vielleicht, der offensichtlich sehr von sich überzeugt ist und die Gunst der tragischen Stunde nutzt, um ins Rampenlicht zu gelangen. Sorry, aber das war mein Eindruck!

  4. Was hat der selbstverliebte Spaeth hier im Journalistenforum verloren? Er ist weder Pilot noch Experte. Noch Journalist.

  5. Warum gibt man diesem Mann hier auch noch eine Plattform? Seine von halb- und Unwissen (peinlich, wie er etwa dem VC-Sprecher widersprach bei der Cockpittüre) geprägten Schwafeleien sind unerträglich. Journalismus ist das keiner, schon gar nicht ehrbarer Luftfahrtjournalismus.

  6. an meedia: speath einen führenden deutschen luftfahrtjournalisten zu nennen, ist schon ziemlich kühn. seine ausbreitung hier sagt alles über diesen mann.

  7. werter herr speath, bitte fassen sie sich kürzer. ihre replik ist eine zumutung, wie dies auch ihre beiträge im fernsehen waren. hätten sie geschwiegen, wären sie ein weiser geblieben. aber die kritik trifft nicht nur sie als allround-herum-schwätzer. sie trifft auch die fernsehanstalten, die auf die ihre spekulationen unbedingt hätten verzichten müssen: billigflieger, altes flugzeug, psychologen – nichts als spekulations-sensations-gesumse.

    1. Nun müsste man – wenn man sich schon so albern äußert wie „ulrich schulze“ – die deutsche Rechtschreibung beherrschen. So ist es bloß Gemaule…

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*